Politische Theorie des Krieges bei Carl von Clausewitz und Carl Schmitt aus russischer Sicht (Teil 1)

Vasily K. Belozerov

 

Die gegenwärtige Politik wird in der globalen, regionalen und innenstaatlichen Dimension immer dynamischer. Das gilt auch für ihre militärischen Erscheinungsformen, eben das, was man unter „Krieg“ versteht. Reaktionen der wissenschaftlichen Gemeinschaft - in und auch außerhalb Russlands - an diesen Prozessen sind im Zunehmen, was aber fehlt, ist deren Integration in die Prozesse der aktuellen Erkenntnismethodologie. Ein solcher Prozess könnte eine Zunahme des wissenschaftlichen Interesses an den Ideen zweier deutscher Denker zur Folge haben, nämlich Carl von Clausewitz und Carl Schmitt und deren Erkenntnisse über Politik und Krieg. Eine Herausgabe bzw. Neuherausgabe ihrer Werke erfolgte nun in Russland, wie auch Aufsätze und Diskussionsmaterialien beider Theoretiker. Dies ist verständlich, gilt doch das Werk von Clausewitz über den Krieg schon längst als „klassisch“, und Schmitt ist ein wichtiger Autor für die Themen Politik und Geopolitik. Dabei blieb bisher ein Vergleich der Ansichten beider Denker außerhalb des wissenschaftlichen Interesses der Forschung. Eine entsprechende Analyse könnte die synthetische Wahrnehmung ihrer Ideen über den Zusammenhang zwischen Krieg und Politik begünstigen. Eine solche Studie würde zur Entwicklung einer ganzheitlichen politischen Kriegstheorie („Politologie des Krieges“) beitragen, aber nach wie vor gibt es in Russland keine derartige Theorie. Der Vergleich von Betrachtungen wie jene von Clausewitz und Schmitt, wäre auch in methodologischer Hinsicht sehr interessant, weil ein solcher zum theoretischen Instrumentarium moderner politischer wie auch militärpolitischer Prozesse gehören könnte. Da es nunmehr unter den gegebenen völkerrechtlichen Bedingungen kaum mehr „offiziell“ erklärte Kriege gibt, bedeutet die Ablehnung und Verneinung des Krieges an und für sich noch nicht, dass er deswegen aus dem politischen Alltag verschwindet. Es ändert sich nur die Terminologie. Krieg ist bekanntlich ein Zustand, der einen Gegensatz zum Frieden bildet. Aber die Interessen der Aufrechterhaltung des Friedens verlangen Verständnis dafür, was es an möglichen Vorgängen geben kann - vom bewaffneten Zwischenfall bis zur extreme Erscheinungsform, dem totalen Vernichtungskrieg, womit sich auch Fragen stellen wie Krieg verhindert werden kann. Das Zurückführen des Politischen, ausschließlich auf die instrumentelle „Funktion des Krieges“, ist sein übermäßig vereinfachtes Verständnis zu dieser Frage. Man kann rechtmäßig behaupten, dass das Konzept des Krieges von Clausewitz und der Begriff des Politischen von Schmitt auf die Anerkennung von politischen Beziehungen als Subjekt-Subjekt-Beziehungen aufgebaut sind, dass beide aus rechtlicher Sicht gleichbedeutenden Subjekte sind. Für das Politische ist, laut Schmitt, die Anwesenheit beider Subjekte notwendig: des Freundes und des Feindes gleichzeitig, weil der Unterschied zwischen Freund und Feind die politische Existenz eines Volkes begründet. Zugleich, unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit des Krieges, schaffen sich Gesellschaft und Staat eine militärische Organisation, eine Konzentration von Ideen und Ressourcen. Die Unterhaltung von Streitkräften wird mit der Notwendigkeit der Vorbereitung und Führung des defensiven und offensiven Krieges oder seiner Verhinderung begründet, das heißt, von der Möglichkeit militärische Gewalt anzuwenden. Das Ergebnis einer dauernden Gefahr eines Krieges hat auf jede Gesellschaft und ihre politische Organisation Konsequenzen.