Operatives Denken, Planen und Führen als Forschungsgegenstand der Militärwissenschaft

Friedrich K. Jeschonnek

 

Obwohl heute Kriege, insbesondere Angriffskriege, als politische Handlungsoptionen völkerrechtlich geächtet sind, werden weltweit in nahezu allen Staaten militärische Kräfte unterhalten bzw. modernisiert, um im Rahmen von Krisen- bzw. Konfliktmanagement vielfach in multinationalen Bündnisstrukturen eingesetzt zu werden oder zumindest als Grundlage zur Abschreckung zu dienen. Für militärische Kräfte werden Einsatzplanungen entwickelt, erstellt, erprobt und bei Erfordernis durchgeführt. Ihre Einsätze sind dabei seit langem durch eine ständig zunehmende Komplexität gekennzeichnet. Deshalb bedienen sich die sicherheitspolitisch und militärisch Verantwortlichen zur Aufgabenerfüllung wissenschaftlicher Methoden, Disziplinen und Fachrichtungen. Darüber hinaus gibt es in einigen Staaten eine anerkannte eigenständige Militärwissenschaft, die auf akademischer Basis militärische Aspekte untersucht. Die Komplexität des Militärischen im weitesten Sinne bietet sowohl einer eigenständigen Militärwissenschaft als auch zivil ausgerichteten Wissenschaftsdisziplinen seit langem unendlich viele Untersuchungsmöglichkeiten. Dabei erscheinen die Art der Kriegführung und ihre Methoden bzw. Formen ein herausragender Bereich für wissenschaftliche Untersuchungen. In der nachstehenden Studie wird detailliert untersucht, inwieweit die operative Ebene als Teil der Kriegführung mit ihren besonderen Rahmenbedingungen, Merkmalen, Theorien, Grundlagen, Grundsätzen, Handlungsoptionen, Führungsprozessen, Kräften und Mitteln sowie ihrer historischen Wurzeln als ein Forschungsgegenstand für die Wissenschaft im Allgemeinen und für eine Militärwissenschaft im Besonderen gelten kann. Dabei wird auch berücksichtigt, welche Gestaltungsformen und Methoden sich für die militärwissenschaftliche Forschung anbieten und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Die Argumentation baut auf sich weltweit durchgesetzten militärischen Grundverständnissen auf, die sich trotz nationaler oder auch bündnis-bestimmender Eigenheiten im heutigen Militärwesen erkennen lassen. Militärwissenschaftliche Unterstützung ist durch Schaffen geeigneter wissenschaftlicher Strukturen sowohl in militärischen Institutionen als auch an zivilen Universitäten zu fördern. Es ist gesamtstaatliche Aufgabe, die organisatorischen und finanziellen Grundlagen hierfür zu schaffen und eine Vernetzung zu fördern. Betrachtet man die unterschiedlichen Teilprozesse Operatives Denken, Planen und Führen, so wird aus den Charakteristika und Problemstellungen der Operativen Ebene und ihrer Scharnierfunktion zu Strategie und Taktik deutlich, dass es in diesem Teilbereich für die Militärwissenschaft vielfältige Forschungsgegenstände gibt und geben wird. Dies gilt für nationale Streitkräfte wie für Bündnisstreitkräfte gleichsam. Arbeitsergebnisse und wissenschaftstheoretische Erkenntnisse in der Militärwissenschaft sind dabei kein Selbstzweck, sondern dienen der Vervollkommnung und zur Schulung von Operativem Denken, Planen und Führen.