Seemacht Russland (Teil 2)

Gerald Böhm/Matthias Wasinger

 

Die sowjetische Marine im „Großen Vaterländischen Krieg“

Die Einsatzführung der sowjetischen Streitkräfte wurde gerade zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch wesentlich durch den Wissens- und Vertrauensverlust, ausgelöst durch Stalins große Säuberungswelle, beeinflusst. Im Zuge dieser Maßnahme entledigte sich das System einer Vielzahl sogenannter „Umstürzler“. „Aus gesicherten Unterlagen geht hervor, dass ab Mitte bis Ende der 1930er-Jahre drei von fünf Marschällen, fast sämtliche Führungsspitzen der Sowjetflotte, sämtliche Befehlshaber der Militärbezirke, 13 von 15 Armeebefehlshabern, 50 von 57 Korpskommandeuren, 154 von 186 Divisionskommandeuren, sämtliche Politische Kommissare der Armeen, 25 von 28 Korpskommissaren, 58 von 64 Divisionskommissaren, sämtliche 1. Stellvertreter des Volkskommissars für Verteidigung und 98 von 108 Mitgliedern des Obersten Militärrates der UdSSR entweder exekutiert wurden oder in Straflagern zugrunde gingen.“1)
Besonders erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass gerade im Bereich der Seestreitkräfte, dem, wie im Vorhergehenden dargestellt, grundsätzlich eine untergeordnete Rolle beigemessen wurde, die gesamte Führung ersetzt wurde. Die eigene Geschichte hatte wohl gelehrt, dass eben die Marine sehr zugänglich für revolutionäre Ideen war.2) Trotz dieser offensichtlichen Schwächung in allen Bereichen der Streitkräfte sollte die Sowjetunion über Jahre die Hauptlast der Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg tragen. „Das größte Geschenk, das die Russen den Alliierten gemacht haben, ist der Zeitgewinn, ohne den Großbritannien noch nicht einmal imstande gewesen wäre, die Wunden zu heilen, die ihm bei Dünkirchen geschlagen wurden, und ohne den die USA die Rüstungsproduktion nicht hätten auf Hochtouren bringen und ihre Land- und Seestreitkräfte ausbauen können.“3) Doch wie verhielt es sich mit den Leistungen der Sowjetmarine?
Eingebettet in die historisch gemachten Erfahrungen, auf Basis einer gerade erst zerrütteten Befehlskette und konfrontiert mit den geostrategischen Herausforderungen, versuchte v.a. die politische Führung durch den quantitativen Aufwuchs der Sowjetflotte die Stellung als Großmacht auch im Kriege zu behaupten. Die Zeichen der Zeit wiesen bei allen damaligen Großmächten auf Großkampfschiffe zur Umsetzung einer mahanschen Doktrin der Entscheidungsschlacht.4)
Die Realität jedoch sollte all dies überholen. Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die UdSSR im Jahre 1941 wurden auch die Seestreitkräfte überrumpelt. Die bereits dargestellten geostrategischen Einschränkungen, wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben, sollten sich noch drastischer auswirken. Obwohl im Zuge der einleitenden Angriffe sowjetischer Marinestützpunkte durch die deutsche Luftwaffe kein einziges Kriegsschiff versenkt wurde, unterband der rasche Vorstoß der Deutschen Wehrmacht bald das Verschieben kleinerer Schiffseinheiten auf Binnengewässern. Klimabedingt erwies sich die Umgruppierung von Kräften über den Stillen Ozean ausschließlich während weniger Monate im Jahr als praktikabel. Durch den erfolgreichen deutschen Vorstoß in der heutigen Ukraine sowie den Einschluss Leningrads wurden sowohl die Ostseeflotte als auch die Schwarzmeerflotte 5) abgeschnitten.6) Auf See selbst isolierten deutsche und finnische Seeminen in der Baltischen See sowie durch die Luftwaffe spezialisierte Minenlege-, Torpedoflugzeuge und Marinebomber - nach Verlegung aus dem Mittelmeer - im Schwarzen Meer die jeweiligen sowjetischen Flotten (Sea Denial; Verhindern/Einschränken gegnerischer maritimer Einsätze durch maritime Abriegelung und Gewinnen der See-Überlegenheit).7) Das Ziel, mittels Großkampfschiffen selbst „Power Projection“ (Maritime Machtprojektion) betreiben zu können, war unterlaufen worden. Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn waren die sowjetischen Seestreitkräfte im Großen getrennt worden. Was blieb, war aus russischer Sicht die Beschränkung der Einsatzführung in räumlicher und zeitlicher Hinsicht, da ein Zusammenwirken der Flotten im Großen, gerade auch im Kampf Flotte gegen Flotte, so unterbunden worden war. Dies wurde dafür umso erfolgreicher umgesetzt.
Strategisch hatte sich die Sowjetunion ausschließlich auf die Bekämpfung des Deutschen Reichs ausgerichtet. Dies änderte sich bis August 1945 auch nicht mit dem Eintritt des Kaiserreichs Japan in den Krieg 1941, v.a. deswegen, weil bald klar wurde, dass dieses sich auf die Einsatzführung gegen die USA fokussierte. Zwar wurde Stalin wiederholt aufgefordert, selbst gegen Japan tätig zu werden, trotzdem blieb der Japanisch-Sowjetische Neutralitätspakt aufrecht. Aufgrund der
enormen Leistungen der Sowjetunion an den Landfronten gegen das Deutsche Reich stellte man diese Forderungen jedoch bald ein. Erst 1945, nach der Kapitulation des Deutschen Reichs, kündigte die Sowjetunion den Pakt auf und marschierte in die Mandschurei ein.8)
Die Nordflotte wurde zu zweierlei Zwecken eingesetzt. Einerseits hatte sie innerhalb ihrer Einsatzreichweite das Offenhalten der eigenen Seewege sicherzustellen (Sea Control; Gewinnen der See-Überlegenheit beziehungsweise Schutz der Schifffahrt durch Maritime Zonenverteidigung, Schiffskonvois sowie Nah- und Abstandseskorten), um so weiterhin die notwendigen Hilfslieferungen aus dem Westen - v.a. aus den USA - erhalten zu können.9) Aufgrund des zunehmend als Abnützungskrieg geführten Landkrieges zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich wurde gerade dieser Seeverbindungsweg zur Lebensader der UdSSR, die es aus Sicht der westlichen Alliierten unbedingt aufrechtzuerhalten galt, um selbst Zeit für Vorbereitungsmaßnahmen zur Weiterführung des Krieges zu gewinnen. Andererseits hatte die Nordflotte die Versorgung der deutschen Truppen in Norwegen und Finnland über den Seeweg zu bedrohen (Sea Denial; Verhindern/Einschränken gegnerischer maritimer Einsatzmittel). Dieses „Sea Denial“ wurde v.a. durch U-Boote, die auch die einzigen zur Offensive eingesetzten Einsatzmittel der Marine waren,10) sowie durch das „Fleet-In-Being“-Konzept, also die Bedrohung und Bindung eines Gegners durch die bloße Präsenz eigener Kriegsmittel, umgesetzt, und zwar derart erfolgreich, dass der weitere Vorstoß des deutschen Gebirgskorps in den Kaukasus aufgrund dieser Einschränkungen als schwer möglich erachtet wurde.11)
Die Ostseeflotte hingegen wurde ab der Einschließung Leningrads den zur Verteidigung eingesetzten Verbänden der Landstreitkräfte unterstellt. Anfängliche Truppentransporte wurden bald aufgrund der im Raum vorhandenen feindlichen Kleinschiffseinheiten und v.a. aufgrund der präsenten deutschen Luftwaffenverbände, die bei der Marine eingesetzt wurden, unmöglich. So wurden, um den Haltebefehl Stalins für Leningrad umsetzen zu können, insgesamt 110.000 Soldaten der sowjetischen Marine in Heeresverbände eingegliedert beziehungsweise den Landstreitkräften unterstellt. Die Schiffsartillerie der wenigen Großkampfschiffe wurde in das Verteidigungsdispositiv eingebunden (Maritime Power Projection; Maritime Machtprojektion durch seegestützte Feuerunterstützung - in diesem Fall jedoch nicht mehr als Beitragsleistung einer eigenständigen Teilstreitkraft, sondern mittels organischer Unterstellung der Einsatzmittel), und wo möglich wurde die Bewegungsfreiheit des Gegners durch Minen eingeschränkt.12) Der Zweck der Ostseeflotte kann somit weniger im Sinne eines Teils der Marine im Kampf gegen eine andere Seestreitkraft beschrieben werden, sondern vielmehr als Beitrag zum Halten der Stadt Leningrad (eingeschränkte Art der maritimen Machtprojektion) sowie zur Bindung möglichst starker Teile der deutschen Streitkräfte sowie deren Verbündeter im Raum.
Die Schwarzmeerflotte schließlich hatte primär - zur Sicherung der eigenen Existenz - die verbliebenen Häfen im Kaukasus zu verteidigen (Sea Control; Gewinnen der See-Überlegenheit durch maritime Zonenverteidigung). Zusätzlich wurden Truppen und Versorgungsgüter auf dem Seeweg zu den im Rückzug befindlichen Land- und Luftstreitkräften transportiert. Wo möglich, wurde die durch anwesende deutsche U-Boote zunehmend eingeschränkte Bewegungsfreiheit genutzt, um amphibische Umfassungen auf taktischer Ebene durchzuführen (Maritime Machtprojektion durch amphibische Einsätze) und so die „Hauptkampflinien“ zumindest temporär zu entlasten. Zum Zwecke dieser Umfassungsbewegungen wurde auch auf die vorhandene Donauflottille zurückgegriffen. Das Schwergewicht der Einsatzführung abseits der Kaukasushäfen sollte jedoch das Ermöglichen und Durchführen von Versorgungstätigkeiten und Truppenverschiebungen im Schwarzen wie im Asowschen Meer bleiben. In Ausnahmefällen wurden Marinesoldaten, wie bei der Verteidigung von Sewastopol, in das Verteidigungsdispositiv der Landstreitkräfte - über das Ausmaß des Naval Fire Support (Seegestützte Feuerunterstützung) hinaus - miteinbezogen.13) Der hinhaltende Verzögerungskampf der sowjetischen Landstreitkräfte konnte durch die Gesamtheit dieser Maßnahmen unterstützt werden, bis der Angriffsschwung der Deutschen Wehrmacht zum Erliegen kam.14) Marschall der Sowjetunion Gretschko, ein Offizier, der den Landstreitkräften entstammte, hielt dazu fest: „Die Schwarzmeerflotte und die Asowflottille waren von Juli bis Dezember 1942 an sechs von neun Verteidigungsoperationen … um den Kaukasus beteiligt. In engem Zusammenwirken leisteten die Schwarzmeerflotte und die Asow-Kriegsflottille den Landtruppen bei der Verteidigung … im Kaukasus wirksame Unterstützung … Auch in der Offensive unterstützten die Schwarzmeerflotte und die Asowflottille durch Seelandungen wirksam die Truppen beim Durchbruch der mächtigen Verteidigung des Gegners … Die überaus wichtige Aufgabe, Seetransporte entlang der Kaukasischen Küste zu sichern, löste die Schwarzmeerflotte erfolgreich! ... Während der Schlacht um den Kaukasus schützte die Kaspi-Kriegsflottille die wichtigen Seewege, über die die Rote Armee, die Rote Flotte und die Volkswirtschaft Erdöl, Treib- und Schmierstoffe aus den Gebieten erhielten, die damals zwei Drittel des sowjetischen Erdöls förderte… So lösten die Schwarzmeerflotte, die Asow- und die Kaspi-Flottille ehrenvoll ihre Aufgaben in der Schlacht um den Kaukasus.“15) Die Sowjetflotte konnte nachstehende Erfolge für sich verbuchen:
Als die Initiative im Kriegsverlauf schließlich auf Seiten der Alliierten war, änderte sich das Bild nur in Teilbereichen. Die Flotten der UdSSR leisteten ihren Beitrag unverändert mit Schwergewicht im Sinne der Unterstützung der Landstreitkräfte, v.a. durch amphibische Operationen, vorwiegend auf taktischer Ebene, die natürlich zunahmen. Keine Ausnahme bildete hier auch die Mitte 1945 aufgestellte Pazifikflotte unter Admiral Jumaschek, die bei der Eroberung der Kurilen sowie der Häfen Koreas durch die Sowjetunion zwar durchaus Erfolge vorweisen konnte, die sich jedoch ebenso auf die Verminung von Seeverbindungslinien (Gewinnen der See-Überlegenheit durch maritimen Sperreinsatz, maritime Zonenverteidigung und das Errichten maritimer Sperrzonen) beschränkten.17)
Admiral Gorschkow hielt Folgendes fest: „Im Großen Vaterländischen Krieg hat sich erneut die Richtigkeit des wichtigsten Grundsatzes unserer Militärdoktrin bestätigt, dass ein starker Gegner nur durch die gemeinsamen Anstrengungen aller Teilstreitkräfte besiegt werden kann.“18) So richtig dieser Grundsatz sein mag, so sehr muss man in Bezug auf die sowjetische Marine festhalten, dass sie sich nicht im Sinne eines Kampfes von Flotte gegen Flotte beweisen konnte. Dies mag zwar in der grundsätzlichen Absicht Stalins zu Beginn des Krieges gelegen sein, da er den Bau großer Schlachtschiffe forciert hatte, die Realität des Krieges hatte diese Idee jedoch als nicht praktikabel qualifiziert, v.a., da mit dem Deutschen Reich der Gegner als Landmacht seine Einsatzführung ebenso mit Masse auf Landstreitkräfte abstützte.19) Die sowjetische Marine war mit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa bereits durch räumliche Trennung und Bindung zerschlagen worden, die Unterstützung der Landstreitkräfte im Sinne einer begrenzten maritimen Machtprojektion sowie eines Verhinderns und Einschränkens gegnerischer maritimer Einsätze war die einzig verbliebene Möglichkeit zum Einsatz der Seestreitkräfte geblieben.

