Seemacht Russland (Teil 1)

Gerald Böhm/Matthias Wasinger

 

„Über zweihundert Jahre wehte auf den Schiffen der russischen Flotte die Andreas-Flagge.1) … Zum letzten Mal wurde die Andreas-Flagge auf den Schiffen des russischen Geschwaders … 1918 im Hafen von Bizerte niedergeholt. … Es hat tiefe Symbolik, dass im Februar 1992 auf den Schiffen der russischen Flotte erneut die bekannte Andreas-Flagge gesetzt wurde, die Ruhm und Ehre symbolisiert.“2)

Wie in so vielen Staaten dominierten auch in Russland unterschiedliche politische Systeme. Von föderalen Fürstentümern über das zentralistische Zarensystem, den sozialistischen Sowjetstaat bis hin zur Russischen Föderation der heutigen Zeit als semipräsidiale, föderale Republik. Trotz dieser Vielzahl an politischen Systemen gab es jedoch, wie im einleitenden Zitat Rasdolgins beschrieben, immer wieder gewisse Konstante. Die Relevanz von Russland als Staat ergibt sich für Europa allein schon aufgrund der geographischen Nähe des flächenmäßig größten Landes der Welt. Auch sind die ökonomischen Interdependenzen von eminenter Wichtigkeit, auch für Österreich, da Russland der größte Energie-Exporteur nach Europa ist. Diese beiden Faktoren bringen mit sich, dass auch langfristig die Sicherheitspolitik der Russischen Föderation von besonderer Bedeutung für die Staaten Europas sein wird.3) Das Ziel der Autoren war es, im nachstehenden Artikel die Seestrategie des östlichen Nachbarn der Europäischen Union im Laufe der Zeit zu beleuchten, Ursachen zu erheben, deren Wirkung in der Seemacht Russlands hervorzuheben, Gemeinsamkeiten darzustellen und abschließend die Auswirkungen der Geschichte im 21. Jahrhundert zusammenzufassen.

Ein roter Faden bedingt aus Sicht der Verfasser weiters, gedanklich bis in die frühen Anfangsphasen der russischen maritimen Einsatzführung zurückzublicken, sozusagen einen Bogen von den Warägerfürsten bis in die Marine Russlands der heutigen Zeit zu spannen. Wo als zweckdienlich beurteilt, wurde auf handelnde Personen - wie zum Beispiel Zar Peter den Großen oder Flottenadmiral Sergej Gorschkow - Bezug genommen und deren Denken erläutert. Erst dieses angesprochene gesamtheitliche Erfassen der Genese der russischen Seestreitkräfte lässt deren Ratio des Handelns im Heute erkennen und sogar Handlungsfelder in der Zukunft antizipieren. Somit werden in den Betrachtungen immer wieder einzelne Personen in den Fokus gerückt, da diese prägend für die Intensität des maritimen Wirkens waren.

Die Strategen im Österreichischen Bundesheer mussten sich seit jeher mit den russischen Doktrinen auseinandersetzen, aber aufgrund der eigenen Binnenlage nur mit den Landdoktrinen.4) Mit der Vernetzung der Sicherheitsstrukturen, an denen auch Österreich beteiligt ist, und in Anbetracht der Tatsache, dass sich der österreichische Generalstabsoffizier umfassend mit sicherheitsrelevanten Thematiken auseinandersetzen muss, gilt es Russland beziehungsweise die Russische Föderation auch umfassend zu verstehen. Aus Sicht der Verfasser gilt es vor der eingehenden Betrachtung des Themas festzuhalten, dass ab der operativen Ebene aufwärts staatliche Akteure im Allgemeinen in den vier Instrumenten der Macht5) und im Speziellen, dem militärischen Bereich, in Teilstreitkräften denken.

Entwicklung der zaristischen Marine bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Um die Entstehung sowie das Wesen und Wirken der russischen Marine besser verstehen zu können, ist es erforderlich, auch die Zeit vor Zar Peter dem Großen zu betrachten. Dies ist deshalb erwähnenswert, da einigen Quellen zufolge Peter der Große die Archive bereinigen ließ, um selbst als der Gründer der russischen Marine zu gelten.6)

Aus dem 9. Jahrhundert bereits gab es von oströmischen und griechischen Kaufleuten Berichte über russische Seefahrer im Schwarzmeerraum und um Byzanz herum. Den Kern des späteren Russlands7) legte der Warägerfürst8) Rurik durch den Zusammenschluss des Nowgoroder Gebietes mit dem um Kiew liegenden Dnjepr-Gebiet.9) Es entstanden Handelsbeziehungen zum Byzantinischen Reich. Der Reichtum die Byzantiner führte im Jahr 865 zu einem auf dem Wasser durchgeführten Vorstoß in das bainitische Reich. Die überwiegend aus ausgehöhlten Baumstämmen10) bestehende russische Flotte von 200 Booten drang ohne Gegenwehr vor, da die Byzantiner mit den Sarazenen im Kampf standen, und plünderte das Umland von Byzanz. Der alarmierte Kaiser kehrte um und vernichtete die qualitativ unterlegene Flotte.11) Bei späteren Angriffen der russischen Flotte auf Byzanz wurde diese 941 und 1043 beinahe vollständig durch Einsatz von Griechischem Feuer12) vernichtet. Damit endete auch das russische Streben nach Meeresengen und nach Seemacht.13)

Die Periode der Tatarenherrschaft verhinderte durch ihren Fokus auf das Land bis zum Wirken von Iwan III. (1462-1505), besser bekannt unter dem Beinamen der Große, jegliche größere seefahrerische Tätigkeit. Erst die Vereinigung der Teilfürstentümer und der Bruch mit den Tataren ermöglichte es Iwan III., sein Reich wieder auszudehnen und einen Meerzugang bei Archangelsk am Weißen Meer zu erobern. 1533 wurde durch eine britische Polarexpedition der Zugang zu Archangelsk entdeckt und so das Tor zum Westen aufgestoßen. Iwan IV. (1533-1584) der Schreckliche erkannte die ungünstige Lage von Archangelsk und drängte zu einem Zugang zur Ostsee,14),15) um unabhängiger vom einzigen Meereszugang zu werden - dies auch unter kürzeren Wegen und günstigeren Klimabedingungen. Mit dieser Ambition wurde Russland zum Akteur im Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee - und damit verbunden, musste Russland sich als Seemacht etablieren. Dies geschah ab 1662 unter Import von Know-how aus seefahrenden Ländern, vorrangig durch Schiffsbauer und seefahrerisches Personal, v.a. aus England. Jedoch gelang es nicht, den Zugang zur Ostsee dauerhaft zu sichern, und auch der Vorstoß zum Schwarzen Meer scheiterte. Erst im Jahr 1689, mit der Machtübernahme von Peter I., wurde für die russische Seefahrt ein neues Kapitel eingeläutet.

Peter I. mochte zwar das Meer selbst nicht, erkannte aber dennoch die Möglichkeiten, die es eröffnet. Somit erklärte er die Öffnung Russlands zur See zum zentralen politischen Ziel, um die wirtschaftliche Expansion einzuläuten und auch zivilisatorisch mit westeuropäischen Staaten gleichzuziehen. Gebremst wurden diese Bemühungen zunächst durch die geostrategische Situation: Die Ostsee war schwedisch dominiert und das Schwarze Meer durch die Türken; an der südlichen und westlichen Grenze standen feindselige Völker16) und im Osten die zum damaligen Zeitpunkt noch fast unbekannten Weiten Asiens.17)

Eine weitere Bestätigung für seine Pläne erhielt Peter I. durch die Asow-Feldzüge 1696 im Russisch-Türkischen Krieg.18) Dabei wurde die landseitige Eroberung Asows durch den stetigen Nachschub durch die türkische Flotte erfolgreich verhindert. Im zweiten Anlauf konnte mittels einer örtlichen und zeitlichen Überlegenheit durch die russischen Seestreitkräfte der Nachschub unterbunden und Asow eingenommen werden. Dennoch konnte seitens der Russen der Flottenstützpunkt Asow nicht für weitere maritime Operationen genutzt werden, da die türkische Flotte in ihrer Gesamtheit überlegen war. Selbst dieser erste nennenswerte Erfolg der russischen Flotte konnte nicht verhindern, dass sich dennoch die Denkweise, die Seestreitkräfte seien nur ein verlängerter Arm des Heeres, verfestigte.19) Um seine Seemacht zu entwickeln, warb Peter I. weiterhin Schiffsbauer und seekundiges Personal im Westen an, darüber hinaus arbeitete er inkognito als Schiffsbauer und Zimmermann in Holland und England, um selbst Kenntnisse zu erlangen.

