Besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Salafismus und Dschihadismus?

Michail Logvinov

 

Die salafistisch geprägte Orthopraxie in Europa avancierte in den letzten Jahren zu einem umstrittenen und versicherheitlichten Phänomen. Viele der wissenschaftlichen und sicherheitsbehördlichen Experten gehen von einem - nach wie vor kaum belegten - Nexus zwischen dem Salafismus und dem islamistischen Terrorismus aus, weshalb die sich selbst auf dem Weg der „frommen Vorfahren“ wähnenden Milieuangehörigen als gefährlich und ihre Weltbilder als „geistiger Nährboden des Terrorismus“ gelten. Demgegenüber vertritt der Autor folgende These: Zwar verbindet die Phänomene des Salafismus und des Dschihadismus bzw. dschihadistischen Terrorismus eine gemeinsame „historische Matrix“ - ein ur-islamisches Gemeinde-Paradigma als Appellationsinstanz - sowie ein ähnliches Verständnis des normativen Islam. Unterschiedlich sind hingegen die Zweckrationalität und Logik der handlungslegitimierenden Frame-Skript-Selektionen, die die beiden Strömungen aufweisen. Einer Analyse der terroristischen Sauerland-Gruppe und ihres salafistischen Umfeldes zufolge separierte bereits die Frage nach konkreter Gewaltanwendung in „besetzten Gebieten“ die Dschihadisten von ihrem salafistischen Umfeld. Noch größer wurden die ideologischen Differenzen, wenn es sich um die Anschläge in Europa handelte. Ein ähnliches Bild ergaben spätere Interaktionen zwischen den Mainstream- und Dschihad-Salafisten. So wandten sich die Gemäßigten von Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud wegen ihrer radikalen Auftritte und Texte größtenteils ab, was zur weiteren Radikalisierung der „Schreibtisch-Dschihadisten“ führte. Cuspert bezeichnete seine Kritiker als „Angsthasenprediger“, die aus Furcht vor staatlicher Verfolgung die „Wahrheit“ über die Pflicht zum Dschihad eines jeden Muslims verschweigen würden. In der deutschen Salafismus- und Radikalisierungsforschung lässt sich eine paradoxe Situation beobachten: Einerseits wird - zumeist ohne empirische Befunde - vorausgesetzt, dass der Salafismus Radikalisierungsprozesse befeuert und zu Terrorismus bzw. Dschihadismus führt. Doch andererseits besteht ein „eigentümliches Desinteresse“ an den religiösen Hintergründen des Dschihadismus. Auf diese Weise lässt sich die Frage nach der „Familienähnlichkeit“ von Salafismus und Dschihadismus/Terrorismus allerdings nicht beantworten. Es ist kontraproduktiv, dem Mainstream-Salafismus die Rolle des terroristischen Nährbodens und daraus resultierend einen randseitigen Devianzstatus zuzuweisen. Einerseits verstellt diese Perspektive den Blick auf eigentliche Radikalisierungsursachen. Andererseits wird dieses Vorgehen von den jeweiligen Akteuren antizipiert und für ihre gegenkulturelle Zwecke eingesetzt. Zugleich befördert es Marginalisierungswahrnehmungen und -erfahrungen, die sich als ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum Extremismus erweisen. Der von al-Suri und der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) propagierte „Bürgerkrieg in Europa“ - getragen von Teilen der schlecht integrierten und rebellierenden sowie stigmatisierten muslimischen Jugend mit Migrationshintergrund - kann dergestalt leichter ausgelöst werden. Vor allem aber lenkt die wahrnehmungsdominante Perspektive auf „den“ Salafismus „als terroristischen Durchlauferhitzer“ oder „ideologisches Fundament des islamischen Staates“ von den eigentlichen Gefährdern - und „konspirativ Radikalisierten“ ab.