Gestaltende Intentionen, Interessen und Instrumente externer Akteure im südlichen Kaukasus (Teil 1)


Wulf Lapins/Andranik Aslanyan

 

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR endete zugleich auch der Ost-West-Konflikt. Dies mündete jedoch mit Ausnahme der Baltischen Länder in den anderen zwölf neuen Staaten, die aus der sowjetischen Konkursmasse hervorgingen, nicht in liberale und demokratisch verfasste marktwirtschaftliche Ordnungsmodelle, wie es Francis Fukuyama prognostiziert hatte. Im Gegenteil. Der Zerfall der Sowjetunion wurde begleitet vom Aufflammen einer Reihe gewaltsamer Auseinandersetzungen in und zwischen diesen gegründeten Republiken. Diese ethnopolitischen Konflikte und territorialen Streitigkeiten spitzten sich sogar in den 1990er-Jahren in Kriegen und Vertreibungen zu: Moldau: Transnistrien; Russland: Tschetschenien; Aserbaidschan: Bergkarabach, Talysch-Mugan; sowie Georgien: Abchasien und Südossetien. Die während des Sowjetregimes unterdrückten nationalen und ethnischen Konflikte der kaukasischen Völker erlebten nunmehr eine beispiellose Wiedergeburt mit einem auslösenden regionalen Dominoeffekt. In dem Zusammenhang erweist sich - neben Abchasien, Südossetien und Tschetschenien - als weiterer südkaukasischer „hot spot“ der Konflikt um Bergkarabach zwischen Karabach-Armeniern und Aserbaidschan. Die Region wurde zwar nicht insgesamt destabilisiert, aber auch keine der Konfrontationen konnte befriedigend gelöst worden. Dieses Strukturmuster wird als „frozen conflicts“ bezeichnet. Bedingt wegen seiner geographischen Lage, der Brückenfunktion auf dem Eurasischen Kontinent sowie dem Wettlauf um die kaspischen Energierohstoffe, geriet der Südkaukasus wirtschaftlich und sicherheitspolitisch in einen geopolitischen und geoökonomischen Interessenkampf von externen Akteuren in der Region, der in der Literatur oft auch als „New Great Game“ genannt wird. Die Kollision unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Interessen hat zur Bildung strategischer Achsen quer durch den Kaukasus geführt: Die vertikale Achse verläuft von Russland über Armenien [Bergkarabach] nach Iran, die horizontale Achse von Zentralasien über Aserbaidschan, die Türkei bzw. die Ukraine in den Westen. Der Verlauf der Achse ist teilweise historisch, teilweise pragmatisch, v.a. jedoch machtpolitisch bedingt.

Im Beitrag werden die Politiken von Russland, dem Iran, der Türkei, der USA und der EU als externe Akteure im Südkaukasus unter drei Fragestellungen untersucht:

1. Mit welchen politischen Mitteln und Instrumenten realisieren sie ihre Interessen und mit welchen Widerständen werden sie dabei konfrontiert?

2. Welche historiographischen, ethnisch-religiösen, wirtschaftspolitischen sowie machtpolitisch-ideologischen Faktoren nehmen Einfluss auf die Formulierung ihrer Interessen?

3. Welche energiepolitischen Projekte wurden bisher in der Region durchgeführt und welche Pläne sind für die Zukunft vorgesehen?

Die Analyse basiert auf erkenntnistheoretischen Ansätzen der Geopolitik, Geoökonomie und des Neorealismus.