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DIE STRATEGISCHE AUSRICHTUNG FRANKREICHS

Untertitel

Frankreich will weiterhin ein führender strategischer Akteur - sowohl in der NATO als auch in der EU - sein. Die Fakten zeigten jedoch bis zum Ausbruch des Ukraine-Krieges einen realen Einflussverlust. Die Verteidigungspolitik Frankreichs verdient es, nach den jüngsten geostrategischen Veränderungen (COVID-19-Pandemie und russischer Angriffskrieg in der Ukraine) überprüft zu werden. Der seit Ende Februar 2022 laufende russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat den bisherigen und nunmehr wiedergewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron verstärkt unter Zugzwang gebracht, um nach dem Abgang der deutschen Kanzlerin Angela Merkel als „Mister Europe“ insbesondere die Belange Europas nach außen zu vertreten. Kein leichtes Unterfangen in einer höchst volatilen europäischen Gemengelage zwischen notwendigen wirtschaftlichen Sanktionierungsmaßnahmen gegen Russland, geeinter scharfer politischer Ablehnung russischem Vorgehens und intensivierter Waffenlieferungen an die bedrängten ukrainischen Sicherheitskräfte.

Wie Frankreich in der zweiten Amtszeit Macrons auftreten wird, bleibt angesichts des rasch sich veränderbaren geopolitischen Lagebildes abzuwarten.


Die Strategien Frankreichs und Europas vor und nach der russischen Ukraine-Invasion

Seit 2008 ist Frankreich, wie andere Staaten in Europa auch, einer Reihe von Krisen ausgesetzt (Finanzkrise, unkontrollierte Migrationsströme, islamistische Angriffe, Cyberangriffe, COVID-19-Pandemie). Allerdings ist manchmal der Eindruck entstanden, unvorbereitet gewesen zu sein. Im Bereich der internationalen Sicherheit und des Krisenmanagements schienen die Initiativen Frankreichs offenbar im Sande zu verlaufen zu sein, meinen Kritiker. Die Vorschläge Frankreichs, im europäischen Rahmen auf die Herausforderungen zu reagieren, die sich aus den Provokationen und dem Expansionismus Russlands, dem militärisch ungehemmten Verhalten der Türkei in unmmittelbarer Nachbarschaft Europas und der chinesischen Einmischung ergeben, fanden bis vor dem russischen Angriff auf die Ukraine nur schwer Unterstützung bei den Partnern Frankreichs. Das Ziel der strategischen Autonomie der EU wurde davor nur langsam durch die Einleitung von Projekten verwirklicht, die diesem Ziel entsprachen. Die europäische Verteidigung, deren Wiederbelebung trotz einiger Ergebnisse wie der Einrichtung des Europäischen Verteidigungsfonds angestrebt wurde, schien zwischenzeitlich in der Rangfolge der politischen Prioritäten zurückzufallen - insbesondere aufgrund des sehr aktiven Engagements der NATO-Partner seit der Wahl von Joe Biden als neuen US-Präsidenten. Der „strategische Kompass“ der EU könnte am Ende auf nichts anderes ausgerichtet sein, als auf den globalen Norden, den das neue „strategische Konzept“ der NATO vorgibt.

Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat seither bei den europäischen NATO- und auch EU-Partnern eine „geostrategische Zeitenwende“ ausgelöst, wo erstmals auch die EU sich dazu bereit erklärt hat, Waffen an die bedrängten ukrainischen Verteidiger zu liefern.

Frankreich ist ein historischer Akteur in der Sahelzone.[1] In den Konflikten, die die Sahelzone seit der Unabhängigkeit zerrissen haben, ist Paris als Schiedsrichter, Vermittler, Gendarm und offener Kriegsteilnehmer aufgetreten. Die kürzlich beendete Militäroperation Frankreichs in der Sahelzone war ein Beispiel für einen Zyklus von Konflikten, an dem es ständig beteiligt war.[2] Nachdem zuletzt die Spannungen zwischen der mit einem Militärputsch an die Macht gekommenen Regierung Malis und Frankreich zugenommen hatten, verkündete Frankreich, seine europäischen Partner und Kanada Mitte Februar 2022 das offizielle Ende ihre militärischen Anti-Terror-Einsätze in Mali. Frankreich, das sich maßgeblich an der „Operation Barkhane“ beteiligte, hatte die Schwierigkeiten in der Sahelzone auf sich zukommen gesehen, ohne dass nach Jahren des anhaltenden Konflikts ein Ausweg erkennbar gewesen wäre.