Nach Beendigung des Waffenganges mit den Türken legte Peter I. den Fokus auf den Ostseeraum. Im Nordischen Krieg (1700-1721)20) gegen Schweden nutzte Peter I. die strategische Situation Schwedens, das durch die Dänen gebunden war, aus, um Richtung Westen vorzustoßen. Am 25. März 1703 gelang es den Russen, die Insel Kotlin/Kronstadt von den Schweden einzunehmen. Die örtlichen Gegebenheiten führten Peter I. dazu, die Stadt und Festung Petersburg am 27. Mai 1703 zu gründen, und Kronstadt wurde zum Marinestützpunkt ausgebaut - dieser konnte, verteidigungsgünstig gelegen, nicht mehr durch die Schweden zurückerobert werden. 1701 wurde in Moskau der Vorläufer der heutigen Marineakademie gegründet, um selbst Kadernachwuchs für die aufstrebende russische Flotte auszubilden. Die russische Flotte nahm rasch nicht nur an Quantität, sondern auch an Qualität der Schiffe zu. Dennoch waren meist Verbände, bestehend aus vielen kleineren Einheiten, an Gefechten beteiligt. Oft versuchten die Russen in ihrer Überzahl die gegnerischen Flotten einzukesseln und erlitten dabei durch die größeren und kampfstärkeren gegnerischen Einheiten empfindliche Verluste. Ein Beweis dafür, „dass man zwar Schiffe in relativ kurzer Zeit bauen, taktische Erfahrung im Seekrieg aber nicht von heute auf morgen gewinnen kann“.21) Im weiteren Verlauf der kriegerischen Auseinandersetzung konnte Russland Schweden immer weiter zurückdrängen. Durch die gewonnenen Erfahrungen beharrte Peter I.

darauf, dass seine Flottenführer die direkte Auseinandersetzung erst ab einer numerischen Überlegenheit von zumindest 4:322) annehmen durften. Im Zuge der Moskito-Doktrin,23) die sich vorrangig auf die vorhandenen kleinen Schiffseinheiten abstützte, sprach die russische Seeführung von 10:1 als idealem Kräfteverhältnis für eine Seeschlacht gegen die Schweden.24) Bis zum Ende dieses Konfliktes stützte sich die russische Seemacht weiter auf vorrangig ausländisches Personal.25) Mit dem Frieden von Nystadt (1721) konnte sich Russland am Finnenbusen und im Baltikum festsetzen, Finnen und Balten stellten ab diesem Zeitraum auch den größten Teil des Personals in der russischen Ostseeflotte.26) „Der kürzere Seeweg nach St. Petersburg und die günstigeren klimatischen Verhältnisse der Ostseehäfen gegenüber Archangelsk führten zu einem erheblichen Anwachsen des russischen Seehandels, der allerdings unverändert vorherrschend auf ausländischen Schiffen abgewickelt wurde, da die im Aufbau befindliche eigene Werftindustrie fast ausschließlich Kriegsschiffe zu bauen hatte.“27) Zum Zeitpunkt des Todes Peters I. (1725) war Russland zur Seemacht geworden, es dominierte den Ostseeraum, und das Tor zum Westen war aufgestoßen. Peter I. dachte auch geostrategisch und plante 1723 einen überseeischen Flotteneinsatz zu einem Antipirateneinsatz vor der Küste Madagaskars, um auch koloniale Bestrebungen zu untermauern - gemäß den Quellen rieten seine engsten Berater jedoch davon ab.28)

Somit gilt auch heute noch Peter I. als Gründer der russischen Seemacht. Seine Nachfolger vernachlässigten die Marine aufgrund zu kurzsichtiger Denkweisen, und viele angehende Soldaten bevorzugten eine gesicherte Karriere im Heer. Erst im Krieg der österreich-russischen Koalition gegen die Osmanen (1735-1739) konnte die sich aufgrund dieses bewaffneten Konfliktes aufgerüstete und wiederer­starkte russische Flotte bei der Einnahme der Krim beweisen - jedoch nur als unterstützender Teil („supporting“) für das Heer („supported“). Mit dem Friedensschluss musste Russland alle eroberten Gebiete wieder abtreten, durfte Asow behalten und keine Kriegsschiffe im Asowschen und Schwarzen Meer unterhalten. Grundsätzlich verleitete die maritime Unerfahrenheit der Führung sie dazu, beim Einsatz der Seestreitkräfte übertriebene Vorsicht walten zu lassen. So mussten alle Entscheidungen den Einsatz der Flotte oder von Teilen davon betreffend durch sogenannte Kriegsräte beinahe basisdemokratisch beschlossen werden. Dieser Prozess war aufgrund des oftmals erforderlichen selbstständigen und raschen Handelns kontraproduktiv. Auch im darauffolgenden Konflikt mit Preußen (1740-1742) war die russische Flotte dem Heer untergeordnet, dies wurde durch den Umstand gefördert, dass Preußen keine eigene Kriegsflotte besaß.29)

Erst 1762 mit der Machtübernahme durch Katharina II. (1729-1796) wurde eine neue Glanzzeit der russischen Flotte eingeläutet.30) Sie übernahm viele Gedanken ihres Vaters Peter I.: das grundsätzliche Verständnis für maritime Fragen, die Notwendigkeit des weiteren Ausbaus Kronstadts, die Bedeutung weiterer zu errichtender Flottenstützpunkte (Reval, Ragersvik31)) und den Ausbau beziehungsweise Aufbau einer eigenen Handelsflotte. Darüber hinaus leitete sie eine Reorganisation der Admiralität und der Marineakademie ein. Im Russisch-Türkischen Krieg (1768-1774) musste die russische Führung einen großen Teil ihrer Ostseeflotte von Kronstadt aus in den Mittelmeerraum entsenden, um die eigenen Operationen im Schwarzen Meer zu entlasten.32) Entgegen der doktrinären Vorgabe Peters I., Gefechte nur in quantitativer Überlegenheit anzutreten, gewann im Mai 1770 der englisch-stämmige Konteradmiral Elphingstone33) die Seeschlacht von Çeşme gegen eine türkische Übermacht - getrieben von seiner eigenen militärischen Kultur und Prägung, ein Gefecht auch bei günstigen Situationen in Unterzahl anzunehmen. Da die Türken nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen zur Stärkung der eigenen Flottenverbände einleiteten, war es den Russen möglich, nach einigen Seegefechten die türkische Flotte beinahe auszulöschen. Die Levante wurde somit zeitweilig durch die russischen Seestreitkräfte beherrscht. Jedoch gelang es nicht, diese günstige Situation weiter auszunutzen („Exploit“), da einerseits den Russen quantitativ die Kräfte ausgingen und andererseits sich Katharina II. nicht stark genug fühlte, um sich mit den etablierten Großmächten im Mittelmeerraum, Frankreich und England, zu messen. Nichtsdestotrotz konnte das verstärkte russische Mittelmeergeschwader seine Aufgabe, den Raum zu entlasten, erfüllen. Im Friedensschluss von Küçük Kaynarca 1774 wurde die Krim als selbstständiger Teil unter russischem Einfluss34) etabliert und den russischen Handelsschiffen Vergünstigungen beim Einlaufen in türkische Häfen und bei der Passage der Dardanellen und des Bosporus zugesprochen. Jedenfalls gelang es der russischen Flotte, wieder an Prestige und an Attraktivität zu gewinnen. 1784 gründete Katharina II. Sewastopol als Flottenstützpunkt - dieser ist bis heute noch der Schwarzmeer-Stützpunkt der Russen. Erneut versuchten die Türken 1791 die Vorherrschaft im Schwarzen Meer zurückzugewinnen, dies scheiterte v.a. durch die Führung von Admiral Usakov. Somit konnte sich auch Russland an den Küsten am Schwarzen Meer ausdehnen. 1792 wurde Odessa gegründet. Als Katharina II. 1796 starb, konnten ihre Bemühungen, die Flotte zahlenmäßig ausbauen, und die Lehren Usakovs35) umzusetzen, quasi den Traum Peters I. erfüllen.36)

