Die USA unter Präsident Trump in Afghanistan im Vormarsch (2017/2018)

 

Im April 2017 hatten die Amerikaner mit dem propagandistisch inszenierten Abwurf einer Megabombe gegen mutmaßliche Stellungen islamistischer Extremisten in Afghanistan aufgezeigt. Danach intensivierten die US-Streitkräfte ihre Angriffe mit Flugzeugen und ferngesteuerten Drohnen. 2017 wurden mehr Bomben abgeworfen als in all den Jahren seit 2012. Im Visier standen und stehen außer den Taliban. Die Terrormiliz „Islamische Staat“ (IS) und das islamistische Haqqani-Netzwerk. 2017 betrug die Zahl der US-Truppen in Afghanistan nach offizieller Leseart noch 8400, künftig soll sie 14 000 Mann erreichen. Hinzu kommen nach Angaben aus dem Pentagon 26.000 Vertragsnehmer (contractors) des amerikanischen Verteidigungsministeriums, die zum Teil ebenfalls bewaffnet sind. US-Präsident Donald Trump hat zudem angekündigt, von nun an gar keine Truppenzahlen mehr der Presse zu nennen.

Der Auftrag der US-Streitkräfte – und der übrigen ausländischen – bleibt grundsätzlich unverändert: „Ausbilden, beraten, unterstützen.“ Die Ausbildung der afghanischen Soldaten soll künftig durch 6000 amerikanische Instruktoren erfolgen. Das sind in der Regel Freiwillige, die selbst über ausgedehnte Kampferfahrung verfügen und speziell für diese Aufgabe geschult sind. Die US-Instruktoren wurden im März 2018 nach Afghanistan verlegt, um die afghanischen Sicherheitskräfte gegen die im Frühling beginnende Offensive der Taliban zu unterstützen. Die US-Militärberater sollen nun zwar näher an die Front rücken, Kämpfeinsätze überlässt man offiziell aber weiterhin der afghanischen Armee. Der Kampfwert der afghanischen Streitkräfte wird als eher gering eingeschätzt. Der gegenwärtige Bestand der afghanischenArmee liegt nach US-Angaben bei 320.000 Mann. Viele afghanische Soldaten sind Analphabeten. Hinzu kommt die weiterhin grassierende Korruption: Beförderungen gibt es gegen Geld, Waffen werden an die Aufständischen verkauft.

Eine positive Ausnahme stellen die afghanischen Kommandotruppen dar. Sie gelten als gut ausgebildet und sind auch gut ausgerüstet, unter anderem verfügen sie über Helikopter. Damit sind sie überall im Land einsetzbar. Allerdings werden sie zu stark in Anspruch genommen für Aufgaben, die eigentlich die anderen Truppen erledigen sollten. Die Eliteeinheiten sollen verstärkt werden und 100 Black-Hawk-Helikopter aus amerikanischen Beständen erhalten. Aber die Rekrutierung ist schwierig, und die Ausbildung braucht Zeit.

Das neue Engagement der US-Streitkräfte in Afghanistan soll ein drohendes Scheitern abwenden. Der US- Kommandant in Afghanistan, General John Nicholson, sagte mit unterschwelliger Kritik gegenüber dem früheren US-Präsidenten Barack Obama, man habe zu schnell zu viele Truppen abgezogen. Über weite Strecken auf sich allein gestellt, waren die afghanischen Sicherheitskräfte offenkundig nicht in der Lage, das Vorstoßen der Aufständischen an vielen Fronten gleichzeitig zu verhindern.

Jüngst kam eine Studie des britischen Senders BBC zudem zum Schluss, dass nur noch ein Drittel des afghanischen Territoriums mit etwa der Hälfte der Bevölkerung ganz unter der Kontrolle der Regierung ist. Der Quarterly Report to the United States Congress vom 30.1.2017 listete auf, dass 57 Prozent der Distrikte mit zwei Dritteln der Bevölkerung unter Regierungskontrolle waren.  10 Prozent der Distrikte würden von den Taliban kontrolliert. 33 Prozent wären demnach umstritten.

2017 forderten die Kämpfe im Land UNO-Angaben zufolge rund 10.453 Tote und Verletzte in der Zivilbevölkerung. Vor allem auf Seiten der afghanischen Zentralregierung wird befürchtet, dass mit den verstärkten Luftangriffen die Opferzahlen noch weiter zunehmen und damit der Hass der Zivilbevölkerung auf die fremden „Besatzer“ noch weiter geschürt würde, was wiederum den Islamisten in die Hände spielen würde.

Auch große Städte waren in letzter Zeit nicht mehr sicher. Die Aufständischen konnten zwar bisher keine Stadt auf Dauer einnehmen, erzielten aber mit spektakulären Angriffen und Anschlägen doch immer wieder propagandistische Erfolge.