Lehren aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“

Um die durch die Sowjetunion aus dem Großen Vaterländischen Krieg gezogenen maritimen Lehren verstehen zu können, muss man sich der Aufgabenfelder bewusst sein. Wie im Vorkapitel dargestellt, widmeten sich die russischen Seestreitkräfte im Rahmen des Zweiten Weltkrieges mit Masse der begrenzten maritimen Machtprojektion. Aus der Eigensicht der Sowjetunion entsprach dies jedoch nicht dem eigentlich vorgesehenen Aufgabenspektrum. Aus Sicht der UdSSR waren nämlich zwei Gruppen von Aufgaben zu lösen:20)
1. Kampf von Seestreitkräften gegen Seestreitkräfte;
2. Stützen der strategischen Flanke im Norden zur Unterstützung der Roten Armee.
Diese Aufgabenfelder erscheinen aus Sicht der Verfasser sowohl nachvollziehbar als auch belegbar, beispielsweise durch die Intention Stalins, noch vor dem Krieg die Überwasserflotte v.a. mit Großkampfschiffen weiter auszubauen, oder auch durch die Tatsache, dass die geographischen Gegebenheiten im nördlichen Teil des europäischen Russlands ein Abschneiden der dort eingesetzten Landstreitkräfte begünstigen. V.a. bezüglich der Verfügbarkeit von Großkampfschiffen erfolgte der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht aus Sicht der Sowjetmarine zu früh.21) Dies wiederum entsprach exakt dem reichsdeutschen Kalkül, da es die Effektforderung an die Kriegsmarine war, jedwede offensive Vorstöße der russischen Seestreitkräfte zu verhindern.22)
Flottenadmiral Gorschkow hielt in seiner Replik auf die Geschehnisse im Großen Vaterländischen Krieg fest, dass die Sowjetmarine beide an sie gestellten Aufgaben gelöst hatte.23) Der Grund dafür lag v.a., wie schon durch die Aussagen von Großadmiral Dönitz angedeutet, auch in den Kriegszielen der Gegner. Das Stützen der strategischen Nordflanke gelang beispielsweise unter größter Kraftanstrengung, obgleich die Seewege von den verbündeten Staaten USA und Großbritannien in Richtung der Sowjetunion durch Minen, Torpedoflieger und U-Boote empfindlich - und somit aus deutscher Sicht durchaus erfolgreich - bedroht werden konnten.24) Dieses Faktum wurde aus diesem Grund auch in die Beurteilungen über die Zusammensetzung der Sowjetmarine nach dem Krieg eingepflegt.
Es war jedoch, wenn man den Aussagen Dönitz‘ Glauben schenkt, nicht das Ziel der Kriegsmarine gewesen, die Baltische oder die Nordflotte zu vernichten. Ebenso waren amphibische Operationen entlang der russischen Nordflanke nicht geplant. Die Zielsetzungen - v.a. die Passivität der sowjetischen Seestreitkräfte - beider Marinen erlaubten somit, dass jede Seite ihre Ziele erreichen konnte. Ähnlich verhielt es sich mit der sogenannten erfolgreichen Einsatzführung gegen das Kaiserreich Japan. Der Neutralitätspakt hatte nahezu für die gesamte Dauer des Zweiten Weltkrieges Gefechte zwischen den Streitkräften verhindert. Als die Sowjetunion das Abkommen dann aufkündigte, war die kaiserlich-japanische Marine bereits durch die US-Seestreitkräfte geschlagen gewesen. Die Sowjetunion hatte ihre Lehren, bezogen auf die Seekriegführung, aus diesem Krieg somit mit Masse aus den Auseinandersetzungen mit einer anderen Landmacht, dem Deutschen Reich, zu ziehen.
Ein wesentliches Element war dabei die Notwendigkeit zur Verbesserung des Zusammenwirkens zwischen See- (als unterstützendes Kommando) und Landstreitkräften (als unterstütztes Kommando) gewesen.25) Gerade amphibische Umfassungen und seegestützte Feuerunterstützung als Element der maritimen Machtprojektion hatten sich als „Überlebensgarantie“ im Norden der deutschen Ostfront und um das Schwarze Meer erwiesen. Die waffentechnischen Weiterentwicklungen in den Bereichen der Raketentechnik sowie der Marineflieger sollten, wie im Folgeabschnitt noch angesprochen, die Relevanz der maritimen Machtprojektion aus russischer Sicht weiter erhöhen.
Die Bedeutung des Unterseebootes wurde durch die Erfolge der deutschen U-Bootwaffe während des gesamten Zweiten Weltkrieges verdeutlicht. Die Sowjetunion näherte sich dieser These jedoch von einer anderen Perspektive. So wurde der Erfolg der Sowjetmarine daran gemessen, dass sie es selbst zu Zeiten des Höhepunktes der Atlantikschlacht vollbracht hatte, rund 20% der verfügbaren deutschen Unterseekriegsmittel im Schwarzen Meer, der Ostsee und der Barentssee zu binden und somit wesentlich zur Entlastung der eigenen Verbündeten beigetragen zu haben.26) Im Zuge der Entwicklung und Ausstattung der Sowjetmarine nach dem Zweiten Weltkrieg erscheint es jedoch so, als hätte man auf Seiten der UdSSR auch die sogenannte Kehrseite dieser Medaille erkannt. 1943 war die Atlantikschlacht noch nicht entschieden und deutsche U-Boote bedrohten unverändert die „Nabelschnur“, an der Großbritannien in versorgungsmäßiger Hinsicht hing. Im Rahmen der Operation Paukenschlag 27) operierten diese unmittelbar zuvor noch vor den Küsten der USA 28) und - hier die Umkehrung des Arguments - banden mit lediglich 20% der verfügbaren Einheiten beinahe 100% der sowjetischen Seestreitkräfte.29) Somit hatte sich spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg das U-Boot als das zeitgemäße Einsatzmittel ergeben, durch das auch eine quantitativ unterlegene Marine - notwendig gemacht beispielsweise durch einen Fokus auf andere Teilstreitkräfte - sich einer größeren, natürlich mit Abstrichen in den Teilbereichen der Machtprojektion und der amphibischen Operationen, durchaus erfolgreich entgegenstellen kann.30) Doktrinär brachte dies auch endgültig die Abkehr vom mahanschen Denken der Notwendigkeit zum Erringen der Seeherrschaft mit sich.
Eine weitere Ableitung betraf das Verständnis von Seemacht an und für sich. Es hatte sich erwiesen, dass die Kriegsflotte selbst lediglich einen Teil der Seemacht des Staates ausmachte.31) Gerade im Zuge der Schlacht um Leningrad beziehungsweise im Schwarzen Meer wurde die Beitragsleistung der Handelsflotte und auch der Fischereiflotte zu einer Voraussetzung für den Kriegsgewinn. Diese unterstützten durch die Durchführung von Landungsunternehmen und Versorgungsaufgaben, die Bereitstellung von Transportraum und Hilfsschiffen sowie schlussendlich - und dies wurde mit Dauer des Krieges immer wichtiger - durch für das Volk relevante Lebensmitteltransporte.32)
Schlussendlich konnte aus der vorgegangenen Folgerung die Interdependenz zwischen staatlicher Ambition, geostrategischer Lage und Seestreitkräften als weitere wesentliche Lehre aus dem Großen Vaterländischen Krieg abgeleitet werden. Das Deutsche Reich konnte während des Zweiten Weltkrieges die Unterbrechung der Seeverbindungswege deswegen verkraften, da es nahezu auf die gesamten Ressourcen Europas zurückgreifen konnte. Trotzdem wurden gewisse Rohstoffe zur Mangelware. Staaten mit Ambition zur Großmacht haben jedoch langfristig den Bedarf an freien Seewegen und somit an leistungsfähigen Meerzugängen. Wirtschaftliche Überlebensfähigkeit und ökonomische Macht hängen direkt mit diesen freien Wegen zusammen, die wiederum durch Seestreitkräfte gesichert werden müssen. Sind diese zum Offenhalten der Seewege nicht in der Lage, dann schmälert dies das Machtpotenzial des jeweiligen Staates im Allgemeinen und seine Kriegsfähigkeit im Speziellen.33) Beschreibt die EU in ihrer maritimen Strategie im Jahr 2014 den Zusammenhang zwischen Wohlstand und sicheren Seeverbindungen,34) so knüpft sie folglich an eine Erkenntnis an, die die Sowjetunion als eine der wesentlichen Lehren aus dem Großen Vaterländischen Krieg mitgenommen hatte.

