Seemacht Russland (Teil 1)

Gerald Böhm/Matthias Wasinger


 

Wie in so vielen Staaten dominierten auch in Russland unterschiedliche politische Systeme. Von föderalen Fürstentümern über das zentralistische Zarensystem, den sozialistischen Sowjetstaat bis hin zur Russischen Föderation der heutigen Zeit als semipräsidiale, föderale Republik. Trotz dieser Vielzahl an politischen Systemen gab es jedoch immer wieder gewisse Konstanten. Die Relevanz von Russland als Staat ergibt sich für Europa allein schon aufgrund der geographischen Nähe des flächenmäßig größten Landes der Welt. Auch sind die ökonomischen Interdependenzen von eminenter Wichtigkeit, auch für Österreich, da Russland der größte Energie-Exporteur nach Europa ist. Diese beiden Faktoren bringen mit sich, dass auch langfristig die Sicherheitspolitik der Russischen Föderation von besonderer Bedeutung für die Staaten Europas sein wird. Das Ziel der Autoren war es im nachstehenden Artikel die Seestrategie des östlichen Nachbarn der Europäischen Union im Laufe der Zeit zu beleuchten, Ursachen zu erheben, deren Wirkung in der Seemacht Russlands hervorzuheben, Gemeinsamkeiten darzustellen und abschließend die Auswirkungen der Geschichte im 21. Jahrhundert zusammenzufassen.

Ein roter Faden bedingt aus Sicht der Verfasser weiters gedanklich bis in die frühen Anfangsphasen der russischen maritimen Einsatzführung zurückzublicken, sozusagen einen Bogen von den Waräger-Fürsten bis in die Marine Russlands der heutigen Zeit zu spannen. Wo als zweckdienlich beurteilt, wurde auf handelnde Personen - wie zum Beispiel Zar Peter der Große oder Flottenadmiral Sergej Gorschkow - Bezug genommen und deren Denken erläutert. Erst dieses angesprochen gesamtheitliche Erfassen der Genese der russischen Seestreitkräfte lässt deren Ratio des Handelns im Heute erkennen und sogar Handlungsfelder in der Zukunft antizipieren. Somit werden in den Betrachtungen immer wieder einzelne Personen in den Fokus gerückt, da diese prägend für die Intensität des maritimen Wirkens waren.

Der Aufbau der Roten Marine ist als bemerkenswerter gesamtstaatlicher Kraftakt zu bewerten, wobei er immer nachrangig zum Aufbau von Armee und Luftwaffe blieb. Die strategische Ausrichtung änderte sich, wie damals bei Peter I., mit der Vision des Anführers, Stalin - nun zur ozeanischen weltweit einsetzbaren Flotte („Blue-Water“). Dennoch vernachlässigte die Sowjetflotte nicht den küstennahen Bereich und die Binnengewässer („Brown-Water“). Letzteres wird durch die Existenz zahlreicher kampfstarker Schiffe und Boote für den Einsatz auf Strömen und Seen untermauert. Die Flotte als Mittel der Machtprojektion auf allen vier Meeren wurde erkannt und durch den Aufbau von vier getrennten Flotten der geostrategische Nachteil zu verringern versucht. Der geostrategische Nachteil im Norden wurde durch den Bau des Stalin-Kanals gemindert. Die Sowjetunion versuchte den zu Beginn vorhandenen Mangel an technischen Knowhow zunächst durch Zukauf von außen und langfristig durch die Etablierung eigener technologischen Rüstungsforschung zu beheben.