Über die Entwicklung der Kriegskunst der Warschauer Vertragsorganisation in den 1980er-Jahren

 

Siegfried Lautsch

 

Die Vervollkommnung der sowjetischen Kriegskunst als Basis für die Kriegskunst der Warschauer Vertragsorganisation (WVO) ging von dem Prinzip des für die Verteidigung Hinlänglichen aus. Dieses bedeutet, dass der Bestand der Streitkräfte sowie die Quantität und Qualität der Mittel des bewaffneten Kampfes dem Niveau der militärischen Bedrohung sowie dem Charakter und der Intensität der Kriegsvorbereitung des potenziellen Gegners adäquat sein müssen. Außerdem haben die Streitkräfte die Sicherheit der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages und die Abwehr einer Aggression mit allem Notwendigen zu gewährleisten.1)

In drei Beiträgen untersucht der Verfasser die Entwicklung des operativ-strategischen Denkens der Vereinten Streitkräfte der WVO. Im ersten Beitrag 1/2016 schildert er die Entstehung und Entwicklung der operativen Kunst, Dimensionen und Merkmale des militärischen Denkens. Im Heft 3/2016 beurteilt er die Entwicklung des operativen Denkens anhand der drei operativen Planungen der 5. Armee der NVA im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges.

Der Beitrag in diesem Heft befasst sich mit der abschließenden Entwicklung der Kriegskunst der WVO im letzten Dezennium des Ost-West-Konflikts und den untereinander in Wechselwirkung stehenden drei Bestandteilen Strategie, operative Kunst und Taktik, außerdem mit Aspekten der Truppenführung. Resümierend teilt der Verfasser seine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse mit, wobei er auf selbstkritische Äußerungen nicht verzichtet.

„Kriegskunst“ ist ein spezifischer Begriff und Gegenstand der sowjetischen bzw. russischen Militärwissenschaft. Die Kriegskunst setzte und setzt sich aus den drei Bestandteilen bzw. Ebenen Strategie, operative Kunst und Taktik zusammen. Jede dieser Ebenen hatte ihre Besonderheiten bei der Führung des bewaffneten Kampfes in verschiedenen Dimensionen. Prinzipiell ist die Dreiteilung auch weiterhin bestimmend für die Kriegskunst der Russischen Föderation, aber auch für die Struktur der modernen Kriegführung der USA.2) Auch wenn verschiedene Formulierungen bestehen, ändern diese nichts am Wesen dieser grundsätzlichen Dreiteilung.

Die Strategie ist der bestimmende Teil der Kriegskunst. Sie befasst sich mit der Theorie und Praxis der Vorbereitung der Streitkräfte und des Staates (der Koalition) auf die Kriegführung sowie mit der Planung und Führung des bewaffneten Kampfes während des gesamten Krieges und in strategischen Operationen. Sie ist der Politik ihres Landes (der Koalition) unmittelbar nachgeordnet. Ihr fällt damit auch die unmittelbare Umsetzung der politischen Ziele in militärische Handlungen zu, also die Konzeption und Koordination der Armee- und Frontoperationen im Sinne strategischer Operationen und des Krieges.

Die operative Kunst schließt die Theorie und Praxis des Einsatzes operativer Verbände3) der Streitkräfte ein. Ausgehend von den Forderungen der Strategie untersucht sie den Charakter moderner Operationen, die Prinzipien ihrer Vorbereitung und Durchführung, außerdem die Struktur, die Möglichkeiten und Einsatzprinzipien operativer Verbände, die Probleme der operativen Sicherstellung sowie die Grundsätze der Truppenführung und der rückwärtigen Sicherstellung (Logistik) in Operationen.

Die Taktik ist die Theorie und Praxis der Vorbereitung und Durchführung des Gefechts von Verbänden, Truppenteilen und Einheiten der Teilstreitkräfte, Waffengattungen, Spezialtruppen und Dienste. Diese Ebene wird unmittelbar von der operativen Kunst bestimmt und dient der Realisierung operativer und strategischer Ziele.

Die theoretischen Grundsätze der Kriegskunst manifestieren sich je nach Führungsebene in Doktrinen, Konzeptionen, Vorschriften, Anordnungen, Lehrbüchern und Lehrmaterialien sowie in anderen militärischen Schriften. Praktische Aspekte bestimmen v.a. die Tätigkeit der Oberkommandierenden, Befehlshaber, Kommandeure, Stäbe und Truppen bei der Vorbereitung und Durchführung von Operationen und Gefechten. Sie beinhalten das Sammeln und Auswerten von Angaben zur Lage, die Entschlussfassung und die Übermittlung der Aufgaben an die Unterstellten, die Planung, die Vorbereitung der Truppen und des Geländes auf die Operation bzw. auf das Gefecht, die Durchführung der Kampfhandlungen, die Führung der Verbände, Truppenteile und Einheiten sowie deren Sicherstellung (Logistik).

Erfahrungen aus lokalen Kriegen weisen auf die Bedeutung der Taktik in der Zeit des Ost-West-Konflikts hin. Das Gefecht hatte nach wie vor eine wichtige Bedeutung bei der Erringung des „Sieges“.4)

Die Bedeutung der Kriegskunst ergibt sich aus den Fähigkeiten der Streitkräfte und Truppenkörper, optimale Aufgaben zu erfüllen. Deshalb war die Ausbildung der Befehlshaber und Kommandeure eine überaus wichtige Komponente der militärischen Bildungseinrichtungen und von Übungen.

Die Taktik steht in engem Zusammenhang mit den anderen Bestandteilen der Kriegskunst. Ihre Theorie und Praxis sind den Interessen der Strategie und der operativen Kunst nachgeordnet, lassen sich aber von deren Forderungen leiten. Andererseits nimmt die Taktik wegen der schnellen Entwicklung der Technik, Bewaffnung und Ausrüstung wesentlichen Einfluss auf die operative Kunst und Strategie. Deshalb kann sie auch als der dynamischste Bereich der Kriegskunst eingeschätzt werden. Veränderungen in der Taktik vollziehen sich immer schneller, je mehr der technische Fortschritt vorankommt und sich die geistigen, kämpferischen, physischen und psychischen Eigenschaften der Soldaten auf allen Führungsebenen vervollkommnen. Der Entwicklungsstand und die Qualität der Ausbildung der Offiziere, Stäbe und Truppe waren und sind immanente Voraussetzungen für den Erfolg in der Operation oder im Gefecht.

Bemerkenswert ist die Erkenntnis der US-Strategen:5) „Military strategy is the art and science of employing the armed forces of a nation or alliance to secure policy objectives by the application or threat of force“. Dass die U.S. Army die Militärstrategie als Kunst und Wissenschaft des Einsatzes von Streitkräften einer Nation oder eines Bündnisses anerkennt, um politische Ziele durch Gewalt­androhung oder Gewaltanwendung zu erreichen, kann als ein militärwissenschaftliches Bekenntnis angesehen werden. Es handelt sich beim bewaffneten Kampf um eine Grenzwissenschaft, weil sie auf dieser Ebene, freilich auch auf der Ebene der operativen Kunst, Disziplinen aus dem Bereich der Gesellschafts-, der Natur- und technischen Wissenschaften vereint. Das ist ein markantes Beispiel für viele Übereinstimmungen in der Theorie der Kriegskunst der USA und der UdSSR.6)

Entwicklung der Kriegskunst

Die 1980er-Jahre waren nicht nur durch einen Paradigmenwechsel im operativen und strategischen Denken gekennzeichnet. Sie waren sowohl ein Jahrzehnt der vielfachen Einführung weiterentwickelter Waffensysteme in die Streitkräfte als auch der Aneignung moderner Kampfmethoden.

Zeitlich fällt die beschleunigte militärische Entwicklung mit dem politischen und wirtschaftlichen Niedergangsprozess der Sowjetunion und der DDR zusammen, die letztlich im Beitritt der DDR zur Bundesrepublik kulminierte und zur Auflösung des Warschauer Vertrages führte. Nur im Rahmen des grundsätzlichen Wandels im sicherheitspolitischen Denken sowie des Niedergangs des realen Sozialismus sind die Veränderungen im operativen und strategischen Denken nachvollziehbar.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung war u.a. die beiderseitige Stationierung der nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa, die zunächst die nukleare Konfrontation verstärkte, dann aber zu Verhandlungen über bilaterale Obergrenzen für diese Waffen und zur Herstellung eines kontrollierten Gleichgewichts führte.

 

Die Entwicklung der Bewaffnung und Kampftechnik

In die NVA wurden Raketensysteme und weiterentwickelte konventionelle Waffen eingeführt. Der Militärbezirk V (die 5. Armee im Krieg) verfügte in den 1980er-Jahren u.a. über die Raketenkomplexe 9K72 ELBRUS (NATO-Code SCUD B bzw. SS-1c), 9K714 OKA (NATO-Code SS-23 Spider), 9K52 LUNA-M (NATO-Code FROG-7) und 9K79 TOTSCHKA (NATO-Code SS-21 SCARAB) mit einer maximalen Reichweite, beispielsweise mit dem Raketenkomplex OKA7) bis zu 400 km.

Die Landstreitkräfte erhielten Armeefliegerkräfte in ihrem Kampfbestand, mit Kampfhubschraubern Mi-24 D (NATO-Code Hind-D) und Mehrzweckhubschraubern Mi-8 TB (NATO-Code Hip) mit einer Reichweite von 750 km (Mi-24 D), wodurch sich die Bekämpfung gegnerischer Ziele im Operationsgebiet der Armee erheblich erweiterte.

Die Gefechts- und Manövrierfähigkeit der Artillerie und der Luftabwehr nahmen zu. Bei der Artillerie bestimmten 122 mm 2S1- und 152 mm 2S3-Selbstfahrhaubitzen sowie Mehrfachwerfer RM-70 das Gefechtsfeld. Die Truppenluftabwehr war mit den Waffensystemen Krug (NATO-Code SA-4 Ganef), KUB (NATO-Code SA-6 Gainful), OSA-AK (NATO-Code SA-8 Gecko), den Flugabwehrsystemen 9K31 Strela-1 (NATO-Code SA-9 Gaskin), Strela-10 (NATO-Code SA-13 Gopher), Igla (NATO-Code SA-16 Gimlet) und der Fla-SFL-23-4 „Schilka“ ausgerüstet.