Admiral Usakov diente noch in der Zeit des Nachfolgers Katharinas II., unter Paul I. (1796-1801). In dieser Herrschaft war in der Flotte kaum Kontinuität und Fortschritt bemerkbar. Die Schiffe befanden sich meist in schlechtem Zustand. Auch dessen Nachfolger, Alexander I. (1801-1825), zeigte kaum Interesse an der Marine, obwohl er in einigen Konflikten die Seestreitkräfte einsetzte. So im Russisch-Türkischen Krieg (1806-1812), der sich mit Masse im Mittelmeerraum abspielte. In dieser Situation versuchte Schweden (1808-1809) erneut Finnland zurückzuerobern. Finnland verblieb mit Autonomierechten ausgestattet jedoch bei Russland. Russland war 1812 für Napoleon in zweierlei Hinsicht ein Dorn im Auge: einerseits durch die russische Präsenz im Mittelmeerraum - Alexander I. wollte die beiden türkischen Meerengen (Dardanellen, Bosporus) beherrschen, und andererseits durch die russische Absicht, die französische Kontinentalsperre gegen England nicht zu berücksichtigen (England war ein wichtiger Handelspartner für Russland). Napoleon wurde somit zu seinem Russlandfeldzug veranlasst.37) Der Vorstoß Napoleons nach Moskau wurde durch die russische Marine erschwert, da diese den Versorgungsweg auf der Düna38) sperrte. 1815 war Russland nicht nur erstmals nach Mitteleuropa vorgestoßen, sondern auch eine der stärks­ten Kontinentalmächte geworden. Dadurch nahmen die Landstreitkräfte weiterhin die führende Rolle gegenüber der Marine in Russland ein. Alexander I. legte den Fokus so stark auf die türkischen Landengen, dass er die durch ab 1803 vermehrt durchgeführten maritimen Forschungsreisen möglichen Landnahmen (z.B.: Alexander-Archipel, Aleuten) oder Stützpunktbildungen nicht wahrnahm - er wünschte einfach keine fernab der Heimat liegenden Kolonien.39) Einzig aus Bellingshausens Expeditionsfahrt in die Antarktis 1820-182140) konnte die spätere Sowjetunion Gebietsansprüche ableiten.41)

Im Nachklang zu den Auseinandersetzungen mit Frank­reich war Russland auch unter Nikolaus I. (1825-1855) im Mittelmeer weiterhin präsent. Aktiv eingesetzt wurde die russische Flotte im fast schon traditionellen Krieg mit der Türkei (1828-1829).42) Dabei führte sie amphibische Operationen im Schwarzen Meer durch und blockierte auch die Dardanellen. Beim Friedensschluss von Edirne 1829 konnte sich Russland nicht nur erweitern, sondern beherrschte das Schwarze Meer und erhielt Passagerecht durch die Dardanellen. Als drittstärkste Seemacht der Welt (siehe Abbildung 2) hatte die russische Flotte ihren Einfluss ausgedehnt, konnte mittlerweile auf ein gediegenes Ausbildungssystem zurückgreifen, kämpfte aber weiterhin mit altbekannten Herausforderungen: der Weiterentwicklung in technologischer und doktrinärer Hinsicht. Während andere Marinen bereits auf die Eisen- und Dampfschifffahrt umstiegen,43) stützten sich die Russen weiterhin auf segelgetriebene Holzschiffe44) ab. In althergebrachter Manier wurde dieses Know-how wieder extern angekauft beziehungsweise angeworben. Russland hinkte in diesem Bereich merklich hinterher - einzig im Bereich der Artillerie konnte Russland einen ähnlich hohen Wissens- und Fertigungsstand45) wie der Westen aufweisen. Der tiefere Ursprung des Krimkrieges46) beruhte auf der Sorge Englands, dass

- Russland sein jahrhundertealtes Ziel, die Beherrschung der Dardanellen und damit die Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer, nach dem Frieden von Adrianopel, dem Vordringen auf dem Balkan usw. erreichen könnte,

- Russland die Sicherheit Indiens bedrohen könnte,

- Russlands Streben nach Seemacht fortschreiten und Englands Stellung im Nahen und Mittleren Osten und in anderen Bereichen geschwächt werden könnte.

Darüber hinaus hatte England selbst gewisse territoriale Ambitionen in von den Türken beherrschten Räumen.47) Den entscheidenden Ausschlag für die englisch-französische Intervention auf Seiten der schwachen Türken war die russische Vorstellung, sich selbst als Schutzmacht über alle Christen und christlichen Heiligtümer (auch Jerusalem) im türkischen Machtbereich zu etablieren. Die englische Zielsetzung war die Vernichtung der russischen Schwarzmeerflotte, um diesen potenziellen Gegner auszuschalten. Dreh- und Angelpunkt war der russische Flottenstützpunkt Sewastopol. Dieser wurde einerseits durch überlegene Teile von See her blockiert und andererseits von Land her angegriffen. Um eine Verstärkung der Schwarzmeerflotte durch die Baltische Flotte oder die Flottenteile aus Archangelsk zu verhindern, wurden in den Ostseeraum und in das Weiße Meer vorab englische Flottenteile verlegt - auch hier zeigte sich der Nachteil der weit auseinanderliegenden Küsten Russlands („lange Sehne“). Die russische - ausschließlich aus hölzernen Schiffen bestehende - Schwarzmeerflotte konnte die doktrinäre Überzahl48) (nicht aber die qualitative Überlegenheit) erzielen und verblieb passiv im Flottenstützpunkt. Zur Verstärkung der Abwehrmaßnahmen wurden einerseits Schiffe zur Blockade versenkt und andererseits Schiffsartillerie zur Verstärkung der Verteidigung landwärts eingesetzt. Sewastopol fiel am 8. September 1855 nach 349 Kampftagen und die verbliebenen Schiffe der Schwarzmeerflotte versenkten sich selbst - England konnte dieses Ziel indirekt erfüllen. Die begleitenden Seegefechte in der Ostsee und dem Weißen Meer fielen aufgrund der russischen Passivität gering aus. Mit dem Friedensschluss 1856 wurde nach dem Tod Nikolaus‘ I. seinem Nachfolger Alexander II. einerseits die Nutzung der Dardanellen untersagt und andererseits eine strenge Limitierung der Größe seiner Schwarzmeerflotte auferlegt. Der Verlust der hölzernen Schiffe wog nicht so schwer wie die Größenbeschränkung der Ersatzbauten,49) denn wegen des technischen Fortschritts musste die überalterte Schwarzmeerflotte auf jeden Fall ersetzt werden. Die Royal Navy konnte ihre Vormachtstellung im östlichen Mittelmeerraum sichern und bewies bei der Operation um Sewastopol, dass es möglich ist, große Heeresteile über weite Distanzen per Schiff zu verlegen, zu versorgen und mit Feuer zu unterstützen - möglicherweise die erste JOINT (teilstreitkräfteübergreifende) Operation. Auf jeden Fall war dies der Wendepunkt im Schiffsbau, da klar wurde, dass nur noch Dampfschiffe, Sprenggranaten und Panzerung Bestand haben würden.50)

Alexander II. (1855-1881), bekannt für seine liberalen Reformen, ernannte seinen Bruder Konstantin als Zeichen der Wertschätzung für die Seestreitkräfte zum Marineminister, kürzte aber gleichzeitig die finanziellen Mittel für die Marine. Konstantin schaffte es dennoch, den Dienst in der russischen Marine attraktiv und prestigeträchtig zu gestalten, und baute die russischen Seestreitkräfte zu den weltweit drittgrößten aus. 1861 kaufte Russland das erste Panzerschiff in England. Dies war den Lehren aus dem Krimkrieg geschuldet. Das daraufhin initiierte Bauprogramm fokussierte auf den Schraubenantrieb und den Torpedo als Waffensys­tem. 1871 konnten die Größenbeschränkungen für die Schwarzmeerflotte mit Hilfe Bismarcks aufgehoben werden. Unmittelbar darauf wurden neue Schiffe auf Kiel gelegt. Diese konnten bis zum Ausbruch des mittlerweile achten Russisch-Türkischen Krieges nicht fertiggestellt werden. Die türkische Flotte war der russischen Schwarzmeerflotte qualitativ und quantitativ überlegen. Zu Lande konnte das russische Heer hingegen bis an die Grenze Istanbuls vorstoßen. Um das Ungleichgewicht zur See auszugleichen, requirierten, kauften und bauten die Russen viele kleine Schiffe, Barkassen sowie Boote und rüsteten diese mit unterschiedlichen Torpedos aus - wieder war zu erkennen, dass in dieser Aufrüstung vielen kleinen, aber schlagkräftigen Einheiten der Vorzug gegeben wurde. Aufgrund dieser latenten Gefahr verhielten sich die großen Einheiten der Türken passiv, und es wurden große Anstrengungen zu deren Absicherung unternommen. Dennoch konnten die Russen am 26. Jänner 1878 die erste nennenswerte Versenkung mittels eines Whitehead-Torpedos51) erzielen. Zum Ende dieses Krieges besaß Russland die größte „Torpedobootflotte“ der Welt. Im Zuge des anschließend an die Friedensverhandlungen mit den Türken stattfindenden Berliner Kongresses52) wurden die Russen in ihrem Erfolg gegen die Türken trotzdem beschnitten. Da die Spannungen mit England seit dem englisch-afghanischen Bündnisvertrag 1879 noch verstärkt wurden, bereitete sich Russland durch die Entsendung von Kriegsschiffen rund um den Globus auf einen Kaperkrieg gegen England vor.53)