Frankreich müsse über die Dynamik der gegenwärtigen Welt vor dem Hintergrund verstärkter Rivalitäten zwischen den USA, Russland und China nachdenken und nicht über eine egozentrische strategische Vision der Elemente der akuten Definition der eigenen Macht, meinten so manche Experten noch kurz vor dem Beginn des Ukraine-Krieges.[3]

Frankreich, das trotz der COVID-19-Pandemie  - vor dem „Gezeitenwandel“ des Ukraine-Krieges – bereits erhebliche Verteidigungsanstrengungen unternahm, brauche eine stärkere und entschlossenere EU, die die Bedeutung der Sicherheit begreift und in den Erhalt ihrer Freiheiten investiere, hieß es. – Dies dürfte sich nun drastisch geändert haben.  


COVID-19-Pandemie

„Die COVID-19-Pandemie wird zur Matrix des 21. Jahrhunderts, wie der Erste Weltkrieg für das 20. Jahrhundert“, wurde von französischen Experten vor der russischen Invasion in der Ukraine betont.[4] Sie definiere die Hierarchie der Nationen neu - und zwar nach der Fähigkeit der Staaten, Krisen zu bewältigen; nach der Qualität ihres Industrieapparats; nach der Beherrschung neuer Technologien und nach der Widerstandsfähigkeit der Gesellschaften.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurden Frankreich und Europa mit einer Reihe von großen Schocks konfrontiert: die Finanzkrise von 2008; die Euro-Krise; islamistische Anschläge; Migrationswellen; die Expansion Russlands in der Ukraine und der Türkei in Syrien, im Kaukasus und im Mittelmeerraum. In ihrer Kontinuität hatte die COVID-19-Epidemie die „Zerbrechlichkeit“ Frankreichs, das zuletzt im Juni 1940 eine Gesundheitskrise erlebte, deutlich gemacht. Die Verzögerungen beim Impfprogramm, beim Wiederaufbauplan und bei der Wiederöffnung der Grenzen warfen ein grelles Licht auf die Schwäche der Institutionen, auf die schwachen Kapazitäten und die Unerfahrenheit im Bereich des Krisenmanagements.

Die Überwindung der Pandemie sollte weniger als Erholung denn als Wiederaufbau gesehen werden - ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg.  „Dieser Wiederaufbau erfordert einen neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsvertrag, aber auch Sicherheit, die die wichtigste Voraussetzung für Freiheit und das wirksamste Gegenmittel gegen Populismus bleibt“, hielt der französische Präsident Macron zu jener Zeit fest, als der Krieg in der Ukraine noch nicht tobte.


Europa - Ein spannungsgeladenes Thema

Europa wurde inmitten des losgebrochenen Ukraine-Angriffskrieges Russslands drastisch vor Augen geführt, dass es seine Souveränität behaupten und daher eine weniger friedensorientierte Diplomatie betreiben müsse. Frankreich blieb bis in die jüngste Vergangenheit misstrauisch gegenüber europäischen außenpolitischen Initiativen. Angesichts der wieder aufgeflammten russischen Bedrohung Europas infolge der brutalen Vorgänge in der Ukraine ist es insbesondere  aus französischer Sicht dringend erforderlich, dass Paris sein Vertrauen durch mehr europäische politische Gesten unter Beweis stellt, halten politische Beobachter fest.

Der französische Präsident Macron setzt sich nach dem politischen Abgang der deutschen Kanzlerin Angela Merkel sowohl als diplomatischer Vermittler bei seinem russischen Amtskollegen Putin bezüglich europäischer Belange vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges außenpolitisch in Szene, verspricht aber auch dem von Russland bedrängten ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski – wie auch eine ganze Reihe anderer westlicher Staaten – moderne Waffen, um dem russischen Ansturm zumindest einigermaßen zu widerstehen.