Die sowjetische Marine im Kalten Krieg

„Die Seemacht eines Staates kann man mit Recht als ein System betrachten, für das nicht nur das Vorhandensein von Bindungen zwischen seinen einzelnen Komponenten (Kriegsflotte, Handelsflotte, Fischereiflotte, Flotte der Forschungsschiffe usw.) charakteristisch ist, sondern auch die untrennbare Verbindung mit dem Milieu - dem Ozean, wobei die Unteilbarkeit des Systems in den Wechselbeziehungen zwischen dem System und dem Milieu zum Ausdruck kommt. Die Bedeutung der einzelnen Komponenten, die Seemacht bilden, ist nicht konstant. Sie wird durch die jeweiligen historischen Verhältnisse bestimmt; die dominierende Bedeutung der Seestreitkräfte bleibt jedoch immer bestehen.“35)
Das Verständnis der Sowjetunion von Seemacht im Kalten Krieg, verfasst von Flottenadmiral Sergej Georgijewitsch Gorschkow,36) entsprang nach der bisherigen Darstellung der Gesamtheit an Erkenntnissen der Geschichte. Dezidiert verfolgte man den Ansatz, wonach Seemacht eben nicht nur das Vorhandensein von Seestreitkräften bedeutet, sondern diese lediglich ein Fähigkeitsträger unter anderen sind. Diese Fähigkeitsträger stehen in einer direkten Interdependenz zueinander, sie beeinflussen und bedingen einander. Gorschkow geht, im Einklang mit der friedfertigen politischen Kernbotschaft des Kommunismus, sogar so weit, dass die Notwendigkeit der Seestreitkräfte innerhalb der Seemacht eines Staates per se eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der Bedarf an einer starken Marine ergebe sich einerseits erst durch das Vorhandensein feindlich gesinnter imperialistischer Seestreitkräfte 37) und andererseits durch die Aufgabe der kommunistischen Idee, die Klasse der Arbeiterschaft gegenüber den anderen zu etablieren.38) Die politischen Aspekte in Gorschkows Denken außer Acht lassend,39) können in der allgemeinen Erfassung des Begriffs der Seemacht Parallelen zum westlichen Verständnis in der heutigen Zeit erkannt werden, wonach die See an und für sich als Domäne und Seestreitkräfte als strategisches Wirkmittel erkannt werden.40) Eingebettet in sein zeitliches politisches Umfeld und basierend auf den Erkenntnissen des Zweiten Weltkrieges beschrieb Gorschkow die Genese der sowjetischen Marine zu einer der führenden Seestreitkräfte.41) Der unmittelbare Bedarf dieser Stellung ergab sich aus der Annahme, dass, historisch begründbar, eine politische Großmachtstellung in direktem Zusammenhang mit maritimer Stärke zu sehen ist.42) Allein aus diesem zirkulär-logischen Kreis lässt sich ableiten, dass das Verständnis der maritimen Domäne sowie des Effektors „Marine“ wahrhaft strategisch verstanden wurde. Vom grundsätzlichen strategischen Ziel zum erfolgreichen Abschluss eines Klassenkampfes wurde ein Fähigkeitsportfolio für die bewaffnete Macht, natürlich neben allen anderen staatlichen Wirkmitteln, abgeleitet, doktrinär aufbereitet und schlussendlich umgesetzt.43) Das Verständnis zu den Einsatzmöglichkeiten selbst, also unabhängig vom tatsächlichen politisch-strategischen Ziel, ergibt eine überraschende Analogie zu jenem der westlichen Welt.44) Die Marine wurde nicht nur ebenso als Teil der Seemacht eines Staates verstanden, sondern auch als diplomatisches Instrument (Naval Diplomacy), als Element zur Bildung von Allianzen und als Mittel zur Sicherung des staatlichen, wirtschaftlichen und sozialen Wohlstandes.45) Es gilt somit festzuhalten, dass die Sowjetunion andere politische Ziele als die westliche Welt hatte, das grundlegende strategische Verständnis bezüglich der Einsatzfelder eines der wesentlichen staatlichen Wirkmittel jedoch ident war. Unterschiede ergaben sich schließlich beim konkreten Einsatz der Marine und den an diese gestellten Wirkungsforderungen.
So erfolgte durch die Sowjetunion, die, wie dargestellt, den Großteil der Landkriegsanteile im Großen Vaterländischen Krieg am europäischen Kriegsschauplatz getragen hatte, mit Ausbruch des Kalten Krieges ein Um- und Aufrüsten der sowjetischen Seestreitkräfte reaktiv im Einklang mit dem Verhalten des Gegenübers, des Westens. Grundgedanke dieser Rüstungsmaßnahmen sollte eine ausgewogene Struktur der Flotte sein, da eine der wesentlichen Erkenntnisse des Großen Vaterländischen Krieges, abgesehen von der bereits angesprochenen eingeschränkten Bereitschaft der Seestreitkräfte, die Unausgewogenheit der Seekriegsmittel war, die ausschließlich den Einsatz in Anlehnung an die Küstengebiete erlaubte.46) Die UdSSR legte bei ihrer Neuausrichtung ihren Seestreitkräften nachstehende Konzeptionen doktrinär zugrunde:47)
- die Anti-Amphibische-Konzeption von 1945-1955,
- die Anti-Träger-Konzeption 1955-1959,
- die Anti-Polaris-Konzeption 1959-1962 und schließlich
- die Paritäts-Konzeption 1962-1970.48)
V.a. den ersten drei Konzeptionen lag die Annahme zugrunde, dass sich die UdSSR einer Politik des Friedens verpflichtet fühlte 49) , und der Sowjetstaat im Vergleich zu den USA über ein eingeschränkteres militärökonomisches Pouvoir verfügte.50) Gesamtheitlich bilden die Konzepte das Verständnis Gorschkows ab, dass Flotten entweder gegen andere Flotten (wie durch Mahan beschrieben) oder gegen Küsten wirken.51) Die Anti-Amphibische-Konzeption muss noch als direkte Nachwirkung der Kampfhandlungen im Großen Vaterländischen Krieg aus Sicht der Sowjetunion verstanden werden. Als Resultat der amphibischen Landungen der Alliierten in Nordafrika, Italien 52) sowie Frankreich verfügten die ab 1949 unter dem Begriff NATO zusammengefassten relevanten Westmächte über große Kapazitäten zur Vorbereitung und Durchführung amphibischer Operationen. Die Teilung Europas in die zwei Blöcke - neben den natürlich unverändert vorhandenen neutralen und allianzfreien Staaten - ließ den Kontinent auch wieder als potenzielles Kampffeld relevant erscheinen, gerade in Anbetracht der durch die USA propagierten Doktrin der „Vorwärtsverteidigung“, nach der eine Auseinandersetzung soweit als möglich konventionell nach Osten getragen, also eben auch amphibisch, werden sollte.53) Die Sowjetunion reagierte nun auf die vorhandenen Fähigkeiten des sich mehr und mehr abzeichnenden Kontrahenten mit dem ohnedies im Sinne der politisch-strategischen Ambition obligatorischen Wiederaufbau beziehungsweise der Umstrukturierung der Seestreitkräfte. Der Fokus der sowjetischen Marine lag im Verhindern/Einschränken gegnerischer maritimer Einsätze ohne eigenständiges offensives Tätigwerden.54) Im Grunde stellte diese Konzeption aus Sicht des Verfassers jedoch keine wahrhaft eigene strategische Ausrichtung dar. Vielmehr sollte diese Periode als Phase der Reorganisation der sowjetischen Seestreitkräfte gelten, doktrinär in direkter Anlehnung an die Einsatzführung im Zweiten Weltkrieg und durchgeführt mit den vorhandenen Einsatzmitteln. Das eigentliche Ziel der Anti-Amphibischen-Konzeption war der Übergang in die Anti-Träger-Konzeption.
Durch die waffentechnischen Entwicklungen, v.a. im Bereich der Seefliegerkräfte, änderte sich die Aufgabenzuordnung an die Seestreitkräfte der NATO. In den Fokus rückte die maritime Machtprojektion. Gorschkow argumentiert in seinem Werk „Seemacht Sowjetunion“ widersprüchlich, wenn er anführt, dass der Schutz der Seewege in den Hintergrund gedrängt wurde durch die Priorität der Bekämpfung von Landzielen und U-Booten.55) Der Kampf gegen Unterseekriegsmittel ist als Maßnahme des Schutzes von Seewegen zu verstehen. Für die Landmacht Sowjetunion stellte diese Seeverbindungslinie zwischen den USA und der eurasischen Platte jedoch nicht mehr die prioritäre Problemstellung dar. Seit 1957 galt in der NATO das Prinzip der massiven Vergeltung (massive retaliation), nach der jedweder Angriff auf einen NATO-Bündnispartner, irrelevant ob konventionell oder nuklear geführt, mit Atomwaffen beantwortet werden sollte. Die Verfügbarkeit von Atomwaffen in Verbindung mit der Diktion „Bündnispartner“ lässt darauf schließen, dass diese primär US-Strategien schlicht in die NATO übernommen wurden.56) Durch die Weiterentwicklung der Waffentechnik wurde es möglich, die eigene Bevölkerung aus dem Fokus etwaiger Gegenmaßnahmen auf einen atomaren Erstschlag zu nehmen, da der Waffenträger seegestützt in Form eines SSBN 57) verbracht werden sollte. Das Kernproblem der UdSSR als Landmacht wurde somit nicht der konventionelle Konflikt in Europa, sondern das Setzen einer glaubwürdigen Maßnahme auf die von Westalliierten auf Flugzeugträgern seebeweglich - und somit erhöht überlebensfähig - gehaltenen Waffenträger.58)
Diese Problemstellung wurde für die Sowjetunion durch das Waffensystem Polaris noch diffiziler. Der Zweite Weltkrieg hatte gelehrt, dass der größte Vorteil des Einsatzmittels „U-Boot“ die Problematik der Detektion war. Polaris erlaubte die Bewaffnung dieser Unterseekriegsmittel mit atomar bestückten Flugkörpern. Anfang der 1960er-Jahre hatte die Sowjetunion das US-Atomwaffenmonopol gebrochen. Somit musste auch die NATO ihre Strategie der „Massiven Vergeltung“ evaluieren, da diese bei fehlender nuklearer Alleinstellung zwangsläufig vom Regionalkonflikt zum Atomkrieg führte. Flexible Response sollte hier mehr Möglichkeiten zur angepassten Eskalation bringen.59) Das Problem der UdSSR beeinflusste dies freilich kaum. Solange der Waffenträger nicht detektierbar war, konnte nuklear nur die Bevölkerung des Kontrahenten bedroht werden. Der Fokus hatte somit vom Verhindern/Einschränken gegnerischer maritimer Einsätze (bis dato Flugzeugträger) in Unterstützung der Landstreitkräfte auf das Aufspüren und Bekämpfen feindlicher U-Boote verändert zu werden.60) Erschwert wurde dies durch die zunehmende Anzahl und Qualität der in der NATO verfügbaren Flugkörper (Polaris bis Trident) sowie der Weiterentwicklung im Bereich der noch schwerer aufzuspürenden Atom-U-Boote:

