Metternich und die europäische Unordnung

Ein Blick auf das Wirken des Diplomaten und Staatsmannes Metternich, der vor 150 Jahren verstarb

Karin Kneissl

 

Das Geschichtsbild von Clemens Wenzel Fürst Metternich ist bis heute äußerst ambivalent. Im Schulunterricht wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung wird er meist mit Zensur, Geheimpolizei und Unterdrückung aller nationalen Bewegungen, ob deutschen, italienischen oder anderen Ursprungs, innerhalb der Habsburger-Monarchie in Verbindung gebracht. Dass er auch über seinen Tode hinaus mehr gehasst als geachtet würde, war ihm wohl bewusst. Im Briefwechsel mit seiner langjährigen Geliebten Dorothea Lieven, der Gattin des russischen Gesandten in London, äußerte er sich hierzu mit Worten nüchterner Einsicht und ohne Selbstmitleid.1) Er war aber überzeugt, dass man in 100 Jahren über ihn anders denken würde. Nun sind 150 Jahre seit seinem Tod am 11. Juni 1859 vergangen.

Bezeichnenderweise wird dieser Persönlichkeit weder in Wien noch in Berlin oder Brüssel, das sich als Nachfolgerin europäischer Ordnungspolitik versteht, gedacht. Einzig die italienische Botschaft in Wien organisiert eine Feier zu Ehren Metternichs. Metternich scheint dem allgemeinen Vergessen anheim gefallen zu sein. So gedenkt man in Österreich intensiv der Todestage großer Musiker, wie in diesem Jahr völlig zu Recht des Begründers der Wiener Klassik und Zeitgenossen Metternichs, des Meisters Joseph Haydn. Doch wie verhält es sich mit der Erinnerung an bzw. dem Studium des Menschen und Staatsmannes Clemens Metternich? Dass Metternich über seine Rolle am Habsburgerhof und auf den diversen Friedenskonferenzen nach 1814 hinaus eine Rolle in und für Europa entfaltete, darauf soll in diesem Beitrag eingegangen werden. Denn das aktuelle System internationaler Beziehungen zwischen souveränen Staaten, noch auf dem Konzept von Territorialstaaten im Sinne der Westfälischen Ordnung aufgebaut, erfährt große Umwälzungen, die gegenwärtig von einer globalen Wirtschaftskrise und den daraus folgenden sozialen Unruhen wohl noch verstärkt werden. Wir können seit Jahren zwei parallel laufende Phänomene beobachten: Fragmentierung und Integration.

Zum einen beschleunigt die Fragmentierung einen Umbruch in der Staatengemeinschaft. Viele Konflikte des späten 20. Jahrhunderts, ob im Nahen Osten, im Kaukasus oder in Südosteuropa, haben bereits unter dem Titel einer „Balkanisierung“ zum Zerfall von Staaten, zur Implosion, geführt. Zum anderen ist eine fortschreitende Integration in Gestalt der EU oder anderer regionaler Bündnisse zu beobachten. Der Versuch, die aktuelle europäische Ordnung auf Basis der Vertragswerke der europäischen Integration in Gestalt der EU zu sichern, ist auf eine schwierige Probe gestellt. Welche möglichen Lehren sich aus der Ordnungspolitik Metternichs ergeben könnten, mag der Leser für sich selbst entscheiden. Jede Epoche verdient ihre eigene Bewertung. Für Entscheidungen fehlen oftmals die korrekten Präzedenzfälle als hilfreicher Leitfaden, doch das Studium der Person und des Wirkens Metternichs kann Inspiration bieten.

Die europäischen Turbulenzen und Metternich

Jene große christliche Gemeinschaft, die seit Karl dem Großen die Legitimationsgrundlage des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bildete, war de facto bereits lange vor ihrem offiziellen Ende 1806 verschwunden. Der citoyen, der Staatsbürger, begann allmählich die Ordnung der Stände und der Religionen abzulösen. Reformation, Gegenreformation, der Dreißigjährige Krieg und die Revolutionen in den USA und Frankreich waren Meilensteine in diesem Prozess. Kaiser Franz II. legte die Krone als Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation letztlich 1806 nieder. Er wurde als Franz I erster Kaiser von Österreich (seit 1804).

