Umkämpfte Gewässer - Beobachtungen zur Lage auf den Weltmeeren 2017 (Teil 2)

Bruno-Günter Hofbauer

 

Das Südchinesische Meer als bedeutender Seeraum, ist durch Taiwan im Norden, die Philippinen im Osten und Südosten, im Süden Borneo, geteilt zwischen Malaysia und Indonesien, die zu Thailand und Malaysia gehörende Halbinsel Malaya sowie Vietnam im Westen eingefasst. Die südwestliche Ausfallsposition am kürzesten Weg zum Indischen Ozean behauptet Singapur. Durch seine strategische Position am Südeingang in die Straße von Malakka beherrscht der Stadtstaat den Weg in den Indischen Ozean. Die Verbindung in den Süden nach Australien verläuft durch die Sundastraße zwischen den Inseln Sumatra und Java. Das Südchinesische Meer bietet für China somit eine südliche und ostwärtige Ausfallsmöglichkeit und andererseits fließen durch dieses Meer die Masse der Rohstoffimporte in das Reich der Mitte, sei es aus dem arabischen Raum, aus Australien oder Afrika. Ein hohes chinesisches Interesse an der Kontrolle dieses Raumes ist die logische Konsequenz. Militärisch betrachtet kann festgestellt werden, dass im nördlichen Raum eine grundsätzliche Balance zwischen den Akteuren herrscht. China sieht sich hier Japan, Südkorea und den USA gegenüber, wobei die Frage der koreanischen Halbinsel und der Pufferwirkung des dortigen nordkoreanischen Regimes eine bestimmende Rolle einnehmen. Besonders die potenzielle Konfrontation zwischen den beiden Koreas führt zu einer Dominanz der Land- und Luftstreitkräfte, wobei die Seestreitkräfte eine primär unterstützende Rolle einnehmen. Die chinesischen Seestreitkräfte sind in drei Flotten (Süd, Ost und Nord) organisiert. Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass die USA als Verbündeter wesentlicher ostasiatischer Staaten in diesem Raum wirken.

Mit dem Auftreten von Gegnern, deren Fähigkeiten sich zunehmend mit jenen der westlichen Seestreitkräften messen können und die darüber hinaus neue Wege der Einsatzführung unter Ausnützung aller Möglichkeiten unterhalb der Schwelle des offenen Konfliktes zu gehen bereit sind, muss sich die Ausrichtung der Seestreitkräfte Westeuropas, der USA und seiner Verbündeten im asiatisch-pazifischen Raum rasch wandeln. Es ist nötig, den Fokus von Aufgabenerfüllung im Rahmen von Überwachungs- und Projektionseinsätzen zum Kernbereich der Sea Control und den damit verbundenen Verfahren und Fähigkeiten zu verlegen, die Einsatzbereitschaft der vorhandenen Einheiten zu erhöhen und letztlich auch die Arsenale aufzustocken. Dass sich die Marinerüstungsspirale im Westen dynamisch zu drehen begonnen hat, beweisen beispielsweise die Beschaffungen in Großbritannien, Norwegen, Schweden oder auch Deutschland.

Die Schaffung vollendeter Tatsachen unter Ausnutzung von Überraschung, Handeln zum richtigen Zeitpunkt aus einer Position der relativen - eventuell auch zeitlich beschränkten - Stärke, wird wohl in den kommenden Jahren im Westpazifik, aber potenziell auch an den europäischen Randzonen zu beobachten sein. Die Auswirkungen werden globale Dimensionen aufweisen.