Auf dem Gebiet der Diplomatie haben sich Frankreich und Europa mehr als dreißig Jahre lang gesucht, ohne sich jemals zu finden. Je mehr sich die französische Diplomatie für ein starkes Europa einsetzt, desto weniger scheint sie voranzukommen. Und je mehr das Europa der Diplomatie seinen Existenzwillen bekräftigt, desto weniger scheint Frankreich bereit zu sein, sich dafür einzusetzen.[5] Dennoch entsteht heute der Eindruck einer Konvergenz zwischen einem französischen Staatspräsidenten, der ein souveränes Europa fordert, und den europäischen Staats- und Regierungschefs, die im Echo für eine zunehmend geopolitisch ausgerichtete EU plädieren, die in der Lage ist, die Sprache der Macht zu sprechen. – Bis vor der russischen Ukraine-Invasion blieb die französische Diplomatie in Sachen einer wirklich vertieften europäischen Außenpolitik zurückhaltend, wenn nicht gar skeptisch; und die europäische Diplomatie zeigte noch kaum befriedigende Ergebnisse.[6 - Der russische Angriff auf die Ukraine hat sowohl die europäischen Partner in NATO und EU gewissermaßen „in die Gänge gebracht“. Doch wie lange bleibt das entschlossene geeinte Handeln insbesondere der Europäer gerade in der zentralen Frage der Abhängigkeit von russischem Erdgas bestehen? Wie wird sich künftig die Atommacht Frankreich vor diesem Hintergrund nach der Wiederwahl Macrons positionieren?

Bestand noch vor dem Ukraine-Konflikt ein kausaler Zusammenhang zwischen dieser Zurückhaltung der französischen Diplomatie und der anhaltenden Schwäche der europäischen Außenpolitik? Trägt Frankreich in dieser neuen Situation der „Zeitenwende“ eine besondere Verantwortung? Frankreich, das den Ursprung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der EU bildet, sollte daher der Dreh- und Angelpunkt sein. In Wirklichkeit hat man sich früher als allzu zögerlich und ambivalent erwiesen, meinen Kritiker.

Mit dem Übergang von einer Kolonialmacht zu einem multilateralen und europäischen Akteur hat Frankreich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen tiefgreifenden Wandel seiner Außenpolitik vollzogen. Dieser Übergang hätte von Frankreich als Niedergang empfunden werden können. Doch haben sich Frankreich und die anderen europäischen Nationen für die europäische Integration entschieden. Die Konsequenz dieser Entscheidung hätte ein entschlossenes Engagement für den Aufbau einer europäischen Diplomatie sein müssen. Aber die Franzosen waren am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht bereit, diesen Weg einzuschlagen. In den ersten dreißig Jahren seiner Entwicklung war das europäische Projekt auf die Schaffung eines großen Wirtschaftsmarktes ausgerichtet - weit entfernt von jeder Vorstellung von Diplomatie oder Verteidigung. Für das Frankreich von General Charles de Gaulle musste das politische Europa eine Angelegenheit der Staaten („Europa der Vaterländer“) bleiben. Allenfalls ein Minimum an Koordinierung zwischen den Mitgliedsländern war denkbar, wobei die nationale Unabhängigkeit der einzelnen Länder gewahrt bleiben sollte. Dieses Gleichgewicht herrschte mehr oder weniger bis zum Ende des Kalten Krieges vor.

Durch den Paradigmenwechsel eröffnete das Europa von Maastricht Perspektiven für die europäische Diplomatie, die Frankreich nicht erkannt habe, betonen Kritiker. Der Wille, Europa zu einem geopolitischen Akteur zu machen, bietet der französischen Diplomatie eine zweite Chance. Diese Chance ist umso offensichtlicher, als Frankreich innerhalb der Union seit dem Ausscheiden Großbritanniens wahrscheinlich die einzige Nation ist, die über die notwendigen Ressourcen verfügt, um diese Wiederbelebung der europäischen Diplomatie in Angriff zu nehmen und erfolgreich zu gestalten. Dieses Vorhaben kann auch in der derzeitigen geopolitischen Gemengelage nur gelingen, wenn auch Frankreich sich entschlossen für das Entstehen einer strategischeren europäischen Diplomatie einsetzt.[7]

General de Gaulle ist es seinerzeit nicht gelungen, bei den Franzosen das Gefühl und den Stolz, eine Weltmacht zu sein, wiederherzustellen. Gleich nach seinem Amtsantritt im Jahr 1958 begann de Gaulle mit dem Aufbau und der Umsetzung der beiden endgültigen Faktoren des französischen Machtkonzepts: die nukleare Abschreckung einerseits und die europäische Integration im Sinne eines „Europas der Vaterländer“ andererseits. Der erste wird als der „große Gleichmacher“ auf internationaler Ebene angesehen; der zweite als der natürliche Multiplikator der französischen Macht. 1960 führte Frankreich seinen ersten Atomwaffentest durch. Die selbst entwickelte Atombombe ermöglichte es Frankreich sehr schnell, seinen Status als Weltmacht wiederzuerlangen - als ständiges Mitglied des UNO.[8]