Mit dem Übergang zur Paritäts-Konzeption war es die Intention der Sowjetunion, zumindest im Bereich der nuklearen Waffenträger der Seestreitkräfte ein ausgewogenes Verhältnis zur Verfügbarkeit in den NATO-Staaten zu erlangen. Dies sollte sich jedoch lediglich auf die Qualität der Gegenschlagskapazitäten und nicht auf die absolute Verfügbarkeit der Seekriegsmittel - v.a. wieder aufgrund der militärökonomischen Basis der Sowjetunion - beziehen. Durch Leonid Breschnjew wurde in den 1970er-Jahren die Möglichkeit der friedlichen Koexistenz der verschiedenen Gesellschaftssysteme erklärt, jedoch mit dem Hinweis, dass im Falle einer Aggression durch die imperialistischen Staaten diese vernichtet werden würden.62) Darauf ausgerichtet verstärkte die UdSSR ihre doktrinäre Ausrichtung der Seestreitkräfte ebenso auf die vermehrte Bereitstellung atomar bestückter strategischer U-Boote. Von einem Aufbau einer ebenbürtigen Trägerflotte wurde, genau im Sinne der angestrebten Parität der Wirkung im Sinne der staatlichen Ambition, nicht aber der Mittel, Abstand genommen. In der strategischen Ausrichtung der Sowjetflotte wurden die Überwassereinheiten gar als irrelevant bezeichnet.63)
Gesamtheitlich kann für die Ära des Kalten Krieges aus Sicht der Sowjetunion festgehalten werden, dass die strategische Ausrichtung als defensiv und reaktiv angesprochen werden kann. Feindliche Seestreitkräfte sollten samt deren Einsatzmitteln fern vom europäischen Kontinent gehalten werden, um im Bedarfsfall schwergewichtsmäßig eine Entscheidung mit den Landstreitkräften herbeiführen zu können.64) Ebenso muss das atomare Potenzial in der sowjetischen Marine verstanden werden, das ganz in Erfüllung der perfekten Rationalität als Zweck die Abschreckung des Gegners vom Einsatz der eigenen Nuklearwaffen hatte. Die Ambition zu einer mit der NATO vergleichbaren Überwasserflotte wurde nach dem Großen Vaterländischen Krieg und Stalins Interesse in diesem Bereich nicht mehr erkannt. Dafür sind aus Sicht der Verfasser mehrere Faktoren verantwortlich. Einerseits verfügte Russland, historisch gewachsen, über keinerlei Überseekolonien.65) Somit ergab sich niemals der Bedarf an Konvois beziehungsweise Eskorten oder anderer Maßnahmen zum Offenhalten von Seeverbindungswegen. Dies muss auch unter dem Aspekt verstanden werden, dass Flottenadmiral Gorschkow sehr früh erkannte, dass Forderungen nach See-Herrschaft - wie durch Mahan formuliert - in Zeiten der Raketen, Atom-U-Boote und Lenkflugkörper utopisch waren.66) Im besten Fall konnte See-Überlegenheit erreicht werden. Den dazu notwendigen rüstungsmäßigen Aufwand wollte die Sowjetunion jedoch nicht leisten - und dies erschien, wie oben dargestellt, auch nicht notwendig, da das Verhindern/Einschränken der gegnerischen maritimen Einsätze beziehungsweise die Küstenverteidigung und der Schutz der Schifffahrt dem eigenen System Genüge taten.

Konzepten, nach denen See-Herrschaft oder See-Überlegenheit keine Relevanz mehr hätten aufgrund der Weiterentwicklungen in Bereich der Raketentechnologien, konnte von sowjetischer Seite nichts abgewonnen werden.68),69) Dies muss wieder im Zusammenhang mit dem Verständnis von Seemacht der UdSSR verstanden werden. Raketen oder auch andere Einsatzmittel lassen die See-Herrschaft per definitionem natürlich utopisch erscheinen. Trotzdem müssen Großmächte nach einem entsprechenden Maß an Kontrolle über freie Seewege auch in Friedenszeiten trachten, da sie, wie dargestellt, abhängig von diesen im Sinne der wirtschaftlichen Prosperität sind. Fischereiflotten und Handelsmarine brauchen Bewegungsfreiheit zur See. Somit bleiben auch See-Herrschaft und See-Überlegenheit relevant, unabhängig davon, wie schwer diese umzusetzen sind.
Das Einsatzmittel der Wahl, dies kann als Gemeinsamkeit in allen Sowjet-Konzeptionen angesprochen werden, war das U-Boot, das bereits im Zweiten Weltkrieg seine Relevanz bewiesen hatte.70) Die Nukleartechnologie, sowohl den Antrieb des Einsatzmittels selbst oder aber dessen Bewaffnung betreffend, wirkte dabei noch kampfwertsteigernd. Die Umsetzung des Verhinderns/Einschränkens der gegnerischen maritimen Einsätze konnte auf vielerlei Arten erfolgen. Die Sowjetunion fokussierte auf Seeminen und Seefliegerkräfte, v.a. jedoch auf Unterseeboote. Flottenadmiral Gorschkow dazu:
„Ferner gehören Überwasserkampfschiffe und Flugzeuge verschiedener Art zu unserer Seekriegsflotte, deren Aufgabe es ist, die Standkraft und die allseitige Versorgung unserer U-Boote zu gewährleisten, gegnerische U-Boote und U-Jagdkräfte zu bekämpfen und andere spezifische Aufgaben zu lösen.“71)
Eine reine Reduktion auf diese Einsatzmittel war natürlich nicht das Ziel. Wie bereits erwähnt, strebte man eine ausgewogene Flottenstruktur an. Flottenadmiral Gorschkow antizipierte, dass der Kampf Flotte gegen Flotte aufgrund der waffentechnischen Fortschritte an Relevanz verloren hatte und durch den Einsatz Flotte gegen Küste ersetzt wurde. Dementsprechend fokussierte die Sowjetunion auf Einsatzmittel, die einerseits feindliche „Ship-to-Shore“- Einsätze unterbinden konnten und andererseits eine Fähigkeit zum Gegenschlag (v.a. nuklear) nach einem erfolgten Angriff besaßen. Aus der staatlichen Ambition abgeleitet, ergab sich beispielsweise so die Fähigkeit zur Durchführung amphibischer Operationen im operativen bis strategischen Rahmen nicht - dies wurde dezidiert als Ziel der imperialistischen Staaten dargestellt.72) Dies wiederum prägte wesentlich das Verständnis zum Einsatz etwaig verfügbarer Flugzeugträger, die somit nicht anlandende/angelandete Truppen zu unterstützen, sondern eher den Fliegerabwehrschutz für Einsatzmittel mit ballistischen Raketen sicherzustellen hatten. Das dargestellte Verständnis in seiner Gesamtheit prägt interessanterweise die Sicht Russlands auf die Seestrategie bis zum heutigen Tag.

