RUSSLAND UND CHINA ERWEITERN IHRE EXTERNEN INTERVENTIONSKAPAZITÄTEN

Gegenmaßnahmen der USA unter spezieller Berücksichtigung des US-Marine Corps

Die Durchführung einer militärischen Intervention auf Expeditionsbasis gilt zu Recht als eine der schwierigsten und herausforderndsten aller Operationen. Expeditionseinsätze sind eine riskante Angelegenheit, doch die Projektion von militärischer Macht und Einfluss fernab des eigenen Heimatlandes wird als ein Kennzeichen globaler Geopolitik anerkannt. Die USA und - in geringerem Maße sowohl Frankreich als auch Großbritannien - verfügen über Expeditionsfähigkeiten. Nun aber schließen sich ihnen sowohl Russland als auch China an. Die heutige Präsenz Russlands in Syrien hätte selbst auf dem Höhepunkt des Sowjetreiches kaum in diesem Maße stattfinden können, meinen internationale Beobachter. Während Russland seine Luftlandekräfte wiedererrichtet, konzentriert sich China auf den Aufbau amphibischer Angriffs- und Bodentruppen, die für den Einsatz an seiner Peripherie optimiert sind, um seine physische Präsenz zu erweitern und Bewegungen derjenigen, die ihren vermeintlichen Interessen zuwiderhandeln wollen, herauszufordern oder ihnen sogar zuvorzukommen. Diese Streitkräfte unterscheiden sich jedoch deutlich in Struktur, Ausrüstung und taktischem Einsatz, wobei der Schwerpunkt auf der Mechanisierung und insbesondere auf der Einführung gepanzerter Fahrzeuge zur direkten Angriffsunterstützung in verschiedenen Einsatzszenarien liegt.

Der entscheidende Unterschied einer Auslandsoperation besteht darin, dass sie ohne physische Präsenz in der Nähe des anvisierten Ziels lanciert werden muss. Es gibt keine Möglichkeit, sich vor Ort im Vorfeld auf einen solchen Angriff oder eine Folgemaßnahme wirklich vorzubereiten. Zudem müssen die Einsatzkräfte erhebliche Entfernungen bis zum Zielgebiet zurücklegen. Die eigene Kampfkraft muss so dosiert werden, um den Widerstand vor Ort effektiv zu überwinden, wobei späteren Versuchen des Gegners erfolgreich entgegengewirkt werden sollte und erste Erfolge ausgenutzt werden können. Aggressivität, Schnelligkeit in der eigenen Bewegung und überwältigende Feuer- und Schlagkraft der eigenen Truppen sind der Schlüssel zum Erfolg. Angesichts ihrer relativen Isolation und der Notwendigkeit, unabhängig zu operieren, kann die Expeditionstruppe damit rechnen, dass sie sich weitgehend auf organische Mittel verlassen muss, um die Oberhand zu gewinnen und zu behalten.

Der 2S25 Sprut-SD ist ein Panzer der russischen Luftlandetruppen, der mit dem Fallschirm abgesetzt wird. Er basiert auf dem Fahrgestell des BMD-3-Luftlandepanzers aus der Sowjetzeit. Die neueste Version des SPRUT-SDM1 wurde 2017 in Dienst gestellt.

Die chinesischen amphibischen Angriffswellen bestehen unter anderem aus schnellen, gepanzerten Angriffsfahrzeugen wie etwa dem ZTD-05 Schwimmpanzer, dem ZTL11 8x8 Radschützenpanzer oder dem neuen ZTQ-15 (VT5) Kampfpanzer.

Erklärtes Ziel Russlands und Chinas ist es, die bislang von den USA dominierte westliche Weltordnung in eine multipolare umzuformen. Dazu zählt auch ein mittlerweile intensiviertes Wettrüsten insbesondere im maritimen Bereich unter anderem bei der Lancierung von militärischen Auslandsoperationen mit modernsten Kapazitäten und Waffensystemen.

US-Marine Corps: Verstärkte Bemühungen zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft

Diese militärisch-technologischen Anstrengungen Russlands und Chinas sind natürlich den USA nicht entgangen. Die russischen und chinesischen Aktivitäten werden dementsprechend genau analysiert, um die nötigen Konsequenzen und Antworten auf neue Herausforderungen mit mittlerweile immer besser gerüsteten Gegner zu finden.

Der Übergang von der Verteidigung zum Angriff ist für ein Infanteriebataillon sowohl mit Schwachstellen als auch mit Chancen verbunden. Diese Möglichkeiten erstrecken sich über das gesamte Spektrum der Kriegsführung.  Dazu gehört vor allem die Möglichkeit für den Nachrichtendienst, Informationen über eine unbekannte Situation zu sammeln; zu analysieren, was sie bedeutet; zu projizieren, was als Nächstes passiert; und die Informationen schnell an die kämpfenden Einheiten vor Ort zu übermitteln.