Die Artillerie gewann dank der Einführung selbstfahrender Haubitzen an Geländegängigkeit und Feuerkraft. Die Mittel der Truppenluftabwehr gewährleisteten die Bekämpfung von mit Schall- und Überschallgeschwindigkeit fliegenden Luftzielen bis zu einer Flughöhe von 24 km.

Die Kampftruppen der 5. Armee der NVA8) waren mit den mittleren Panzern T-55-A und T-72, mit Schützenpanzerwagen 40 P2, 60 PB sowie mit Schützenpanzern BMP-1 und BMP-2 ausgerüstet, Feuerkraft, Panzerschutz, Fahrbereich, Nutzungsfrist und weitere Eigenschaften, u.a. Unterwasserfahrt und Schwimmfähigkeit, hatten sich wesentlich verbessert.

Auch die Truppengattungen, besonders die Nachrichten- und Pioniertruppe, erhielten neues Gerät, das zur Erhöhung der Führungsfähigkeit und Steigerung der Sicherstellung der Gefechtshandlungen beitrug.

Mit der beispielhaft geschilderten Auswahl von Kampftechnik und Bewaffnung der NVA und deren Beherrschung unter Einsatzbedingungen wurden auch die militärischen Fähigkeiten zur Verteidigung in den Landstreitkräften erheblich verbessert.

Neben der Steigerung der Kampfkraft festigte sich die Gefechtsbereitschaft. Die NVA war in der Lage, innerhalb von 48 Stunden die vollständige Mobilmachung abzuschließen und nach weiteren zwei Tagen die Ausgangsräume für den Krieg an der deutsch-deutschen Grenze zu beziehen und die Verteidigungsbereitschaft der Truppen herzustellen.

 

Die Strategie

Angesichts der politischen Lage waren die Militärstrategen überzeugt, dass es sich bei einem eventuellen militärischen Konflikt um einen Krieg zwischen NATO und WVO handeln würde.

Alle Arten strategischen Handelns waren gekennzeichnet durch den Einsatz der strategischen Raketentruppen und der strategischen Fliegerkräfte. Die Kampfhandlungen auf den Landkriegsschauplätzen sollten als Angriffs- und Verteidigungsoperationen der Landstreitkräfte und der Frontfliegerkräfte geführt werden. Der Schutz vor Kernwaffenschlägen des Gegners hätte die Form von Luftverteidigungsoperationen der Truppen der Luftverteidigung angenommen, hingegen wären die Kampfhandlungen auf See und ozeanischen Kriegsschauplätzen als Seeoperationen durchgeführt worden.

Wesentlich für die strategische Ebene war die exakt aufeinander abgestimmte Planung der Schläge und Operationen aller Teilstreitkräfte im Rahmen der strategischen Operation. Die Kampfhandlungen der Teilstreitkräfte basierten auf einer einheitlichen Idee, auf einem einheitlichen Plan und auf einer einheitlichen strategischen Führung, vom Generalstab in Moskau über die Oberkommandos der Kriegsschauplätze bis zu den Fronten.

Die WVO nahm an, dass die Kriegsziele durch die vereinten Anstrengungen aller Teilstreitkräfte bei Priorität der Landstreitkräfte erreicht werden würden. Das heißt aber nicht, dass selbstständige strategische Aufgaben für taktische und operative Verbände der Luftstreitkräfte, der Seestreitkräfte (Marine) oder der Truppen der Luftverteidigung ausgeschlossen wurden. Zu den wichtigsten Kampfarten gehörten die strategische Offensive, die Gegenoffensive und die strategische Verteidigung.

Die strategische Angriffsoperation war bis 1983 im Rahmen einer Frontoperation unter Teilnahme aller Teilstreitkräfte geplant worden. Als grundsätzliche Methode galt es, die gegnerischen Gruppierungen (Heeresgruppen und Korps) mit in die gesamte Tiefe der Operation reichenden Schlägen zusammenwirkender Armeen zu durchbrechen, den Gegner einzuschließen und nach Teilen zu vernichten. Dazu war es notwendig, die gegnerischen Armeegruppen (Heeresgruppen) im Gesamtstreifen durch mehrere starke Schläge aufzuspalten und den Angriff in parallelen oder exzentrischen Richtungen in die Tiefe zu entwickeln.

Diese Methode ermöglichte eine Operationsführung, die dem Gegner das Manövrieren erschwert hätte, weil er an seiner gesamten Front gebunden gewesen wäre. Die Kampfhandlungen hätten für den Durchbruch durch die gegnerische Verteidigung an mehreren Abschnitten gleichzeitig einen hohen Kräfteaufwand erfordert.

Die räumliche Dimension der strategischen Operation der 1. Front9) war durch das Territorium der Bundesrepublik Deutschland begrenzt. Allgemein herrschte die Ansicht, dass die Operationen der Front und der Armeen in ein oder zwei strategischen bzw. operativen Richtungen geführt werden können. Möglich war auch, mehrere in die Tiefe aufeinanderfolgende strategische Operationen durchzuführen.

Die Gegenoffensive galt als komplizierteste Art strategischer Handlungen. Sie konnte mit Kräften einer oder mehrerer Fronten zur Zerschlagung einer gegnerischen Angriffsgruppierung, zur Vereitelung einer gegnerischen Offensive und zur Einnahme wichtiger strategischer Räume oder Objekte geführt werden. Im Erfolgsfall sollte die Gegenoffensive in eine allgemein strategische Offensive übergehen. Letztere Option war noch in der 1983er-Planung beabsichtigt. In der Planung von 1985 war aber nur noch der Status quo zu erreichen. Ein Überschreiten der deutsch-deutschen Grenze war nicht mehr vorgesehen. Diese grundsätzlichen Überlegungen waren bereits eine Ankündigung des Paradigmenwechsels des sowjetischen Generalstabes, zugleich auch eine Vorausschau auf die Militärdoktrin von 1987. Sie standen im Zeichen der Abkehr von der Offensiv- zur Defensivstrategie der WVO.

Grundsätzlich wurde die strategische Verteidigung für eine zeitweilige Handlungsart gehalten, die erzwungen oder beabsichtigt angewendet werden konnte. Die Strategen gingen davon aus, dass eine strategische Verteidigungsoperation von mehreren Fronten geführt werden würde, die mit strategischen Fliegerkräften (Fernfliegerkräften), Truppen der Luftverteidigung und in Küstenrichtung durch die Seestreitkräfte (Flottenkräfte) zusammenwirken.

Die Verteidigungsoperation der 1. Front war durch das Territorium der DDR begrenzt. Im Gegensatz zu manchen Expertenauffassungen in der NATO war die Verteidigung immer bis ins Detail geplant worden, in der Absicht, den Angriff überlegener Kräfte zu vereiteln oder abzuwehren und ihnen erhebliche Verluste zuzufügen, wichtige Abschnitte des Geländes, Räume oder Objekte zu halten und dadurch günstige Bedingungen für den Übergang zum entschlossenen Angriff zu schaffen.10)

Die strategische Verteidigung gewann ab Mitte der 1980er-Jahre besondere Bedeutung, Standhaftigkeit und Aktivität. Mit starken beweglichen zweiten Staffeln, v.a. mit Panzertruppen und strategischen Reserven, wurde die Aktivität der Verteidigung beträchtlich gesteigert. Das war das Ergebnis des Umdenkens der Strategen in Moskau, das sich allmählich auch im Denken der Militärs der WVO durchsetzte.

Wegen der politischen, innenpolitischen und ökonomischen Lage in der WVO, vornehmlich in der DDR, plante der Oberkommandierende der 1. Front den vorderen Rand der Divisionen der 1. Staffel von 20 bis 40 km im Jahr 1983, in den nachfolgenden operativen Planungen der Jahre 1985/88 auf 20 bis 30 km bzw. 15 bis 25 km an die deutsch-deutsche Grenze vorzuverlegen.

Gründe dafür waren folgende: erstens die politische Absicht, einen Einbruch des Gegners in die DDR unmittelbar an der Grenze zur Bundesrepublik zu vereiteln, zweitens die NATO-Mitgliedstaaten davon zu überzeugen, dass die WVO keine Angriffsabsichten hegte, drittens, dass die Verteidigung so aufgebaut war wie die des Gegners, nämlich als Vorneverteidigung. Daraus hätten die Experten der NATO erkennen müssen, dass die WVO zwar die Sicherheit ihrer Teilnehmerstaaten zuverlässig gewährleistet, aber keine territorialen Ansprüche gegenüber den NATO-Mitgliedstaaten erhebt.

Im letzten Dezennium des Kalten Krieges hatten sich die theoretischen Ansichten zu den Arten der strategischen Operationen grundlegend geändert. Nur noch zu Beginn der Dekade wurden sie unter Voraussicht der strategischen Offensive geplant. Ab Mitte der 1980er-Jahre erhielt die strategische Verteidigung Priorität, die bis ins Detail geplant wurde. Um den Rahmen des Aufsatzes nicht zu sprengen, kann hier nur eine komprimierte Einschätzung gegeben werden.11)

 

Die Operative Kunst

Ausgehend von der strategischen Absicht des Oberkommandierenden der 1. Front waren die Armeeoperationen Bestandteil der Frontoperation. Die Verteidigung der NATO (Armeegruppen/Heeresgruppen) nahm die gesamte Tiefe des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland ein. Die Verteidigungsräume eines Korps des mutmaßlichen Gegners hatten eine Breite von 80 bis 150 km12) und eine Tiefe von 150 km und mehr.13) Das verlangte, den Armeen der 1. Front im Angriff weiträumige Aufgaben zu stellen.

Bei der Planung der Angriffsoperation einer Armee bis zum Jahre 1983 erhielt sie eine „Nächste“ und eine „Weitere Aufgabe“ gestellt. Die Nächste Aufgabe der Armee der 1. Staffel bestand gewöhnlich in der Zerschlagung des gegnerischen Korps und seiner Reserven. Sie hatte eine Tiefe von 100-150 km und war in drei Tagen zu erfüllen. Die Weitere Aufgabe der 5. Armee erstreckte sich über etwa 150 km und bestand in der Entwicklung des zügigen Angriffs in die Tiefe, in der Zerschlagung der nachkommenden Reserven des Gegners und in der Einnahme eines Abschnitts an der Westgrenze der Bundesrepublik Deutschland in fünf bis sieben Tagen. Der Angriffsstreifen einer Armee war in der Regel 50 bis 90 km breit, der der 5. Armee 55 km. Das mittlere Angriffstempo konnte 40 bis 50 km am Tag betragen. Dieses Angriffstempo galt auch für die Berechnung der Angriffsoperation der 5. Armee.