Nachwirkung der sowjetischen Marinedoktrin im 21. Jahrhundert

„Deshalb ist die Untersuchung des militärischen Aspekts der Seemacht sehr wichtig, wenn man die Bedeutung berücksichtigt, die den Seestreitkräften in den größten imperialistischen Staaten beigemessen wird.“73)
Wie in den vorangegangenen Abschnitten wird auch in diesem nicht im Detail auf politische Entwicklungen eingegangen. Ein komplettes Ausklammern der Vorkommnisse nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems bis in die heutige Zeit erscheint jedoch nicht möglich. Einige Ereignisse werden demnach kurz dargestellt, eine detaillierte Betrachtung würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Russland befand sich nach dem Niedergang der Sowjetunion in einem länger andauernden Selbstfindungsprozess mit wechselnder Annäherung und Entfernung zu anderen Staaten, Unionen und Bündnissen, beginnend mit einer Öffnung Richtung Westen, die, unterbrochen durch den Kosovokonflikt Ende der 1990er-Jahre, bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 anhielt. Nach diesem Höhepunkt der Akklimatisierung an die westliche Welt, als man den Kampf gegen den Terror der USA unterstützte, folgte die Suche einer neuen diplomatischen Achse gegen die Bush-Administration zusammen mit Deutschland und Frankreich, als man den Irakkrieg dezidiert nicht mittrug. Die klare Abwendung von der sogenannten westlichen Welt folgte mit den Farbenrevolutionen in Georgien und der Ukraine, deren Ursprung - oder zumindest wesentliche Unterstützung - Russland in den USA und deren Verbündeten vermutete.74)
Russland dachte an eine gegenseitige Annäherung und Öffnung nach dem Niedergang der Sowjetunion, fühlte sich mit fortschreitender Zeit jedoch subjektiv in die Enge gedrängt und fand sich somit strategisch vorerst in der Defensive. Die NATO-Erweiterung in Richtung Osten unterstützte dieses Empfinden auch noch.75) Betrachtet man die geopolitische beziehungsweise geostrategische Lage Russlands, so wird dies auch nachvollziehbar. Russland ist seinem westlichen Nachbarn, der EU, wirtschaftlich klar unterlegen. Im Norden grenzt es über den Nordpol an die USA, die als treibende Kraft innerhalb der NATO wieder als direkte Gefahr verstanden werden.76) Im Osten grenzt Russland an China, Japan und die beiden Koreas an.77) Bis auf Nordkorea ist Russland diesen Staaten bereits jetzt wirtschaftlich unterlegen - und langfristig, wenn nicht drastisch gegengesteuert wird, bald auch militärisch bei Weitem nicht ebenbürtig. Die Südgrenze stellt ebenfalls ein Sorgenkind für den Nachfolgestaat der Sowjetunion dar mit den Krisenregionen des Kaukasus beispielsweise, die permanent Kräfte binden.78) Die Folgerung für Russland könnte somit sein, dass man in der Irrelevanz verkommen könnte. Dem steht jedoch das Interesse Russlands gegenüber, als Großmacht wahrgenommen zu werden. Per se schließt dies natürlich aus russischer Sicht keinesfalls eine gewisse Konsensfähigkeit aus. Die Russische Föderation verwehrt sich, und dies wurde durch Präsident Putin wiederholt artikuliert, lediglich gegen jedwede unipolare Hegemonie der USA. In diesem Kontext müssen nun auch strategische Pläne, Ausrichtungen und Maßnahmen verstanden werden. Russland ist das flächenmäßig größte Land der Welt, verfügt über ein beachtliches nukleares Potenzial, ist als Bereitsteller von fossiler Energie ein wesentlicher Wirtschaftspartner der EU und ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrates - und seit spätestens 2003 fordert es seine Stellung als Weltmacht wieder ein.79)
In diesem Kontext muss demnach auch der Einsatz der russischen Seestreitkräfte verstanden werden, in denen, so wie in der bewaffneten Macht Russlands überhaupt, spätestens mit Mitte der 2000er-Jahre eine grundlegende Modernisierung eingeleitet wurde. Die Ambition reflektiert dabei auf Bekanntes. Russland setzt See-Herrschaft nicht mit Weltherrschaft gleich. Überhaupt entzog man sich dieser allgemeinen Forderung, da eine Umsetzung ressourcenmäßig zu aufwendig in der Umsetzung erschien und im Erhalt dabei mit zu einfachen Mitteln wie Minen oder konventionellen Unterseebooten unterbunden werden konnte. Das Gewinnen der See-Überlegenheit sowie das Verhindern/Einschränken gegnerischer maritimer Einsätze, der Schutz der Schifffahrt und die Küstenverteidigung wurden als ausreichend und auch machbar beurteilt. Wirkungsforderungen also, die räumlich und zeitlich eingeschränkt zu erreichen und zu erhalten wären.80)
In diesem Sinne stellt sich auch die Zusammensetzung der großen russischen Flotten 81) in den Befehlsbereichen der Nordflotte, der Baltischen Flotte, der Schwarzmeer-Flotte und der Pazifik-Flotte dar. In der Grundstruktur sind die Einsatzmittel der Schwarzmeerflotte sowie der Baltischen Flotte auf das Umsetzen eines Verhinderns/Einschränkens gegnerischer maritimer Einsätze sowie zur Küstenverteidigung konzipiert.82) Durch die verfügbaren Überwassereinheiten kann in eingeschränktem Ausmaß maritime Machtprojektion umgesetzt werden sowie permanent der eigene Schiffsverkehr (Handelsschifffahrt, Fischerei, aber auch Truppentransporte) geschützt werden. Ähnliches sieht die strukturelle Ausrichtung der Pazifikflotte vor. Grundsätzlich verfügt diese neben der Nordflotte über den einzigen Zugang zu den Weltmeeren. Da Russland im Pazifik mit den USA, China und Japan auf potenzielle Kontrahenten trifft, die jedenfalls wirtschaftlich, mit Masse jedoch auch militärisch überlegen sind, macht eine offensive Ausrichtung samt Stationierung offensiver Überwasserkapazitäten wenig bis keinen Sinn. Somit wird in diesem Bereich auch auf das Verwehren/Einschränken gegnerischer maritimer Einsätze fokussiert und auf einen Beitrag zur nuklearen Abschreckung durch strategische U-Boote gesetzt.83)
Will man den in Österreich oftmals frequentierten Vergleich von Schild und Schwert 84) zur Beschreibung von Streitkräften heranziehen, so stellt die Nordflotte durchaus eine Besonderheit innerhalb der russischen Seestreitkräfte durch ihre Offensivkapazitäten dar. Die Nordflotte ist der größte der vier großen Flottenverbände Russlands. Sie bildet in sich einerseits die bereits oben erwähnten defensiven Fähigkeiten entlang der potenziell längsten Flanke des größten Landes der Welt ab sowie den ebenfalls bereits erwähnten Beitrag zur strategischen Abschreckung (insgesamt verfügt die Nordflotte über rund 30 U-Boote), andererseits können mittels der in ihr abgebildeten Flugzeugträger Schwergewichte in der offensiven Einsatzführung gebildet werden.85) Sie ist weder geographisch - wie die Ostsee- oder Schwarzmeer-Flotte) - noch aufgrund der angrenzenden weiteren Mächte - wie etwa die Pazifikflotte - eingeschränkt. Die Relevanz der Nordflotte wird in Russ­land unverändert hoch bleiben. In diesem Sinne ist auch der weitere Materialzulauf zu verstehen, der v.a. Einsatzmittel vorsieht, die zur Einsatzführung im arktischen Raum vorgesehen sind.86) Russland signalisiert somit eindeutig, dass es nicht gewillt ist, ein weiteres Vordringen anderer Staaten in seinen Interessenbereich zu tolerieren und zur Wahrung seiner Interessen die Streitkräfte einzusetzen.87)
Auch im Zuge der Ukrainekrise fanden die Seestreitkräfte ihre Verwendung, wenn auch wieder nicht im Kampf gegen eine andere Flotte, sondern als Teil und Grundlage politischer sowie diplomatischer Verhandlungen. 2010 wurde das Stationierungsabkommen der russischen Streitkräfte in Sewastopol noch um weitere 25 Jahre (plus Option auf weitere fünf Jahre) im Gegenzug zu verbesserten Konditionen für die Ukraine bezüglich des Imports von Gas aus Russland verlängert. Dieser „Medwedew-Janukowitsch-Deal“ bedeutete für die Ukraine im Grunde wesentlich mehr als nur die partielle Aufgabe einer gewissen nationalen Souveränität. Immerhin umfasste das russische Territorium um Sewastopol insgesamt
18 Hektar, von denen lediglich 3 Hektar unmittelbar zum Stützpunkt selbst gehörten. Zusätzlich gab es der Russischen Föderation weiterhin die Möglichkeit, Truppen in einem per se bereits tendenziell separatistischen Teil der Ukraine zu dislozieren.88) Somit hatte Russland bereits vor der nach aktuellem Stand der Dinge völkerrechtswidrigen Annexion der Krim die Möglichkeit genutzt, durch im Raum befindliche Truppen Druck aufzubauen und die sich durch die Präsidentschaft Janukowitschs bietende Option auf eine (nach ukrainischem Recht verfassungswidrige 89) ) Verlängerung des Flottenstationierungsabkommens zu nutzen. Die Marine diente bei diesem Vorgehen als Vehikel. Russland braucht einen leistungsfähigen Hafen im Schwarzen Meer, wenn es weiterhin nicht ausschließlich auf dem Landweg eine Anbindung an den zunehmend problembehafteten Raum im Kaukasus betreiben will. Sewastopol war demnach eine sogenannte Muss-Forderung, da man - verständlicherweise - diese Südflanke als Interessenbereich definiert hatte.
Da Russland im Großen Vaterländischen Krieg lernen musste, dass Seestreitkräfte aufgrund der Topographie des Raumes leicht im Schwarzen Meer isoliert werden könnten, war ein Wegbrechen des nutzbaren Hafens Tartus in Syrien im Rahmen des Bürgerkrieges ebenso nicht zu akzeptieren. Mit diesem Mittelmeerhafen kann Präsenz in Nordafrika und an der europäischen Südflanke gezeigt werden. Die Idee der äußeren Wahrnehmung als Großmacht schuf somit die Notwendigkeit des Eingreifens in den syrischen Bürgerkrieg, v.a., da bereits andere Großmächte und Staatenbündnisse Konfliktparteien in diesem Krieg unterstützten und ein Regierungswechsel zu erwarten stand, der eine weitere Nutzung Tartus‘ durch Russland als unwahrscheinlich erscheinen ließ.90) Die Auseinandersetzungen in Syrien wurden auch wieder genutzt, um zu zeigen, dass Russland sich konzeptionell nicht in der Zusammensetzung seiner Flotte verändert hatte. Als mit der „Admiral Kusnezow“ Russlands einziger Flugzeugträger ins Mittelmeer in Richtung der syrischen Küste einlief - unter permanenter Überwachung durch Seestreitkräfte der NATO -, wurde mancherorts erwartet, dass nun auch von See aus Luftschläge in Syrien durch Russland geflogen würden. Dies entspricht jedoch unverändert nicht der russischen Doktrin. Die Admiral Kusnezow trug mit ihren Luftkampfmitteln räumlich eingeschränkt zum Luftabwehrverbund der russisch-syrischen Allianz bei. Das wahrhaft interessante Einsatzmittel vor Ort der russischen Seestreitkräfte war der atomar betriebene Raketenkreuzer Piotr Veliki (Peter, der Große). Der ehemals sowjetischen und nun russischen Doktrin folgend, hat der Raketenkreuzer den seegestützten Fliegerabwehrschirm zu stellen, den ballistische Unterseeboote oder Überwassereinheiten benötigen, um wirksam werden zu können.
Gesamtheitlich kann somit festgestellt werden, dass Russland seiner doktrinären Linie, teilweise auch aufgrund ressourcenmäßiger Engpässe und finanziellem Druck, im Laufe der Zeit treu geblieben ist. Mit Masse haben die Seestreitkräfte eine defensive Ausrichtung mit dem Zweck, einer feindlichen Marine ein Wirken auf die eigenen Küsten zu verwehren. Die offensiven Einsatzmittel sind unverändert in der Nordflotte zusammengezogen und werden, wo notwendig, an entsprechende Kriegsschauplätze verlegt, um den Einsatz anderer Teilstreitkräfte zu unterstützen. Unverändert wird Russland mittel- und langfristig auf Unterseeboote als bevorzugtes Einsatzmittel zurückgreifen und das System der nuklearen Abschreckung durch strategische U-Boote umsetzen. Interessant erscheint, dass die russischen Seestreitkräfte im Zuge von Verlegungen bereits wiederholt als Mittel zum Übersenden politischer Botschaften eingesetzt wurden. Das Anlaufen der britischen Küste beziehungsweise das wiederholte Durchlaufen des Ärmelkanals ist eindeutig als Botschaft an den Westen zu verstehen, dass Russland wieder auf der Bühne der Großmächte auftritt.