Dieser Staat versuchte im Rahmen der Heiligen Allianz, die sich als die neue Ordnungsmacht und als Antwort auf die Unordnung verstand, die Napoleon mit seinen Eroberungen verursacht hatte, die Idee des übernationalen und multi-religiösen Reiches aufrechtzuerhalten. Wesentlicher Akteur war hierbei einer der wichtigsten Diplomaten seiner Zeit, der mit der Übernahme des Amtes des österreichischen Staatskanzlers zum Politiker und „Kutscher Europas“ wurde. Fürst Clemens Metternich setzte im Laufe seiner langen Amtsperiode, die vom Wiener Kongress 1814/15 bis zur Märzrevolution 1848 andauerte, alles daran, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies tat er u.a. mittels eines umfassenden Sicherheitsapparates, um revolutionäre Umtriebe zu unterdrücken. Das Zeitalter Metternichs wird mit dem Vormärz im Sinne der Restauration von Absolutismus und Repression gleichgesetzt.

Im Schatten dieser Geschichtsschreibung verblasst die Rolle von Metternich als europäischer Staatsmann und Diplomat, der die Folgen revolutionärer Entwicklungen klar erkannte und den politischen Anachronismus der Vielvölkergemeinschaft möglichst lange zu erhalten trachtete. Dass ein Zerfall der Donaumonarchie zu einer neuen Kleinstaaterei und neuen Kriegen in Europa führen würde, war ihm bewusst. Diese Konsequenz trat dann auch zweimal im Laufe des 20. Jahrhunderts ein. So zerfiel Österreich-Ungarn in Nationalstaaten, deren neue Legitimität das Selbstbestimmungsrecht der Völker werden sollte. Wobei aber auch die Grenzziehungen und Minderheitenfragen u.a. die Grundsteine für den nächsten großen Krieg legen sollten. Ähnlich spielte sich die Geschichte in den Nachfolgestaaten des anderen aufgelösten Vielvölkerreiches, des Osmanischen Reiches, ab. Hier entstanden u.a. arabische Nationalstaaten, deren Grenzen ebenso umstritten waren und sind und die Orientfrage von 1900 zum Nahostkonflikt unserer Epoche gemacht haben.

Nach 1991 erfolgten mit dem Zerfall der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik Jugoslawien weitere tief greifende territoriale Veränderungen. Europa war in Unordnung geraten. Die europäische Integration versucht hierauf, u.a. mit der Perspektive einer Mitgliedschaft in der EU oder in Modellen der Partnerschaft und Nachbarschaftspolitik, zu reagieren. Mit der Dynamik der gegenwärtigen Wirtschaftkrise könnte es neuerlich zu Turbulenzen in Europa kommen, deren Auslöser dann jene soziale Frage wäre, die Metternich bereits völlig unterschätzt hatte.

Metternichs konservatives Bild als Ausdruck tiefer Sehnsucht nach Ordnung

Will man Metternichs Linie gegenüber den innenpolitischen Veränderungen im Europa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstehen, so sollte man zunächst auch den Menschen Metternich ein wenig erkunden. Ohne den Leser nun mit biografischen Daten lange aufzuhalten, die ohnehin in jeder Enzyklopädie nachlesbar sind, soll gleich auf das Weltbild des Mannes eingegangen werden. Eine wertvolle Quelle hierfür bildet der langjährige Briefwechsel zwischen ihm und seiner Geliebten Dorothea Lieven; v.a. die Liebesbriefe, die er 1818 und 1819 nach Beendigung des Aachener Kongresses an jene Frau richtete, die er nun, 46 Jahre alt, als das angestrebte Ideal der Liebe empfand. So las einst Dorothea Lieven und heute der interessierte Forscher über die Ansichten Metternichs zu diversen Frauen seiner Zeit, über Politik und Amtskollegen, die der Fürst mit oft humorvollen Attributen belegte. Metternich war wohl v.a. als Mann ein Vertreter des sinnlichen 18. Jahrhunderts, das dann bald von der Prüderie des 19. abgelöst wurde, dem Esprit jener Zeit verbunden, erzogen von den Idealen der Aufklärung und geprägt von den Unruhen, die die Französische Revolution auch in seiner Heimat verursachte. Die Massaker und die Zerstörung der Familiengüter im Rheinland im Zuge jener Aufstände, deren Zeuge er als 19-Jähriger wurde, sollten ihn für den Rest seines Lebens tiefe Verachtung jeglicher Revolution gegenüber empfinden lassen.