Der Nachfolger Alexander III. (1881-1894) respektierte die Leistungen der Marine im letzten Russisch-Türkischen Krieg und investierte mehr in den generellen Auf- und Ausbau der Seestreitkräfte. Dabei ging es nicht nur um schwimmende Einheiten, sondern auch um die erforderlichen Stützpunkte (z.B. mehrere Häfen am Schwarzen Meer, aber auch den eisfreien Hafen Libau in der Ostsee). Im Zuge eines großen Bauprogrammes wurden nicht nur größere gepanzerte, dampfgetriebene Einheiten gebaut, vielmehr wurden Anstrengungen unternommen, den gesamten Schiffbau im eigenen Land zu stärken.54) Dabei wurden auch Experimente im Zuge der technischen Weiterentwicklung durchgeführt. Nicht jedes hatte Erfolg, es zeugte aber von einem gewissen Selbstvertrauen, auch eigene Initiativen zu ergreifen. Neben den größeren Einheiten stützte sich Russland weiterhin auf die Torpedowaffe ab und baute viele Torpedoboote. Hier unternahm die russische Marine auch erste Pioniertätigkeit und entwickelte Taktiken im Verbandsrahmen mit Torpedobooten. Im Zuge der Aufrüstung wurde der Typ „Schwerer Kreuzer“55) weiterentwickelt, um bei einem drohenden Konflikt mit England für den weltweiten Handelskrieg gerüstet zu sein. Russland musste aufgrund seiner Expansion Richtung Osten und der damit verbundenen größer werdenden Entfernungen zwischen seinen Küsten die Fernostflotte etablieren, da ein rasches Verschieben der Kräfte nicht möglich war.56)

Conclusio:

- Durch die Vergabe von Privilegien an englische Handelsleute und die Konzentration auf die militärische Seefahrt fehlte den Russen eine breite Rekrutierungsbasis an eigenen Seefahrern. Das Verständnis für die Seefahrt konnte nicht ausreichend gestärkt werden, und die Abhängigkeit von Personal und Know-how blieb erhalten.

- Lange Zeit blieb Archangelsk der einzige Meereszugang (außer schmalen Küstenbereichen und Binnenschifffahrt) der Russen, da die Vorstöße an die Ostsee und das Schwarze Meer scheiterten.

- Es etablierte sich die strategische Denkweise, dass Landstreitkräfte in ihrer Operationsführung durch die Seestreitkräfte unterstützt werden müssen (LCC57) ist „Supported Command“; MCC58) ist „Supporting Command“).59)

- Peter I. erkannte zwar die Vorteile für das eigene Reich durch den Meereszugang Ostseehafen, nicht jedoch, dass eine starke Kriegsmarine eine größere Handelsmarine als Rekrutierungsbasis sowie zum Sammeln von Erfahrung benötigt.

- Peter I. beurteilte die Marine als wertvolles Mittel zur Machtdemonstration und um die Kolonialbestrebungen voranzutreiben. Diese wurden nur durch Katharina II. so erkannt, aber nicht durch andere Nachfolger. Alexander I.

hingegen nutzte keine der Möglichkeiten, Kolonien in Besitz zu nehmen und dementsprechend auch Flottenstützpunkte zu errichten. Russland sah sich nach 1815 mehr als Kontinentalmacht. Alaska wurde 1867 sogar verkauft.

- Aufgrund der geostrategischen Lage mit den weit auseinandergezogenen Küsten und Meereszugängen entschloss sich Russland dazu, in jedem Raum eigene Flotten zu unterhalten, um die Reaktionszeiten zu verkürzen.60)

- Das erforderliche Zusammenspiel der beiden Teilstreitkräfte Marine und Heer konnte in der Schlacht um Sewastopol seitens der Engländer eindeutig bestätigt werden.

- Um 1850 wurde der militärische Schiffbau durch drei Aspekte revolutioniert: den Dampfantrieb, die Sprenggranate und die Panzerung.

- Die russische Marine stützte sich stark auf den Torpedo als schlagkräftiges Waffensystem in der Seekriegführung ab.

- Russland erkannte die Abhängigkeit Englands und bereitete sich auf einen weltweiten Handelskrieg61) (später auch Kreuzerkrieg) durch „pre-positioning“ vor.

Stand der russischen Marine mit Ende des Ersten Weltkrieges beziehungsweise bis zum Ende aller Kampfhandlungen 1921

Die Ära Nikolaus‘ II. (1894-1917) umschließt gewaltige Änderungen in der Weltgeschichte im Allgemeinen und für Russland im Besonderen - selbst, wenn nicht alle Auswirkungen vorab erkennbar und geplant waren. Alexander III. hat bis zu seinem Tod schon einige Akzente und Weichen zum Ausbau der russischen Flotte gesetzt beziehungsweise gestellt. Die russische Flotte konnte sich hinter England und Frankreich als drittstärkste Flotte bis 1904 (siehe Abbildung 1) behaupten.62) Russland konnte sich unter Nikolaus II. in Europa konsolidieren und im Fernen Osten63) ausdehnen, damit wurde neben der Ostseeflotte,64) der Nordflotte65) und der Schwarzmeerflotte66) auch die Pazifikflotte erforderlich.67) Mit der Ausdehnung im Fernen Osten begannen sich die Interessenräume der konkurrierenden Mächte Russland, Japan und England zu überschneiden. Dennoch konnte Russland 1897 den Hafen Port Arthur für 25 Jahre mieten und 1899 mit dem Aufbau von Murmansk als eisfreiem Hafen beginnen. Mit der Abstimmung zwischen England und Japan bezüglich des weiteren Vorgehens im asiatischen Raum, v.a. die Russlandfrage betreffend, konnte sich England mit seiner Flotte auf die Stärkung der Home Fleet als Gegengewicht im Ostseeraum zur russischen und der sich im Aufbau befindlichen deutschen Flotte konzentrieren, Japan hingegen erhielt freie Hand gegen Russland. Russland beurteilte Japan an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als den Hauptgegner, Deutschland lediglich als den zweitwichtigsten. Somit konzentrierte sich der russische Flottenbauplan68) auf die Aufrüstung der Pazifikflotte,69) dabei wurden Linienschiffe, Große Kreuzer,70) Zerstörer und Torpedoboote und U-Boote71) auf Kiel gelegt. Aufgrund eigener beschränkter Möglichkeiten wurden Prototypen von Schiffsklassen im Ausland bestellt und dann in Lizenz in Russland gefertigt. Nachteilig erwiesen sich die langen Bauzeiten auf den russischen Werften, vorteilig hingegen die gediegene Ausbildung in der russischen Flotte. Um den Kräftebedarf auf dem europäischen Schauplatz (Nordseeflotte, Ostseeflotte, Schwarz-/Mittelmeerflotte) zu reduzieren, unternahm Russland Planungen, Kanalverbindungen zu bauen, um auf der „inneren Linie“ zumindest kleinere Einheiten (Zerstörer) verlegen zu können.72)