Im Rahmen der Warfighting Exercise 1-20 (MWX 1-20) der Marine Air Ground Task Force (MAGTF) wurde dementsprechend der Fokus auf die Erhöhung der Einsatzbereitschaft der gesamten Truppe ausgerichtet, um gegenüber einem ebenbürtigen Gegner erfolgreich bestehen zu können.[1]

Groß angelegte Übungen wie MWX 1-20 schaffen ein unverzichtbares Umfeld, das die Fähigkeit einer Einheit zur angemessenen Unterstützung, Integration und Ausführung kritischer Aufklärungs- und Überwachungsziele betont. Sofern sie nicht direkt von einer höheren Ebene unterstützt werden, bleibt es den Infanteriebataillonen überlassen, diese individuellen Aufklärungs- und Überwachungsziele mit Personal und Ausrüstung im Rahmen ihrer Aufgabenorganisation zu erfüllen. Abseits von vermehrten Einsatz von unbemannten Aufklärungsdrohnen wird diese Last einer kleinen spezialisierten Einheit anvertraut: dem Scharfschützen-Spähtrupp.[2]

MWX 1-20 war eine groß angelegte Übung, die vom Marine Corps Air Ground Combat Center Twentynine Palms/Kalifornien vom 1. bis 9. November 2019 durchgeführt wurde. Fast 10.000 Marinesoldaten und Matrosen des US-Marine Corps nahmen an dem Manöver teil. Große Teile des 2., 3., 7. und 10. Marineregiments, Elemente der Marine Aircraft Groups 29 und 31 sowie das Combat Logistic Regiment 2 gehörten der Übung an. Ein Kampfverband der Royal Marines aus Großbritannien sollten die gegnerischen Kräfte darstellen. Im Übungsszenario fungierte die 2. Marinedivision als die primäre Bodenkampfeinheit im Rahmen eines fiktiven übergeordneten Hauptquartiers einer gemeinsamen Task Force. Die Division hatte die Aufgabe, kritische Infrastruktureinrichtungen zu schützen und eine feindliche Offensive abzuschwächen, indem sie die Bedingungen für die Einführung von Nachfolgekräften festlegte, die letztlich die territoriale Integrität des Gastlandes wiederherstellen würden. Spezifische Schwerpunkte während der Übung waren Entscheidungsfindung, und Führungsstärke vor dem Hintergrund der eigenen zerstörten bzw. durch feindliche Einwirkung beeinträchtigten Kommunikationsstrukturen. Das ganze Manöver sollte bewusst ergebnisoffen bleiben. Kreativität, Initiative und Mut zur Problemlösung standen im Fokus.

Neben Computersimulationen und Kriegsspielen sind militärische Übungskonstellationen in Echtzeit das beste Training für die Marines, um gegen technologisch hochwertige Kräfte erfolgreich bestehen zu können. In einer komplex dargestellten und unübersichtlichen Gemengelage steht trotz Stress und hohen psychisch/physischen Anforderungen vor allem eine rasche Entscheidungsfindung im Mittelpunkt.[3]

Laufende interne Expertendebatte: Kritik am AAVC7 und Verbesserungen durch den ACV-C

Beim AAVC7 handelt es sich um die Kommandovariante des Amphibischen Angriffsfahrzeuges (Assault Amphibious Vehicle.  Während das AAVC7 zwar „am Papier“ viele Fähigkeiten aufweist, so ist es derzeit eine „ineffektive Kampfplattform“, kritisieren so manche Experten aktuell im US-Marine Corps. Um das AAVC7 wirklich sinnvoll einzusetzen, müsse man versuchen, ihn vollumfänglich ins Kampfgeschehen zu integrieren und dann das Feedback an die übergeordneten Stellen, die Divisionsleitung und an den Programm-Manager Advanced Amphibious Assault weiterleiten. Es geht in diesem Testrahmen darum, die vorhandenen strukturellen Probleme zu lösen und gleichzeitig die Weichen für die Entwicklung der Führungs- und Leitsysteme der neuen ACV-C Kommandofahrzeuge zu stellen. Wenn dies gelingt, erhält das Bodenkampfelement eine mobile, panzergeschützte amphibische Führungseinheit, die ihren Namen verdient, heißt es.[4]

Das ACV-C verfügt über sieben Arbeitsstationen und Sensoren zur Erfassung und Darstellung der Lage rund um das Fahrzeug sowie zur Führung von Einheiten der Marines im Einsatz.

