Russland und der Iran – Eine Zweckbeziehung

 

Trotz wiederholt medial zur Schau gestellter Freundschaft haben Russland und der Iran abseits der dringlicher regionaler und globaler Fragen dennoch keine tiefgehenden wirtschaftlichen, wissenschaftlich-technischen und bildungspolitischen und sozialen Verbindungen aufbauen können. Was die Waffenexporte betrifft, so sieht der Kreml den Iran als einen wichtigen Kunden an, während der Iran zugleich sein Bestes tut, um sich als selbstständiger und souveräner Staat von russischen Umarmungsversuchen zu distanzieren. Das beiderseitige Verhältnis bleibt kompliziert.1) Was bleibt, ist eine „unsichere Beziehung“.

Teheran ist vor allem an modernen russischen Luftabwehrraketensystemen interessiert. In jüngster Zeit hat sich der Iran immer mehr auch nach China gewandt, um seine Waffenimporte zu diversifizieren und um nicht allzu sehr von russischer Militärtechnik abhängig zu sein. So will Peking  J-10 Kampfflugzeuge an den Iran verkaufen. Der J-10 ist ein Allwetter-Mehrzweck-Kampfflugzeug mit modernen Kampfsystemen sowohl für Land- als auch Luftziele. (Der Iran besitzt gegenwärtig zumeist ältere Maschinen wie die US-amerikanischen F-4D Phantom II, die sowjet-russischen Suchoi Su-24, die US-amerikanischen F-5E Tiger II, die chinesischen J-7M und die französischen Mirage F1.) China und der Iran haben auch eine längere enge Beziehung auf dem Gebiet der militärischen Flottenverbände beider Länder. Vor diesem Hintergrund haben die Chinesen den Iranern erst vor kurzer Zeit das Katamaran-Flugkörperschnellboot (Type 022) der HOUBEI-Klasse zum Kauf angeboten.2)

  Weiters ist der Iran mittlerweile daran interessiert, kommerzielle zivile Flugzeuge von den Europäern und den USA anstatt von Russland zu kaufen – auch wenn Moskau darauf insistiert. Ob dadurch die bilateralen Beziehungen zwischen dem Iran und Russland zunehmend gestört werden, bleibt abzuwarten. Weiters scheinen die Pläne Teherans, insbesondere sein Erdgas für den europäischen Markt (dem heutigen Hauptabnehmer von russischem Erdgas) zu öffnen, das bestehende Unbehagen zwischen dem Iran und Russland weiter zu vergrößern. Die iranisch-russischen Beziehungen können vor diesem Hintergrund als eine „Notwendigkeit zur Kooperation“ verstanden werden, um die Interessen der USA in der Region abzuwehren. Sie beruhen nicht wirklich auf gegenseitigem Vertrauen. Russland und der Iran haben deutlich unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen bezüglich Armeniens und Israels.

Streitpunkt Armenien  Der Iran ist etwa interessiert am Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Armenien, während Russland solchen Annäherungsversuchen Teherans gegenüber Armenien reserviert gegenübersteht. Ein Fallbeispiel dazu ist der mögliche Bau der Bahnverbindung durch das südliche Armenien. Dabei fehlt es an externen finanzieller Unterstützung (nicht nur von iranischer Seite). Dies unterstreicht einmal mehr die Ambivalenz des Irans und das offensichtliche Desinteresse Russlands dazu, weil die Bahnverbindung den Iran nicht mit Russland verbinden würden. Diese Verbindung würde aus dem Grunde nicht möglich sein, weil Georgien die Bahnstrecke nicht durch das für Georgien abtrünnige Gebiet Abchasiens erlauben würde.

