„Amerikas Pazifisches Jahrhundert" Warum der Westen 2014 nicht aus Afghanistan abziehen wird

Jörg-Dietrich Nackmayr

 

„Ob man das Wort ‚Geopolitik’ nun mit mehr oder weniger großen Skrupeln benutzt oder man seine Verwendung völlig ablehnt - auf jeden Fall wird man in Zukunft in Europa sehr viel mehr über Probleme diskutieren, die nun einmal geopolitischer Natur sind.“ 1)
(Yves Lacoste)

 

Im Nachhinein werden wir es wieder besser wissen. Heute, im zehnten Jahr des NATO-Engagements am Hindukusch, aber scheint alles offen zu sein. Scheitern und Abzug, langfristiges, auch militärisches Engagement sowie Entzündung eines eigentlich regionalen Konflikts zum Weltenbrand. Im Westen breitet sich Kriegsmüdigkeit aus, die Anrainerstaaten verfolgen eigene Agenden, doch mehrheitlich wird der Abzug der ISAF v.a. in Zentralasien bereits als Menetekel für noch schlimmere Szenarien angesehen.2)

In der Literatur taucht erneut der eigentlich alte Begriff „Great Game“ auf, um den Ereignissen im „tiefen Süden Zentralasiens“ ein Gesicht zu geben. Stand das Great Game vor 100 Jahren für das russisch-britische Ringen um Vorherrschaft in Zentralasien beim Kampf um Indien, wird damit heute eine ungleich komplexere Wirklichkeit auf einen Nenner gebracht. Mittlerweile ist eine eigene Debatte um die Frage entbrannt, ob der Begriff Great Game die Auseinandersetzungen und Konflikte am Hindukusch im 21. Jahrhundert angemessen beschreibt oder nicht. Dabei lassen sich genau wie vor 100 Jahren auch zwei entgegengesetzte und im Kern unversöhnliche Sichtweisen ausmachen.3)

Diese Frage soll hier aber nicht beantwortet werden. Gleichwohl darf am Beginn dieses Artikels daran erinnert werden, dass mit China und Indien die bevölkerungsreichsten, aus ihrem politisch-ökonomischen Winterschlaf erwachten Länder der Erde im geographischen Umfeld Zentralasiens liegen. Mit den zentralasiatischen Nachbarn Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan im Norden sowie Pakistan im Süden und Osten und dem Iran im Westen sind weitere Schwergewichte in den internationalen Beziehungen wie die Blüten eines Blatts um Afghanistan herum gruppiert. Dazu kommen die mit je eigenen Kräften und Interessen präsenten Mächte USA und Russland, die diesen Raum als Einflusssphäre betrachten. Die europäischen Länder sind ebenfalls präsent, treten im Moment aber eher wie Objekte und nicht wie Subjekte eigener strategischer Überlegungen auf. Dies geht einher mit einer wirtschaftlichen Dynamik in dieser Region, die nicht allein wegen der Rohstoffvorkommen ein Faktor im 21. Jahrhundert ist. Altes Staatswissen, herausragende kulturelle Tiefe sowie unternehmerische und wissenschaftliche Höchstleistungen bilden ein solides Fundament. Dazu kommt die strategisch bedeutende Lage als Transitraum für den Ost-West- und Nord-Süd-Austausch von Rohstoffen und Gütern auf dem eurasischen Kontinent. Schon spricht die Literatur immer häufiger vom asiatischen Jahrhundert. Asien kehrt im Weltmaßstab in jenen Rang zurück, den es von der Antike bis zur Renaissance global schon einmal innehatte. Dabei spielt Afghanistan aufgrund seiner Lage eine „zentrale“ Rolle.

Ob man die Konflikte nun als Great Game bezeichnen mag oder nicht, aus der Literatur ist der Begriff nicht wegzudenken und erscheint insofern als das Zitat der Wahl. Schließlich hat er einen doppelten Vorteil: Er beschreibt gleichzeitig einen historischen sowie einen aktuellen Konflikt und ist darüber hinaus einprägsam, um Großem und Unterschiedlichem auch heute Ausdruck zu verleihen.4)

