CHINAS MODERNISIERUNG DER STREITKRÄFTE UND SEIN MILITÄR-INDUSTRIELLER KOMPLEX

Untertitel

Nach mehreren Reformen und einer langfristigen Entwicklungsstrategie ist Chinas Verteidigungsindustrie dazu übergegangen, Waffensysteme und Ausrüstung zu produzieren, die den Anforderungen der chinesischen Streitkräfte entsprechen. Zudem zählen die chinesischen Rüstungsunternehmen nun zu den wesentlichen Exporteuren dieser Güter am Weltmarkt. 

Früher galten chinesische Waffen im Ausland als von eher geringer Qualität. Das hat sich mit dem Aufstieg Chinas zur Großmacht in den letzten Jahren signifikant geändert. Nicht zuletzt aufgrund der intensiven Modernisierung des Rüstungssektors ist es China gelungen, sich insbesondere auch auf dem Gebiet der Hochtechnologie dem Westen anzunähern.

Die Vision, die Strategie, die Produkte und die Fähigkeiten chinesischer Rüstungswerke zu beschreiben, ist eine ziemliche Herausforderung, da sie sich der Außenwelt gegenüber verschließen und ihre Vertreter nur ungern mit den Medien sprechen – auch nicht auf Messen für Rüstungsgüter. Darüber hinaus werden alle Transaktionen - auch Exporte - auf politischer Ebene abgewickelt, ohne dass Details (einschließlich der Preisgestaltung) öffentlich bekannt gegeben werden. Was westliche Experten darüber wissen, ist, dass das Hauptziel der Industrie darin besteht, den enormen Bedarf der chinesischen Streitkräfte zu decken. Die chinesischen Rüstungsbetriebe sind Staatsunternehmen und stehen unter der direkten Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und der Streitkräfte.

Anhand der Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) für die Jahre 2015 bis 2017 ist China zum zweitgrößten Waffenproduzenten der Welt aufgestiegen - hinter den USA und vor Russland. Alle vier von SIPRI analysierten chinesischen Rüstungsunternehmen gehören zu den 20 größten Waffenproduzenten weltweit, wobei die ersten drei unter den Top 10 zu finden sind. Ihre gemeinsamen Waffenverkäufe beliefen sich 2017 auf 54,1 Milliarden US-Dollar (45,5 Milliarden Euro).

Chinas größter Rüstungskonzern ist die Aviation Industry Corporation of China (AVIC), die von SIPRI als sechstgrößtes Unternehmen der Welt und vom Londoner Institute for Strategic Studies (IIS) als fünftgrößtes Unternehmen eingestuft wird - mit einem geschätzten Umsatz im Bereich der Verteidigung von 20,1 Milliarden US-Dollar. AVIC hat über 100 Tochterunternehmen und 500.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt und steht hinter der Entwicklung der verschiedenen Flugzeuge der chinesischen Streitkräfte, einschließlich des J-20-Kampfflugzeugs der fünften Generation (bereits im Einsatz) und des Unterschall-Tarnkappenbombers H-20, der bald in Dienst gestellt wird.

An achter Stelle der Weltrangliste rangiert die North Industries Group Corporation (NORINCO) mit einem Umsatz von rund 17,2 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen kontrolliert Berichten zufolge mehr als 100 Tochtergesellschaften und ist für die Produktion von Fahrzeugen (einschließlich des gepanzerten Transporters VN-4 und des Kampfpanzers VT-4), von Präzisionskampf- und Flugabwehrsystemen sowie von leichten Waffen verantwortlich.[1]

Zu den anderen Industriegiganten im Lande gehört die China Shipbuilding Industry Corporation (CSIC), die 2019 mit der China State Shipbuilding Corporation (CSSC) fusionierte. Beide profitierten vom Bau kommerzieller Schiffe und waren dafür verantwortlich, die chinesische Flotte mit neuen Kriegsschiffen zu versorgen (darunter Zerstörer, Fregatten und U-Boote), die die Marine von einer Küstenstreitmacht in eine hochgradig fähige Hochseeflotte transformierte, um in der Lage zu sein, sich einem ebenbürtigen Gegner wie der US-Navy zu stellen.

