Novus Ordo Americanus

Nicolas Stockhammer

 

Joseph S. Nye jr. (Distinguished Service Professor an der Harvard University, Kennedy School of Government) gilt als einer der weltweit renommiertesten Theoretiker auf dem politikwissenschaftlichen Forschungsgebiet der Internationalen Beziehungen (IB) und war im Juni 2017 erstmals zu Besuch in Wien, wo er an der Landesverteidigungsakademie einen fulminanten Vortrag zum Thema „Amerikanische Geopolitik im 21. Jahrhundert“ gehalten hat. Nye kam auf Einladung der Forschungsgruppe Polemologie & Rechtsethik (Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien) in Kooperation mit der Direktion für Sicherheitspolitik (BMLVS). Im vorliegenden Essay sollen aus diesem Kontext einige wesentliche Argumente Joseph Nyes aufgegriffen, polemologisch (d.h. triadisch i.S. von Geopolitik/Geoökonomie/Geokultur) diskutiert und, sofern sinnvoll, gegen die Einschätzungen anderer namhafter Theoretiker der IB kontrastiert werden.

Geopolitik definiert sich nach Imperativen globaler Ordnungsvorstellungen. Die Welt ist spätestens im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sicherheitspolitisch endgültig aus den Fugen geraten. Wir erleben gerade globale sicherheitspolitische Herausforderungen, vom ausufernden transnationalen Terrorismus über die unkontrollierte Verbreitung von Nuklearwaffen, besorgniserregende Bedrohungen durch sog. „Schurkenstaaten“ wie Nordkorea - bis hin zu einer fast überbordenden Migration, einem massiven Klimawandel und omnipräsenten Bedrohungen im Cyberspace. Die USA haben sich generell ihrer Rolle als „benevolenter Hegemon“ entledigt, sich als stabilisierende Instanz bzw. als „Globocop“ merklich zurückgezogen und ihr sicherheitspolitische Beteiligung ganz bewusst auch regional, in Richtung Pazifik, verlagert. Das Vakuum im geopolitischen Machtsystem wird mittelfristig jener Akteur erfolgreich ausfüllen können, der einen klugen Mix der Machtsorten parat hält, sowohl Hard Power als auch Soft Power. Im Sinne Nyes handelt es sich dabei um Smart Power, also eine intelligente Machtform, wonach ein politischer Akteur verstehen muss, mitunter kompensatorisch, oftmals begrenzte Ressourcen in erwünschte Resultate zu transformieren. Macht im 21. Jahrhundert, zumal im Kontext der globalen Politik, basiert viel eher, als Ausdruck intransitiver Macht, auf einer „power-to“ (Smart Power), also der Ermächtigungs-und Gestaltungskomponente, als auf schierer, transitiver Dominanz im Sinne eines power-over (Hard Power). Die dritte Ebene des „power with“ (Soft Power) spiegelt das Vermögen, konsensual gemeinschaftliche Strategien zu entwickeln, wider. Dennoch, das ungebrochen effektive Potenzial harter Macht erschließt sich in jedem fundierten machttheoretischen Denkmodell anhand des Antagonismus von Zuckerbrot und Peitsche. Oftmals reicht die bloße Androhung der Peitsche aus. Aber dafür bedarf es eines ernsthaften Drohpotenzials. Ähnliches gilt für Smart-Power, die auch das Substrat einer Macht der Datenströme sein kann. Die Cyber-Dimension von Machtausübung hat geopolitisch zusehends an Bedeutung gewonnen. Gelingt zudem eine matritzenhafte Verlinkung dieser Machtschemata mit den hier skizzierten polemologischen Schlüsselfaktoren Geopolitik, Geoökonomie und Geokultur, dann ergibt sich in der Gesamtbetrachtung ein komplettes Bild der geostrategischen Macht im 21. Jahrhundert. Wertvolle Anleihen dazu lassen sich jedenfalls aus dem substanziellen geomachtpolitischen Werk Joseph Nyes herausdestillieren.