In diese Zeit fällt nun der Russisch-Japanische Krieg (1904-1905). Nachdem Russland große Anstrengungen unternommen hatte, den Ausbau der Fernostflotte voranzutreiben, musste Japan einen günstigen Zeitpunkt wählen, um mit der selbst im Aufbau befindlichen Seestreitkraft nicht ins Hintertreffen zu gelangen.74) Daher eröffnete Japan ohne vorhergehende Kriegserklärung mit einem Angriff auf die russischen Einheiten auf der Reede vor Port Arthur diesen Krieg. Port Arthur und Wladiwostok waren die beiden Kriegshäfen des Zarenreiches, beide mit beschränkten Instandsetzungskapazitäten für größere Einheiten. Durch die weite Entfernung zwischen den beiden Häfen konnten sich die Japaner einerseits auf Port Arthur, wo der größere Teil der russischen Fernostflotte lag, konzentrieren, und andererseits noch rasch auf einen etwaigen Anmarsch aus Wladiwostok75) reagieren. Im Kampf um Port Arthur verhielten sich die russischen Flottenteile weitgehend passiv und defensiv, griffen immer wieder an der Seite des Heeres in die Abwehrkämpfe ein und fokussierten auf den Minenkampf gegen den japanischen Einschließungsring. Schlussendlich gingen Port Arthur und fast alle Einheiten im Hafen verloren. Die zum Entsatz aus der Ostsee entsendeten, aber aufgrund des weiten Anmarsches beziehungsweise durch Vorgaben der obersten Führung zeitlich sehr spät eintreffenden russischen Flottenteile wurden in der Schlacht von Tsu­shima76),77) entweder vernichtet, durch Japan übernommen oder in neutralen Häfen interniert. Als Resultat waren nach diesem Krieg die russische Fernostflotte und die zur Verstärkung entsandte Ostseeflotte zum größten Teil neutralisiert - dabei gingen 14 Linienschiffe, drei Küstenpanzerschiffe, fünf Panzerkreuzer und zahlreiche kleinere Einheiten wie Zerstörer verloren. Unversehrt blieben nur die russischen Flottenteile im Schwarzen Meer. Die Niederlage wirkte sich für Russland nicht nur negativ auf die Moral in den Streitkräften aus, sondern verstärkte auch die aufkeimenden revolutionären Gedanken. Diese führten auch zu Meutereien auf mehreren Schiffen der Schwarzmeerflotte und der Baltischen Flotte.78) In den Friedensverhandlungen nahm England Einfluss und verhinderte so ein zu starkes Japan, Russland verlor Port Arthur und andere Gebiete - bemerkenswert ist, dass China, dessen Gebiete verhandelt wurden, vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Der russischen Führung war die tragende Rolle der Flotte in dieser Auseinandersetzung nicht von Beginn an klar. Die größten Verluste bei den Japanern wurden durch den Einsatz von Minen erzielt. Beachtenswert ist die Einsatzbereitschaft der russischen Schiffsbesatzungen selbst in nachteiligen Situationen. Diese wurde ausschließlich durch gute Führung der vorgesetzten Offiziere ermöglicht. Abschließend bleibt festzuhalten, dass Russland für den Krieg nicht ausreichend gerüstet war, da entgegen den Analysen der russischen Marineakademie (1901-03) der geplante Ausbau der Fernostflotte und der Baltischen Flotte im Zuge des 20-Jahres-Bauprogrammes 1903-2379) nicht durchgeführt wurde.80),81),82)

Die russische politische Führung konzentrierte sich wieder auf ihre traditionellen Ziele: den Balkan, die beiden Meeresengen, die Vorherrschaft im Nahen Osten, in Zentralasien, Persien und den Zugang zum Indischen Ozean. Auf jeden Fall musste Russland die Verluste - diese bedeuteten einen Rückfall auf die sechste Stelle unter den großen Seemächten - quantitativ wie qualitativ ausgleichen und initiierte ein Flottenbauprogramm,83) das folgende Ziele bis 1917 abdecken sollte: Gegenpol zu Deutschland in der Ostsee zu sein und das Kräftegleichgewicht zu Österreich-Ungarn und der Türkei im Schwarzen Meer zu garantieren. Dieses Programm betonte die Torpedoträger (Zerstörer, Torpedo- und U-Boote) sowie den Minenkampf. Beides beeinflusste die russische Seekriegführung maßgeblich in defensiver Hinsicht. In der Ostsee wurde die strategische Zwickmühle Deutschlands, auf der einen Seite Englands Home Fleet in der Nordsee und auf der anderen Seite die russische Ostseeflotte, zum eigenen Vorteil genutzt und das Schwergewicht auf die Verteidigung des Finnenbusens und der Hauptstadt ausgerichtet. Im Schwarzen Meer sollte das Nachführen von gegnerischen Seestreitkräften durch Minensperren im Bosporus nachhaltig verhindert werden.84)

Bei Ausbruch des Großen Krieges war das Flottenbauprogramm der russischen Marine noch nicht abgeschlossen, wichtige Einheiten konnten erst im Verlauf des Krieges zugeführt werden (siehe Abbildung 2). Eindeutig zu erkennen ist, dass das Schwergewicht der russischen Seekriegführung zunächst im Ostseeraum gegen Deutschland gerichtet war. Als Reserve wurden die Einheiten der Sibirischen Flotte betrachtet, da es hier keine Bedrohung durch die nun alliierten Japaner gab.

Da sich der Einsatz der Flotte im Verlauf des Ersten Weltkrieges weitgehend auf die Unterstützung von Heeresoperationen,85) eine geschickte Minenkriegführung und lokale Gefechte mit geringer Auswirkung auf den Gesamtverlauf des Krieges beschränkte, wird an dieser Stelle im Artikel nicht näher auf die Verläufe am Ostsee-, Schwarzmeer- und Eismeerkriegsschauplatz eingegangen. Eine entscheidende Wende wurde durch die Februarrevolution 1917 und die damit verbundene Abdankung des Zaren eingeläutet, die sich in der Oktoberrevolution mit der bolschewistischen Macht­übernahme fortsetzte.86),87) Dabei spielte die Flotte eine Rolle, da sich v.a. auf den großen Einheiten revolutionäre Zellen bildeten. Dies wurde durch den Umstand begünstigt, dass die strategische Führung die großen Einheiten weitgehend passiv im Hafen liegen ließ und im Verlaufe des Krieges die qualifizierten Offiziere auf kleinere Einheiten versetzt wurden. Oftmals schlossen sich die Besatzungen der Schiffe den Aufständischen an, ermordeten ihre Vorgesetzten und benannten die Schiffe um. Die Baltische Flotte war z.B. de facto lahmgelegt und somit ohne Feindeinwirkung neutralisiert. Mit dem Waffenstillstandsabkommen vom 15. Dezember 1917 nahmen die Kampfhandlungen ein Ende. Die Revolution bedeutete das Ende der zaristischen russischen Marine und den Übergang zur Roten Marine mit Wirkung 1. Februar 1918.

Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 verpflichtete sich Russland zur Aufgabe von Estland, Livland und Finnland sowie zur Überführung der Flotte in heimische Häfen. Die verbliebenen Teile der Baltischen Flotte konnten nach der Erklärung der finnischen Selbstständigkeit noch im April 1918 von Helsingfors nach Kronstadt rückgeführt werden. Im Bereich des Schwarzen Meeres gestaltete sich die Situation komplizierter und langwieriger, schlussendlich war die Flotte durch deutsche, später englische und französische Einflussnahme, sowie durch die innerrussischen Kampfhandlungen und durch Selbstversenkung88) bis 1920 fast vollständig vernichtet.89) In der Ostsee unterstützten England, Frankreich und die USA den Kampf der Esten und „Weißen“ gegen die Rote Armee in den Jahren 1918-1920. Dabei erlitten beide Seiten Verluste, beinahe jede größere Einheit der Rotten Flotte in der Ostsee90) war außer Gefecht gesetzt.91)

In der Rückschau erscheint die Tatsache bewundernswert, dass es die russische Flotte nach dem Desaster 1904-1905 durch energischen Einsatz engagierter Persönlichkeiten zu Beginn des Ersten Weltkrieges schaffte, erstens einen hohen technischen Standard und Ausbildungsstand92) zu erreichen, und zweitens ein auf technischem Stand der Zeit befindliches Neubauprogramm einzuleiten - dies hätte bis 1917 Zeit benötigt, um den Russen eine günstigere Ausgangssituation zu verschaffen. Die strategische Führung verabsäumte es weitgehend, die Flotte gemäß ihren Fähigkeiten93) zu nutzen, und verwendete sie kaum für offensive Operationen. Der Minenkrieg war das vorrangig genutzte Mittel, so wurden die meisten gegnerischen Verluste, wie im Russisch-Japanischen Krieg, verursacht. Schlussendlich blieb Russland in seinem Kontinentaldenken verhaftet und erkannte nicht die weiterreichenden Möglichkeiten zur Nutzung der Flotte als geeignetes strategisches Mittel zur Machtprojektion, da die Flotte weiterhin einen defensiven Charakter in Unterstützung des Heeres besaß. Positiv ist den Russen im Verlauf des Ersten Weltkrieges anzurechnen, dass sie immer wieder taktische und geistige Wendigkeit bewiesen, ideenreich agierten und selbst rüstungstechnischen Entwicklungen offen gegenüberstanden. Dies waren die Weiterentwicklung von Torpedos und Minen, die Nutzung von flachgehenden Minenlegern zum Überwinden vorhandener Sperren sowie der Einsatz von Flugzeugmutterschiffen94) und der ersten Marineflieger.95)

Conclusio:

- Die Expansion nach Osten erforderte bis 1904 auch eigene unabhängige Flotten, da diese aufgrund der Entfernung nicht rasch verlegt werden konnten. Dabei erfolgte der Ausbau der Fernostflotte zulasten der Ostseeflotte.

- Russland verfolgte erfolgreich die Erneuerung der Flotten und konnte durch die Bekämpfung der Korruption bei gleichen Mittelzuwendungen mehr in den Schiffsbau investieren.

- Die russische Strategie verfolgte die Dominanz in der Ostsee (Beherrschung des Finnenbusens), das Kräftegleichgewicht im Mittelmeerraum und die Überlegenheit über Japan im Fernen Osten.