Zusammenfassung

Zusammenfassend wird festgehalten, dass es in Russland seit jeher eine maritime Ambition und ein Streben in Richtung der Meere gab, v.a., da relativ früh die Beziehung zwischen wirtschaftlichem Reichtum, Handelsschifffahrt und der Nutzung maritimer Einsatzmittel erkannt wurde. Russland hat die längste Küstenlinie der Welt, doch der größte Teil dieser Küsten ist höchst unwirtlich: Barentssee, Karasee, Laptewsee, Ostsibirische See, Ochotskisches Meer. Andere Seegebiete wie die Ostsee und das Schwarze Meer sind durch Nadelöhre in ihrem Zugang eingeschränkt.91) Sozusagen als Ursprung der Probleme für die Seestreitkräfte Russlands gilt die Entscheidung, keine Kolonien beziehungsweise kaum exterritoriale Stützpunkte zu besitzen beziehungsweise zu erhalten. Gerade deren Fehlen hat Russland immer wieder auf den Status einer Landmacht reduziert. Der historisch-strategische Fehler des Verzichts auf Kolonien wurde durch permanente Kriege an den Grenzen des russischen Staates noch verschlimmert, da so der Fokus noch weiter auf die Landkriegführung gezogen wurde. Das russische Reich war zu allen Zeiten primär eine Landmacht 92) - oft unabhängig von funktionierenden Seeverbindungen. Russland kann es sich somit heutzutage gar nicht mehr leisten, auch nur auf einen weiteren Flottenstützpunkt zu verzichten beziehungsweise in so manchem strategisch wichtigen Raum - wie dem Mittelmeer - einen Verbündeten - wie Syrien - zu verlieren. Verliert Russland Syrien, so hat es keinen Mittelmeerhafen mehr. Verzichtet es auf die Krim, stellt sich die Frage der Dislozierung der Schwarzmeerflotte.
Doch auch ohne eine Vielzahl exterritorialer Marinestützpunkte erweist sich die geographische Ausgangslage Russlands als überaus fordernd. Als flächenmäßig größtes Land der Welt grenzt es an den Pazifik, die Nordsee, die Ostsee, das Schwarze und das Kaspische Meer. Die enormen Entfernungen machen waffentechnisch betrachtet ein Zusammenwirken der Flotten heutzutage vielleicht sogar möglich. Trotzdem müssen in all diesen Meeren Flottenverbände 93) permanent 94) verfügbar gehalten werden, wenn Russland der staatlichen Ambition der Perzeption als Großmacht gerecht werden und Herr der eigenen Küsten sein will. Die ökonomischen Voraussetzungen erlauben dies jedoch nicht. Somit bleibt eine grundsätzlich defensive Ausrichtung der Flotte unter Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung und das Bereithalten einer gewissen offensiven Kapazität - ein Konzept der taktisch offensiv geführten strategischen Defensive.95) Somit sind die Flotten Russlands durch die Reduktion der Ambition in allen Meeren stets handlungsfähig und ein Zerschlagen gleich bei Ausbruch eines Konfliktes, wie im Zweiten Weltkrieg, hintangehalten.
Eine besondere Herausforderung wird die russische Nordflanke im Bereich der Nordostpassage bleiben, da durch die oben angeführten Faktoren weitere Kräfte gebunden werden und somit seine strategische wie auch operative Handlungsfreiheit eingeschränkt bleiben wird. Sollte sich eine Lösung in Richtung der Festlegung als internationales Gewässer abzeichnen, ist jedenfalls mit weiteren offensiven Maßnahmen Russlands, jedoch weiterhin unter der Schwelle des konventionellen Konfliktes, zu rechnen. Eine Entscheidung in diesem Sinne oder aber der Zuspruch an einen NATO-Staat, würde das subjektive Empfinden Russlands, von der NATO eingekreist zu werden, nur weiter verstärken.96)
Daneben ist nicht nur die nördliche Grenze Russlands zu betrachten, viel näher liegt in der österreichischen Perzeption das Mittelmeer - dies betrifft Österreich v.a. durch die Mittelmeerroute seit der Migrationskrise 2015. Migration findet auch im 21. Jahrhundert über Seewege statt. Russland ist in diesem Zusammenhang spätestens mit seinem Wirksamwerden in Syrien wieder als Akteur aufgetreten. Russische Kräfte beeinflussen somit auch die Ursache der Menschenströme. Bis dato haben sich sowohl die USA als auch Russland aus dieser - aus unserer Sicht - europäischen Problemstellung herausgehalten. Doch in dieser Sache gilt es für die EU zu erwägen, ob auch diesbezüglich die russische Ambition benutzt werden kann. Sicherheit für Europa bedeutet unter Umständen eine engere Kooperation mit dem großen östlichen Nachbarn. Dessen Ziel des Partizipierens als relevanter Akteur im Raum könnte dabei folglich ebenso im Zuge maritimer Operationen im Mittelmeer genutzt werden.
Das Mittelmeer ist aufgrund seiner Beschaffenheit und der Kanalverbindung auch von russischem Interesse. „Unabhängig davon wird Russland bemüht bleiben, seine strategischen Interessen in der Mittelmeerregion durch Einsatz der Marine zu unterstreichen. Die operativen Möglichkeiten der Mittelmeer-Eskadra werden allerdings begrenzt bleiben. Ohne reale Fähigkeiten zu „Power Projection“ wird sich die russische Marine weiterhin mit bloßer Präsenz begnügen müssen.“97) Doch die Präsenz ist der erste Schritt, um wahrgenommen zu werden. Möglicherweise wird Russland langfristig bemüht sein, die eigenen Fähigkeiten zur maritimen Machtprojektion auf alle vier Hauptflotten auszudehnen. Das Ziel der Akzeptanz als Großmacht wird dies langfristig jedenfalls verlangen.
Grundsätzlich kann ebenso festgehalten werden, dass angewandte Verfahren 98) und maritimes Verständnis zwischen der sogenannten westlichen Welt und Russland vergleichbar sind. Die Anwendung divergiert jedoch aufgrund unterschiedlicher Schwergewichtsbildung innerhalb der Streitkräfte, der strategischen Ambition sowie der aus der Geschichte gezogenen Ableitungen. Schlussendlich schlägt sich ebendies in der Struktur der heutigen Seestreitkräfte Russlands nieder sowie in deren Schwergewichten im Bereich der Rüstung.99)
Die Rollen der jeweils handelnden politischen und militärischen Führer in der jeweiligen Epoche sind in der russischen Geschichte sehr ausgeprägt. Die persönlichen Ambitionen und Visionen hatten starke Einflussnahme auf die Weiterentwicklung und den Ausbau der russischen Seestreitkräfte. Gemein blieb durch die Epochen, dass die heimische Industrie immer dem Westen hinterherhinkte beziehungsweise das militärökonomische Potenzial (Personal und Material) nie dieselbe Qualität erreichte - daher hielten die Russen oft an kleineren Einheiten 100) fest: viele U-Boote anstatt weniger Flugzeugträger,101) nach dem Grundsatz, zwei kleinere Einheiten mögen zwar teurer sein, sind aber nicht in einem Schlag zu vernichten beziehungsweise können zwei Aufgaben an verschiedenen Orten zur selben Zeit ausführen.
Gesamtheitlich erscheinen die Maßnahmen Russlands aus seiner subjektiven Sicht schlüssig, logisch nachvollziehbar und v.a. abgestimmt auf die politisch-strategischen Ziele des Staates. Russland fühlt sich in die Enge getrieben und handelt entsprechend aus Notwendigkeit. In diesem Sinne erscheint es unabdingbar, dass die EU und die USA ihre Ziele in Bezug auf ihre jeweilige Russland-Strategie klar definieren. Andernfalls wiederholt sich die Geschichte, und es bestätigt sich aus russischer Sicht die Weisheit aus dem 19. Jahrhundert, wonach seine einzig wahren, verlässlichen Partner seine Armee und seine Marine sind.102) Ob die Seestreitkräfte wieder an die führende Rolle der Roten Marine der Sowjetunion 103) anschließen können, wird abzuwarten bleiben. Jedenfalls klar ist das Faktum, dass die Seestreitkräfte der Russischen Föderation momentan versuchen, ihren Rollen und Aufgaben gerecht zu werden.
Letztlich bleibt: „Ob die Zukunft in einen neuen Kalten Krieg führen wird oder Russland und der Westen sich (nach einer Lösung der Ukrainekrise) wieder annähern, ist derzeit nicht absehbar.“104) 