Er fühlte sich wohl mehr dem Zeitalter rationaler Ordnung und der Aufklärung als dem 19. Jahrhundert mit seiner Verklärung der Romantik und all der politischen Leidenschaften, die nur Unordnung brachten, verbunden. War Metternich um 40 Jahre zu spät geboren? Inwieweit er sich selbst im falschen Jahrhundert fühlte, ist schwer nachzuvollziehen. Denn auch bei der Lektüre der exzellenten Biografie des Historikers Heinrich von Srbik2) erfährt man zwar tiefe Einblicke in die faszinierende Persönlichkeit Metternichs, aber in das Herz eines Menschen kann man auch zu seinen Lebzeiten nicht blicken. Was Srbik aufgrund seiner umfassenden Recherchen hervorragend gelingt, ist die Darstellung einer vielschichtigen, komplexen Persönlichkeit, die sich kaum auf die Attribute politisch konservativ und eitel oder politisch weitblickend und gütig reduzieren lässt.

In der Tradition negativer Rezeption der Person und des politischen Wirkens Metternichs wird er als Vertreter des Feudalismus kritisiert. Metternich zählte aber nicht zu jenen Adeligen, deren Loyalität in erster Linie der Familie, dem eigenen Namen, dem Stamm und den ererbten Gütern galt. Der 1813 nach der Völkerschlacht von Leipzig zum Fürsten geadelte Graf Metternich hatte zwar einen ausgeprägten Familiensinn, doch er war ein Individualist, eben ein souveräner Mensch, der sich nicht einem Clan unterordnete, sondern in der Familie v.a. auch jene Gesellschaft suchte, die er brauchte. Immerhin sagte er offen von sich selbst: „Ich kann nicht alleine sein.“3) So ehelichte er noch im Alter von 58 Jahren die um 32 Jahre jüngere Melanie Zichy. Um seinen Sohn Richard aus zweiter Ehe kümmerte er sich trotz später Vaterschaft rührend, wie auch eine Anekdote zeigt, die der russische Gesandte überliefert: So ließ er inmitten einer Besprechung mit seinem Berater Gentz für den kleinen Buben Seifenblasen steigen.4)

Der Familie galt auch seine erste Zuneigung, für die er sich bewusst Zeit nahm. Hierzu zählten gemeinsame Mahlzeiten ebenso wie einige fixe freie Abende jede Woche, an denen der gefragte Politiker und Lebemann keine gesellschaftlichen Verpflichtungen annahm. Zugleich war ein Metternich ebenso wie sein Zeitgenosse und französischer Amtskollege Talleyrand berühmt für seine zahlreichen Liebschaften. Für keine seiner außerehelichen Affären hätte er aber seine Familie aufs Spiel gesetzt, denn Ordnung musste auch in diesem Bereich sein. Entscheidend für seinen Eintritt in den Dienst am Hofe von Kaiser Franz war die Heirat mit Marie-Eleonore von Kaunitz-Rietberg, der Enkelin des Staatkanzlers Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietberg. Dieser von Metternich als Vernunftehe bezeichneten Verbindung entstammen fünf Kinder, von denen u.a. seine Lieblingstochter Clementine und ein Sohn, ein viel versprechender junger Diplomat, wie die Mutter an einer Lungenkrankheit verstarben. Worin Metternich zweifellos auch ein Meister war, das war die Selbstdisziplin, die Kunst der Contenance. So sagt er in einer seiner Eintragungen jenen beachtlichen Satz: „Ich kann zwar nicht Herr meiner ersten inneren Regung, wohl aber Herr über meine erste Geste sein.“