Besondere Aufmerksamkeit verdiente der Durchbruch durch die gegnerische Verteidigung. Für die Armeen wurden in der Regel ein bis zwei Durchbruchsabschnitte festgelegt. Dabei konnte die Armee einen Durchbruchsabschnitt bis zu 8 km, die Division einen bis zu 4 km befohlen bekommen. Der Durchbruchsabschnitt wurde in Richtung des Hauptschlages geplant, der sich in der Regel gegen die schwächste Stelle in der Verteidigung des Gegners richtete. Bei der operativen Planung 1983 erhielt die 9. Panzerdivision einen 4 km breiten Durchbruchsabschnitt.14) Der operative Aufbau (Gefechtsordnung) der Front, der Armee und der Division wurden in zwei Staffeln und einer Reserve geplant, wobei in der zweiten Staffel in der Regel Panzertruppen zum Einsatz kommen sollten. Als Reserve konnten Panzer-, mot. Schützen-, Artillerie-, Panzerabwehr- und Pioniertruppenteile bereitgestellt werden.

Der Kernwaffeneinsatz der strategischen Mittelstreckenraketen und der Fernfliegerkräfte war in allen Planungen unabhängig von den operativen Planungen der Armee detailliert geplant worden. Die Fronten mussten bereit sein, die Zerschlagung der gegnerischen Gruppierung mit Einsatz operativ-taktischer und taktischer Kernmittel zu vollenden. Der Einsatz von Kernwaffen hing jedoch davon ab, inwieweit der Gegner seine Option zum Erst­einsatz tatsächlich umzusetzen beabsichtigte. Deshalb bestand die Hauptanstrengung aller Aufklärungsdienste der WVO im frühzeitigen Erkennen der Gruppierungen der Kern- und chemischen Waffen sowie in der Bereitschaft, Schläge auf diese zu konzentrieren, um eine Überraschung zu vereiteln.15) Mit anderen Worten, um eigene Schäden und Verluste zu vermeiden, mussten die Teilstreitkräfte alles unternehmen, um dem Ersteinsatz der NATO zuvorzukommen.

Die Frage der Verhinderung eines Atomkrieges in Deutschland war aufs Engste an die Frage der Verhinderung eines Atomkrieges zwischen den USA und der UdSSR geknüpft. Keine Nation konnte sich effektiv gegen einen atomar gerüsteten Gegner schützen, sofern dieser Gegner beschlossen hätte, ohne Rücksicht auf eigene Verluste die betreffende Nation physisch oder als funktionsfähige moderne Gesellschaft auszulöschen.16)

Im Laufe der Angriffsoperation war den operativen Luftsturmtruppen und taktischen Luftlandetruppen eine wichtige Aufgabe zugewiesen worden. Sie sollten Kernwaffeneinsatzmittel des Gegners, Übersetzstellen, Brückenköpfe sowie Abschnitte und Räume von strategischer und operativer Bedeutung im gegnerischen Hinterland besetzen oder vernichten. Außerdem hatten sie den Hauptkräften der Front oder der Armee ein hohes Angriffstempo zu ermöglichen.

In der Theorie der Angriffsoperation wurde berücksichtigt, dass durch den möglichen Kernwaffeneinsatz ausgedehnte Zonen mit hoher Verstrahlung und gewaltigen Zerstörungen entstehen würden. Ihre Überwindung wäre eine unbekannte Größe und komplizierte Aufgabe geworden. Wenn Umgehungen zweckmäßig und auch möglich gewesen wären, hätte eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Begegnungsschlachten oder -gefechten durch anrückende gegnerische Reserven bestanden.

Durch den Kernwaffeneinsatz oder durch massierte Schläge mit konventionellen Waffen hatten sich die Methoden des Begegnungsgefechts geändert. Es wurde angenommen, dass es häufiger als im Zweiten Weltkrieg oder in lokalen Kriegen sowohl im Angriffsverlauf als auch im Verteidigungsgefecht sowie auf dem Marsch zu Begegnungsgefechten kommen würde. Deshalb wäre bei der Organisation des Gefechts besonderer Wert darauf gelegt worden, rechtzeitig die notwendigen Aufklärungs­angaben über den Gegner zu beschaffen und einen möglichen Zusammenstoß mit ihm frühzeitig vorherzusehen.

Das Begegnungsgefecht war durch schlagartige Lageänderungen, angespannten Kampf um die Erringung und Behauptung der Initiative, schnelle Handlungsabläufe, plötzliche Veränderungen der Gefechtsordnung, zügige Verstärkung der Anstrengungen aus der Tiefe, Entfaltung der Gefechtshandlungen auf breiter Front und durch Manövereinheiten bei beiderseitig offenen Flanken gekennzeichnet.17)

Unter diesen Bedingungen war der Einsatz neuer Elemente wie Armeefliegerkräfte, Luftlande- und Luftsturmtruppen berücksichtigt worden, außerdem operative Manövergruppen (OMG). Panzerdivisionen oder mot. Schützendivisionen konnten die Aufgaben als OMG der Front oder Armee erfüllen. Diese hatte allgemein die Aufgabe, den Angriff einschließlich von Streifzughandlungen zielstrebig in die operative Tiefe zu entwickeln. Dabei konnte sie vielfältige Aufgaben erfüllen, nämlich Kern- und chemische Waffen des Gegners vernichten, Flugplätze, Versorgungseinrichtungen und andere wichtige Objekte einnehmen, die Bewegungen der gegnerischen Reserven verhindern, zu Rückzugswegen vorstoßen und Schläge in die Flanke und den Rücken des Gegners führen. Ferner war sie in der Lage, die Truppenführung und die logistische Versorgung zu stören sowie wichtige Räume und Abschnitte des Gegners einzunehmen.

Gewöhnlich wurde die OMG durch Truppenteile der Artillerie (Selbstfahrende Artillerieeinheiten), der Luftabwehr, durch Luftlande- und Luftsturmeinheiten, Armeefliegerkräfte, Spezialtruppen und rückwärtige Diens­te (Logistik) verstärkt. Eine zusätzliche Unterstützung erhielten Manövergruppen durch Raketentruppen und Artillerie der Hauptkräfte, der Armeefliegerkräfte und Frontfliegerkräfte im Rahmen des zugeteilten Limits.18) Die Divisionen, die als OMG geplant waren, verfügten über besondere Einsatzgrundsätze, die hier nicht weiter dargelegt werden, weil dies den Rahmen dieses Beitrages überschreiten würde.

Wie bereits erwähnt, vollzog sich Mitte der 1980er-Jahre ein Wandel, ein Paradigmenwechsel im strategischen Denken. Nunmehr bestand die Absicht, auf dem Westlichen Kriegsschauplatz zur strategischen Verteidigung überzugehen und den vermeintlichen Angriff abzuwehren. Der grundlegende Unterschied des operativen Aufbaus (Gliederung) der Front und der Armeen bestand darin, dass sich die Stellungen der Hauptkräfte nicht mehr wie zuvor in der Tiefe befanden, sondern grenznah verlegt wurden. Eine solche Gruppierung erschwert ausgedehnte Manöver, Gegenschläge und Gegenangriffe waren nur noch im begrenzten taktischen und operativen Rahmen möglich.

Die Verteidigung stützte sich bis zum Ende des Kalten Krieges auf Kernwaffenschläge, diktiert vom Gegner, wie bereits erläutert wurde, und auf manöverreiche Handlungen der Truppengruppierungen. Nach meiner Auffassung wäre diese Art der Verteidigung einer zusammenhängenden Front charakteristisch für hohe eigene Verluste sowohl von Soldaten als auch der Bevölkerung gewesen, da die Truppen wegen des begrenzten Raumes der massiven Waffenwirkung des Gegners ausgesetzt worden wären, trotz umfangreicher Pioniersicherstellung, gemeint sind Feldbefestigungsanlagen, Stellungen, Deckungen, Unterstände u.a.m. Andererseits konnten die Folgen der Zerstörung der DDR so weit wie möglich auf die grenznahe Zone beschränkt bleiben. Letzteres ist unter Bewertung des Single Integrated Operation Plan (SIOP) und Atomic Strike Plan (ASP) der NATO aber eine sehr vage Einschätzung.

Deshalb war es folgerichtig, einen gegnerischen Angriff mit einer Gegenvorbereitung, auch als Feuergegenvorbereitung bezeichnet, zu vereiteln, die massierte Schläge der Raketentruppen, der Fliegerkräfte und der Artillerie mit konventionellen Mitteln einschloss.

Die Gegenvorbereitung musste sich auf die gesamte strategische und operative Tiefe des gegnerischen Raums ausdehnen, wobei sich die Hauptanstrengung auf die Vernichtung der Kernwaffeneinsatzmittel und der Hauptgruppierungen und Führungsstellen des Gegners hätte konzentrieren müssen. Folglich gewann die Aufklärung eine mitentscheidende Bedeutung. Besonderer Wert wurde auf die Aufklärung der Kernwaffeneinsatzmittel gelegt. Ebenso musste die Einwirkung des funkelektronischen Kampfes beträchtlich erweitert werden. Das Wesen des funk­elektronischen Kampfes bestand grundsätzlich darin, dem Gegner den Einsatz seiner Waffenleit- und Führungsmittel zu erschweren und die Wirkung der eigenen Mittel zu erhöhen.

Wegen der größeren Vernichtungswirkung von Kernwaffen sowie der höheren Feuer- und Stoßkraft des Gegners wurde der Pionierausbau der Verteidigungsstreifen, -abschnitte und -räume, die Ausbautiefe und der Ausbaugrad des Geländes gegenüber dem Zweiten Weltkrieg erheblich verstärkt. Das Bestreben, die Überlebensfähigkeit der Verteidigung zu steigern, führte zu einer wesentlichen Zunahme der Anzahl der Unterstände und Deckungen, der Wechsel- und der Scheinräume (-stellungen). Mit umfangreichen Mitteln und Methoden sollte die Widerstandskraft der Verteidigung gegenüber der gegnerischen Waffenwirkung verstärkt werden.