Die europäische Integration stieß bei der französischen Generalität auf wenig Begeisterung. Als entschiedener Verfechter der nationalen Unabhängigkeit stand auch de Gaulle dem ganzen Abenteuer der schrittweisen Integration der Souveränität eher skeptisch gegenüber. Er sah jedoch auch die positiven Auswirkungen für Frankreich, insbesondere in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. So wurde Europa in den Augen de Gaulles zum „archimedischen Hebel“ der französischen Macht: ein Akteur, der in der Lage ist, die französische Macht und den französischen Einfluss in der Welt zu vervielfachen. Auf seine Anregung hin dachte Paris über alle möglichen Lösungen nach, um die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als politisches Europa mit einer eigenen Außen- und Verteidigungspolitik aufzubauen.

Wenn die COVID-19-Pandemie und dann vor allem die russische Invasion der Ukraine dem europäischen Aufbauwerk einen guten Dienst erweisen könnte, dann wäre es in der Tat die Stärkung eines viel globaleren Ansatzes für Autonomie und Macht. Mit diesem Ansatz, den der jetzige französische Präsident Emmanuel Macron zu verfolgen scheint, würde Frankreich das große Hindernis des NATO-Tabus beseitigen. Die Macht Europas aufbauen zu wollen, indem man mit der Verteidigung beginnt, bedeutet in der Tat eine große Hürde. Eine Verlagerung der Prioritäten weg von der Verteidigung bedeutet jedoch nicht, dass das Ziel der strategischen Autonomie der EU aufgegeben wird. Dies wäre nur eine von vielen Dimensionen der Voraussetzung für den Aufbau einer europäischen Macht. Indem Frankreich sein Projekt eines starken Europas globalisiert, hat Frankreich eine echte Chance, ein europäisches Projekt zu unterstützen.[9] Vor dem Hintergrund der prekären Lage in den mehr als angespannten Ost-West-Beziehungen scheint dies mehr als notwendig.


Macrons Ambitionen und reale machtpolitische Begrenzungen

Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte seit Beginn seiner fünfjährigen Amtszeit seine strategischen Ambitionen für Europa zum Ausdruck gebracht. Es war jedoch schwierig, die festgefahrenen Positionen in Bewegung zu bringen und die zwischenzeitliche europäische Trägheit in Sachen europäischer Verteidigungskapazitäten aufzurütteln. Die angestrebte globale Diplomatie erfordert langfristige Anstrengungen und erhebliche Ressourcen. Das zeigt sich jetzt, wo die Europäer krampfhaft versuchen, ihre energiepolitische Abhängigkeit von Russland zu lösen.

Macron betrat 2017 die internationale Bühne - geschmückt mit dem Image des Querdenkers, vor dem Hintergrund großer Umwälzungen in der Weltordnung. Er selbst ist das Produkt eines Umbruchs. Macron bricht in der Tat mit traditionellen innenpolitischen Mustern. „Frankreich in den Mittelpunkt des diplomatischen Spiels stellen“, auch wenn dieses Spiel tiefgreifenden Veränderungen unterworfen war: Das war die Mission, die sich der Staatschef gestellt hatte.

Macron war bei seinem Amtsantritt erst neununddreißig Jahre alt, was ihn in ein ganz anderes Verhältnis zur Geschichte des 20. Jahrhunderts versetzte als seine Vorgänger. Er wurde sieben Jahre nach dem Tod von General Charles de Gaulle geboren, lange nach dem Algerienkrieg und der Entkolonialisierung. Er war zudem noch keine zwölf Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Auch das Trauma des gescheiterten Europa-Referendums von 2005 heilt ihn nicht davon ab. Er gehört zu einer Generation, die diesen Satz vom Zerfall der internationalen Ordnung im 21. Jahrhundert ohne die Last des vergangenen Jahrhunderts angehen kann, glauben viele französische Innen- und Außenpolitik-Experten.[10] Macron gilt als ein aufmerksamer Beobachter der Geschichte. Er hat nicht die Absicht, die Geschichte der Fünften Republik zu leugnen. Er will beweglich, offen und pragmatisch sein. Aber er ist auch der Erbe einer klassischen Kultur, die er für sich in Anspruch nimmt - die eines Frankreichs, das sich Gehör verschaffen und seine Interessen verteidigen will - auch in seinen Bündnissen und dabei an den von der Aufklärung ererbten Werten festhält. Ein Wort taucht immer wieder in seinem Wortschatz auf - das Wort „Vasall“: ein Status, den weder Frankreich noch Europa akzeptieren dürfen.[11] Europa müsse sich vor erneutem Expansionismus Russlands ebenso schützen wie vor einer allzu starken ökonomisch-politisch-militärischen Abhängigkeit von den USA (Stichwort „amerikanisches Schiefergas als Ersatz von russischem Erdgas“).  