Zwei weitere von SIPRI hervorgehobene Unternehmen sind die China Electronics Technology Group Corporation (CETC) und die China South Industries Group Corporation (CSGC). Ihr geschätzter Umsatz liegt bei 12,2 bzw. 4,6 Milliarden US-Dollar, wobei erstere Firma Chinas führender Hersteller von Militärelektronik ist, die sich auf Dual-Use-Technologien spezialisiert hat. CSGC stellt leichte Fahrzeuge und fortschrittliche Munitionstransporter her.

Zahlreiche Korruptionsskandale wie etwa im Bereich des Flugzeugträger-Programms erschüttern allerdings die Innovationskraft der chinesischen Bemühungen - zumal sich alle Rüstungswerke im Staatsbesitz befinden.

Es wird sich erst zeigen, wie China damit zurechtkommt.

Fallbeispiel: Chinas Seestreitkräfte

Das Ausmaß und die Geschwindigkeit des chinesischen Marineaufbaus lassen nur eine Schlussfolgerung zu: Peking versucht, die Vormachtstellung der US-Navy auszuhöhlen. Dieses Urteil erfordert weder spezielle Kenntnisse über China, noch Zugang zu streng geheimen Daten. Man braucht sich nur die Plattformen anzusehen, die die Marine der Volksbefreiungsarmee baut; und das Tempo, mit dem sie voranschreitet.

Aber um das Wesen der maritimen Herausforderung Chinas vollständig zu verstehen, muss man tiefer in die Perzeptionen eindringen, die Chinas Marinentwicklung antreiben. Das chinesische Militär ist äußerst vorsichtig bei der Offenlegung seiner wahren Absichten. Analysten, die ihre Tage damit verbringen, chinesische Quellen zu durchforsten, haben die Entscheidung Pekings, drei riesige Militäranlagen im Herzen des Südchinesischen Meeres zu bauen, nicht vorausgesehen.

Ziel der aufgestiegenen Weltmacht Chinas ist es, eine schlagkräftige Flotte zu besitzen, um seine groß angelegte „Neue Seidenstraßen“-Strategie global militärisch abstützen zu können. Darum arbeitet die Marine derzeit intensiv daran, die eigenen Kapazitäten derart zu erhöhen und mit modernsten Mitteln auszustatten, um von einer „regionalen Marine“ zu einer „Weltklasse“-Flotte aufzusteigen. Dahinter verbirgt sich der Anspruch einer Weltmacht nach globaler Reichweite.  Peking hat bereits damit begonnen, mit dem künstlichen Aufschütten von kleinen Inseln im Südchinesischen Meer „Fakten“ zu schaffen, um dort eigene Basen zur weiteren Machtexpansion zu errichten. Chinas Interessen sind global ausgerichtet und schließen auch die Arktis mit ein.[2]

Peking scheint alles daran zu setzen, um auf dem Gebiet speziell der Künstlichen Intelligenz (KI) die USA insbesondere auf militärtechnologischem Gebiet zu überholen.

Aus Sicht westlicher Beobachter scheint die chinesische Flotte wahrscheinlich in zwei bis drei Jahrzehnten auf dem kapazitätsmäßigen und technologischen Stand, um eine maritime „Weltklasse“-Streitmacht mit globaler Reichweite zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob es der US-Navy gelingt, den bisherigen technologischen Vorsprung durch forcierte eigene Modernisierungsschritte zu behalten.

Stichwort: Chinas nukleare Vergeltungskapazität

Angesichts der Verwundbarkeit seiner silobasierten Interkontinentalraketen war Chinas nukleare Vergeltungsfähigkeit gegenüber den USA im Jahr 2000 fast gleich null. Im Jahr 2010 lag die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Vergeltungsschlags Chinas gegen Amerika im Hinblick auf die Tages- und Vollalarmbereitschaft bei 38% bzw. 90%. Obwohl die Vereinigten Staaten ihre Raketenabwehrfähigkeiten weiter ausbauen, wird China im Jahr 2025 wahrscheinlich ein Niveau der nuklearen Abschreckung aufrechterhalten, das nicht unter dem Niveau von 2010 liegen werde. Der Schlüsselfaktor, der Chinas nukleare Abschreckung beeinflusst, ist nicht die Anzahl der Abfangraketen, sondern seine Fähigkeit zur Zielunterscheidung, die im Mittelpunkt künftiger Raketenabwehr-Konzepte stehen sollte. Hier besteht noch signifikanter Aufholbedarf.[3]