Seit Beginn der 1980er-Jahre wurde besonderer Wert auf die Ausbildung der Offiziere der Kommandos des Militärbezirks V in Neubrandenburg, der Führungsorgane und Truppen gelegt. Bei den monatlichen zweitägigen Stabsdienstausbildungen im Kommando, den quartalsmäßigen Kommandostabs- und den vielfältigen Truppenübungen im nationalen Rahmen oder im Koalitionsbestand wurden die parallele Arbeit und die gegenseitige Ersetzbarkeit konsequent praktiziert. Es wurden vielfältige Fragen der Operationsplanung durchgearbeitet, u.a. auch der schnelle Wechsel und die Übernahme der Führung von einem zum anderen Gefechtsstand19) trainiert.

 

Die Taktik

Durch die Weiterentwicklung der Kampftechnik, Bewaffnung und Ausrüstung erhöhten sich die Gefechtsmöglichkeiten der Verbände, Truppenteile, Spezialtruppen und Dienste. Die Feuerkraft und Beweglichkeit der Kernwaffenkomplexe wurden gesteigert, aber auch die Zielgenauigkeit erhöht;20) zweifellos hätten sie im Krieg das Hauptmittel zur Zerschlagung des Gegners werden können.

Die Waffenwirkung und der Panzerschutz der Kampftechnik wurden in den 1980er-Jahren verbessert, die Panzer verfügten über eine Waffenstabilisierungsanlage und waren mit einem stabilisierten Zielfernrohr sowie mit Laser-Entfernungsmesser ausgestattet. Die Motorleistung betrug beim Schützenpanzer BMP-2 300 PS

und beim Panzer T-72 bis 840 PS.21) Schützenpanzer und Panzer hatten Fahrbereiche von 450 und 650 km, die durchschnittliche Geschwindigkeit im Gelände und auf der Straße betrug zwischen 30 km/h und 50 km/h und erlaubte eine hohe Beweglichkeit auf dem Marsch und im Gefecht.

Die Panzer waren unterwasserfahrfähig, die Schützenpanzer schwimmfähig.22) Durch Einspritzen von Diesel in den Abgaskanal waren die Panzer in der Lage, Nebelwände zu legen. Alle Panzer und Schützenpanzer verfügten über eine automatische Kernwaffenschutzanlage. Nach meinen persönlichen Erfahrungen war die Panzertechnik sehr zuverlässig und gut zu bedienen. 1983 war ich als Kommandeur des Panzerregiments 23 (Standort Stallberg bei Eggesin), ausgestattet mit 94 Panzern T-72,23) bei einer Übung auf dem polnischen Übungsplatz Drawsko Pomorskie, eingesetzt. Durch den Oberkommandierenden der Nordgruppe, einen sowjetischen Armeegeneral, im Beisein des Ministers für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, und anderer Generäle der WVO wurde bei dieser gemeinsamen Übung das Zusammenwirken im Angriffsgefecht mit einem polnischen und einem sowjetischen Panzerregiment bewertet. Das Panzerregiment der NVA erzielte die besten Ergebnisse. Die Panzerschützen des Panzerregiments 23 trafen in der Regel mit der „1. Granate“.

Die Anforderungen an den Aufbau der Gefechtsordnung der Verbände und Truppenteile waren gestiegen. Sie mussten einerseits soweit wie möglich standhaft gegenüber Kernwaffeneinsätzen sein, anderseits einen wuchtigen Anfangsschlag und die Verstärkung der Anstrengungen im Verlauf der Kampfhandlungen gewährleisten. Deshalb erhöhte sich auch die Rolle der 2. Staffel, die grundsätzlich mit Panzern ausgestattet war. Sie sollten u.a. auch zur Ablösung von Truppenteilen der 1. Staffel eingesetzt werden, die durch gegnerische Feuerschläge erhebliche Verluste erlitten hatten.

Besondere Bedeutung erlangten Vorausabteilungen. Überwiegend mit Schützenpanzern BMP ausgestattet, spielten sie beim Überwinden von Wasserhindernissen, bei der Heranführung zum Durchbruchsabschnitt und bei zügigem Angriff in die Tiefe der gegnerischen Verteidigung eine wichtige Rolle. Als neues Element der Gefechtsordnung hatten sich taktische Luftlandetruppen herausgebildet. Hierfür konnten Soldaten der Luftlandetruppen herangezogen werden, aber auch mot. Schützeneinheiten, die von Hubschraubern abgesetzt werden sollten. Zu ihren Aufgaben gehörten die Vernichtung von Kernwaffeneinsatzmitteln und Einsätze im Rücken des Gegners, um die taktische Tiefe schnell zu durchbrechen und ein hohes Angriffstempo zu erreichen.

Die Massierung der Kräfte und Mittel in Richtung des Hauptstoßes behielt auch beim Einsatz von Kernwaffen ihre Gültigkeit. Aufgrund des engen Zusammenwirkens der Kampftruppe mit den Unterstützungstruppen der Land- und Luftstreitkräfte war eine präzise Planung und Gefechtsführung notwendig geworden.

Ausgehend von der Dynamik und der Beweglichkeit in den Gefechten beider Seiten war zu erwarten, dass die Anstrengungen schnell von einer Richtung in eine andere verlegt werden mussten, dorthin, wo sich der Erfolg abzeichnete. Ebenso war vorauszusehen, dass sich der Angriff in einzelnen Richtungen verzögern oder zeitweilig zum Erliegen kommen könnte.

Für den Fall, dass sich der Angriff ungünstig entwickeln oder gar eingestellt werden müsste, zum Beispiel wegen der Abwehr eines Schlages oder der sich abzeichnenden Überlegenheit des Gegners, wäre es notwendig geworden, zur Verteidigung überzugehen oder sich auf günstige Geländeabschnitte zurückzuziehen, um Kräfte zu sparen.

Nach damaligen Ansichten gingen die Truppenführer davon aus, dass sich der abgesessene Kampf vornehmlich zugunsten des aufgesessenen Kampfes auf Schützenpanzern im Zusammenwirken mit Panzern entwickeln würde. Lücken und Zwischenräume in der Gefechtsordnung waren zur Umfassung und Umgehung des Gegners, für Schläge in seine Flanken oder in seinen Rücken zu nutzen gewesen. Deshalb kam es darauf an, von den Truppenführern besonders Initiative und Eigenständigkeit zu fordern.

Freilich war den Kommandeuren bewusst, dass unter Einwirkung von Kernwaffen die Überwindung ausgedehnter aktivierter Zonen und Gefechtshandlungen im Gelände mit beträchtlichen Zerstörungen, verschiedenartigen Sperren und Hindernissen die Beweglichkeit und Manövrierfähigkeit der eigenen Truppen folgenschwer beeinträchtigen würden.

Anfang der 1970er-Jahre hatte ich als Kompaniechef einer Aufklärungskompanie einen „Sperrknoten“ auf dem Truppenübungsplatz Klietz, westlich von Rathenow, zwischen Havel und Elbe zu überwinden gehabt. Der Sperrknoten demonstrierte einen im Kernwaffenkrieg zerstörten Geländeabschnitt. Die Zerstörungen waren exorbitant, sodass ein Überwinden nur in Aufklärungstrupps und einzelnen Spähfahrzeugen möglich gewesen war, weil die Zeit drängte und das Vorausbataillon der Kampftruppe bereits in unmittelbarer Nähe folgte. Diese Handlungen hätten im Ernstfall im brennenden und aktivierten Gelände zweifellos zum Verlust der Kampfkraft der Truppe geführt.

Alle Erklärungen über den Charakter des „modernen“ Gefechts, über manöverreiche und entschlossen geführte Kampfhandlungen, über ein erhöhtes Angriffstempo, schnelle Handlungsabläufe u.a.m. waren irrwitzige Postulate. Als Leiter der operativen Abteilung habe ich 1985 auf Weisung des Chefs des Militärbezirks V in Neubrandenburg eine Stabsdienstausbildung mit dem Führungsorgan zum „1. Kernwaffenschlag“ geplant. Nach den theoretischen Berechnungen des Schlagabtauschs war die Kampfkraft der 5. Armee um mehr als 50% gesunken. Infolgedessen wurden die Kampfhandlungen eingestellt und alle Maßnahmen eingeleitet, um die Folgen des Kernwaffeneinsatzes zu beseitigen.

Auch die Dezentralisierung zwischen den Nachbarbataillonen und die Absicht, die Zwischenräume zu vergrößern, damit bei einer mittleren Detonationsstärke24) nicht zwei Stellungen gleichzeitig bekämpft werden, waren eher Bemühungen, die Vernichtungswirkung gegnerischer Kernwaffenschläge zu relativieren.

Grundlage der Vorbereitung und Durchführung der Verteidigung bildeten unverändert Schützengräben, Stellungssysteme und der Pionierausbau des Geländes. Ebenso grundsätzlich blieb die Konzentration auf die Behauptung der ersten und der weiteren Stellungen in der Tiefe der Verteidigung.

Besondere Kennzeichen waren u.a. die qualitative pioniertechnische Verstärkung des Geländes, die Weiterentwicklung der Feuerarten und des Feuersystems. Eine Stellung bestand aus mehreren in einem bestimmten Abschnitt angelegten Bataillonsverteidigungsräumen, die sich aus Kompaniestützpunkten zusammensetzten. Die Räume zwischen den Bataillonsverteidigungsräumen und Kompaniestützpunkten waren durch Sperren und Feuer zu sichern. Der Umfang des Pionierausbaus des Geländes hing von der vorhandenen Zeit und den erreichten Ausbaustufen und Ausbaugraden ab. Das Bestreben, die Überlebensfähigkeit der Verteidigung zu erhöhen, führte zu einer Zunahme der Unterstände und Deckungen, Wechselstellungen und Scheinräume.