Während seiner Mission als Botschafter in Paris ab 1809 verdankte der gut aussehende Diplomat, genannt „le beau Clément“, seinen vielen Liebschaften oft hilfreiche Kontakte und Informationen. Eine lang anhaltende Affäre pflegte er mit Caroline, Schwester Napoleons und Gattin von Joachim Murat. Diese Form diplomatischer Quellen für die Berichterstattung fand mit dem Ende jener Ära und dem Tod ihrer eminenten Vertreter dann auch ihr Ende. Mit dem Tode von Kaiser Franz 1830 hatte Metternich seinen wesentlichen Fürsprecher verloren, für den er seine Aufgabe mit großer Verantwortung und Sorge um den Bestand des Reiches wahrnahm. Kanzler am Hofe des schwachen Kaisers Ferdinand zu sein, wo zudem der ansässige Adel aus Böhmen, Ungarn und den österreichischen Landen emsig gegen den Rheinländer Metternich intrigierte, sollte sich als immer schwieriger erweisen.

Der Aufstieg der nationalen Strömungen in Gestalt deutscher Turnvereine, italienischer Geheimbündler und v.a. auch der nationalen Studentenschaften beunruhigte ihn tief. Konfrontiert mit dem stetig lauter werdenden bürgerlichen Forderungen nach politischer Teilnahme sah Metternich auch den Zerfall des Vielvölkerreichs als mögliche Folge. Dass Österreich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer anachronistischen Idee verfiel, während rundum die nationalen Einigungsbewegungen erstarkten, soll Metternich so kommentiert haben: „Gegen den Liberalismus hätte ich nichts, aber ich weiß, dass ihm der Nationalismus auf den Schritt folgt.“ Es sei hier angemerkt, dass Metternich grundsätzlich für die politische Partei der Liberalen wenig übrig hatte. Die Liberalen erschienen ihm als Wendehälse, die sich an der Opportunität und nicht an Prinzipien orientierten. Mehr Respekt konnte er hingegen den Radikalen, also den Vorläufern des Sozialismus, entgegenbringen, da diese zumindest für etwas standen. Seine Abscheu gegenüber allem Chaos und sein Hang zu Ordnung lässt sich mit folgendem Zitat, einer Tagebucheintragung von Gentz, gut illustrieren: „Ohne Autorität ist Ordnung nicht denkbar, ohne Ordnung keine Freiheit; Freiheit ohne Ordnung wird zur Tyrannei.“ 5)

Alle Versuche, die absolutistischen Monarchien in konstitutionelle zu verwandeln, waren in den blutig niedergeschlagenen Bürgerrevolten von 1830 neuerlich gescheitert. Metternich konnte der Idee des Konstitutionalismus, also der Bindung des Monarchen an eine Verfassung und damit Einschränkung seiner Gewalt, wenig abgewinnen. Vielmehr sollte das Recht als solches die Schranke bilden. Mit Reformen, ob im politischen oder sozialen Bereich, konnte er sich nicht anfreunden. Alle Veränderung schien ihm, dem Konservativen schlechthin, ein Ärgernis. Ob er so zur allgemeinen Schwächung des Reiches beitrug, sei dahingestellt. Für einige Historiker hat Metternichs mangelndes Bewusstsein für die nationalen Strömungen und v.a. auch die wachsende soziale Frage den Untergang Österreichs mit verursacht. Die Revolution von 1848 sollte Metternich dann selbst zum Verhängnis werden. Am 13. März 1848 musste der bis dahin fast allmächtige Kanzler zurücktreten und Wien in Richtung London verlassen. Bereits 1851 kehrte er in die Reichshauptstadt zurück und beriet das Kaiserhaus bis zu seinem Tode.