Für Trump hatte Afghanistan in den ersten Monaten nach seinem Amtsantritt keine Priorität. Das änderte sich bald. Bei seiner Rede zur  Lage der Nation bekräftigte Trump im August 2017, die USA hätten ab jetzt wieder vermehrt „boots on the ground“ in Afghanistan – auch mit erhöhtem Risiko.  Allerdings ist ein neuer „Surge“ mit der Entsendung von über hunderttausend Soldaten wie unter Obama 2010 keineswegs angedacht. Eine flächendeckende Kontrolle über das afghanische Territorium durch die US-Truppen wird ebenso nicht angestrebt. Aber man hat mittlerweile doch verstanden, dass die afghanischen Sicherheitskräfte mehr Unterstützung brauchen, als ihnen bisher gewährt wurde, wenn die Regierung in Kabul überleben soll.

Ein zentrales Ziel der neu nach Afghanistan verlegten Erdkampfflugzeuge A-10 ist die Zerstörung der Drogenlabors der Aufständischen und natürlich die Bekämpfung feindlicher Stellungen insbesondere im Süden des Landes. Auch strategische Bomber B-52 und Stealth-Flugzeuge F-22 werden dafür eingesetzt. Die US-Planer sprechen von einer „strategischen Luftkampagne“ und von „counter-finance operations“. Am 27. September 2018 wurden auch Tarnkappenkampfjets F-35B „Lightning II“ vom amphibischen Sturmschiff „USS Essex“, das im Persischen Golf operierte, losgeschickt um Bodenziele in Afghanistan anzugreifen. Das US-Marine Corps veröffentlichte Videoaufnahmen von der „Essex“ während eines Starts und einer Landung jener F-35-Variante, die auf einer sehr kurzen Piste starten sowie senkrecht landen und an Ort schweben kann (F-35B). Die US-Marines erhöhen mit diesem Kampfflugzeug ihre Schlagkraft enorm.

Trump hatte 2017 seine neue, aggressivere Strategie für Afghanistan vorgestellt. Nach jahrelanger Verminderung der dort stationierten US-Soldaten wurden die Truppen auf derzeit rund 14.000 Mann aufgestockt. Vor allem sollen auch die Fähigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte verbessert werden. Seither sind die US-Luftangriffe sowie die Kampfeinsätze der US-Spezialkräfte signifikant erhöht worden.

Auch wenn die Taliban im Februar 2018 ein neues Friedensabkommen mit der afghanischen Zentralregierung in Kabul ablehnten, so ist Trump gegebenenfalls durchaus zu einer politischen Übereinkunft mit gemäßigten Teilen der Taliban-Bewegung bereit. Direkte Verhandlungen aber schloss er bislang aus.

Jedenfalls befinden sich die Taliban trotz allem US-Engagements im Lande im Verlauf des Jahres 2018 wieder erheblich auf dem Vormarsch – verbunden mit einer Reihe spektakulärer Anschläge. US-Verteidigungsminister James Mattis reiste jüngst im September 2018 nach Kabul, um sich ein Lagebild zu machen. Ohne signifikante US-Militärunterstützung scheinen die afghanischen Streitkräfte jedenfalls weiterhin nicht in der Lage zu sein, das Land am Hindukusch einigermaßen zu stabilisieren.


Weiterführende Literatur und Links

 

Joanna Wright, “Capital Offensive”. In: Jane’s Intelligence Review 4/2018, Seite 26 – 29.

 

David H. Ucko, “Learning Difficulties: The US Way of Irregular Warfare”. In: S+F – Sicherheit und Frieden 1/2018, Seite 21 – 26.

 

Chad Brooks / Craig Trebilcock, “Fighting for Legitimacy in Afghanistan – The Creation of the Anti-Corruption Justice Center”. In: Prism 1/2017, Seite 108 – 117.

 

Andrew Fraser, “Martyrdom’s Children: The Tragedy of Child Suicide Bombers in Afghanistan”. In: Canadian Military Journal 3/2017, Seite 40 – 52.

 

H. R. McMaster, “Learning from Contemporary Conflicts to prepare for Future War”. In: Orbis 2/2017, Seite 303 – 321.

 

Alex Barnes, “Security Stalemate”. In: Jane’s Intelligence Review 5/2017, Seite 24 – 27.

 

Antonio Giustozzi, “Taliban and Islamic State: Enemies or Brothers in Jihad?”. In: CRPA Center for Research &

Policy Analysis-Online v. 14.12.2017: https://www.crpaweb.org/single-post/2017/12/15/Enemies-or-Jihad-Brothers-Relations-Between-Taliban-and-Islamic-State

 

Antonio Giustozzi, “The Military Cohesion of the Taliban”. In: In: CRPA Center for Research &

Policy Analysis-Online v. 14.7.2017: https://www.crpaweb.org/single-post/2017/07/10/The-Military-Cohesion-of-the-Taliban

 

Antonio Giustozzi, “Passive Aggressive: Jihadists compete along Af-Pak Border”. In: Jane’s Intelligence Review 11/2016, Seite 18 – 21.

 

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