Traditionsverständnis im Lichte der Traditionserlasse von Bundesheer und Bundeswehr

Manuela R. Krueger

 

Armeen brauchen Traditionen. Aber bedarf eine lebendige zeitgemäße Traditionspflege nicht zunächst ihres Verständnisses? Im Folgenden werden die immer wieder aufbrechenden Debatten über das Traditionsverständnis im Vergleich von Bundesheer und Bundeswehr behandelt. Zunächst blicken wir auf das aktuelle Leitbild zur Traditionspflege im Ressort des BMLVS, einer DIN A4-Seite des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport (BMLVS) von 2017, in welchem der Begriff des Traditionsverständnisses ausgelassen wurde. Im aktuellen Traditionserlass des Österreichischen Bundesheeres vom 16. Juni 2010 taucht der Begriff Traditionsverständnis erst im Abschnitt C, Anwendungsbereich, auf. Der Titel des bisherigen Traditionserlasses der Bundeswehr vom 20. September 1982 lautet hingegen Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr. Diese beiden hier aufgeführten Begriffe scheinen Schlüsselbegriffe in den Traditionsdebatten zu sein. Im Fokus dieses Beitrags soll jedoch das Traditionsverständnis stehen, aus welchem sich die Traditionspflege ableiten lässt. Anfänglich werden Debatten über das Traditionsverständnis vorgestellt, Definitionen von einzelnen Begriffen und Fragen um die Traditionswürdigkeit der Wehrmacht sowie kritische Stimmen reflektiert und abschließend die Weiterentwicklung in den Gedanken und Erlassen zum Traditionsverständnis im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) und der Deutschen Bundeswehr (DBW) erörtert. In Österreich und Deutschland werden Traditionsverständnis und Traditionspflege der Streitkräfte in Erlassen der Führung (VerteidigungministerInnen) verordnet. Wie sie in der Truppe umgesetzt werden, erschließt sich nur in Gesprächen mit vielen Soldatinnen und Soldaten sowie durch Recherchen in der Truppe, in Stäben und Schulen sowie in den Ministerien. Die Handhabung der Tradition scheint zwischen ihrer offiziell verordneten und reell praktizierten Form ungenügend miteinander verzahnt zu sein, was zu bedenken mich bei einem vorbereitenden Gespräch der frühere Generaltruppeninspektor General i. R. Horst Pleiner anregte.

In beiden Ländern, Österreich und Deutschland, ist offensichtlich bisher die emotionale und physische Seite des Traditionsverständnisses zu kurz gekommen. Doch die fortwährenden Debatten und der neue deutsche Traditionserlass beweisen, dass dieser Aspekt nicht mehr ausgespart werden soll und bei seiner anstehenden Umsetzung Berücksichtigung finden wird. Die österreichische und deutsche Militärgeschichte kann bei diesem Umsetzungsprozess einen gewichtigen Beitrag leisten. Traditionsverständnis der multinational verflochtenen Armeen im Einsatz darf keine Grenzen kennen. Nur wenn Traditionen von Soldatinnen und Soldaten angenommen und mit Leben erfüllt werden, bleiben die Regelungen der Traditionserlasse keine trockene Theorie. Eine derartig gestaltete Traditionspflege schärft für die Truppe die Konturen der Militärkulturen beider Armeen in den Wechselfällen der Geschichte, also ihr tradierwürdiges Erbe, von dem sie so vielfältig zehren. Wir wissen zurzeit nicht, wie die europäische Perspektive, zum Beispiel die mögliche Aufstellung einer Europa-Armee, die Streitkräfte und deren Traditionsverständnis langfristig beeinflussen wird.