Die Sicherheitspolitik der Russischen Föderation und die Neuorientierung ihrer Streitkräfte

Siegfried Lautsch

 

Die NATO nähert sich der Grenze zu Russland - für das Land eine feindselige Situation. Aus historischen Gründen hat Russland ein starkes Verteidigungsbewusstsein, was der Westen nicht überfordern sollte. Russland wird nie wieder einen Krieg auf seinem Territorium zulassen. Deshalb wird im Falle eines Krieges, die an der Peripherie Russlands und anderswo gegen Russland gerichtete NATO-Präsenz durch eine „Anti-Zugriffsstrategie“ begegnet werden. Die Nordatlantische Allianz sollte wissen, dass die militärische Elite Russlands den Westen im Unklaren darüber lassen wird, wie viele Truppen sie in einer Krise oder im Krieg einsetzen wird. Der russische Generalstab und die Führung der Streitkräfte suchen zweifelsfrei keine Konfrontation mit den NATO-Mitgliedstaaten. Sie bereiten sich jedoch auf jede möglich Art der Kriegführung vor. Sollte die Allianz einen Krieg provozieren, wird das ernste Konsequenzen für alle NATO-Mitgliedstaaten haben. Der Kernauftrag der russischen Streitkräfte und sonstiger Truppen und Einrichtungen besteht im Kriegsfall darin, einen Angriff, eine Aggression gegen die Russische Föderation und ihre Verbündeten abzuwehren, den gegnerischen Kräften eine Niederlage zuzufügen und den Aggressor zur Einstellung seiner Kriegshandlungen unter Bedingungen zu zwingen, die den Interessen Moskaus und seinen Verbündeten entsprechen. Die militärischen Bedrohungen werden in der russischen Militärdoktrin durch militärische Konflikte und Kriegsszenarien gekennzeichnet, namentlich durch bewaffnete Konflikte, lokale, regionale und großangelegte Kriege. Die russischen Streitkräfte sind heute bereits in der Lage, zu jeder Zeit und an jedem Ort Kampfhandlungen der konventionellen Verteidigung ihres Staatsgebietes und darüber hinaus durchzuführen. Zahlreiche präsente Kräfte, einschließlich der Spezialkräfte gestatten eine konventionelle und unkonventionelle Kriegführung. Russland verfügt über Fähigkeiten, die die Verlegung von Streitkräften in entfernte Krisenregionen ermöglichen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Russland militärische Kräfte nur dann mit strategischer Zielsetzung einsetzen wird, wenn ein militärischer Erfolg zu erwarten ist oder wenn Verbündete bedroht sind. In der NATO werden den russischen Streitkräften nicht selten begrenzte Fähigkeiten zum schnellen Kampfeinsatz unterstellt, entweder weil die beteiligten Analysten nur wenig Kenntnis über die augenscheinlichen Fähigkeit und die Verfügbarkeit der russischen Spezialtruppen zum Soforteinsatz besitzen, oder weil aus mangelnder Selbstreflexion infolge eitler Selbsteinschätzung, die im Westen ziemlich verbreitet ist, sich gefährliche Fehlperzeptionen entwickeln und kursieren. Die Vielfalt der Fähigkeiten der russischen Streitkräfte, ihre Waffensysteme, ihre Ausbildung und ihr Ausbildungsstand mit einer Bedrohung der NATO in Verbindung zu bringen, zeugt von interessengelenkter Einschätzung bestimmter westlicher Kreise in der Politik, Wirtschaft und im Militär.

Mit der Neuorientierung seiner Streitkräfte verfügt Russland über eine nachhaltige schlagkräftige Streitmacht, die fest in der Gesellschaft verankert und befähigt ist, mit den vielfältigen Herausforderungen der Zukunft umzugehen.