Darüber hinaus öffnet der historische Bezug den Blick auf Parallelen zur heutigen Entwicklung. Gemeinhin wird angenommen, dass das Great Game faktisch mit den militärischen Niederlagen Russlands gegen Japan im Jahr 1904/05 endet, auch deshalb, weil diese Russlands Drang nach Süden zum Halten brachten. Doch dem ist mitnichten so. Lässt man die Geschichte selbst sprechen, beginnt das eigentliche Great Game an dem Punkt, als die britische Diplomatie entdeckte, dass mit dem industrialisierten und nach Seemacht strebenden Deutschland ein neuer und gefährlicher Konkurrent erwachsen war.5)

Würde sich Deutschland mit Russland verbünden, wäre das aus Sicht Londons eine doppelte Gefahr für den Bestand des Commonwealth. Die Kontinentalachse zwischen Berlin und Moskau würde Großbritannien auf der einen Seite unmittelbar vor der eigenen Haustür herausfordern und außerdem Russland jene Ressourcen zuleiten, die es bräuchte, um den eurasischen Raum zu beherrschen und so das Ringen um Indien zu seinen Gunsten zu entscheiden.6)

Wie damals könnte der Kampf um die Vorherrschaft am Hindukusch auch heute zum Ausgangspunkt eines viel größeren Konflikts werden. Aus dem Great Game am Hindukusch wurde im frühen 20. Jahrhundert innerhalb weniger Jahre ein End Game, das sich in zwei Weltkriegen entlud. Diese entscheidende Mittlerposition, nach deren Logik sich Großbritannien immer mit dem Zweitstärksten gegen den Stärksten verbündet, um seine Position als Zünglein an der Waage im Konzert der europäischen Mächte zu erhalten, war die Voraussetzung für den Bestand des Commonwealth und ist heute strategische Grundlage für die Vorherrschaft der USA. Egal welche Macht diese Position in der Zukunft einmal innehaben wird, sie muss willens und in der Lage sein, ein filigranes globales Gleichgewicht durch eine Positionierung als Zünglein an der Waage aufrechtzuerhalten. An den geopolitischen Grundlagen der internationalen Beziehungen kommt dabei keine Macht vorbei. Die Mächte ändern sich, die Regeln aber bleiben. Denn da, wo sich politischer Anspruch und Raum überschneiden, liegt das Feld der Entscheidung, militärisch, politisch, ökonomisch, in einem Wort: strategisch.

Deshalb hat auch für die USA die Verhinderung einer eurasischen Achse Priorität. Dies kann zu Recht als die zentrale geopolitische Lehre aus dem ersten Great Game, gültig auch für das noch junge 21. Jahrhundert, bezeichnet werden.

„Geopolitisch betrachtet ist Amerika eine Insel weitab der riesigen Landmasse Eurasiens, dessen Ressourcen und Bevölkerung die der Vereinigten Staaten bei Weitem übertreffen. Und nach wie vor ist die Beherrschung einer der beiden Hauptsphären Eurasiens - Europas also und Asiens - durch eine einzige Macht eine gute Definition für die strategische Gefahr, der sich die Vereinigten Staaten einmal gegenübersehen könnten, gleichviel, ob unter den Bedingungen eines Kalten Krieges oder nicht. Denn ein solcher Zusammenschluss wäre imstande, die USA wirtschaftlich und letztlich auch militärisch zu überflügeln, eine Gefahr, der es selbst dann entgegenzutreten gälte, wenn die dominante Macht offenkundig freundlich gesinnt wäre. Sollten sich deren Absichten nämlich jemals ändern, dann stieße sie auf eine amerikanische Nation, deren Fähigkeit zu wirkungsvollem Widerstand sich erheblich vermindert hätte und die folglich immer weniger in der Lage wäre, die Ereignisse zu beeinflussen.“ 7)

Und um wie viel wirksamer ist diese Grundeinsicht in das Kräfteparallelogramm der Macht auf dem eurasischen Kontinent, wenn nicht bloß zwei oder drei Staaten daran beteiligt sind wie vor 100 Jahren, sondern fast alle wesentlichen globalen Mitspieler?