Die operativen Führungskapazitäten der chinesischen Streitkräfte

Die jüngsten Militärreformen Chinas werden in erster Linie vom Ehrgeiz des chinesischen Präsidenten Xi Jinping angetrieben, die Volksbefreiungsarmee (PLA) umzugestalten, um ihre Fähigkeit zu verbessern, informationsbasierte Kriege zu gewinnen, und um sicherzustellen, dass sie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gegenüber loyal bleibt. Die Reformen sind in ihrem Ehrgeiz und an Umfang und Reichweite der organisatorischen Veränderungen beispiellos. Praktisch jeder Teil der PLA untersteht jetzt anderen Kommandanten. Ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten wurden geändert. Untergeordnete Einheiten wurden aufgelöst oder hinzugefügt. Die Beziehungen zwischen den Abteilungen, Büros und Kommissionen der Zentralen Militärkommission (CMC), den Diensten und den Kommandostäben haben sich alle verändert. Die Reformen haben neue gemeinsame Führungs- und Kontrollmechanismen eingeführt und wirken sich signifikant darauf aus, wie die PLA Operationen innerhalb und außerhalb der Grenzen Chinas durchführt.

Die Entsendung und Unterstützung von Truppen über Chinas Landesgrenzen hinaus erfordert verschiedene Arten von Waffen und Truppen, neue Logistikfähigkeiten, die Unterstützung durch vernetzte Führungsinformationssysteme (C4ISR) über größere Entfernungen hinweg sowie eine angemessene Ausbildung und Doktrin zur Lancierung von Missionen zur Machtprojektion. Die Bemühungen zum Aufbau dieser Fähigkeiten sind im Gange. Die Organisationsstruktur der PLA nach der Reform soll den Kommandostäben die Hauptverantwortung für Operationen übertragen und die Dienste auf den Streitkräfteaufbau konzentrieren. Es gibt jedoch eine Reihe von Lücken und von Bereichen mit sich überschneidenden Zuständigkeiten, die dieses Bild trüben und Fragen darüber aufwerfen, wie die PLA verschiedene Arten von Operationen planen und durchführen wird können.

Nach Meinung westlicher Autoren seien die militärischen Kommando- und Kontrollmechanismen nach der Reform vorerst funktionsfähig, würden sich jedoch wahrscheinlich als unzulänglich erweisen, wenn die Auslandseinsätze der PLA größer werden; wenn dazu das Zusammenwirken der Teilstreitkräfte erforderlich wird; wenn die Missionen über längere Zeiträume andauern oder in einem nicht genehmigten Umfeld stattfinden, in dem die eingesetzten Streitkräfte erheblichen Bedrohungen ausgesetzt sind.[4]

Bedeutende zusätzliche Reformen der Kommando- und Kontrollstrukturen würden jedenfalls noch notwendig sein, insbesondere wenn die PLA die Durchführung gemeinsamer Kriegsführung auf hoher See vorsieht.


Abgeschlossen: Anfang Juli 2021



Anmerkungen:

[1] Robert Czulda, „CHINA’S SECRETIVE DEFENCE INDUSTRY“. In: Military Technology – MT 11-12/2020, S. 6-11.

[2] Ryan D. Martinson, „DECIPHERING CHINA’S „WORLD-CLASS“ NAVAL AMBITIONS“. In: Naval Institute Proceedings 8/2020, S. 50-54.

[3]  Wu Riqiang, „LIVING WITH UNCERTAINTY - Modeling China’s Nuclear Survivability“. In: International Security 4/2020, S. 84-118.    

[4] Phillip C. Saunders, „BEYOND BORDERS: PLA COMMAND AND CONTROL OF OVERSEAS OPERATIONS“. In: Strategic Forum 306/20, S. 1-12.