Martin van Creveld: "Wir Weicheier? Mentalitätsentwicklungen in der westlichen Welt und deren Implikationen"

Wien, am 7. Juni 2018. Donnerstagabend hielt Martin van Creveld, einer der weltweit führenden Militärtheoretiker und -historiker, einen Gastvortrag zum Thema: "Wir Weicheier? Mentalitätsentwicklungen in der westlichen Welt und deren Implikationen". Van Creveld folgte einer Einladung des Vereins der Freunde der Landesverteidigungsakademie und der Forschungsgruppe für Polemologie und Rechtsethik der Universität Wien. Der Kommandant der Akademie, Generalleutnant Erich Csitkovits, durfte zahlreiche Besucher zu diesem spannungsreichen Vortrag begrüßen.

Die Kultur des Kriegs und Krieg in der Kultur

In seiner Einleitung betonte der Leiter des Innovationsbüros an der Landesverteidigungsakademie, Oberst Andreas Stupka, die Dialektik des Krieges und hob hervor, dass der israelische Forscher, dessen Werk den Status eines Klassikers der Militärwissenschaften erreicht hat, ein wahrer „Polemologe“ sei. Van Creveld thematisierte auch die Kultur des Krieges und den Krieg in der jeweiligen Kultur, was häufig in der akademischen Debatte nicht ausreichend in den Blick genommen wird.

Oberst Stupka sprach die einleitenden Worte.

Martin van Creveld bei seinen Ausführungen.

Verweichlichung der Streitkräfte

Van Creveld zog Bilanz über die westliche Disposition der Verweichlichung, die auch nicht vor den Streitkräften haltmache. Er bescheinigte unseren Gesellschaften mit Blick auf unsere Neigung zu Bequemlichkeit und das stete Bemühen um Political Correctness ein selbstzerstörerisches-dekadentes Wesen. Postheroische Gesellschaften seien prinzipiell mit einer erodierenden Opferbereitschaft und schwindender Kampfkraft konfrontiert. Weil wir „weich“ würden, gäbe es weniger Kriege und zugleich lasse uns das Abhandenkommen von Kriegen weich werden, so Crevelds Primärthese. Im Sinne eines allgemeinen Werteverlusts gäbe es nichts mehr, wofür es sich lohnt, im Kampf sein Leben zu lassen. 

Gesundheitliche Probleme als Rechtfertigung für Leistungsunfähigkeit

Ob die attestierte Verweichlichung einzig und allein mit dem zunehmenden Grad der Inklusion von Frauen in Streitkräfte korreliert, wie van Creveld fast mantraartig argumentiert, darf getrost hinterfragt werden. Zutreffender ist sein Argument, dass die hiermit einhergehende sukzessive Aufweichung von Standards (etwa hinsichtlich physischer und psychischer Belastung) aus Gründen der Gleichberechtigung- in welcher Hinsicht auch immer- angesichts komplexer werdender Einsatzerfordernisse nicht immer zielführend ist und Streitkräfte nachhaltig schwächt. Ebenso erkennt er im drastischen Anstieg der Diagnose von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Soldaten ein Anzeichen für eine fortschreitende Dekadenz. Dieser Umstand sei schließlich ein Indikator für den Rückzug in die Gewissheit der medizinischen Rechtfertigbarkeit von grassierender Leistungsunfähigkeit bzw. -unwilligkeit. Letzterer beizukommen, der immer wieder scheiternde Versuch, gegen die Bequemlichkeit anzukämpfen, sei die Herausforderung unserer Epoche der Weicheier.

 

Martin Levi van Creveld ist ein israelischer Militärhistoriker und -theoretiker niederländischer Herkunft. Gegenwärtig ist er Professor Emeritus für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Einige der Thesen seiner aktuelleren Publikationen haben intensive Debatten ausgelöst.