Waren es im Zeitalter des Kolonialismus der barrierefreie Zugang zu den kolonialen Absatzmärkten und die Versorgung mit Rohstoffen eigentlich autarker Volkswirtschaften, so sind es heute u.a. die strategischen Öl- und Gasreserven zwischen dem Kaspischen Meer und Persischen Golf, die für das Wachstum der globalen Wirtschaft unerlässlich sind, sowie deren Fakturierung auf USD-Basis, die die Vormacht der USA flankieren.8) Diese ohnehin spannungsgeladene Auseinandersetzung um Rohstoffe geht nunmehr einher mit einer religiös aufgeladenen Grundstimmung im „Rimland“ (Nicholas Spykman). Der US-Geopolitiker und Stratege Zbigniew Brzezinski bezeichnet dieses Gebiet wohl auch deshalb als „Eurasischer Balkan“, mit dem Iran im Zentrum und den 75% der globalen Rohstoffe besitzenden Nachbarn in der Peripherie.9) Sollten jene Untersuchungen zutreffen, nach denen ein nach schiitischer Vormacht strebender Iran dabei ist, einen „schiitischen Postnationalstaat“ von Aserbaidschan im Norden, Syrien, dem Irak bis nach Afghanistan hin zu errichten,10) entstehen neben den bekannten politischen und wirtschaftlichen Problemkreisen weitere hoch komplexe und einflussreiche Schwierigkeiten.

Das Wissen um diese Zusammenhänge ist nicht nur Teil historischer Allgemeinbildung, sondern erweist sich bei der Bewertung des Great Game unserer Tage als nützlich. Denn damals wie heute könnten die zunächst im Ringen um die Vorherrschaft in Afghanistan wahrgenommenen Protagonisten schon bald durch ganz andere Konstellationen in den politischen Kämpfen vereint oder auch getrennt sein.

 

Die Lage

Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist Afghanistan erneut ein Brennpunkt der Weltgeschichte. Als sich die USA nach dem Sieg der Mudschaheddin 1989 gegen die Sowjetunion wieder aus diesem Raum zurückzogen - und damit den späteren Sieg der Taliban-Bewegung mit ermöglichten -, waren außer der Sowjetunion alle Anrainerstaaten noch Entwicklungsländer. Vor 20 Jahren haben nur wenige das rasche Auseinanderbrechen der Sowjetunion und den beispiellosen Wiederaufstieg Chinas, aber auch Indiens zu politischen und wirtschaftlichen Weltmächten vorhergesagt. Und wenn, dann nicht in so kurzen Zeiträumen.

Während des sowjetischen Afghanistankrieges steckten die beiden Weltmächte UdSSR und USA hier ihre Einflusssphären ab und überließen diese nach dem Rückzug der Sowjets zunächst den Mächten der 2. Liga: allen voran dem Iran und Pakistan. Die Rückkehr der Großmächte und das Wiederaufleben des Great Game hängt nicht nur mit den Terrorangriffen eines noch Monate vor dem 11. September nur Fachleuten bekannten Terrornetzwerkes mit dem Namen Al Qaida auf die USA zusammen, sondern auch damit, dass China und Indien dabei waren, ihre historischen Führungsrollen im eigenen geopolitischen Umfeld erneut einzunehmen. Aus den ehemals blockfreien Entwicklungsländern waren Worldchampions in spe geworden.

 

Von der Friedensmission zum Kampfeinsatz

Wie Deutschland nach dem 11. September 2001 erneut nach Afghanistan kommt

Der militärische Einsatz infolge der Anschläge vom 11. September auf die USA hatte neben der erstmaligen Aktivierung von Artikel 5 des Washingtoner Vertrages zunächst für viele Verbündete den Impetus von bewaffneter Entwicklungshilfe. Für Deutschland11) begann das militärische Engagement als „Friedensmission“ und „Stabilisierungseinsatz“. Die Bundeswehr beteiligte sich auf der Grundlage von jährlich neu mandatierten UNO-Resolutionen. Die einstimmig angenommene UNO-Resolution 1386 vom 20.12.2001 legitimierte einen friedenerzwingenden Einsatz auf Basis von Kapitel VII der UNO-Charta zur „Ausrottung des Terrorismus“ und postulierte, „dass die Situation in Afghanistan weiterhin eine Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit darstellt“.12) Diese legitimierte den unter dem Dach der NATO geführten ISAF-Einsatz (International Security Assistance Force).

Gestützt auf die UNO-Resolutionen 1368 und 1373 wurde neben ISAF die im militärischen Hauptquartier der USA (CENTCOM) in Tampa/Florida befehligte Operation Enduring Freedom (OEF) zunächst von Streitkräften der USA und Großbritanniens am 7. Oktober 2001 begonnen. Streitkräfte aus rund 70 Ländern beteiligten sich bisher daran. Die OEF-Aufgaben umfassen neben den Einsätzen in Afghanistan auch jene Schauplätze, an denen Terroristen wirken oder vermutet werden, wie z.B. am Horn von Afrika.