Kritische Stimmen heben immer wieder den Teufelskreis von Funktionsstörungen und organisatorischer Vernachlässigung, der den Einsatz der AAVC7 stark behindert hat, hervor. Die Fortschritte des ACV-C in Bezug auf Manövrierfähigkeit, Überlebensfähigkeit, Geschwindigkeit an Land, Zuverlässigkeit und Kommunikationsfähigkeit dürften den Kommandeuren künftig einen weitaus größeren Nutzen bringen als die bisherigen AAVC7, selbst wenn die AAVC7 in Bezug auf ihr Fähigkeitsprofil und ihre Zuverlässigkeit erheblich verbessert worden sind.

Modernisierte und angepasste Lern- und Ausbildungsrichtlinien im US-Marine Corps

In seinem jüngsten Planungsleitfaden hat der 38. Kommandant des US-Marine Corps Erziehung und Ausbildung als einen seiner fünf vorrangigen Schwerpunktbereiche angeführt. Das Training and Education Command (TECOM) setzt die Planungsrichtlinien des 38. Kommandanten um, damit das „Ausbildungs- und Erziehungskontinuum von einem Modell des Industriezeitalters in ein Modell des Informationszeitalters geändert wird“. Diese Umgestaltung beinhaltet radikale Änderungen bei der Grundausbildung sowie beim Training für die Einsatzbereitschaft.[5]

In der Vergangenheit waren aus heutiger Sicht die Grundausbildung und das Training für die Einsatzbereitschaft ein veraltetes Verfahren, das einen starren, inflexiblen und wenig reaktionsschnellen Ansatz des Industriezeitalters widerspiegelte, so die heutige Kritik. Die Trainings- und Bereitschaftshandbücher wurden alle drei Jahre von einer Arbeitsgruppe überprüft, wobei in der Zwischenzeit nur geringfügige Modifikationen vorgenommen wurden - ohne die betroffenen Einheiten wirklich einzubeziehen. Dieser Ansatz ermöglichte es nicht durchgehend, ein relevantes und genaues Ergebnis zu erzielen, das den angemessenen Veränderungen im Zusammenhang mit neu aufkommenden Konzepten, gewonnenen Erkenntnissen und operativen Bedürfnissen gerecht werden konnte.

In Zukunft werden die Trainings- und Bereitschaftshandbücher ein „lebendiges und interaktives Konstrukt“ darstellen, das ein größeres Engagement der Gemeinschaft fördert, und die mit der aktuellen Doktrin und den Trainingspublikationen übereinstimmen sowie eine neue Lehrplaninitiative beinhalten. Die neue Grundausbildung und das neue, wesentlich zielgerichtetere Training für die Einsatzbereitschaft wird es ermöglichen, viel flexibler und agiler als bisher vorgehen zu können. Durch die Erstellung von interaktiven Trainings- und Bereitschaftshandbüchern wird ein einzigartiges „Online-Kooperationsumfeld“ geschaffen.[6]

Diese Reformschritte sind notwendig, um die eigene Streitmacht zu modernisieren und an die heutigen Standards anzupassen, damit die USA auch in Zukunft gegenüber künftigen Bedrohungen möglichst erfolgreich agieren können.


Abgeschlossen: Anfang Juli 2021



Anmerkungen:

[1] Siehe dazu etwa : Robert Holmes, „COLLECTION IN A PEER FIGHT - The ability of the infantry“. In: Marine Corps Gazette 7/2020, S. 27-29.

[2] Brien Hard, „SNIPER EMPLOYMENT“. In: Marine Corps Gazette 7/2020, S. 23-26.

[3] Chris Niedziocha, „FIGHTING A PEER ADVERSARY“. In: Marine Corps Gazette 7/2020, S. 45-48.

[4] Vgl: Zac Blanchard, „MAKING THE AAVC7 USEFUL“. In: Marine Corps Gazette 7/2020, S. 74-77.

[5] Timothy J. Gillette / Matthew Vaughn, „ADAPTING FOR THE FIGHT“. In: Marine Corps Gazette 6/2020, S. 22-25.

[6] Alexandra Gerbracht / Jason Johnston, „QUALITY OVER QUANTITY“. In: Marine Corps Gazette 6/2020, S. 26-30.

Weiterführende LINKS:

 „Globale Seemacht“ – oder Randmeer-Marine? — Russlands Marine zwischen Anspruch und Realität

Schiffbau Russland

Allianz auf hoher See? - SWP - Stiftung Wissenschaft und Politik

The Russian Marine Corps

RUSSIAN MARINE CORPS 2020 - YouTube

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