Was die Krise des Multilateralismus betrifft, so hat Macron seine eigenen Stärken und die eines Landes, das selbst mit Atomwaffen und einem Sitz im UNO-Sicherheitsrat in einer so turbulenten Welt nichts allein erreichen kann, zwar überschätzt. Doch versucht sich Macron nach dem politischen Abgang der deutschen Kanzerin Merkel vermehrt als „Mister Europe“ für gesamteuropäische Belange außenpolitisch zu platzieren.

Trotz aller innenpolitischen Herausforderungen, vor der der wiedergewählte französische Präsident Macron in einem zutiefst politisch-sozial gespaltenen Land steht, fordert er auf außenpolitischer Ebene eine „neue europäische Sicherheitsordnung“, die auf eine möglichst große strategische Souveränität der europäischen Staatengemeinschaft abzielt.


Welche Strategie verfolgt Frankreich?

Hat Frankreich noch eine „große Strategie“? Ist Frankreich noch ein anerkannter und glaubwürdiger Akteur auf der internationalen Bühne, oder ist es nur noch eine weitgehend deklassierte Macht? All dies sind Fragen, die heute mehr denn je wichtig sind.

„Grand Strategy“ ist ein Begriff, der von Theoretikern ebenso geschätzt wie von Praktikern verachtet wird. Theoretisch handelt es sich sowohl um das ehemalige imperiale Erbe als auch um das des „totalen Krieges“. Der Ausdruck wurde von dem britischen Strategen Basil Liddell Hart geprägt. Für ihn ging es darum, „alle Ressourcen der Nation oder einer Koalition zu koordinieren und zu lenken, um das politische Ziel des Krieges zu erreichen. Ein Ziel, das durch die grundlegende Politik definiert ist“. General André Beaufre (1902 – 1975) beschwor die Notwendigkeit einer „totalen Strategie“, um dem totalen Krieg zu begegnen. General Lucien Poirier (1918 – 2013) sprach von einer „integralen Strategie“, die gleichzeitig wirtschaftlich, kulturell und militärisch geprägt ist. Diese Definition wurde so weit gefasst, dass sie vielleicht nicht sehr ergiebig ist - es sei denn, dass die damalige Organisation der öffentlichen Behörden mit der Schaffung des Generalsekretariats für Landesverteidigung (Secrétariat général de la défense nationale - SGDN) diese neue Auffassung widerspiegelte.[12]

Einer der wenigen zeitgenössischen französischen Forscher, die sich mit diesem Begriff beschäftigt haben, Thierry Balzacq, definiert „grand strategy“ als „die durchdachte und sinnvolle Gliederung der staatlichen Werkzeuge im Hinblick auf die mittel- und langfristige Verwirklichung der höheren Interessen Frankreichs“. Dies wiederspiegle „die Summe der politischen Bemühungen, deren Ziel die nationale Macht und Sicherheit ist“, schließt  Balzacq.[13]

Aus Sicht vieler Wissenschaftler und politischer Entscheidungsträger ist dies eine nützliche Definition tiefgehender und vorausschauender Planungen eines Staates in seiner Außenpolitik. Tatsächlich haben moderne Demokratien selten eine explizite weitgehende Strategie. Die „Eindämmung der Sowjetunion“ war die große Strategie der USA in den ersten beiden Jahrzehnten des Kalten Krieges, aber sie wurde nie wirklich durch einen gleichwertigen Slogan ersetzt, trotz einiger Versuche in den frühen 1990er-Jahren. China hingegen hat durchaus eine solche „grand strategy“.

„Ich weiß nicht, ob Frankreich eine Großmacht ist, aber ich bin mir sicher, dass es im 21. Jahrhundert nicht mehr ausreicht, nur eine Atommacht und ein ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrates zu sein“, konstatiert etwa der französische Politologe Bruno Tertrais.[14] Auch wenn diese beiden Trümpfe immer noch wertvoll sind, bleibt doch ein schaler Beigeschmack übrig, halten Kritiker fest.