Die Breite des Verteidigungsstreifens (-abschnitts) war abhängig vom Kampfbestand, vom Platz im operativen Aufbau (in der Gefechtsordnung), von den Geländebedingungen und den Forderungen an die Dezentralisierung der Truppenteile und Einheiten. Sie betrug für die Division der Armeen der 1. Front 30 bis 45 km, das Regiment 10 bis 15 km und für den Verteidigungsraum des Bataillons bis 5 km. Die Tiefe der Verteidigung der Division konnte 20 bis 25 km, die des Regiments bis zu 12 und die des Bataillons bis zu 3 km betragen.25)

Aufmerksamkeit galt der Anlage von so genannten Feuersäcken, die den Angriff des Gegners in die Tiefe und in Richtungen der Flanken verwehren sollten. Bei der Panzerbekämpfung gewannen die Artillerie, insbesondere die reaktive Artillerie, sowie die Panzerabwehrsysteme weiter an Bedeutung. Zugleich erhöhten sich die beweglichen Elemente wie Panzerabwehrreserven und Sperrabteilungen.26)

Alle diese Maßnahmen erlangten in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre eine besondere Beachtung. Die Überlegungen waren Grundlage der operativen Planungen und sollten im Ernstfall v.a. in der operativen und taktischen Ebene realisiert werden.

Wie schon erklärt, war die Gegenvorbereitung, an der sich die Raketentruppen, Fliegerkräfte, die Verbände und Truppenteile der Landstreitkräfte beteiligten, zu bewältigen. Diese Gegenvorbereitung war eine komplexe Feuereinwirkung auf den Gegner, sowohl mit Kernwaffen als auch mit konventionellen Waffen. Dazu gehörten die Fernverminung, Feuerschläge auf Zugänge zur Verteidigung, vor dem vorderen Rand und in der Tiefe der Verteidigung. Die Feuergegenvorbereitung wurde frühzeitig geplant und enthielt vorbereitete Schläge der Raketentruppen, Fliegerkräfte unter Einsatz von Raketen und Munition mit herkömmlicher Ladung, außerdem das Feuersystem der Panzerabwehrmittel im direkten Richten und das Feuer der mot. Schützen- und Panzertruppenteile und -einheiten.

Gravierende Bedeutung gewannen Gegenangriffe zur entschlossenen Zerschlagung des in die Verteidigung eingebrochenen Gegners. Gegenangriffe konnten aus verschieden Richtungen, aus den Flanken, aber auch frontal geführt werden.

Enorme Anspannung der Gefechtshandlungen, hohe Aktivität und ausgeprägter Bewegungscharakter waren typische Merkmale des Verteidigungsgefechts. Die Truppenführung, die Struktur der Führungsstellen, wurde vervollkommnet, sie war beweglicher geworden und gewährleistete die gegenseitige Ersetzbarkeit. Funk- und Richtfunkverbindungen wurden nunmehr zu den hauptsächlichen Nachrichtenverbindungen.

Die signifikanten Veränderungen in Vorbereitung und Durchführung von Kampfhandlungen stellten zugleich höhere Anforderungen an die Truppen, an ihre Erziehung sowie an die militärische, die technische, psychologische und physische Ausbildung.

Die entscheidende Rolle in der Operation und im Gefecht gebührte den Menschen, den Befehlshabern, Kommandeuren, Führungsorganen und Stäben, die die Vorbereitung und Durchführung der Operationen und Gefechte planten, und den Soldaten, die die Kampftechnik und Waffen zu beherrschen hatten.

Profunde Kenntnisse und besondere Eigenschaften wurden von den Kommandeuren aller Ebenen verlangt. Sie waren verpflichtet, sich schnell in der Lage zurechtzufinden, zweckmäßige Entschlüsse zu fassen, die Aufgaben rechtzeitig zu stellen und deren Erfüllung durchzusetzen. Von ihnen war nicht nur Mut und Initiative gefordert, sondern auch Besonnenheit und Entschlossenheit.27)

Über viele Jahrzehnte hinweg erfüllten die Soldaten der NVA ihren Verfassungsauftrag und leisteten einen außerordentlichen Beitrag zur Bewahrung der äußeren Sicherheit der DDR. Die NVA war integrierter Bestandteil der Militärorganisation des Warschauer Vertrages und trug zur Abwehrbereitschaft nach dem Prinzip minimaler Hinlänglichkeit im Verteidigungsbündnis bei, wovon die Mehrheit ihrer Soldaten überzeugt war.

Grundlagen der Truppenführung

Unter Truppenführung wurde im Wesentlichen die zielgerichtete Tätigkeit der Kommandeure, Stäbe und anderer Führungsorgane zur Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft der Truppe, zur Vorbereitung auf das Gefecht und zu ihrer Führung bei der Erfüllung der Aufgabe verstanden. Der Erfolg des Gefechts war, ist und bleibt vom qualitativen Zustand der Truppenführung abhängig. Eine geschickte Führung der Verbände, Truppenteile und Einheiten begünstigt die Zerschlagung des Gegners mit geringsten Eigenverlusten und die erfolgreiche Lösung von Gefechtsaufgaben in kurzer Zeit.

Weiterentwicklung der Truppenführung

Generationen von Offizieren haben sich mit der Theorie und Praxis der Truppenführung befasst. Sie entwickelte und vervollkommnete sich in dem Maße, wie sich die Bewaffnung und Kampftechnik, die Struktur der Truppen und die Methoden der Kampfführung veränderten.

Das Aufkommen neuer Waffengattungen und Spezialtruppen in den Landstreitkräften und ihre wachsende Bedeutung für den Erfolg im Gefecht erforderte die Einbeziehung der Chefs und Leiter der Waffengattungen und Spezialtruppen in den Planungs- und Führungsprozess. Die Führungsorgane erhielten als Ausrüstung immer effizientere technische Beobachtungs-, Führungs-, Nachrichten- und andere Mittel. Das ermöglichte ihnen, Führungsaufgaben unter den komplizierter gewordenen Bedingungen der Gefechtsführung erfolgreich zu lösen und die Methoden der Truppenführung bei der Vorbereitung und im Verlauf des Gefechts ständig zu vervollkommnen.

Unter den damaligen, aber auch heutigen Bedingungen ist die Truppenführung ein komplizierter Prozess, an dem v.a. die Truppenführer und Stäbe beteiligt sind. Um den Rahmen dieses Beitrages nicht zu sprengen, kann ich hier nicht auf weitere Details der Truppenführung in der WVO eingehen. Dennoch möchte ich aus der „Praxis für die Praxis“ einige wenige persönliche Schlussfolgerungen ziehen.

Trotz der Weiterentwicklung moderner technischer Mittel und deren Einführung in die Truppe wird Bewährtes bleiben. Dazu gehört beispielsweise die Reihenfolge der Arbeit des Befehlshabers oder des Kommandeurs zur Planung der Operation oder des Gefechts. In allen Fällen müssen die Truppenführer und Stäbe unabhängig von der Methode die gesamte Arbeit so durchführen, dass sie rechtzeitig beendet ist und die meiste Zeit den Verbänden, Truppenteilen und Einheiten für die Vorbereitung und die Erfüllung der Aufgabe zur Verfügung steht.

 

Führungsphilosophie

Unverändert werden die Arten der Operation und des Gefechtes sowie die Einsatzgrundsätze der Lage angepasst bestehen bleiben. Tatsache ist, dass die Vorschriften der U.S. Army und jene der Landstreitkräfte der WVO prinzipiell übereinstimmten. Davon zeugt die im Jahre 1982 herausgegebene Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte der Sowjetarmee, die sich in der Gefechtsvorschrift (DV 046/0/001) der Landstreitkräfte der NVA widerspiegelte, wobei die US-Heeresdienstvorschrift FM 100-5 von 1986, aber auch die von 1982, eher als „Handbuch“ bezeichnet werden können, was aber ihren Inhalt keineswegs schmälert. Es sind hervorragende Dokumente der Zeitgeschichte, die trotz allem bei der Erarbeitung der Heeresdienstvorschrift Truppenführung HDv 100/100 der Bundeswehr von 198728) keine Beachtung fanden.

Erst zehn Jahre später sind der HDv 100/100 Teile hinzugefügt worden, u.a. der Teil C „Truppenführung im Kampf“, der sich mit Führungsbegriffen, Erscheinungsformen bewaffneter Konflikte, Führungsgrundsätzen, mit der operativen Führung und taktischen Führung befasst. Diese Vorschrift ist aber nur als „Entwurf“ herausgegeben worden.29) Ursachen für das langwierige Prozedere in der Bundeswehr war die zeitaufwendige Mitzeichnungsprozedur, wobei Kommentare von unterschiedlichen Stellen angeboten wurden, die eher zu Unstimmigkeiten führten, als dass sie dem Wesen der zu verfassenden Dienstvorschrift entsprachen.

Wichtig erscheint mir, dass die Führungsgrundsätze und Prinzipien der Truppenführung beherrscht werden müssen, weil sie auch zukünftig nicht an Bedeutung verlieren werden. Sie müssen verstanden, richtig eingeordnet und unter Einsatzbedingungen klug angewendet werden. In der NVA gab es Vorschriften für die taktische Ebene, beispielsweise die Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, DV 046/0/001.30) Sie war auf die Ebenen Division, Brigade und Regiment optimiert. Freilich konnte sie auch in der operativen Ebene Anwendung finden, weil die militärischen Grundsätze für die Erfüllung taktischer und operativer Aufgaben prinzipiell gleich sind. Bei einer nachhaltigen Ausbildung des Offizierkorps, wie sie in der NVA Usus war, der Vermittlung theoretischer und praktischer Kenntnisse, sind die Voraussetzungen für ihre Professionalität gegeben. Nachfolgend kam es darauf an, in der fortlaufenden Ausbildung und bei Übungen die Prinzipien der Vorbereitung und Durchführung von Kampfhandlungen kreativ auf den Führungsebenen umzusetzen.

Kenntnisse über die operative und strategische Ebene erhielten die Offiziere der NVA vornehmlich durch den Besuch der Militärakademien in der DDR oder in der Sowjetunion sowie in so genannten akademischen Kursen an den Militärakademien. Die Mehrzahl der Dienstvorschriften in der WVO basierte auf sowjetischen Vorschriften. Sie waren stringent, abstrakt genug und kompatibel, was die Qualität einer gemeinsamen Truppenführung gewährleistete.