Die Zwänge des Wiener Hofes und das Interesse an Europa

Die Einigungs- und Unabhängigkeitsbestrebungen Italiens wusste Metternich geschickt zu torpedieren, sein Name steht daher in Italien bis heute für Unterdrückung. Ähnlich verhielt er sich gegenüber dem Deutschen Bund, den er v.a. zum Zwecke der Repression einsetzte. Das metternichsche Spitzelwesen, das für die Zentraluntersuchungsbehörden in Frankfurt und Mainz tätig war, gilt bis heute als Symbol des Machtapparats, der von Polizeiminister Josef Graf von Sedlnitzky und Staatsminister Franz Anton Graf von Kolowrat-Liebsteinsky verwaltet wurde. Am geistigen Unterbau des Systems hat zudem Friedrich von Gentz, zunächst Vorgesetzter, dann Mitarbeiter von Metternich, seinen Anteil. Auch wenn diese Minister vielleicht persönlich mehr Verantwortung für die politische Lage im so genannten Vormärz trugen, so galt und gilt Metternich doch bis heute als die Verkörperung der Repression jener Zeit.

Sein persönliches Interesse an der Innenpolitik nahm dann auch nicht zuletzt aufgrund der immer schwieriger werdenden Lage am Hofe unter Kaiser Ferdinand stetig ab. Metternich widmete sich seiner ursprünglichen Liebe, der Außenpolitik, den großen Linien. Beachtung findet bis heute seine Leistung, die er gleichsam als „Kutscher Europas“ vollbrachte, indem er gemeinsam mit Zar Alexander und dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. die Heilige Allianz als neue Sicherheitsordnung aufbaute. Infolge der Französischen Revolution und der Eroberungen Napoleons war Europa derartig in Unordnung geraten, wie dies wohl zuletzt im Dreißigjährigen Krieg der Fall gewesen war. Aus der Sicht Metternichs war die vorrangige Aufgabe der Allianz, die Legitimität der Herrscherhäuser wieder herzustellen und derart ein Gleichgewicht der Kräfte zu schaffen. Österreich sollte sich nach dem Wunsch Metternichs dem Zentrum und Westen Europas zuwenden und nicht die Rolle einer Orientmacht auf dem Balkan erproben, womit er die von Prinz Eugen aufgebaute Einflusssphäre teils bewusst aufgab. Metternichs pragmatisches Kalkül war hierbei auch, sich nicht den russischen Interessen entgegenzustellen.

Diese Ordnung sollte Jahrzehnte des Friedens ermöglichen; der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck konnte das System - wenn auch in veränderter Form - noch einige Jahre sichern. Im Gegensatz zu Metternich, der als übernational denkender Kanzler tatsächlich als europäischer Politiker bezeichnet werden darf, agierte Bismarck - eben bereits ein Politiker des national geprägten

19. Jahrhunderts - in seiner Bündnispolitik im Sinne der nationalen deutschen Interessen. Zu jenen Autoren, die sich wohlwollend mit dieser noch hohen Staatskunst beschäftigten, gehört der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. In seinem Geschichtsbuch „Diplomacy“6) unternimmt er eine Hommage sowohl an Metternich als auch Bismarck, die für ihn zu den großen Erfindern und Praktikern dessen zählen, was wir heute Realpolitik nennen.7)