ANMERKUNGEN:
1) H. Steigleder: Stalins Terror und die Rote Flotte, 2009, S.1-2.
2) So wurde nach offizieller Darstellung der Sturm auf das Winterpalais des Zaren am 5. Oktober 1917 durch Kanonenschüsse des russischen Kriegsschiffs Aurora vor St. Petersburg eingeleitet (Russia Today Deutsch, St. Petersburg: Lichtfestival zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution, 2017; Fock, H., Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.144). Interessanterweise sollte auch das Ende des Deutschen Kaiserreichs, das ja für den Transfer Lenins ins Zarenreich zum Zwecke der Revolution verantwortlich zeichnete, durch einen Aufstand der Marine eingeleitet werden. Somit kann, aus Sicht der Verfasser, den Seestreitkräften eine gewisse revolutionäre Tendenz nicht abgesprochen werden.
3) Generalstab der Streitkräfte der UdSSR, Krasnyj flot, 1944.
4) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.159-161. Zum Teil erfolgte dies auch im indirekten Ansatz, wie am Beispiel der Deutschen Kriegsmarine, die durch eine Vielzahl kleinerer Gefechte die Verhältniszahlen so lange zum Positiven verändern wollte, um schlussend­lich in eine Entscheidungsschlacht treten zu können. (Vgl. C. Jentzsch/J. M.Witt: Der Seekrieg 1914-1918, 2016, S.40-54.) Zweck des Handelns war jedenfalls das Gewinnen der Seeherrschaft (Command of the Sea). Bzgl. der begrifflichen Exaktheit beziehungsweise der Durchführbarkeit des Gewinnens der See-Herrschaft siehe G. Böhm/M. Wasinger: Seestrategie im 21. Jahrhundert, 2017.
5) Ab der Inbesitznahme der Krim durch die Deutsche Wehrmacht musste sich die gesamte Schwarzmeerflotte in die kleineren Häfen im Kaukasus zurückziehen, die nicht für die Aufnahme derartiger Schiffstypen konzipiert waren. (Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.205.)
6) Dieser Effekt wurde u.a. durch massives Artilleriefeuer von Land auf Hafeneinrichtungen und schwimmende Einheiten erzeugt.
7) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.250.
8) Vgl. G. Mund/H. v. Dirksen: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie, 2006, S.136-137.
9) Vgl. K. Roch: Viribus Unitis, 2015, S.13-20.
10) R. Kaltenegger: Gefangen im russischen Winter - Unternehmen Barbarossa in Dokumenten und Zeitzeugenberichten 1941/42, 2014, S.12.
11) Vgl. W. Hubatsch: Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939-1945, 1965, S.178.
12) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.209-210.
13) H. Frank: Die deutschen Schnellboote im Einsatz, 2006, S.127.
14) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.210-211.
15) A. Gretschko: Die Schlacht um den Kaukasus, 1972, S.518-519.
16) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.207. Die angeführten Erfolge wurden von allen beteiligten Seiten bestätigt.
17) Nach der Aufkündigung des Neutralitätsabkommens mit Japan durch die UdSSR erfolgte diese Offensive als Teil der Umsetzung der Konferenz von Jalta im Februar 1945. (Vgl. G. Krebs: Das moderne Japan 1868-1952, 2010, S.83.)
18) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.215.
19) Der Grundstein dafür lag natürlich nicht nur in den Entwicklungen während der Kriegsjahre selbst, sondern v.a. in der Prioritätenreihung und der ressourcenmäßigen Zuordnung noch vor Kriegsausbruch. Auf längere Sicht war es natürlich die Ambition des Deutschen Reichs, sich unter den maritimen Großmächten zu etablieren. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme Hitlers in Deutschland war die Wehrmacht in ihrer Gesamtheit noch den Restriktionen des Vertrags von Versailles unterworfen. Die Landstreitkräfte waren mit 100.000 Soldaten limitiert, es existierte keine Luftwaffe, und die Marine beschränkte sich auf einige wenige Einheiten. Da durch Hitler die bolschewistische Sowjetunion als Hauptgegner definiert wurde, fokussierten das politische Interesse und die Rüstungsschwergewichte auf die Landstreitkräfte, den Aufbau von Luftstreitkräften, die in der Lage sein sollten, die Landkriegführung gegen Frankreich und die Sowjetunion erfolgreich zu unterstützen, und schließlich auf den Aufbau einer Marine, die zur Kriegführung gegen die kontinentalen Gegner Frankreich und Russland adäquat war. Ein Wettrüsten mit Großbritannien, wie noch vor dem Ersten Weltkrieg geplant, war nicht vorgesehen, da durch Hitler das britische Weltreich kurzfristig nicht als potenzieller Gegner angesprochen wurde. Der Fokus lag somit im Deutschen Reich intendiert auf den Landstreitkräften. (Vgl. K. Dönitz: The Conduct of War at Sea, 1946, S.1-2.)
20) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.216-220.
21) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.216.
22) Vgl. K. Dönitz: The Conduct of War at Sea, 1946, S.15-16.
23) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.216.
24) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.220.
25) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.216.
26) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.217.
27) Unmittelbar nach dem Angriff der kaiserlich-japanischen Marine auf Pearl Harbour erklärte das Deutsche Reich den USA den Krieg. Durch den koordinierten Einsatz der Seestreitkräfte Deutschlands und Japans sollten die Seeverbindungswege der USA im Pazifik und im Atlantik unterbrochen werden. Zusätzlich sollte die Präsenz feindlicher Seekriegsmittel unmittelbar vor den Küsten Nordamerikas der Zivilbevölkerung den Nimbus der eigenen staatlichen Unverwundbarkeit aufgrund der räumlichen Trennung vom Kriegsgebiet des Zweiten Weltkrieges endgültig nehmen. Nach enormen anfänglichen Erfolgen, v.a. seitens der deutschen U-Bootwaffe, stellten die USA auf Geleitzüge um. Mit dem Übergang der strategischen Initiative auf die Alliierten wurden auch die deutschen Seekriegsmittel nach und nach in den Mittelatlantik beziehungsweise vor die französische Küste und ins Mittelmeer zurückbeordert. Nichtsdestotrotz fanden bis ins Jahr 1945 vereinzelte Feindfahrten vor der Ostküste der USA, u.a. im Rahmen der Folgeunternehmen wie „Seewolf“, statt. (Vgl. M. Gannon: Operation Paukenschlag, 1998, passim).
28) Vgl. K. Roch: Viribus Unitis, 2015, S.20.
29) Da an der Ostfront der Einsatz der Seestreitkräfte in Unterstützung der Landstreitkräfte erfolgte, wurden die schwimmenden Einheiten mit dem Rückzug der Armee ebenfalls sequenziell abgezogen. V.a. im Schwarzen Meer stellt sich die Rücknahme der Teile der Kriegsmarine ab dem Wegfall Italiens aus der Achse, dem Abzug der Wehrmacht aus Griechenland und dem damit direkt verbundenen „bestimmteren“ Auftreten der Türkei bezüglich etwaiger Truppenbewegungen durch die Dardanellen als problematisch dar. (Vgl. F. Kurowski: Kampffeld Mittelmeer, 1999, S.366-369.)
30) Vgl. M. Salewski/J. Elvert: Die Deutschen und die See, 1998, S.339.
31) Vgl. G. Böhm/M. Wasinger: Seestrategie im 21. Jahrhundert, 2017, S.598.
32) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.218-221.
33) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.223-224.
34) Vgl. General Secretariat of the Council, European Union Maritime Security Strategy, 2014, S.6-8.
35) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.1-2.
36) Flottenadmiral Gorschkow (Gorškov) war von 1956 bis 1985 Oberkommandierender der sowjetischen Marine. In dieser Funktion war er maßgeblich an der doktrinären Ausrichtung dieser Teilstreitkraft beteiligt. (Vgl. H. Adomeit: Ukraine und Russland, 2001, S.14.) In dieser Zeit verfasste Flottenadmiral Gorschkow sein Werk „Seemacht Sowjetunion“, das nicht nur einen detaillierten Einblick in Doktrin und Selbstverständnis der sowjetischen Marine erlaubt, sondern gerade die historischen Entwicklungen hinter diesem Denken darstellt. Flottenadmiral Gorschkow zeichnete, auch aufgrund seiner langjährigen Verwendung an der Spitze der sowjetischen Marine, für die Weiterentwicklung der maritimen Kriegswissenschaften in der theoretischen Aufbereitung als auch für deren praktische Umsetzung verantwortlich (Vgl. A. Röhl, Sergej Gorschkow und die Begründung einer sowjetischen Marinedoktrin, 2008, S.2).
37) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.1-2.
38) „Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist“ (K. Marx/F. Engels: Werke, 1972, S.482). Die Idee des friedfertigen Kommunismus wird demnach erst schlagend, wenn der Kampf gegen die Klassenfeinde erfolgreich war. Bis dorthin wird Kampf als probates Mittel angesehen. In diesem Sinne sind Streitkräfte, so auch Seestreitkräfte, als Mittel zum Klassenkampf zu verstehen.
39) Dies wird in der Folge grundsätzlich, sofern möglich, versucht werden. Mancherorts erscheinen aus Sicht des Autors die Verweise Flottenadmiral Gorschkows auf Errungenschaften des Kommunismus, Beschlüsse der KPdSU beziehungsweise auf Werke oder auch Ansprachen Marx‘ und Lenins konstruiert, um einem übergeordneten politischen Willen Genüge zu tun.
40) Vergleiche dazu ebenso G. Böhm/M. Wasinger: Seestrategie im 21. Jahrhundert, 2017, S.602-606; wie auch General Secretariat of the Council, European Union Maritime Security Strategy, 2014, S.2.
41) Auch dies erfolgte immer im Einklang mit der politischen Kernbotschaft, nach der der Klassenkampf zwischen Imperialisten und Kommunisten aufgrund der aggressiven Ausrichtung der USA zu einer globalen Auseinandersetzung geworden war. (Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.229-235.)
42) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.90 und 95.
43) A. Röhl, Sergej Gorschkow und die Begründung einer sowjetischen Marinedoktrin, 2008, S.16-17.
44) G. Till: Seapower, 2013, S.228-229.
45) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.73.
46) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.394.
47) Vgl. A. Röhl, Sergej Gorschkow und die Begründung einer sowjetischen Marinedoktrin, 2008, S.18.
48) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.275.
49) „Die Kommunistische Partei der Sowjetunion hält in allen Phasen des Bestehens unseres Staatswesens Kurs auf die Schaffung der materiell-technischen Basis des Kommunismus und verwirklicht beharrlich eine Politik der Festigung des Friedens und der Freundschaft unter den Völkern und Staaten. Zudem ist sie ständig bemüht, die Verteidigungsfähigkeit unseres Staates zu stärken.“ (S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.260.)