Hervorzuheben war die einheitliche Systematik und Terminologie, die die Zusammenarbeit in der Ausbildung, bei Übungen und im Ernstfall erleichterte. Vor diesem Hintergrund war die Anforderung an die Qualität der „Dokumentenlandschaft“ in der NVA hoch, aber noch überschaubar. Ein Fortbestand an der Parallelität nationaler Vorschriften wie in der NATO, möglicherweise noch mit unterschiedlicher Terminologie und taktischen Zeichen, erscheint problematisch. Auch der Rückgriff auf NATO-Doktrinen hilft nicht wirklich weiter, da sie weder die taktische noch die operative Ebene einbeziehen. Hinzu kommt das Problem der Übersetzungen, weil sie oft, trotz bester Absicht, die gewünschte Übereinstimmung mit der Originalsprache vermissen lassen.

Diese eigentümliche Problematik in der NATO wurde in der WVO zugunsten sowjetischer Dienstvorschriften geregelt. An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass die Begriffshierarchie, die Führungsgrundsätze sowie die allgemeinen Aufgaben in der Vorbereitung und Durchführung von Operationen und Gefechten in den Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages identisch waren. Da die meisten NVA-Dienstvorschriften reine Übersetzungen der sowjetischen Vorschriften waren, gibt es gegenüber der Bundeswehr-Terminologie Unterschiede. Grund dafür ist, dass die Terminologie der Bundeswehr, die sich auf die der ehemaligen Wehrmacht stützt, nunmehr durch Amerikanismen und Anglizismen beeinflusst ist.

Die Zukunft wird zeigen, inwieweit bei der Erstellung und Überarbeitung von NATO-Dokumenten deutsche Positionen beachtet werden. Bis zum Ende des Ost-West-Konflikts fanden Inhalte der US-Heeresdienstvorschrift FM 100-5 (Einsatzgrundsätze) aber keine Berücksichtigung in der entsprechenden Heeresdienstvorschrift HDv 100/100 der Bundeswehr. Insofern war eine stringente, ebenengerechte und streitkräftegemeinsame Truppenführung, v.a. wegen der Multinationalität der NATO-Mitgliedstaaten und dem unterschiedlichen Führungsverständnis, fragwürdig.

Die gravierenden Veränderungen in den Methoden des Kampfes31) stellten neue, höhere Anforderungen an die Truppen, v.a. an ihre

- Ausbildung, Erziehung und Disziplin,

- moralische und psychologische Vorbereitung,

- militärtechnische und physische Ausbildung.

Die entscheidende Rolle in der Ausbildung, bei Übungen und im Ernstfall gebührt den Menschen, die planen, führen, die Waffen, die Kampftechnik beherrschen und bereit sind, ihre Pflicht zu erfüllen. Die Vorgesetzten aller Führungsebenen haben deshalb die Aufgabe, ihre Unterstellten in die Lage zu versetzen, den Anforderungen des militärischen Ernstfalls entsprechen zu können. Sie sind verpflichtet, sich in einer schlagartig ändernden Lage schnell zurechtzufinden, zweckmäßige Entschlüsse zu fassen, die Aufgaben frühzeitig zu stellen und ihre Erfüllung durchzusetzen. Hochgesteckte Ziele, die Mut, Besonnenheit, Entschlossenheit, Initiative, profunde Kenntnisse und Verantwortung für die Erfüllung der Aufgabe fordern, v.a. aber Verantwortungsbewusstsein für die anvertrauten Soldaten. In diesem Zusammenhang handelt die militärische Führung nach sozialpsychologischen Grundsätzen, deshalb hat das persönliche Beispiel im Frieden und im Krieg auch weiterhin außerordentliche Bedeutung für die Erfüllung des Auftrages.

 

Erfahrungen und Erkenntnisse

Für die 1980er-Jahre ist zu berücksichtigen, dass sich bei den Bekämpfungsmitteln v.a. das Verhältnis von Reichweite, Vernichtungswirkung, Feuergeschwindigkeit und Treffgenauigkeit weiter verbessert hatte. Die Tendenz bestand darin, mit Hilfe von Waffensystemen die Waffenwirkung durch höhere Präzision zu steigern.

Die präzise und effektive Bekämpfung auf große Entfernung hatte zum Ziel, bereits vor Beginn und dann im Verlauf der Operationen und der Gefechte dem Gegner in der Bekämpfung durch Feuer sowie in der Entfaltung der Kräfte und Mittel zur Anwendung und Ausnutzung der Kernwaffen- und Feuerschläge zuvorzukommen.

Dabei gewann die frühzeitige und gründliche Aufklärung der gegnerischen Aufklärungs- und Waffenleitsysteme, der Feuermittel und der Hauptgruppierung bereits im Frieden, lange vor Beginn der Operation und der Gefechte, entscheidende Bedeutung. Nur auf diese Weise war das Hauptziel der Kampfhandlungen beliebigen Ausmaßes erreichbar und ein Kräfteverhältnis zu schaffen, das den „Sieg“ über den Aggressor gewährleistet.

Dazu waren sowohl die Ausstattung der Streitkräfte mit verbesserter oder neuer Technik und Bewaffnung, die hinsichtlich ihrer Leistungsmöglichkeiten den Erfordernissen entsprachen, als auch die Modernisierung der vorhandenen Waffen und technischen Mittel zwingend.

Die Kampfhandlungen wären mehr denn je durch Teilnahme von Kräften und Mitteln aller Teilstreitkräfte, Warengattungen,32) Spezialtruppen33) und Dienste34) sowie deren enges Zusammenwirken charakterisiert worden. Neue Waffensysteme und Kampftechnik, der Einsatz operativer Manövergruppen der Front und der Armeen, von Luftlande- und Luftsturmtruppen sowie Armee- und Frontfliegerkräften stellten neue Anforderungen an die Vorbereitung und Führung moderner Operationen.

Im Falle des Einsatzes von Kernwaffen durch die NATO bestand die Hauptmethode der Handlungen darin, Truppengruppierungen sowie militärisch wichtige Objekte des Gegners auf dem Kriegsschauplatz in der gesamten Tiefe seiner Aufstellung durch Kernwaffen gleichzeitig zu bekämpfen und nachfolgend den Gegner durch Kampfhandlungen vollends zu zerschlagen.

Wegen der Fähigkeiten der NATO mussten die Streitkräfte der WVO auf die erfolgreiche Erfüllung der taktischen, operativen und strategischen Aufgaben im Kriegszustand vorbereitet sein. Demzufolge mussten sie bereit und fähig sein, in kürzester Zeit, direkt aus den Standorten und Basisräumen heraus, Operationen bzw. Gefechte zu beginnen.

Am besten wurde dem entsprochen, wie Überprüfungen der Gefechts-, Führungs- und Mobilmachungsbereitschaft im Verantwortungsbereich der 5. Armee zeigten, wenn die Varianten der Überführung vom Frieden in den Kriegszustand und des Eintritts in den bewaffneten Kampf beherrscht wurden. Das wiederum setzte die detaillierte Beurteilung des Gegners und der Besonderheiten des Operationsgebietes voraus, worauf sich die operativen Aufgaben der Verbände und Truppenteile der 5. Armee ergaben.

All das war verbunden mit der Schaffung solcher Organisationsformen, die ein Optimum an Gefechtsmöglichkeiten, an zweckmäßiger Führung, an organisiertem Zusammenwirken sowie technischer und rückwärtiger Sicherstellung (Logistik) ermöglichten.

Dies erfolgte v.a. in der Ausbildung und bei Übungen im nationalen und im Koalitionsrahmen. Je besser die Truppen-, Flieger- und Flottenkräfte, Stäbe, Befehlshaber und Kommandeure in der Ausbildung und bei Übungen auf vielfältige Lagebedingungen vorbereitet sind, umso erfolgreicher können sie Kampfhandlungen beliebigen Ausmaßes führen.

Zu den charakteristischen Merkmalen der Kriegskunst der 1980er-Jahre gehörten:

- der angespannte Kampf um die Erringung und Behauptung der Initiative sowie der Luft- und Seeherrschaft,

- die gleichzeitige Führung von Angriffs- und Verteidigungsoperationen besonders zu Beginn des Krieges,

- die wechselseitige und entscheidende Veränderung der Kräfteverhältnisse,

- das Fehlen durchgehender Frontverläufe,

- das fortwährende Entstehen komplizierter Situationen durch Gefechtsverluste, begrenzte Vorräte, fehlende Kampferfahrungen oder unerwartete Anwendung neuer Waffen und unbekannter Handlungsverfahren durch den Gegner.

Notwendig war, stets einen entsprechenden Vorlauf für hohe Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft zu schaffen. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Befehlshaber, Kommandeure und Stäbe. Von ihnen wurden bereits im Frieden hohe Beweglichkeit und rasches Handeln sowie operative und taktische Fähigkeiten verlangt, um die Truppen, Flieger- und Flottenkräfte für die erfolgreiche Erfüllung operativer und taktischer Aufgaben im Kriege intensiv zu erziehen und auszubilden.

Die operative Ausbildung und die Gefechtsausbildung boten vielfältige Möglichkeiten, den Veränderungen in der operativen Kunst und Taktik sowie den Methoden der Führung von Operationen und Gefechten weitgehend gerecht zu werden.

Die 5. Armee der NVA vervollkommnete Formen und Methoden des operativen und taktischen Einsatzes der Truppen unter Berücksichtigung der zu erwartenden Kampfhandlungen, die dem damaligen Charakter des Krieges und den konkreten Fähigkeiten des Gegners entsprachen.

Die Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft35) der NVA als Koalitionsarmee im Warschauer Vertrag war maßgeblich von ihren militärischen Führungskräften bestimmt, wie sie in der Lage waren, die theoretischen Grundsätze und Fragen v.a. der operativen Kunst und Taktik praktisch in der Truppenführung und Stabsarbeit sowie in der Erziehung und Ausbildung kreativ anzuwenden. In diesem Sinne hatte die NVA nach ihren Möglichkeiten zur Bereicherung der Kriegskunst der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages beigetragen.36)

 

Folgerungen

25 Jahre nach Ende des Ost-West-Konflikts sieht sich die Bundeswehr heute von anderen Konfliktformen bedroht. Krieg ist ein Zusammentreffen unterschiedlicher Akteure und Interessen. Die Grenzen zwischen den Konfliktparteien verschwinden. Kriege bzw. militärische Konflikte finden in den Medien statt, begleitet von verzerrter Berichterstattung und Propaganda. Dadurch ist eine zutreffende Lagebeurteilung von außen schwierig bis unmöglich geworden.