Jene Aussage, dass Regierungen nicht Prinzipien, sondern vielmehr Interessen folgen, wie Kissinger seine Auffassung von Realpolitik gerne formuliert, ist wohl mit dem Konzept Metternichs nicht ganz in Einklang zu bringen. Denn das Prinzip der Vernunft liegt seinem politischen Handeln sehr wohl zugrunde. Srbik beschreibt die darauf fußende Staatsauffassung wie folgt: „Die Regierungen sind berufen, Vormünder der Völker zu sein und ‚ihre edle Aufgabe ist es, sich aufgeklärter als diese gesamten Völker zu zeigen’.“ 8) Eine klare Absage an die Herrschaft des Volkes im Sinne der Demokratie, zumal auf demokratischem Wege auch unvernünftige und nicht-aufgeklärte Regierungen gewählt werden können. Beispiele dafür aus Vergangenheit und Gegenwart gibt es in Europa und darüber hinaus zahlreich. Metternich geht in seinem Antagonismus zur politischen Gruppierung der Liberalen auch so weit zu meinen: „Liberaleres im guten Sinne kann es nichts geben als jede vernünftige Regierung.“ 9) Mit diesem rationalistischen Weltbild, das sich an unabänderlichen Naturgesetzen einer monarchischen und aristokratischen Ordnung orientierte, machte sich der Vertreter des ancien régime, nicht nur unter den Bürgerlichen wenig beliebt, sondern auch der Wiener Hof und der mitteleuropäische Adel konnten intellektuell dem zweifellos überlegenen und systematischen Denker nicht folgen. Entsprechend abschätzig äußert sich Metternich auch oft genug über seine Standesgenossen.

Sein eigener Rationalismus erscheint aber brüchig, wenn es um die Obsession des Fürsten ging, dass alle Revolutionen in Europa miteinander in Verbindung stünden. Im Gegensatz zu Gentz, der hierbei von einer „Urlüge“ sprach, sah Metternich in jenen Revolutionen die Hand geheimer Gesellschaften.10) Er rieb sich aber auch mit seinen Vorstellungen militärischer Notwendigkeit an den Militärs, vertreten durch Erzherzog Carl. So wollte Metternich angesichts der Julirevolution in Paris 1830 Truppen entsenden, was der Erzherzog ablehnte. Die Julirevolution 1830, die Ablöse der Bourbonen und die nachfolgenden Veränderungen von Belgien bis Griechenland konnte Metternich noch geschickt dirigieren. Doch zugleich musste er die Grenzen seines diplomatischen Wirkens erkennen, als die Heilige Allianz infolge einer Neuausrichtung englischer und russischer Interessen ins Wanken geriet. Seine Beobachtungen führten ihn fast zu der Annahme innerer Notwendigkeiten im geschichtlichen Leben. So glaubte er u.a. an eine gesetzliche Aufeinanderfolge von Revolution-Anarchie-Militärdiktatur. Übertragen auf die Situation in so manchem Staat der südlichen Halbkugel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat diese Analyse ihre Berechtigung.

Von 1859 zu 2009

Metternich musste immer wieder politische Klüfte des Kontinents überwinden. Als europäischer Politiker war er trotz aller Anfeindungen eine Art Pol europäischer Staatskanzleien. Der Kontinent hörte ihm zu, auch wenn er mit fortschreitendem Alter immer starrer und doktrinärer wirken mochte. Zeit seines Lebens gefiel er sich in der Rolle des Pädagogen, ob der seiner Ehefrauen und Geliebten oder der Monarchen, die er beriet. Sein Name hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast mehr Bestand als jener der wechselnden Monarchen. Er bürgte für europäische Stabilität. Seine Politik war vorhersehbar, es ging um die Aufrechterhaltung des Status quo und die Bewahrung der Legitimität, die Metternich auf ausgeklügelter multilateraler Diplomatie aufgebaut hatte.

Gegenwärtig befinden wir uns an einem Wendepunkt multilateraler Zusammenarbeit, nicht nur im Bereich der Weltwirtschaft. Die Krise in vielen internationalen Organisationen, ob in der UNO oder in großen Regionalorganisationen wie der OSZE und NATO, verschärft sich. Wichtige Mitglieder blockieren sich wechselseitig in den Entscheidungen. Selbige Staaten verringern zudem die Glaubwürdigkeit dieser Institutionen, indem sie deren Mechanismen ignorieren und damit kundtun, wie wenig ihnen die multilaterale Zusammenarbeit bedeutet. Liest man die Details zur Lage der Heiligen Allianz um 1830 nach, so erlebt man fast ein Déjà-vu heutiger Verhältnisse in wichtigen Foren.