Warum Deutschland unmittelbar nach dem 11. September den USA die „uneingeschränkte Solidarität“ zusichert, im Vergleich z.B. zu Österreich, dessen Außenministerin es bei „uneingeschränktem Mitgefühl“ bewenden lässt,13) und unbedingt Truppen in den Einsatz entsenden will, obwohl die USA darum gar nicht gebeten haben, ist eine interessante Nuance in der jüngeren deutschen Geschichte. In einer „Spiegel“-Titelgeschichte findet sich folgende prägnante Schlussfolgerung: „Um die Beteiligung an einem kriegsähnlichen Einsatz, der ‚Operation Enduring Freedom’ (OEF), zu legitimieren, stürzte man sich mehr als andere Nationen in den Stabilisierungseinsatz ISAF (…).“

Stimmt diese Sicht, müsste allerdings geklärt werden, warum Deutschland sich nur mit halber Kraft an der OEF-Mission beteiligte. Lag es daran, dass die USA selbst auf den Einsatz deutscher Spezialkräfte dankend verzichteten und diese, wenn überhaupt, nur mit untergeordneten Aufgaben betrauen wollten? Oder lag es daran, dass die Bundesregierung das, was militärisch notwendig gewesen wäre, nicht liefern konnte oder wollte? Aber auch der maßgeblich durch deutsches Engagement zustande gekommene ISAF-Einsatz wurde nur halbherzig in Angriff genommen. Auf den Norden Afghanistans beschränkt, mit eigenen militärischen Vorbehalten (caveats) so eingebettet, dass Kampfeinsätze und militärische Zusammenarbeit mit den robuster vorgehenden Verbündeten oft ausgeschlossen waren, wurde selbst noch im achten Jahr des Afghanistan-Einsatzes das Wort Krieg im offiziellen Sprachgebrauch der Bundesrepublik Deutschland vehement vermieden. So hieß es noch am 4. September 2009 durch den Ministeriumssprecher, es sei ein „robuster Stabilisierungseinsatz, der Kampfhandlungen miteinschließt“. Dabei hatte sich bereits ein Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit und den Medien abgezeichnet, dem der damalige Verteidigungsminister im Oktober 2008 anlässlich der Trauerrede für zwei getötete Bundeswehrsoldaten dadurch entgegenkam, dass er erstmalig von „Gefallenen“ sprach. Aber es sollte noch bis zum November 2009 dauern, bis die offizielle Sprachregelung mit der militärischen Realität im bisher eigentlich eher ruhigen Einsatzgebiet Regionalkommando Nord der Bundeswehr in Übereinstimmung gebracht wurde. Erstmalig sagte ein deutscher Verteidigungsminister am 3. November, dass „in Teilen Afghanistans (…) fraglos kriegsähnliche Zustände herrschen“. Als längst überfällig empfunden, sprach Minister Karl-Theodor zu Guttenberg das K-Wort aus: „Ich selbst verstehe jeden Soldaten, der sagt: In Afghanistan ist Krieg, egal, ob ich nun von ausländischen Streitkräften oder von Taliban-Terroristen angegriffen, verwundet oder getötet werde.“ 14) Diese Akzeptanz der Realität wurde am 10. Februar 2010 mit der Regierungserklärung des damals neuen Außenministers vor dem Deutschen Bundestag offizielle Politik Deutschlands: „Die Intensität der mit Waffengewalt ausgetragenen Auseinandersetzung mit Aufständischen und deren militärischer Organisation führen uns zu der Bewertung, die Einsatzsituation von ISAF auch im Norden Afghanistans als bewaffneten Konflikt im Sinne des humanitären Völkerrechts zu qualifizieren. Ob uns das politisch gefällt oder nicht: So ist die Lage.“ 15)