Streitpunkt Israel  Ein anderes Beispiel für signifikant divergierende Interessen zwischen dem Iran und Russland ist Israel. Moskau ist nicht bereit, die Feindschaft Teherans gegenüber Israel zu unterstützen.3) Um eine militärische Eskalation zwischen Israel und dem Iran zu verhindern, ist Russland darauf bedacht, ein Auge auf den Iran zu werfen. Parallel dazu ist der Kreml bemüht, die Israelis vor einem unilateralen Angriff auf den Iran abzuhalten. Andererseits arbeiten Russland und der Iran zusammen, um andere Mächte bzw. Machtkoalitionen (wie die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition) aus dem südlichen Kaukasus und dem östlichen Mittelmeer herauszuhalten.4) Im syrischen Bürgerkrieg stehen beide Mächte Seite an Seite mit dem syrischen Regime von Präsident Baschar al-Assad in einer mehr oder weniger direkten Konfrontation mit den USA. Eine ambivalente Haltung sowohl des Irans und auch Russlands widerspiegelt sich in Syrien gegenüber den Kurden als auch gegenüber der Regionalmacht Türkei, die ein Weiterexistieren des Assad-Regimes in einem Nachkriegs-Syrien ablehnen.5) 

Russland sieht sich heute wieder als gleichgestellte Weltmacht neben den USA und China. Als solche hat Russland im UNO-Sicherheitsrat der Errichtung von Wirtschaftssanktionen gegen den Iran vor dem Abschluss des internationalen Atomabkommen mit dem Iran zugestimmt. Russland spielt die Rolle einer Großmacht und der Iran handelt als eine regionale Macht. Russland und der Iran sind keine richtigen Alliierten, sondern sie unterhalten eine „Partnerschaft des gegenseitigen Misstrauens“.

 

Wie sich die russisch-iranischen Beziehungen im größeren kontextuellen Rahmen aufgrund der enden wollenden gemeinsamen Interessen, weiter entwickeln werden, bleibt abzuwarten.

 


Anmerkungen und weiterführende Links

2) Siehe dazu: Eugene Kogan, „Russian-Iranian Relations: A Mixed Bag“. In: European Security & Defence 12/2017, Seite 12-15.

3) „Vize-Botschafter verspricht: Wenn Iran angreift, steht Russland auf der Seite Israels“. In: SPUTNIK NEWS-Online v. 19.2.2018: https://de.sputniknews.com/politik/20180219319612560-israel-russland-unterstuetzung-iran-angriff/

4) How Strong is the Iran-Russia ‘Alliance’? In: THE DIPLOMAT-Online v. 9.2.2018: https://thediplomat.com/2018/02/how-strong-is-the-iran-russia-alliance/

5) „Expanding Russia-Iran-Turkey Alliance Puts the US on Back-Foot“. In: YaleGlobal Online v. 7.12.2017: https://yaleglobal.yale.edu/content/expanding-russia-iran-turkey-alliance-puts-us-back-foot

 

Vertiefende und weiterführende Literatur

Gerald Böhm/Matthias Wasinger, „Seemacht Russland“ - Teil 1. In: ÖMZ 4/2018. (Ganzer Artikel online)

Gerald Böhm/Matthias Wasinger, „Seemacht Russland“ - Teil 2. In: ÖMZ 5/2018. 


Andranik Aslanyan/Wulf Lapins, „Gestaltende Intentionen, Interessen und Instrumente externer Akteure im südlichen Kaukasus“ (Teil 1). In ÖMZ 3/2018, Seite 292 – 301. (Abstract online)

Andranik Aslanyan/Wulf Lapins, „Gestaltende Intentionen, Interessen und Instrumente externer Akteure im südlichen Kaukasus“ (Teil 2). In: ÖMZ 4/2018 (Abstract online)


Siegfried Lautsch, „Die Sicherheitspolitik der Russischen Föderation und die Neuorientierung ihrer Streitkräfte“. In: ÖMZ 1/2018, Seite 42 – 53.


Walter Posch, „Zwischen Ideologie und Pragmatismus: Grundlinien der iranischen Außenpolitik“. In: ÖMZ 6/2010, S. 751-756.