All das ändert nichts an der Forderung zur unverminderten Befähigung der Truppen zum Kampfeinsatz. Das bundesdeutsche Heer hat ein Aufgabenspektrum zu erfüllen, das von der Unterstützung des Wiederaufbaus über Konfliktverhütung bis hin zu Operationen der verbundenen Kräfte reicht. Von der Truppe wird erwartet, dass sie über die erforderlichen Fähigkeiten verfügt. Dessen ungeachtet müssen die Truppenführer auch zukünftig zur Schwerpunktbildung, beweglichen Operationsführung, Anwendung der Initiative und der Überraschung sowie zur rechtzeitigen Nutzung von Reserven in der Lage sein.37)

Die Ausbildung der Truppenführer und die Anwendung der Führungsprinzipien werden zunehmend im multinationalen Kontext stattfinden. Wobei die Vorbereitung der Truppen weitgehend von den politischen Entscheidungsmechanismen beeinflusst wird, was für die Verbände, Truppenteile und Einheiten einen enormen Planungsdruck bedeutet. Den Kern der Kampfkraft bilden unverändert befähigte Truppenführer und hoch motivierte Truppenkörper.

Diese Fähigkeiten und Eigenschaften sind nicht neu. Auch wenn der Einsatz von gestern nicht dem von heute entspricht, sind bewährte Einsatzgrundsätze und -verfahren zu verinnerlichen. Die Erfüllung von Kernaufgaben im Kampf lässt sich nicht durch „Computerspiele“ beeinflussen. Truppen müssen Märsche durchführen, kämpfen, das Zusammenwirken organisieren können und erfolgreich sein, dafür sind moderne Führungsmittel sehr hilfreich. Trotzdem sollten sich die Truppenführer vergegenwärtigen, dass sie im Ernstfall oft auf sich und ihre Leute allein gestellt sein werden. Deshalb müssen sich die militärischen Führer auf Bewährtes stützen und sich wieder auf ihre Kernfähigkeiten besinnen.

Resümee

Als Berufsoffizier habe ich in beiden deutschen Armeen mehr als vierzig Jahre gedient und als Vertreter in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland hoheitliche Aufgaben wahrgenommen. Dabei musste ich feststellen, dass der in den 1980er-Jahren erfolgte strikte Wandel im operativ-strategischen Denken der General-/Hauptstäbe der WVO weder der Öffentlichkeit noch den Militärexperten der NATO-Mitgliedstaaten bekannt geworden ist, vielleicht auch nicht bekannt werden sollte.

Für die NVA kam es darauf an, ein möglichst breites Spektrum an militärischen Fähigkeiten vorweisen zu können, um der Politik eine Vielzahl an Handlungsoptionen anzubieten und die Herausforderungen zu antizipieren, denen sie sich aufgrund sicherheitspolitischer Entwicklungen im Rahmen ihres Bündnisses stellen musste.

Hinsichtlich der konzeptionellen Weiterentwicklung der militärischen Fähigkeiten, hier am Beispiel der 5. Armee dargestellt, ist zu konstatieren, dass die Führungsorgane und Truppen den damaligen Forderungen an Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft im Bündnis gerecht wurden und nachweisbare Ergebnisse erzielt haben.

Wer sich mit der Genese der Kriegskunst der Warschauer Vertragsorganisation im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges auseinandersetzt, sollte darlegen, was ihn zur Wahl dieser Thematik veranlasst hat. Dafür gibt es meines Erachtens nur eine Erklärung, nämlich die Absicht, die Dimensionen eines möglichen Krieges im ausgehenden 20. Jahrhundert zu charakterisieren, der schließlich auch durch die Vernunft der Bürger im Ostblock und ihrer Eliten verhindert wurde.

Während des Ost-West-Konflikts gab es unterschiedliche Kriegsbilder. Allein in den 1980er-Jahren hatte sich das Kriegsbild in der WVO mehrmals geändert. Bis 1983 waren die Streitkräfte der WVO bereit, Schläge des vermeintlichen Gegners in einer Verteidigungsoperation abzuwehren, Gegenschläge zu führen und mit nachfolgenden Kampfhandlungen zum Angriff überzugehen und den Gegner auf seinem Territorium vernichtend zu schlagen. Ab 1985, also schon vor der Militärdoktrin der WVO von 1987, sollten die Kampfhandlungen mit begrenztem Ziel durchgeführt werden. Das Überwinden der deutsch-deutschen Grenze war nicht mehr Gegenstand der operativen Planung. 1988 reduzierte das östliche Bündnis seine Angriffsfähigkeit und verfolgte nunmehr das Ziel, im Falle eines militärischen Konflikts im Rahmen einer Verteidigungsoperation lediglich den „Status quo ante“ wiederherzustellen.

Auch wenn es unterschiedliche Auffassungen zur damaligen Kriegsgefahr gibt, konnte niemand den Kriegsfall ausschließen. Den Eliten in Politik und im Militär beider Militärblöcke war sehr wohl bewusst, dass jede Art des Krieges, ob mit oder ohne Kernwaffen geführt, die Vernichtung Deutschlands und der gesamten europäischen Zivilisation einschließen würde. Deshalb hatte der Krieg als prinzipielle Fortsetzung der Politik seinen Sinn verloren. Ein selbstmörderischer Nuklearkrieg kann kein Mittel sein, um politische, wirtschaftliche, ideologische oder wie auch immer geartete Ziele zu erreichen.38) Daher war für beide Seiten spätestens seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre der Erhalt des Friedens in Europa alternativlos. Folgerichtig ist, das Denken in militärischen Kategorien zur Lösung von Konflikten generell infrage zu stellen.

Militärs stehen unter immanenten Zwängen. Sie folgen dem Auftrag, ihren Beitrag zur Bewahrung der äußeren Sicherheit des Staates bzw. der Koalition zu leisten. Deshalb kommen sie nicht umhin, zur Aufrechterhaltung der Abwehrbereitschaft nach dem Prinzip militärischer Hinlänglichkeit im Verteidigungsbündnis beizutragen.

Angesichts der Ungewissheit über den Beginn und den Verlauf einer militärischen Konfrontation haben sie die originäre Pflicht, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten. Ich bin der Überzeugung, dass keine Seite einen Atomkrieg gewinnen kann, was aber lokale Kriege nicht ausschließt.

Es besteht die unausweichliche Forderung, dass die Sicherung des Weltfriedens allein durch politische Schritte geschieht.39) Aus der Kriegskunst und aus dem modernen Kriegsbild kann die prinzipielle Lehre gezogen werden, nämlich dass jeder Krieg, wo und gegen wen auch immer, unbedingt vermieden werden sollte. Es zeigt sich, dass die Kriegsfolgen, die „Experten“ erwägen, meist der Realität widersprechen. Denken wir nur an die ungelösten Flüchtlingsprobleme dieser Tage.

Aus den in den 1980er-Jahren vorhandenen, mit dem Ziel der gegenseitigen Abschreckung unterhaltenen militärischen Potenzialen, v.a. in Europa, resultierte ein gleiches Maß an existenzieller Unsicherheit für beide Seiten. Ein Versagen der Abschreckung gleich welcher Art, politisch, militärisch oder auch technisch, hätte ein Umschlagen der bestehenden militärischen Konfrontation in einen Krieg zwischen NATO und WVO verursachen können, der jederzeit möglich gewesen wäre. Folglich war es notwendig geworden, vom militärisch nicht mehr zu sichernden Frieden zu einem System der entmilitarisierten Sicherheit überzugehen. Das aber ist bis heute eine Vision geblieben.40)

Möge dieser militärhistorische Rückblick Anlass zu weiterführenden Überlegungen geben. Eine Verpflichtung, der ehemals verantwortliche Militärs nachkommen sollten, durchaus kritisch, aber konstruktiv. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass mein Beitrag über das strategische, operative und taktische Denken in der WVO als Erweiterung des militärischen Wissensschatzes toleriert wird.


ANMERKUNGEN:

1) Vgl. Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost), S.8-9.

2) Field Manual No. 100-5 (FM 100-5), Headquarters, Department of the Army, Washington, D.C., 5 May 1986, Chapter 2, Pages 9-11.

3) Nach sowjetischer Terminologie werden Verbände in taktische, operativ-taktische und operative Verbände unterteilt. Bei den Landstreitkräften wird häufig eine zusätzliche Unterteilung in allgemeine taktische Verbände verwendet. Allgemeine taktische Verbände sind mot. Schützen- und Panzerdivisionen, taktische Verbände aller Teilstreitkräfte sind Divisionen und Brigaden der Waffengattungen und Spezialtruppen. Operativ-taktische Verbände sind Korps und Flottenbasen (z.B. Armeekorps, Panzerkorps, Luftverteidigungskorps u.a.). Operative Verbände sind Armeen bzw. Flotten (u.a. Panzerarmeen, Luftarmeen). Während die taktischen und operativ-taktischen Verbände Gefechtsaufgaben (Gefechte) durchführen, werden die operativen Verbände zur Lösung von operativen Kampfaufgaben (Operation) eingesetzt, Vgl. Militärlexikon, Berlin (Ost) 1973, S.385.

4) Vgl. Militärlexikon, Berlin (Ost) 1973, S.192-193. Wassili G. Resnitschenko: Taktik, Berlin (Ost) 1988, S.11-12. Field Manual No. 100-5 (FM 100-5), Headquarters, Department of the Army, Washington, D.C., 5 May 1986, Chapter 1, Pages 1-2.

5) U.S. Army Training and Doctrine Command (TRADOC), Fort Monroe, and Headquarters Department of the Army, Washington D.C., in Field Manual No. 100-5 (FM 100-5), Washington, D.C., 5 May 1986, Chapter 2, Page 9.

6) Vgl. Militärlexikon, Berlin (Ost) 1973, S.253.

7) Die „OKA“ war der modernste Raketenkomplex, der in der NVA verwendet wurde. Dieser Komplex war auf einem einzigen Fahrzeug untergebracht. Das Personal brauchte beim Start der Rakete das Fahrzeug nicht zu verlassen. Die abgefeuerte Rakete konnte noch während des gesamten Fluges gelenkt, gegebenenfalls auch auf ein neues Ziel umprogrammiert werden. Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.94.