Damit war der ursprünglich in der Öffentlichkeit als Akt humanitärer Unterstützung und zum Schutz der inneren Sicherheit Deutschlands begründete Einsatz („Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt“, Peter Struck)16) faktisch und auch rechtlich zu einem Kampfeinsatz geworden. Dass dies Auswirkungen auf die einsatzrechtliche Lage der deutschen Soldaten hat, die ihr Handeln nunmehr nicht unter der Perspektive des deutschen Strafrechts, sondern des Völkerstrafgesetzbuches beurteilen müssen, ist eine wichtige Konsequenz, die hier aber nicht Thema ist. Und es verdiente auch einer gesonderten Analyse, warum deutsche Soldaten auch im zehnten Jahr des Einsatzes selbst bei einfachen Gebrauchsgegenständen wie Mützen, Hosen oder abwechslungsreichem Essen immer noch nicht angemessen ausgerüstet sind, von den notwendigen Waffen, Aufklärungs- und Fortbewegungsmitteln gar nicht zu sprechen.17)

 

Abzug und was dann?

Hier sollen aber die Frage des angekündigten Abzugs aus Afghanistan und die daraus folgenden Konsequenzen im Mittelpunkt stehen. Der deutsche Außenminister hatte am 26. Januar 2011 auf der Londoner Afghanistan-Konferenz erklärt, Deutschland wolle 2011 mit dem Abbau des eigenen Kontingents beginnen. Eingeschränkt durch den vom Verteidigungsminister gemachten und heute in der gesamten Bundesregierung akzeptierten Zusatz „soweit die Lage dies erlaubt“.18)

Die immer lebhafter werdende Diskussion um das Abzugsdatum ist dabei ein geeigneter Anlass, die bekannten und möglichen neuen Lagen auszuloten. Dabei spielt das deutsche Engagement allerdings keine zentrale Rolle, obwohl Deutschland zumindest formal der drittgrößte Truppensteller ist. Entscheidend ist auch in Zukunft das Engagement der USA.

Gleichwohl wird vielen sicherheitspolitischen Experten im Westen zunehmend unheimlich bei der Vorstellung, dass die Öffentlichkeit davon auszugehen scheint, das militärische und zivile Engagement der Koalitionstruppen in Afghanistan ende im Jahr 2014. Klarheit über das „Wie weiter?“ nach 2014 ist geboten. Und dies bedeutet im Klartext, die Öffentlichkeit auf ein langfristiges Engagement, in jedem Fall der USA, in Zentralasien einzustimmen. In der US-Diskussion werden dabei drei strategische Ziele als Hauptargumente herangezogen: 1. die Region darf nicht erneut Rückzugsraum für international tätige Terrorgruppen werden, 2. die Proliferation von Kernwaffen in die Hand von Terroristen muss auch künftig verhindert werden und 3. ein nuklearer Konflikt zwischen Indien und Pakistan muss ausgeschlossen bleiben.

Diese Ziele sind Teil der strategischen Interessen der USA in Zentralasien. Gerade weil der Einfluss Asiens zunimmt, wäre es ein strategischer Fehler, wenn sich die USA nur auf Ostasien konzentrieren würden, statt ihre vitalen Interessen auch durch ein Engagement in Süd- und Zentralasien zu vertreten. Engagement in Zentralasien ist Voraussetzung für die Wahrnehmung von US-Interessen in ganz Asien, wie es z.B. in einer im Juni 2011 publizierten Studie des Center for New American Security treffend heißt.19) Dies müsse in eine Vorwärtsstrategie münden, die aktiv US-Interessen schützt, statt bloß auf abzusehende Krisen zu reagieren. Dabei sind sich diese Strategen darüber im Klaren, dass die USA diese Aufgabe mit abnehmenden Kräften und bei gleichzeitiger Zunahme chinesischen Engagements bewerkstelligen müssen.

 

