Der hybride Krieg eine neue Qualität komplexer Kriegführung und multinationaler Bedrohung? Eine Einschätzung der russischen Sicht

Siegfried Lautsch

 

In der veröffentlichten Meinung wird suggeriert, dass der Kreml mit der Annexion der Krim, den Kampfhandlungen in der Ostukraine und dem Einsatz der russischen Streitkräfte in Syrien eine wohl überlegte Strategie verfolgt, die im Westen, in der EU und in der NATO unter der Kategorie als „hybrider Krieg“ postuliert wird. Offenbar gibt es über die „hybride Kriegführung“ unter Analysten recht unterschiedliche Auffassungen. Doch was ist eigentlich ein „hybrider Krieg“? Was versteht die russische Streitkräfteführung darunter und wie soll das Konzept umgesetzt werden? Die nachfolgende Darstellung versucht die russische Sichtweise dazu aufzuzeigen. Gab es nach Ansicht der sowjetischen bzw. russischen Kriegskunst bisher verschiedene Arten von Kriegen, so wurden sie nach den eingesetzten technischen Kampfmitteln charakterisiert. Bisher unterschied die russische Militärtheorie zwischen dem konventionellen Krieg und dem Kernwaffenkrieg. Diese Kriegsarten wurden wiederum in chemische und bakteriologische Kriege unterteilt. Nunmehr ist eine neue Dimension der Kriegführung (neben der Land-, Luft-, See- und Kosmischen Kriegführung) hinzugekommen, namentlich der Cyberkrieg, der sich auf eine weitgehende Computerisierung und Vernetzung militärischer sowie ziviler Bereiche stützt. Insofern ist die Subsumierung unter den Begriff hybride Kriegführung Ausdruck eines veränderten Kriegsbildes.

Nach russischer Lesart haben sich die „Regeln des Krieges“ verändert. Die Bedeutung der nichtmilitärischen Mittel zum Erreichen politischer und strategischer Ziele ist gewachsen, die in ihrer Effektivität in einer Vielzahl von Fällen, die Wirkung militärischer Gewalt übertreffen. Obwohl sich der Begriff „hybrid“ in der Politik und in den Medien etabliert hat, wird beim Militär, v.a. in Russland, auch in den USA, weiterhin die Bezeichnung asymmetrische Kriegführung bzw. unconventional Warfare verwendet. Diese Begriffe schließen ausdrücklich die „Anwendung militärischer Gewalt“ ein. Die Bedeutungen der Wortschöpfungen sind weitgehend Ausdruck ihrer Herkunft und spezieller Methoden der Gewaltanwendung. Die Weiterentwicklung und Verbreitung präziser weitreichender Kampfformen mit hoher Effizienz durch organisierte Handlungsabläufe und unterschiedlichem Mitteleinsatz, spielen in politischen und militärischen Überlegungen bislang noch eine untergeordnete Rolle, obwohl gerade diese Entwicklungen dazu führen könnte, dass sich in zugespitzten Krisenlagen, unter zeitkritischem Druck der Entscheidungsfindung, die Schwelle zum Krieg rasant auflösen kann. Ob dieses Phänomen in den Medien als hybrider Krieg oder beim Militär als asymmetrische Kriegführung bezeichnet wird, ist oft von politischen Erwägungen abhängig. Der Duktus „hybrid“ neigt naturgemäß zur Abstraktion, und wird den grundlegenden Formen der Kampfhandlungen nicht gerecht. Bei einer Auseinandersetzung, die weitestgehend militärischen Kriterien entspricht, sollte stattdessen die bisherige Sprachregelung „asymmetrisch“ beibehalten werden, um dem definierten Charakter dieser Kampfhandlungen besser zu entsprechen oder es sollten die tatsächlichen Handlungen der Gewaltanwendung präzise benannt werden. Angesichts der Tatsache, dass bei diesem Phänomen organisierte Gewalt im Vordergrund steht, bedarf es einer Begriffsbestimmung, die einerseits die Formen des Kampfes nicht pauschalisiert, sondern kennzeichnet, andererseits in seiner Einstufung völkerrechtlichen Normen entspricht.