8) Im Verteidigungszustand bzw. im Kriegsfall wäre aus dem Bestand der Hauptkräfte des Militärbezirks V (Neubrandenburg) eine Feldarmee formiert worden. Die Feldarmee mit der Bezeichnung „5. Armee“ wäre führungsmäßig dem Oberkommandierenden der aus der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) zu bildenden 1. Front unterstellt worden. Vgl. Siegfried Lautsch: Zur operativen Einsatzplanung der 5. Armee der NVA im Rahmen einer Front der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Vertragsorganisation in den 1980er Jahren. In: Rüdiger Wenzke (Hrsg.): Die Streitkräfte der DDR und Polens in der Operationsplanung des Warschauer Paktes, Potsdam 2010, S.37-38.

9) Die Front war die die höchste Gliederungsform der sozialistischen Koalitionsstreitkräfte. Unter Front verstand die sowjetische Kriegskunst eine operativ-strategische Vereinigung von Teilstreitkräften, die mit Übergang vom Friedens- in den Kriegszustand gebildet und zur Erfüllung operativ-strategischer Aufgaben bestimmt wurde. Zum Bestand der 1. Front gehörten sechs sowjetische Armeen, darunter eine Luftarmee, sowie zwei aus den ostdeutschen Streitkräften gebildete Armeen der NVA. Ebda. S.35-36.

10) DV 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, Berlin (Ost) 1983, S.235.

11) Weitere Informationen zu diesem Thema kann der Leser im Buch des Autors: Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, erhalten.

12) Normative nach Erkenntnissen der NVA-Aufklärung. Breite des Verteidigungsstreifens: US 80-150 km, GE 60-120 km, GB 60-80, B/FR/NL 50-80 km.

13) Tiefe des Verteidigungsstreifens: US 150 km u. mehr, GE/B/NL 80-140, GB/FR bis 140 km. Der Sicherungsstreifen aller NATO-Korps hatte eine allgemeine Tiefe von 10-60 km.

14) Der 9. Panzerdivision standen nach meiner Berechnung unter Berücksichtigung möglicher Verluste vor Einführung in das Gefecht von 20% 207 Panzer, 166 Schützenpanzer, 122 Rohre Artillerie und 103 FlA-Mittel zur Verfügung. Das entsprach einer Dichte je Frontkilometer von 52 Panzern, 42 Schützenpanzern und 31 Rohren Artillerie (die Anzahl der Artillerierohre hätte sich bis auf 140 Rohre erhöht, wenn der Befehlshaber die Armeeartilleriegruppe (AAG) und Armeegruppe der reaktiven Artillerie (AGRA) zusätzlich in diesem Abschnitt eingesetzt hätte. Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Potsdam 2013, S.136.

15) DV 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, Berlin (Ost) 1983, S.359.

16) Carl Friederich von Weizsäcker, Hrsg.: Kriegsfolgen und Kriegsverhinderung, München 1971, S.5 und 8.

17) DV 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, Berlin (Ost) 1983, S.221-234. B.W. Panow (Leiter Autorenkollektiv): Geschichte der Kriegskunst, Berlin (Ost) 1987, S.531-532.

18) DV 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, Berlin (Ost) 1983, S.180-181.

19) In der 5. Armee war die ständige Führung vom Vorgeschobenen Gefechtsstand, Gefechtsstand der luftbeweglichen Führungsstelle des Befehlshabers, dem Wechselgefechtsstand und der Rückwärtigen Führungsstelle gewährleistet.

20) Raketenbrigade 5, Einführung der 9M714 „OKA“, Raketenkomplex 9K714 (SS-23) September 1985. Die „OKA“ war der modernste Raketenkomplex, der in der NVA verwendet wurde. Dieser Komplex war auf einem einzigen Fahrzeug untergebracht, während für den Start z.B. einer Pershing-II-Rakete diverse Technik erforderlich war. Die Raketenversionen der Raketenkomplexe [Nuklearsprengkopf, Kassetten (Bomblets)] hatten unterschiedliche Reichweiten von 300-480 km. Auch die Sprengkraft war verschieden, bekannt waren 10, 100 und 200 kt. Ich vermute, dass es auch eine Version von 500 kt gab, weil bei der Zielplanung des 1. Kernwaffenschlages 1983 das 129 Raketenartilleriebataillon des niederländischen Korps und das 650 Raketenartilleriebataillon des Jütländischen Korps mit Raketen der 5. RBr mit 500 kt vernichtet werden sollten.

21) Mittlerer Panzer T-72: Bewaffnung 125-mm-Kanone (stabilisiert), 7,62-mm-Turm-MG, 12,7-mm-Fla-MG, Kampfsatz 44 Granaten, Besatzung 3, Gefechtsmasse 41 t, Fahrbereich bis 650 km, Motorleistung 840 PS, Höchstgeschwindigkeit 75 km/h, Unterwassertauchtiefe bis 5 m. Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.192.

22) Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.191-197.

23) Hauptbewaffnung: 94 Kampfpanzer T-72, 13 Schützenpanzer BMP-1, 4 FlASFL 23/4.

24) In Abhängigkeit von der Detonationsstärke kann man die Kernwaffen schematisch einteilen in: kleine ≤ 15 Kt TNT, mittlere 15 - 100 Kt TNT, große 100 - 500 Kt TNT und übergroße ≤ 500 Kt TNT.

25) DV 046/0/001, Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, Berlin (Ost) 1983, S.237.

26) Vgl. Siegfried Lautsch: Kriegsschauplatz Deutschland, Erfahrungen und Erkenntnisse eine NVA-Offiziers, Potsdam 2013, S.104-107.

27) B. W. Panow und andere: Geschichte der Kriegskunst, Berlin (Ost) 1987, S.523-535.

28) Heeresdienstvorschrift Truppenführung (TF), HDv 100/100, Bonn 07.09.1987.

29) Entwurf, Heeresdienstvorschrift Truppenführung (TF), HDv 100/100, Bonn Juni 1997.

30) Gefechtsvorschrift der Landstreitkräfte, DV 046/0/001, Berlin, 27.7.1982.

31) Zu den grundlegenden Methoden der Operation bzw. des Gefechts gehörten die Waffenwirkung mit konventionellen und mit Kernwaffen bei gleichzeitiger Bekämpfung der Truppengruppierungen, wichtiger militärischer und anderer Objekte des Gegners in der gesamten Tiefe ihrer Aufstellung mit nachfolgender Vollendung seiner Zerschlagung durch die Kampftruppen. Die Truppenführer gingen davon aus, dass die Ergebnisse der konventionellen und nuklearen Waffenwirkung entschlossen ausgenutzt werden müssen, um die Zerschlagung des Gegners zu vollenden. Des Weiteren auch davon, dass effektive Maßnahmen zur Abwehr (Vereitelung, Abschwächung) der gegnerischen Kernwaffenschläge getroffen und die zuvorkommende Wiederherstellung der Kampffähigkeit der eigenen Truppen gegenüber dem Gegner sowie die Organisation ihrer nachfolgenden Handlungen sichergestellt werden. Die gegnerischen Gruppierungen sollten aufeinanderfolgend zerschlagen werden. Dabei kam der geschickten Organisation der Waffenwirkung und Einwirkung auf die Reserven und wichtiger Objekte in der Tiefe, der entschlossenen Konzentrierung der Truppen und der aufeinanderfolgenden Erhöhung der Anstrengungen zur Entwicklung des Erfolges in der Hauptrichtung große Bedeutung zu. Zudem mussten die Truppen die ständige Bereitschaft zu unverzüglichen Handlungen mit Einsatz von Kernwaffen gewährleisten.

32) Waffengattungen sind Hauptbestandteil der Teilstreitkräfte. Zu ihnen gehören u.a. bei den Landstreitkräften: mot. Schützen-, Panzer-, Luftlande-, Raketentruppen, Truppen der Truppenluftabwehr, Artillerietruppen; bei den Luftstreitkräften: Jagdflieger-, Bombenflieger-, Aufklärungsfliegerkräfte; bei den Seestreitkräften: Unterwasser-, Überwasserkräfte, Seefliegerkräfte; bei den Truppen der Luftverteidigung: FlA-Raketentruppen, Jagdfliegerkräfte und funktechnische Truppen. Vgl. Militärlexikon, Berlin (Ost) 1973, S.401.

33) Truppen bzw. Kräfte, die Kampf- bzw. Gefechtshandlungen unterstützen und sicherstellen. Dazu gehören Pionier-, Nachrichtentruppen, Truppen der chemischen Abwehr, Kraftfahrzeug-Transporttruppen, Straßenbau-, Eisenbahntruppen, Kampfschwimmer u.a. Vgl. Ebda. S.346.

34) Sammelbegriff für Truppen und Einrichtungen, die die Handlungen der Waffengattungen und Spezialtruppen sicherstellen, wie z.B. die rückwärtigen Dienste oder der militärtopografische Dienst. Vgl. Ebda. S.69.

35) Das hieß für die NVA, bereit zum Gefecht zu sein; bereit sein, unter allen Bedingungen einem überraschenden Überfall wirksam zu begegnen, jederzeit in das Gefecht einzutreten und es siegreich zu führen. Vgl. Bericht des Sekretariats der Politischen Hauptverwaltung (PHV) der NVA an die XIII. Delegiertenkonferenz der Parteiorganisationen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der NVA und den Grenztruppen der DDR. Berichterstatter: Generaloberst Heinz Keßler. In: Vorträge, Lektionen, Dokumente, PHV der NVA, H. 1/1984, VVS-Nr.: A 644 146, S.24.

36) Vgl. Fritz Streletz: Einige Aspekt der Kriegskunst in der Gegenwart, Zeitschrift für Militärwissenschaft, Militärwesen VVS, H. 5/1984, S.3-6, 11.

37) Vgl. Jörg Vollmer: Das Deutsche Heer - Die Zukunft im Blick. In: cpm forum, Das Magazin für Wehrtechnik und Logistik, 6/2014, S.49-52.

38) Beatrice Heuser: Clausewitz lesen! München 2005, S.189.

39) Carl Friederich von Weizsäcker, Hrsg.: Kriegsfolgen und Kriegsverhinderung, München 1971, S.17.

40) Wilfried Schreiber: Von der Militärdoktrin der Abschreckung zu Leitsätzen entmilitarisierter Sicherheit (1987-1990). Ein Zeitzeugenbericht. In: Dresdner Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS), 86 (2007), S.71-72, 96.