Afghanistan - Der Gordische Knoten

Das Engagement der USA in Afghanistan steht auch im zehnten Jahr nach Kriegsbeginn vor den gleichen ungelösten Fragen wie am Beginn der Kampagne, und das, obwohl Bin Laden tot ist und Al Qaida bisher keinen weiteren erfolgreichen Angriff auf die USA unternehmen konnte. Aber immer noch sind die Taliban nicht geschlagen und geht weiterhin eine Gefahr von den mit den Taliban verbundenen Kräften wie der IBU (Internationale Befreiungsfront Usbekistan) oder dem sog. Haqqani-Netzwerk aus, das nach Aussage des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, des US-Admirals Michael Mullen, ebenfalls vom pakistanischen Geheimdienst ISI nachhaltig unterstützt wird. Ob in dieser Situation das Angebot der US-amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton vom 18. Februar 2011 eine realistische und zielführende politische Entscheidung gewesen ist, Verhandlungen mit den Taliban unter den drei Bedingungen Gewaltverzicht, Kündigung des Bündnisses mit Al Qaida und Anerkennung der afghanischen Verfassung aufzunehmen, muss ernsthaft bezweifelt werden. Voraussetzung für Verhandlungen mit den Taliban müsste eine Position der Stärke sein, die aber weder taktisch noch operativ gegeben ist. Dazu hat sich die Regierung Obama mit dem bereits im Dezember 2009 angekündigten Abzugstermin selbst unnötig unter Zugzwang gesetzt. Dieser im Juni 2011 von Obama bestätigte Termin beruht auf der Annahme, dass die Taliban im Feld entscheidend geschwächt sind. Das Gegenteil ist richtig. Keines der im Jahr 2009 mit einer massiven Truppenaufstockung von ursprünglich 33.000 Soldaten unter Bush auf 100.000 Soldaten bis Sommer 2011 einhergehenden Ziele der zivil-militärischen Counterinsurgency (COIN)-Strategie konnte erreicht werden. Der geistige Vater dieses Ansatzes, Oberstleutnant John Nagl, der Ideengeber und Berater von General Petraeus zu COIN, hatte schon in seiner Dissertation ernüchtert davon gesprochen, dass COIN dem Versuch ähnelt, „Suppe mit einem Messer zu essen“.20)

Zu hinterfragen ist, ob die Grundannahme der „bevölkerungszentrierten COIN“ der komplexen Realität in Afghanistan überhaupt entspricht. Diese geht davon aus, dass nicht eine Vielzahl von Handelnden, sondern eine hilfesuchende Bevölkerung insgesamt gegen „die Aufständischen“ zu verteidigen sei. Also verkürzt, die Afghanen auf der einen Seite gegen die Taliban und ihre Unterstützer auf der anderen. Weder kann militärisches Engagement jemals die „gesamte“ Bevölkerung schützen, noch verläuft die Frontlinie in einem multiethnischen Staat wie Afghanistan entlang idealtypischer Gegensätze. Immer konnten und können die Taliban in Afghanistan dort Terrain wieder gut machen, wo sie sich mit den in lokalen Machtkämpfen unterlegenen Bevölkerungsteilen verbünden oder die mangels „Hold“-Kräften entstehenden rechtsfreien Räume rasch mit eigenen Kräften auffüllen. COIN bedürfte der detaillierten Kenntnis ethnischer und lokaler Machtstrukturen sowie stärkerer Kräfte, um nachhaltig wirken zu können.

Wahr ist leider auch, dass die in der COIN-Strategie angenommenen optimistischen Vorhersagen über den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, nicht nur in Bezug auf die Sollstärken, sondern v.a. in Hinsicht auf die militärische Professionalität, Kampfkraft und Verlässlichkeit. Die zunehmende Aktivierung von Schläfern innerhalb der afghanischen Streitkräfte für Selbstmordattentate und die aufgeklärte Zusammenarbeit selbst des afghanischen Geheimdienstes mit den Insurgenten belegen die Unfähigkeit der afghanischen Zentralregierung, Sicherheit ohne ausländische Unterstützung zu generieren. Präsident Hamid Karsai kann noch nicht einmal die Sicherheit in Kabul garantieren, wie die wiederholte Absage der Militärparade zum Nationalfeiertag zuletzt im April 2011 aus Furcht vor Attentaten und die sich in jüngster Zeit häufenden Anschläge auf die Infrastruktur beweisen. Dem entgegen steht allerdings die ohne große sicherheitsrelevante Zwischenfälle abgehaltene Loya Jirga im November 2011 in Kabul, die trotz massiver Drohungen von Seiten der Aufständischen insgesamt friedlich verlief, abgesehen von der Veröffentlichung der staatlichen Sicherheitsmaßnahmen auf einer Taliban-Webseite und folgenlosem Mörserbeschuss.