- Die Flotte erhielt noch immer weniger Zuwendungen als das Heer.

- Wesentliches Waffensystem der damaligen Seekriegführung waren Torpedos, Minen und ansatzweise Marineflieger.

- Aktiv eingesetzte Marineeinheiten waren durch das innere Zusammengehörigkeitsgefühl resistenter gegenüber revolutionären Gedanken, dies hängt auch damit zusammen, dass die qualifizierten und führungsstarken Offiziere von den inaktiv im Hafen verbleibenden Einheiten auf die kleineren Einheiten versetzt wurden.

- Das Dekret vom 11. Februar 1917 löste die zaristische Marine auf und bedeutete die Begründung der Roten Flotte. Mit der Fortführung der innerrussischen Kämpfe wurde schlussendlich fast die gesamte Rote Flotte abgefahren, beschädigt oder vernichtet.

Der Wiederaufbau der sowjetischen Marine in der Zwischenkriegszeit bis 1941

Diese Phase ist durch den Aufbau der sowjetischen Marine, die in Trümmern lag, gekennzeichnet. Sie erfolgte einerseits durch die Reaktivierung und Modernisierung der Reste der zaristischen Marine und andererseits durch ein sehr ambitioniertes Bauprogramm. In letzterem wurden nicht nur neu auf Kiel gelegte Projekte zusammengefasst, sondern auch unfertige, noch aus dem Großen Krieg stammende Einheiten. Dieses in mehreren Fünfjahresplänen zusammengefasste Bauvolumen wurde durch folgende Einflussfaktoren verzögert: Ankauf eines technischen Know-hows und Equipment aus dem Ausland,96) der Gleichzeitigkeitsbedarf an Material97) und Fertigungskapazität durch den parallelen ambitionierten Ausbau von Heer, Luftflotte und Marine und durch generell längere Bauzeiten bei gleichzeitig geringerer Fertigungsqualität.98) Dennoch versuchte Russland durch Kooperationsabkommen mit Deutschland99) und Italien100) sich den Zugang zu fehlendem Know-how zu sichern.

Größere Einheiten wurden nicht unbedingt als akut erforderlich beurteilt, da sich die großen Seemächte den Beschränkungen der Flottenverträge von Washington (1922) unterwarfen. Der maßgebliche Treiber für das Flottenbauprogramm war die strategische Ausrichtung der Flotte: 1924 konzentrierten sich alle Anstrengungen zunächst auf die lokale Küstenverteidigung im Zusammenwirken mit Küstenbatterien, Minensperren und Flugzeugen.101) Dies wurde in der Doktrin des „kleinen Krieges der verbundenen Seekriegswaffen in Küstennähe“ zusammengefasst. Dabei trat die „Moskito-Doktrin“102) - in den damaligen Kontext gebracht - wieder hervor. Unter diesen operativen Vorgaben und den unzureichenden Fertigungskapazitäten wurden v.a. kleine, schnell zu bauende Klassen und Typen, wie zum Beispiel Zerstörer, Schnellboote und U-Boote, bevorzugt. Diese Strategie wurde 1928 im Revolutionskriegsrat leicht abgeändert, es wurde wieder die Unterstützung von Heeresoperationen in Küstennähe gefordert. Dies bedeutete die Beschränkung des Aktionsraumes der Marine auf den „Brown Water“- Bereich des Meeres. So wurde durch den Fokus auf die Küstenverteidigung einer Marine einer der wichtigsten Vorteile der See genommen: die Weite zum Manövrieren - dies erfordert starke Seestreitkräfte. In der 1930 fertiggestellten Marinegefechtsvorschrift wurde der Rahmen für die Einzel- und Gefechtsausbildung zur Umsetzung der taktisch offensiv geführten strategischen Defensive gesetzt. Diese Vorschrift blieb laufend überarbeitet bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Kraft. Stalin erfasste die weitreichenden Möglichkeiten einer Seemacht und verabschiedete sich von der Forderung einer Marine als grundsätzlich defensiver, heeresunterstützender Teilstreitkraft. So leitete Stalin gemeinsam mit Molotow 1938 den Ausbau der Roten Marine zu einer ozeanischen Flotte ein. Molotow bezeichnete dies als Akt, eine Marine aufzubauen, die der Macht des Sowjetstaats entsprach (vgl. Abbildung 3).103)

Die noch immer ungünstige geostrategische Lage erforderte den Ausbau von Flottenteilen auf vier Meeren: die Ostseeflotte, die Nordmeerflotte, die Schwarzmeerflotte und die Fernostflotte. Damit legte die sowjetische Führung ein klares Bekenntnis zur Präsenz auf allen Meeren ab, um wieder als Großmacht anerkannt zu werden. Der Nachteil der auseinanderliegenden Küsten konnte durch die Eröffnung des „Weißmeer-Ostseekanals“ (auch Stalin-Kanal genannt) 1933 behoben werden. So war es zumindest zwischen der Ostsee und der Barentssee möglich, Kräfte bis Zerstörer-Größe auf der inneren Linie zu verschieben. Des Weiteren, um die strategische Bewegungsfreiheit zu erlangen, unternahm die Sowjetunion Anstrengungen, Beschränkungen der türkischen Meerengen für die Durchfahrt von Kriegsschiffen aufzuheben. Mit der Eingliederung der baltischen Staaten 1940 in die Sowjetunion und dem Ergebnis des Russisch-Finnischen Winterkrieges 1939-1940 konnte die Sowjetunion alle ehemaligen Marinestützpunkte des damaligen Zarenreiches unter ihre Kontrolle bringen. Dies diente nicht nur der traditionellen Machterweiterung, sondern galt zuletzt der strategischen Absicherung der Operationsbasis in der Ostsee. Schlussendlich musste die Sowjetflotte vier getrennte Flotten unterhalten, um in jedem Machtbereich Präsenz zu zeigen.104)

Im Kriegsschiffbau wurde, wie bereits erwähnt, kleineren Einheiten der Vorzug gegeben. Mit der Änderung der generellen Ausrichtung der Marine wurden auch wieder große Einheiten gebaut. Daneben wurde in technologischen Weiterentwicklungen Raum für Experimente gegeben, wie zum Beispiel bei der Entwicklung von Luftkissenbooten, der Entwicklung von Tragflügelbooten oder im Bereich der Marineflieger. Erstere beide zielten auf die küstennahe Unterstützung des Heeres ab, Letztere verbesserte v.a. den taktischen und operativen Wert der kleineren, schnellen Torpedoboote und U-Bootjäger. Letztere sollten den Anspruch einer ozeanischen Flotte durch den Einsatz von Flugzeugträgern unterstützen, wobei Stalin selbst großen Schlachtschiffen mit weittragenden Geschützen den Vorzug gegenüber Flugzeugträgern105) gab.106)

Neben dem materiellen Engpass gab es auch personelle Herausforderungen, da durch Säuberungen der Revolution der begabte Führungskader spürbar ausgedünnt wurde. 1925 wurde die ungeteilte militärische Befehlsgewalt wiederhergestellt und die politische Kontrolle durch „Politische Assistenten“ ersetzt. Damit wurde der rein politische Einfluss zugunsten militärischer Führungsqualität zurückgenommen. Das Zentralkomitee wollte ein Mindestmaß an Indoktrinierung erhalten und die Loyalität der Streitkräfte überwachen. Viele hochrangige Offiziere besetzten ihre Stellung ausschließlich wegen ihrer politischen Gesinnung und nicht wegen ihrer militärischen Qualifikation. Dies minderte die Beratungsleistung der Militärs an die politische Führung. Dies wurde 1937 wieder durch die Einführung der Kommissare zurückgenommen und die politische Kontrolle über die Marine intensiviert.107)

Conclusio:

- Der Aufbau der Roten Marine ist als bemerkenswerter gesamtstaatlicher Kraftakt zu bewerten (vgl. Abbildung 2), wobei er immer nachrangig zum Aufbau von Armee und Luftwaffe blieb.

- Die strategische Ausrichtung änderte sich, wie damals bei Peter I., mit der Vision des Anführers, Stalin, nun zur ozeanischen weltweit einsetzbaren Flotte („Blue Water“). Dennoch vernachlässigte die Sowjetflotte nicht den küstennahen Bereich und die Binnengewässer („Brown Water“). Letzteres wird durch die Existenz zahlreicher kampfstarker Schiffe und Boote für den Einsatz auf Strömen und Seen untermauert.108)

- Die Flotte als Mittel der Machtprojektion auf allen vier Meeren wurde erkannt und durch den Aufbau von vier getrennten Flotten der geostrategische Nachteil zu verringern versucht.