Es wäre nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass sich die internationalen Beziehungen auf der Gratwanderung zwischen Integration einerseits, ob in Gestalt der Globalisierung oder regionaler Verdichtung wie innerhalb der EU, und einer möglichen Fragmentierung andererseits neu formieren. Es sei an die Zeit nach 1920 erinnert, als mit dem Entstehen des Völkerbundes und dem Bemühen, ein System kollektiver Sicherheit in Europa neu aufzubauen, eine sehr fruchtbare Phase multilateraler Diplomatie begann. Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und der Machtergreifung autoritärer Regime, die oft auf demokratischen Wegen an die Macht gekommen waren, veränderte sich aber die Atmosphäre in den internationalen Beziehungen schlagartig. Wirtschaftliche Isolation und unilaterale Außenpolitik folgten und mündeten schließlich in neuem Kriegsgeschehen.

In dieser globalisierten Welt ist bedauerlicherweise eine große Errungenschaft europäischer Aufklärung indes zerbrochen: die Idee des Universalismus, die allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Rechte zuerkennt. Was noch 1945 mit der Verfassung der Charta der Vereinten Nationen, 1948 mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder auch inmitten des Kalten Krieges 1975 mit der Schlussakte von Helsinki gelang, nämlich sich auf wichtige Prinzipien zur friedlichen Streitbeilegung, auf die Würde des Menschen und auf gemeinsame Werte zu einigen, erscheint im 21. Jahrhundert viel problematischer. Trotz aller gebotenen Dringlichkeit, globale Probleme gemeinsam zu lösen, sind die Klüfte größer als je zuvor. Zweifellos benötigen globale Probleme globale Antworten, aber das ist ein Gemeinplatz. Aber die Interessenkonflikte wachsen in Zeiten verknappter Ressourcen, seien es Energieträger, Nahrungsmittel oder schlicht Territorium, um das seit Menschheitsgedenken immer wieder gekämpft wird. Vor dem Hintergrund fortschreitender Umweltzerstörung wird dieser Kampf vielleicht noch schärfer geführt werden. Mehr noch als die Machtverhältnisse mit ihren unterschiedlichen Akteuren zu verstehen, geht es vielleicht wieder darum, die Natur des Menschen, also auch Gier und Angst, zu studieren. Metternich war wohl auch ein guter Menschenkenner, über „Einfaltspinsel und andere Tiere“ äußert er sich in seinen Briefen. Er wusste bei aller Hingabe an die Vernunft sehr wohl um die Notwendigkeit, sich mit den Abgründen des Menschen zu befassen. Auch ist dies Teil kluger Realpolitik, die entsprechend talentierte Politiker mit Gewissen erfordert.

 


ANMERKUNGEN:

1) Emil Mika (Hrsg.): Geist und Herz verbündet - Metternichs Briefe an die Gräfin Lieven. Wien 1942.

2) Heinrich Ritter von Srbik: Metternich - Der Staatsmann und der Mensch, 3 Bände. München 1925. Die in diesem Beitrag verwendete Auflage ist jene, erschienen in Graz 1979 (Akademische Druck- und Verlagsanstalt).

3) Srbik, op.cit. S.244.

4) Ibid. S.246.

5) Ibid. S.361.

6) Henry Kissinger: Diplomacy. New York & London 1998.

7) Es darf hierbei auch Kissinger eine gewisse Eitelkeit zuerkannt werden, der sich selbst gerne in der Tradition dieser von ihm verehrten Staatsmänner sah. Dass US-Präsident Richard Nixon, der Kissinger aus mehreren Gründen verachtete, ihm eine wirklich einflussreiche Rolle nicht zugestand, sollte auch Kissinger tief schmerzen.

8) Srbik, op.cit. S.378.

9) Ibid.

10) Ibid. S.654.