Seemacht Russland (Teil 2) 

Gerald Böhm/Matthias Wasinger

 

Die Einsatzführung der sowjetischen Streitkräfte wurde besonders zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch wesentlich durch den Wissens- und Vertrauensverlust, ausgelöst durch Stalins große Säuberungswelle, beeinflusst. Im Zuge dieser Maßnahme entledigte sich das System einer Vielzahl so genannter „Umstürzler“. Besonders erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass gerade im Bereich der Seestreitkräfte, welchen grundsätzlich eine untergeordnete Rolle beigemessen wurde, die gesamte Führung ersetzt wurde. Die eigene Geschichte hatte wohl gelehrt, dass eben die Marine sehr zugänglich für revolutionäre Ideen sei. Trotz dieser offensichtlichen Schwächung in allen Bereichen der Streitkräfte, sollte die Sowjetunion über Jahre die Hauptlast der Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg tragen. Das größte Geschenk, dass die Russen den Alliierten gemacht haben, ist der Zeitgewinn, ohne den Großbritannien noch nicht einmal im Stande gewesen wäre, die Wunden zu heilen, die ihm bei Dünkirchen geschlagen wurden, und ohne den die USA die Rüstungsproduktion nicht hätten auf Hochtouren bringen und ihre Land- und Seestreitkräfte ausbauen können. Eingebettet in die historisch gemachten Erfahrungen, auf Basis einer gerade erst zerrütteten Befehlskette und konfrontiert mit den geostrategischen Herausforderungen versuchte v.a. die politische Führung durch den quantitativen Aufwuchs der Sowjetflotte die Stellung als Großmacht auch im Kriege darzustellen. Die Zeichen der Zeit wiesen bei allen damaligen Großmächten auf Großkampfschiffe zur Umsetzung einer mahan’schen Doktrin der Entscheidungsschlacht. Die Realität jedoch sollte all dies überholen. Mit dem so genannten Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die UdSSR im Jahre 1941 wurden auch die Seestreitkräfte überrumpelt. Obwohl im Zuge der einleitenden Angriffe sowjetischer Marinestützpunkte durch die Deutsche Luftwaffe kein einziges Kriegsschiff versenkt wurde, unterband der rasche Vorstoß der Deutschen Wehrmacht bald das Verschieben kleinerer Schiffseinheiten auf Binnengewässern. Klimabedingt erwies sich die Umgruppierung von Kräften über den Stillen Ozean ausschließlich während weniger Monate im Jahr als praktikabel. Durch den erfolgreichen deutschen Vorstoß in der heutigen Ukraine sowie den Einschluss Leningrads wurden sowohl die Ostseeflotte als auch die Schwarzmeerflotte abgeschnitten. Auf See selbst isolierten deutsche und finnische Seeminen in der baltischen See sowie durch die Luftwaffe spezialisierte Minenlege-, Torpedoflugzeuge und Marinebomber - nach Verlegung aus dem Mittelmeer - im Schwarzen Meer die jeweiligen sowjetischen Flotten Das Ziel, mittels Großkampfschiffen selbst „Power Projection“ betreiben zu können, war unterlaufen worden. Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn waren die sowjetischen Seestreitkräfte im Großen getrennt worden. Was blieb, war aus russischer Sicht die Beschränkung der Einsatzführung in räumlich und zeitlicher Hinsicht, da ein Zusammenwirken der Flotten im Großen, gerade auch im Kampf Flotte gegen Flotte, so unterbunden worden war. Dies wurde dafür umso erfolgreicher umgesetzt. Strategisch hatte sich die Sowjetunion ausschließlich auf die Bekämpfung des Deutschen Reichs ausgerichtet. Erst 1945, nach der Kapitulation des Deutschen Reichs, marschierte die Rote Armee in die Mandschurei ein.