Und dennoch: Als Weltraummacht seit mehreren Jahrzehnten hat Frankreich schon sehr früh insbesondere die Erdumlaufbahn als strukturierenden Faktor der Macht erkannt, der für seine Autonomie der Situationsbeurteilung und des Handelns unerlässlich ist.[15] Frankreich hat sich entschieden, seine Bemühungen nachhaltig zu gestalten. So gesehen war das Jahr 2019 ein Wendepunkt in der Geschichte der militärischen Raumfahrt Frankreichs, ohne eine Zäsur zu markieren. In einer Zeit, in der die Nutzung des Weltraums eine kommerzielle, industrielle und geostrategische Revolution erlebt, leitet die im letzten Jahr veröffentlichte nationale Verteidigungsstrategie Frankreichs für den Weltraum das französische Weltraummodell an und fördert vor allem den Beitritt zu einem höheren Reifegrad und Ehrgeiz, der angesichts der neuen Herausforderungen (insbesondere der Sicherheitsherausforderungen) und der Möglichkeiten des Weltraums angenommen werden muss. Es braucht insbesondere durch die EU und Frankreich ständiger Neubewertungen und Nachschärfungen der verteidigungspolitischen Maßnahmen im Orbit, um gegenüber konkurrierenden Mächten im Weltraum konkurrenzfähig und schlagkräftig zu bleiben.[16]  - In Zeiten wieder verschärfter Ost-West-Spannung erscheint dies ein Gebot der Stunde zu sein.


Abgeschlossen: Anfang Mai 2022


Anmerkungen:

[1] Thibault Ricci, „CRISE SÉCURITAIRE SAHÉLIENNE: DYNAMIQUES RÉGIONALES“. In: Revue Défense Nationale 2/2021, S. 115-122.

[2] Ousmane Ndiaye, „SAHEL: LA FRANCE DANS UNE GUERRE MULTIFORME“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 81-86.

[3] Louis Gautier, „LA FRANCE, ACTEUR STRATÉGIQUE? UN QUESTIONNEMENT“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 9-14.

[4] Nicolas Baverez, „LA FRANCE ET L’EUROPE FACE AUX CRISES DU XXIe SIÈCLE“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 15-23.

[5] Vgl. dazu: Pierre Vimont, „NATION ET EUROPE: LA DIFFICILE SYNTHÈSE DE LA DIPLOMATIE FRANÇAISE“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 24-30.

[6] Weiterführend: Didier Lebert / François-Xavier Meunier, „L’AUTONOMIE STRATÉGIQUE D’UN PAYS: UNE ANALYSE EN TERMES DE TECHNOLOGIES.“ In: Revue Défense Nationale 10/2020, S. 85-90.

[7] Ebenda.

[8] Vgl: Laurent Collet-Billon, „LES ENJEUX INDUSTRIELS DE LA DÉFENSE FRANÇAISE: LE PRISME DU NUCLÉAIRE“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 74-80.

[9] Nicole Gnesotto, „FRANCE-EUROPE: UN PROJET TOUJOURS CONTRARIÉ?“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 31-37.

[10] Siehe etwa dazu: Sylvie Kauffmann, „EMMANUEL MACRON, DISRUPTEUR STRATÉGIQUE? AMBITIONS ET RÉALITÉ“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 65-73.

[11] Vgl: Éric de La Maosinneuve, „CONCEPT DE SÉCURITÉ ET „HAUTE INTENSITÉ“. In: Revue Défense Nationale 3/2021, S. 65-70.

[12] Siehe: Bruno Tertrais, „Y A-T-IL UNE „GRANDE STRATÉGIE“ – FRANÇAISE?“. In: Revue Défense Nationale 6/2021, S. 43-51.

[13] WHAT IS GRAND STRATEGY? INTERVIEW WITH THIERRY BALZACQ AND SIMON REICH. In: Center for International Studies -SciencesPo – Online v. 8.11.2019.

[14] Bruno Tertrais, La France et la dissuasion nucléaire : concept, moyens, avenir - La documentation Francaise“. Collectivites Locales Ed (26 avril 2017), 198 pages.

[15] Alice Guitton, „MAÎTRISER LE MILIEU SPATIAL, UNE NÉCESSITÉ STRATÉGIQUE ET OPÉRATIONNELLE“. In: Revue Défense Nationale 12/2020, S. 19-24.

[16] Jean-Baptiste Paing, „UNE AMBITION CAPACITAIRE POUR LA MAÎTRISE DE L’ESPACE“. In: Revue Défense Nationale 12/2020, S. 64-69.