50) „Das militärökonomische Potential eines Staates ist bestimmt durch Faktoren wie die natürlichen Ressourcen, insbesondere die strategischen Rohstoffe, die den Bedarf der Industrie sicherstellen, die Industrie (Fabriken, Werke, Energieversorgungsbetriebe), die Landwirtschaft, das Transport- und Fernmeldenetz, die Arbeitsproduktivität, das Potential an Menschen, die den hohen Anforderungen der modernen Produktion sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht genügen, der Entwicklungsstand von Wissenschaft und Technik und die staatlichen Materialreserven.“ (S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.264.)
51) Vgl. A. Röhl, Sergej Gorschkow und die Begründung einer sowjetischen Marinedoktrin, 2008, S.16.
52) Siehe dazu K. Roch: Viribus Unitis, 2015, passim.
53) Vgl. J. Varwick: Die NATO in (Un-)Ordnung, 2017, S.86-87.
54) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.230-233.
55) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.256. Flottenadmiral Gorschkow sprach in diesem Zusammenhang von SSN beziehungsweise SSK, also atomar oder konventionell betriebenen Jagd-U-Booten.
56) Vgl. J. Varwick: Die NATO in (Un-)Ordnung, 2017, S.86-88.
57) SSBN: Ein Submersible Ship Ballistic Nuclear ist ein atomar betriebenes U-Boot mit der Fähigkeit, ballistische Raketen zu verschießen; auch als strategische U-Boote bekannt.
58) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.256-258.
59) Vgl. Varwick, J., Die NATO in (Un-)Ordnung, 2017, S.87-88.
60) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.272-273.
61) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.278.
62) Vgl. Deutscher Bundestag, Die Militärdoktrin der Sowjetunion und der Russischen Föderation seit den 1970er-Jahren; Bedrohungsszenarien und Sprache im Vergleich, 2015, S.5-7.
63) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.282.
64) In einer ersten Phase, also während der Verlegung weiterer Landstreitkräfte beispielsweise aus den USA in Richtung Europa, konnte so der strategische Transport unterbunden (INTERDICT) werden. Bezug nehmend auf eine bereits laufende Einsatzführung durch europäische NATO-Staaten gegen die UdSSR galt es, vorhandene Gruppierungen und Teilstreitkräfte zu trennen (SEPARATE).
65) Vgl. Kapitel 2.
66) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.311.
67) B. Ranft/G. Till: The Sea in Soviet Strategy, 2014, S.158.
68) Vgl. Tabelle 2.
69) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.333.
70) Vgl. L-.G. Buchheim: Jäger im Weltmeer, 2007, S.27-28.
71) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.273.
72) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.387-388.
73) S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.2.
74) Vgl. Forschungsstelle Osteuropa, Russische Außenpolitik unter Putin, 2005, 7.
75) Interessant erscheint dabei, dass nicht jede Erweiterung des Wes­tens Richtung Osten als Bedrohung Russlands empfunden wird. Die Annäherung der EU beispielsweise wurde mit einer gewissen Entspannung akzeptiert und selbst bürokratische Hürden wie die Visa-Freiheit beziehungsweise Transferregelungen bezüglich der russischen Exklave Kaliningrad friktionsfrei gelöst. (Vgl. Forschungsstelle Osteuropa, Russische Außenpolitik unter Putin, 2005, S.13.)
76) In diesem Lichte ist auch der Disput um territoriale Gewässer oder auch internationale Gewässer entlang der Nordpassage zu sehen. Für Russland stellt dieser Bereich eine mehrere 1.000 km lange Nordflanke dar. Sollte dieser zu einem internationalen Gewässer erklärt, oder aber auch einem anderen Land zugesprochen werden, so stellte dies eine immanente Bedrohung der russischen Sicherheit dar. Im Falle einer Deklarierung als internationales Gewässer stünde es jedem Staat frei, seine Seestreitkräfte in diesem Areal zu bewegen und so permanent russische Seestreitkräfte zu binden. Eine komplementäre Abstützung auf ein vorgestaffeltes, landgestütztes Verteidigungskonzept wie in China durch die sogenannte Perlenkette erscheint für Russland nicht möglich, da am Pol die dafür potenziell zur Verfügung stehenden Inseln zurzeit schmelzen. Es geht Russland daher am Nordpol nicht nur um Bodenschätze oder einen Seeweg, sondern v.a. um die Frage, welche Macht wann und wie an seiner längsten Flanke wirksam werden kann und darf.
77) China ist nicht das einzige Land, das an dem Aufbau einer großen Marine arbeitet. Japan, das sich bereits einer Weltklasseflotte rühmt, …. Südkorea führt gegenwärtig eine allgemeine Modernisierung seiner Marine durch. (T. Yoshihara/J. R. Holmes: Der rote Stern über dem Pazifik, 2011, S.2-3).
78) Vgl. Forschungsstelle Osteuropa, Russische Außenpolitik unter Putin, 2005, S.8.
79) Vgl. ebenda, S.8-11.
80) Vgl. S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.331-335.
81) Als zusätzlicher Verband wäre noch die Kaspische Flottille anzusprechen. Diese besteht aus zwei Fregatten und sechs Korvetten (Vgl. B. G. Hofbauer: Umkämpfte Gewässer, 2017, S.755). Die Kaspische Flottille zählt zu den ältesten Flottenverbänden der russischen Marine (Aufstellung 1722). 2015 konnte sie bei der Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates durch den Einsatz ballistischer Raketen unterstützen. (Vgl. Hughes R./Johnson London and Reuben/Gibson, W. a. N., Russia reveals 3m-14T cruise missile range, 2015.)
82) Vgl. B. G. Hofbauer: Umkämpfte Gewässer, 2017, S.753.
83) Vgl. ebenda, S.756.
84) Dies ist auf keinen Fall mit dem taktischen Prinzip von Hammer und Amboss zu verwechseln. Schild und Schwert reflektiert auf die Fähigkeit zur Heimatverteidigung (hier Küstenverteidigung; Schild) unter zeitgleicher Bereithaltung von Kapazitäten zur offensiven, weitreichenden Einsatzführung (in diesem Fall maritime Machtprojektion; Schwert). Gerade in Österreich wurde dies oft falsch verstanden. (Vgl. M. Rauchensteiner/H.-C. Clausen: Schild ohne Schwert, 1991, passim.)
85) Dies bezieht sich auf das Sicherstellen eines - zwar räumlich eingeschränkten - Fliegerabwehrschirmes über andere offensive Über- oder Unterwassereinheiten. Das zum Start der Luftkriegsmittel vorgesehene „Jump-Deck“ erlaubt es den vorhandenen Flugzeugen nicht, ihre gesamte Waffenausstattung mitzuführen. Dementsprechend werden mitgeführte Kriegsmittel wie im Syrienkrieg ehestmöglich auf vorhandene Landbasen verlegt.
86) Vgl. B. G. Hofbauer: Umkämpfte Gewässer, 2017, S.755-756. In diesem Zusammenhang wurde 2012 eine umfassende Reorganisation der russischen Streitkräfte durch Präsident Putin mit dem Ziel eingeleitet, bis 2020 rund 70% des Kriegsgerätes, das noch aus der sowjetischen Periode vorhanden ist, zu modernisieren. Liegt das Schwergewicht der Landmacht natürlich auf den Land- und Luftstreitkräften, so wird trotzdem auch in Seestreitkräfte wesentlich investiert. So ist der weitere Zulauf von Atom-U-Booten der Borei-Klasse, Flugzeugträger der Shtorm-Klasse, atomar angetriebener Zerstörer und auch amphibischer Einheiten geplant. (Vgl. J. Drew: MAKS Impact, 2017, S.51-52.)
87) Interessant ist dieser Aspekt, da Russland wiederholt vorgeworfen wurde, selbst wieder eine Bedrohung der westlichen Welt beziehungsweise der NATO geworden zu sein. Eine objektive Betrachtung der NATO-Erweiterung, der NATO-Stützpunkt-Politik sowie des „Rennens um die Nordpassage“ bringt jedoch ein anderes Bild ans Licht, welches darstellt, warum Russland sich subjektiv bedroht fühlt. (Vgl. P. Rudolf: Amerikanische Russland-Politik und europäische Sicherheitsordnung, 2016, S.11-12.)
88) W. Schneider-Deters: Die Ukraine, 2014, S.405.
89) Die Krim wurde 1954 der Ukraine zugesprochen (T. Gerlach/G. Schmidt: Ukraine, 2011, 36). Nach dem Erhalt der Freiheit wurde in der ukrainischen Verfassung eine Ausnahmeregelung zur Stationierung fremder Truppen auf eigenem Hoheitsgebiet geschaffen, die im Jahre 2017 nach Ablauf des vormaligen Flottenstationierungsabkommens ausgelaufen wäre. Zur Verlängerung im Jahr 2010 wäre somit eine Zweidrittelmehrheit im ukrainischen Parlament zur erneuten Schaffung einer Ausnahme vonnöten gewesen. Diese wurde jedoch nicht geschaffen. Das Abkommen wurde somit verfassungswidrig am Parlament vorbei abgeschlossen. (W. Schneider-Deters: Die Ukraine, 2014, S.406).
90) Vgl. N. M. Spreng: Putin-Versteher, 2015, S.142.
91) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.318.
92) Ebenda.
93) Die Entfernungen zwischen den großen Meereszugängen erfordern den Unterhalt von vier getrennten Flotten plus dem Verband im Kaspi­schen Meer (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.318).
94) Ein technisch gut ausgebauter Eisbrecherdienst auf dem nördlichen Seeweg und ein ausgedehntes natürliches und künstliches Binnenwasserstraßennetz ermöglichen den Russen, auf der „inneren“ Linie kleinere Einheiten zu verschieben (H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.318).
95) H. Fock: Vom Zarenadler zum Roten Stern, 1985, S.306.
96) „Bei einer solchen Tatenlosigkeit … der Behörden werden wir in zehn Jahren von der NATO mit ABM-Systemen, Marine- und Fliegerstützpunkten vollständig eingekreist sein.“ (Vgl. N. Lobkowicz: Der Abschied vom Sowjetimperium, 2009, S.96.)
97) K. Mommsen: Die russische Marine im Mittelmeer, 2015, S.21.
98) Dies erstreckt sich bis auf die Ebene gezielter Provokationen und Abschreckungsmaßnahmen. So klagte die US-Navy öffentlichkeitswirksam über Tiefflüge russischer SU-24 Kampfflugzeuge unmittelbar über US-Kriegsschiffen in der Baltischen See. (B. Starr/R. Browne/K. Liptak: U.S. issues formal protest to Russia over Baltic Sea incident, 2016) Jahrzehnte vorher wurde ein ebensolches Verhalten durch Admiral Gorschkow seitens der USA im Rahmen der Kalten Krieges beklagt. (S. G. Gorškov/E. Opitz: Seemacht Sowjetunion, 1978, S.77-78.)
99) So wird das U-Boot auch weiterhin das primäre Einsatzmittel der Wahl in Russland sein. Die Weiterentwicklungen im Bereich dieser Seekriegsmittel in der russischen Rüstung werden dabei auch von der westlichen Welt mit besonderem Augenmerk beobachtet. (Vgl. B. G. Hofbauer: Umkämpfte Gewässer, 2017, S.758-759.)
100) Vgl. Moskito-Doktrin.
101) Siehe Anti-Träger Konzeption.
102) Vgl. Forschungsstelle Osteuropa, Russische Außenpolitik unter Putin, 2005, S.20.
103) „There is no disputing that the Soviet Union is now one of the world’s leading sea powers“ (B. Ranft/G. Till: The Sea in Soviet Strategy, 2014, S.1).
104) H. Schwabecher: Die Situation der russischen Streitkräfte, 2007.