- Der geostrategische Nachteil im Norden wurde durch den Bau des Stalin-Kanals gemindert.

- Die Sowjetunion versuchte, den zu Beginn vorhandenen Mangel an technischem Know-how zunächst durch Zukauf von außen und langfristig durch die Etablierung eigener technologischer Rüstungsforschung zu beheben.

(Wird fortgesetzt)

 


ANMERKUNGEN:

1) Die Andreas-Flagge wurde am 30. November 1699 von Peter I. dem Großen gestiftet. Sie spiegelt das Kreuz des ersten russischen militärischen Ordens des Heiligen Apostels Andreas wider.

2) Anatoli A. Razdolgin: Die Geschichte der russischen Marine bis 1917: Dienst unter der Andreas-Flagge, Herford: Koehler, 1993, S.7-8.

3) Vgl. Forschungsstelle Osteuropa [2005]: Russische Außenpolitik unter Putin, Bremen, 2005 (2017-11-17), 8.

4) Eine der Antworten war die Spannocchi-Doktrin (vgl. W. Wildberger, Emil Spannocchi, 2006).

5) Vgl. Allied Command Operations, Comprehensive Operations Planning Directive, 2013.

6) Konkrete Zeugnisse liegen nicht vor, denn, entweder noch zu Lebzeiten Peters I. oder später, sind praktisch alle einschlägigen Berichte über die russische Schifffahrt gezielt vernichtet worden. Peter wollte gelten und galt als der Begründer russischer Seemacht und Seegeltung… in: Harald Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern: Die Geschichte der russischen/sowjetischen Marine, Bd. 5, Herford: Mittler, 1985, S.19.

7) Durch die zunehmende Slawisierung entstand die Stammesbezeichnung Rus beziehungsweise Russen.

8) Die Waräger waren ein den Wikingern entstammendes Seefahrervolk.

9) Dem folgend entstammt auch der heute erhobene Anspruch Russlands auf diese Region.

10) Nach den archäologischen Funden zu urteilen, maßen diese Baustämme zwischen 3,5 und 6,5 Meter Länge und hatten eine Breite von ungefähr 0,8 Metern (Razdolgin, a.a.O., S.10).

11) Die Byzantiner hatten zu dieser Zeit Galeeren und Segelboote und waren dadurch den kleinen Booten der Waräger überlegen.

12) Jochen Gartz: Vom griechischen Feuer zum Dynamit: Eine Kulturgeschichte der Explosivstoffe, 2. Aufl., Neustadt an der Orla, Arnshaugk 2014.

13) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.11-13.

14) Dieser wurde im Großen Nordischen Krieg (ab 1700) auch erlangt.

15) Razdolgin, a.a.O., S.12.

16) Dazu zählen zum Beispiel China, Finnland und Schweden.

17) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.20.

18) Russland trat der durch den Papst initiierten „Heiligen Liga“ aus Habsburg, Polen und Venedig 1685 bei. Ziel war es, im Sinne einer „Reconquista“ die Osmanen aus Südeuropa zu vertreiben (Klaus Kreiser: Der osmanische Staat: 1300 - 1922, Bd. 30, 2., aktual. Aufl., München/Oldenburg 2010, S.30-31).

19) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.20-21.

20) I. Mnich: Der Große Nordische Krieg (1700-1721). Machtverschiebung durch den Kampf um die Ostseeherrschaft, 2016; A. Querengässer: Belagerungen im Großen Nordischen Krieg, 2017.

21) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.23.

22) Diese Verhältniszahl bezieht sich auf Einheiten derselben Kategorie: z.B.: Linienschiff zu Linienschiff, Fregatte zu Fregatte.

23) In dieser, von Peter I. geführten Seeschlacht wurden die größeren schwedischen Kriegsschiffe durch eine zahlenmäßig eindeutig überlegene, aber ausschließlich aus kleinen Einheiten bestehende russische Flotte besiegt. Dabei wurde, um die Einkesselung zu erzielen, auch der Versuch unternommen, die kleinen russischen Einheiten über Land hinter die schwedische Linie zu manövrieren. Im dritten und letzten Versuch gelang es beinahe 100 russischen Galeeren, die knapp zehn schwedischen Schiffe einzukesseln und durch die schiere Überzahl auch zu entern.

24) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.26-27.

25) Dieser Personalbedarf umfasste einfache Matrosen über Offiziere bis hin zu Flottenführern.

26) Razdolgin, a.a.O., S.26.

27) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.25.

28) Ebd. S.29-31.

29) Ebd. S.31-34.

30) So gründete sie auch die Schwarzmeerflotte 1783.

31) Auch als Baltischport und heute als Paldiski bekannt.

32) Dabei unterschätzen einerseits die Türken die Bereitschaft der Russen, diese sehr zeitaufwendige und in damaligen Zeiten auch sehr kraftanstrengende Verlegung durchzuführen, und andererseits wurde diese Operation durch die Nationen im Mittelmeerraum argwöhnisch betrachtet und durch das Verbot, Häfen anlaufen zu dürfen, erschwert - einzig die Engländer erlaubten der russischen Flotte, kranke Seeleute im Hafen von Portsmouth zu übergeben. Die Verlegung dauerte mehr als acht Monate. (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.35-36).

33) Darüber hinaus dienten noch weitere Offiziere fremder Herkunft für Zarin Katharina II., so auch John Paul Jones ab 1788. Er erlangte Berühmtheit im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (S. S. Harkins, W. H. Harkins: The life and times of John Paul Jones, 2008, S.39-41).

34) In einer oberflächlichen Betrachtung sind eindeutig Parallelen zur heutigen Situation zu finden.

35) Admiral Usakov konzentrierte sich in der maritimen Ausbildung auf Taktik, die Erziehung des Führernachwuchses zu Initiative und Entschlussfähigkeit, auf Drill und die Schießkunst. Dadurch wurden auch Siege mit unterlegenen Schiffen durch die richtige taktische Wahl und die richtigen Entscheidungen möglich. (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.40).

36) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.35-41.

37) C. Reichl-Ham: Der Russlandfeldzug Napoleons 1812, 2012.

38) Ein 1.020 km langer, bei Riga in die Ostsee mündender Strom, der seinen Ursprung nahe den Wolgaquellen hat.

39) Selbst das 1730 erstmals betretene Alaska wurde um 1867 um 7 Mio. USD an die USA verkauft - nicht ganz ohne Gefühl der Erleichterung. (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.47).

40) Vgl. R. Bulkeley: Bellingshausen and the Russian Antarctic Expedition, 1819-21, 2014.

41) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.42-47.

42) In diesen Zeitraum fiel auch die Schlacht von Navarino (1827), die Koalition aus dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Russland besiegte eine Osmanische Flotte und trug so zur Unabhängigkeit Griechenlands bei und verkürzte den Konflikt zwischen Russland und dem Osmanischen Reich (L. Sondhaus: Naval warfare, 1815-1914, 2001, S.15-18).

43) So wurden 1836 in Holland die ersten eisernen Kriegsschiffe gebaut, und 1877 befand sich in England überhaupt kein hölzernes Kriegsschiff mehr im Bau (J. A. van Hüllen: Schiffbau, 2010, S.97-98).

44) 1850 besaß Russland drei Dampf-Linienschiffe in der Baltischen Flotte und ausschließlich segelgetriebene Holzschiffe in der Schwarzmeerflotte.

45) Hier ist die 68-Pfünder-Kanone des Franzosen Paixhans besonders zu erwähnen, da diese rechtzeitig vor Beginn des Krimkrieges an die Flotte ausgeliefert werden und gute Erfolge erzielen konnte.

46) Der Krimkrieg dauerte von 1853 bis 1856 (W. Baumgart: The Crimean War, 1853-1856, 1999).

47) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.50.

48) 4:3 bei Großkampfschiffen oder 10:1 gem. der Moskito-Doktrin, wenn kleine Boote größere Schiffe angreifen.

49) Diese waren auf sechs Dampfschiffe mit maximal 800t Verdrängung und vier leichte Dampf- oder Segelschiffe mit einer maximalen Verdrängung von 200t begrenzt. Russland wollte ursprünglich bis zur Größe einer Fregatte (ca. 2.100t bei k.u.k. Fregatte Novara) keine Beschränkungen (Baumgart, W., Der Friede von Paris 1856, 1972, S.149-150).

50) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.48-55.

51) A. Newpower: Iron men and tin fish, 2006.

52) G. Jäschke: Das Osmanische Reich vom Berliner Kongress bis zu seinem Ende, 1973.

53) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.56-60.

54) Razdolgin, a.a.O., S.32-34.

55) Früher als Geschützte Kreuzer bzw. Panzerkreuzer klassifiziert.

56) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.61-64.

57) LCC: Land Component Command, Landstreitkräfte.

58) MCC: Maritime Component Command, Seestreitkräfte.

59) Die Begrifflichkeit in Teilstreitkräften zu denken, etablierte sich erst im 20. Jahrhundert (vgl. K. Roch: Viribus Unitis, 2015, passim.)

60) Diese Herausforderung zeigte sich erneut im 1787 beginnenden Russisch-Türkischen Krieg. Eine zu schwache russische Schwarzmeerflotte musste durch das Gros der Ostseeflotte verstärkt werden, diesen strategischen Umstand machte sich Schweden 1788 zunutze, um die Schwächung im Ostseeraum zur Wiedererlangung der verlorenen Teile Finnlands und der Ostseeprovinzen auszunutzen. Dies führte zu einem sofortigen Rückruf der Teile der Ostseeflotte, und Schweden wurde zu See geschlagen. Jedoch konnte dadurch das „griechische Projekt“ Katharinas II., die Wiederbegründung eines byzantinischen Reiches unter russischer Führung, verhindert werden - zu Lasten Schwedens. Russland beherrschte 1790 die Ostsee.

61) Vgl. Fußnote 52.

62) Es standen nicht unbedingt mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, durch die Bekämpfung der Korruption konnten die vorhandenen Mittel zielorientierter verwendet werden.

63) So wurden zwei Handels- und Marinestützpunkte (Petropawlowsk und Wladiwostok - letzterer war nicht eisfrei das ganze Jahr) gegründet.

64) Die Ostseeflotte hatte als Hauptaufgaben die eigene Küstenverteidigung und die Verhinderung feindlicher Landungsunternehmungen ostwärts Narwa (R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.10).

65) Die Nordflotte (auch Sibirische Flotte genannt) beschränkte sich auf die lokale Verteidigung von Wladiwostok (R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.10).

66) Die Schwarzmeerflotte erhielt die Aufgaben der Besetzung der türkischen Meerengen und die Unterstützung der Heeresoperationen im Kaukasus (R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.10).

67) R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.10.

68) In den Verhandlungen mit der Duma musste das Flottenbauprogramm immer wieder gekürzt werden und wurde schlussendlich am 6. Juli 1912 für den Bau von vier Schlachtkreuzern, acht Leichten Kreuzern, 36 Zerstörern, 18 U-Botten und weiteren kleinen Einheiten, wie Minensucher und Bergungsschiffe, genehmigt (R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.12).

69) 1898 stellte der deutsche Marineattaché in St. Petersburg präzise fest: „Das Projekt geht von dem Grundgedanken aus, dass die russische Flotte wie bisher die Ostsee beherrschen und der japanischen Flotte in Ostasien überlegen bleiben muss. Im Schwarzen Meer soll das augenblickliche Kräfteverhältnis erhalten bleiben“ (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.67).

70) Russland hatte eine Vorliebe für Große Kreuzer, da diese im weltweiten Handelskrieg eingesetzt werden konnten. Der Kleine Kreuzer als Flottenbegleitschiff fand in der russischen Flotte beinahe keine Verwendung.

71) U-Boote wurden hierbei als Küstenverteidigungswaffen betrachtet. Der U-Bootsbau wurde nach ersten unbefriedigenden Erfahrung nicht durchgehend konsequent weiterverfolgt.

72) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.65-76.

73) Nauticus, Beiträge zur Flottennovelle 1900, 2011, S.197.

74) Japans Flotte war homogener und dem russischen Mix an Einheiten verschiedener Qualität überlegen.

75) Diese Flottenteile bestanden aus Großen Kreuzern, die für den weitreichenden Handelskrieg gebaut wurden. Da sie aber entgegen den Grundsätzen im geschlossenen Verband eingesetzt wurden und den japanischen modernen Einheiten unterlegen waren, konnten sie ihre Wirkung nicht entfalten. Dies ist eigentlich verwunderlich, da Japan als Inselreich stark von der Handelsschifffahrt abhängig war.

76) F. Jacob: Tsushima 1905, 2017.

77) A. S. Novikov-Priboj: Tsushima, 1986.

78) R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.9.

79) Dabei waren 35 Schlachtschiffe, 18 Schwere Kreuzer, 36 Leichte Kreuzer und 509 Zerstörer für die Fernostflotte und die Baltische Flotte vorgesehen (R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.9).

80) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.77-112.

81) H. Alisch: Der Russisch-Japanische Krieg 1904/1905, 2010.

82) R. Greger: Die russische Flotte im Ersten Weltkrieg 1914-1917, 1970, S.9.

83) Razdolgin, a.a.O., S.34.

84) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.107-112.

85) Im Gegensatz zur deutschen Flottenführung, die 1915 eine Gelegenheit zur schnellen Besetzung der baltischen Inseln in Unterstützung der Heerestruppen vernachlässigte, da sie sich selbst auf die Operationsführung in der Nordsee gegen England fokussierte und die Heeresleitung die Entscheidung im Westen suchte (J.-M. Hormann, E. Kliem: Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg, 2014, S.156-157.) Erst mit der ersten Joint Operation der modernen Kriegsgeschichte, der Operation Albion, in deren Verlauf die baltischen Inseln besetzt wurden, wurden unter gemeinsamer Führung durch die Oberste Heeresleitung und des Flottenkommandos Militärgeschichte geschrieben (L. Bengelsdorf: Der Seekrieg in der Ostsee, 2008).

86) Ė. N. Burdzhalov, D. J. Raleigh: Russia‘s second revolution, 1987.

87) R. Altieri, F. Jacob: Die Geschichte der Russischen Revolutionen, 2015.

88) Auf Befehl Lenins wurde der größte Teil der Schwarzmeerflotte im Juni 1918 in Noworossijsk selbstversenkt.

89) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.152-173.

90) So versenkten britische Schnellboote am 18. August 1919 bei einem Angriff auf den Hafen die Pamjat Asowa, eine Panzerfregatte.

91) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.174-183.

92) Immer wieder konnte die russische Flotte technisch überlegene Einheiten selbst mit veraltetem Gerät aufgrund besserer Schießkünste in die Flucht schlagen.

93) Der Einsatz der Flotte beschränkte sich auf die Unterstützung von Heeresoperationen, eine geschickte Minenkriegführung und lokale Gefechte mit geringer Auswirkung auf den Gesamtverlauf des Krieges.

94) Die Flugzeugmutterschiffe sind als die direkten Vorgänger der modernen Flugzeugträger zu betrachten.

95) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.113-151.

96) Dies umfasste Konstruktionspläne für moderne größere Einheiten, ganze Schiffe, Panzerplatten, Antriebsanlagen, mittlere und schwere Schiffsartillerie, Entfernungsmessgeräte, Minen, Torpedos, Optiken, Batterien usw.

97) Viele unfertige Einheiten aus dem letzten zaristischen Bauprogramm wurden wegen Materialmangel noch unfertig abgewrackt.

98) Gerade zu Beginn waren die Zustände in den Werften aufgrund von Säuberungen, fehlender technischer Leitung und unzureichender Materialqualität als schlecht für diesen ambitionierten Ausbau zu bezeichnen. Dies äußerte sich darin, dass Schiffen das Vorschiff abbrach oder U-Boote wegen technischer Gebrechen versanken.

99) Vgl. Rapallo-Vertrag. In diesem wurde die engere Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht ermöglicht. Die deutsche Marine hingegen war einer Kooperation mit der Sowjetflotte skeptisch und zurückhaltend gegenüber eingestellt, sie wollte einen erstarkenden Gegner in der Ostsee langfristig verhindern.

100) Italien lieferte fehlende Motoren und weitere Ausrüstung.

101) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.192

102) Die „Moskito-Doktrin“ der 1930er-Jahre forderte den Angriff auf überlegene feindliche Einheiten durch eine große Zahl gleichzeitig und konzentrisch ansetzender Verbände kleiner Torpedoträger (z.B. Schnellboote) im Zusammenwirken mit Flugzeugen, Minensperren und U-Booten.

103) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.206.

104) Ebd., S.198-216.

105) Der Einsatz von Flugzeugträgern ist durch ihren Aktionsradius in der Ostsee per se unmöglich und hätte aus sowjetischer Sicht nur Sinn im Nordmeer und im Pazifik ergeben.

106) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.206-210.

107) Ebd., S.206.

108) So waren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf sowjetscher Seite 27 Monitore im Einsatz (J. W. Schmidt: Die Zerstörung eines türkischen Monitors auf der Donau im Russisch-Türkischen Krieg 1877/78, 2005, S.471), nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weitere Rüstungsprojekte (z.B. 119 Flusspatrouillenboote des Typs 1204) umgesetzt.