Gleichwohl: Während die Insurgenten nur noch abzuwarten brauchen, bis die USA abgezogen sind, läuft für die Politiker und Strategen des Westens die Zeit ab. Berichtet wird zunehmend von den bereits fortgeschrittenen Vorbereitungen der Taliban zur Übernahme der Macht nach dem Abzug von ISAF. Diese sollen bis in die afghanischen Sicherheitskreise der Armee und Polizei (ANA und ANP) hinein reichen, die ein Überlaufen zu den Taliban nach 2014 in großer Anzahl signalisieren.21) Ob das unter Obama verstärkte Ausschalten von Insurgenten den gewünschten Effekt der Schwächung der Taliban-Kreise hat, kann zu Recht bezweifelt werden. So bleibt in der nunmehr forcierten „capture and kill“-Strategie bis heute unberücksichtigt, dass es der paschtunische Moral- und Ehrenkodex verlangt, Gefallene sofort durch frische Kräfte zu ersetzen, was die Rekrutierungserfolge der Taliban u.a. erklärt. Daran können auch die zunehmenden Einsätze von Spezialkräften und Drohnen nichts ändern. Des Weiteren sind die östlich der Durand-Linie auf pakistanischem Territorium gelegenen Paschtunengebiete trotz intensivierter Kommandoaktionen zu Land und aus der Luft als strategisches Hinterland kriegsentscheidend. Außerdem geht der Kampf nicht nur der Taliban-Paschtunen, sondern zunehmend auch der Vertreter der alten Nordallianz gegen die Zentralregierung in Kabul so lange weiter, bis die innerafghanischen ethnischen Spannungen in ein neues Gleichgewicht gebracht sind. Dabei spielen für den Friedensprozess die mit zunehmendem Selbstbewusstsein geäußerten Vorstellungen der Vertreter der alten Nordallianz künftig wieder eine Rolle. Die Vertreter der alten Nordallianz formieren sich nunmehr als „Nationale Allianz“ neu und bringen sich für die Zeit nach 2014 in Position.22) Die im Januar 2012 in Berlin geführten Gespräche zwischen dem Bruder des ermordeten Helden der Mudschaheddin-Bewegung und Bezwinger der Taliban, Ahmed Schah Massud, dem Anführer der usbekischen Afghanen gegen die Taliban, General Raschid Dostum, dem früheren Direktor des Afghanischen Sicherheitsrates Amrullah Saleh sowie dem Führer der schiitischen Hezara, Mohammed Mohakik, sind ein ernst zu nehmender Beleg für diese neue Unübersichtlichkeit. Diese beinhaltet auch die Doppelrolle der immerhin 15% der afghanischen Gesamtbevölkerung ausmachenden schiitischen Hezara. Einerseits über den schiitischen Islam eng mit dem Iran verbunden, waren die Hezara als Todfeinde der sunnitischen Taliban Teil der Nordallianz. Dies erklärt, weshalb der Iran am Beginn der ISAF-Kampagne gegen die Taliban die USA und die Nordallianz militärisch unterstützt haben soll.23) Politische Unterstützung erhalten die Vertreter der „Nationalen Allianz“ interessanterweise nunmehr von vier Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus, angeführt von dem republikanischen Abgeordneten Dana Rohrabacher aus Kalifornien.24) Noch finden solche Treffen wie am 9. Januar 2012 in Berlin gegen den Willen des State Department und Auswärtigen Amtes in Berlin statt. Doch schon heute ist erkennbar, dass die zentralasiatischen Nachbarn an Afghanistans Nordgrenze ein gesteigertes Interesse an einem von ethnisch verwandten Kräften kontrollierten „Cordon Sanitaire“ gegen islamistische Tendenzen haben. Insofern bietet die Neuauflage der Zusammenarbeit mit einer wie auch immer gestalteten Nordallianz auch zusätzlichen Raum für eine vertiefte Kooperation zwischen den USA, Russland und den zentralasiatischen Staaten.

Doch wie wird sich die tektonische Karte der Kräfte und Ethnien Afghanistans in den Jahren bis zum angekündigten Abzug noch verändern? Wir erinnern uns kurz. Wie revolutionär schienen die im Dezember 2009 vom US-Sonderberater Robert Blackwill25) geäußerten Vorschläge zu Verhandlungen mit den Taliban zu sein? Nun erweisen sich diese Gesprächskanäle als zu kurzsichtig und einseitig, um einen dauerhaften Frieden im multiethnischen Geflecht Afghanistans zu erreichen. Dies hängt auch mit dem rückläufigen paschtunischen Bevölkerungsanteil in Afghanistan zusammen. Das bisherige Gleichgewicht in Afghanistan beruhte u.a. darauf, dass die Paschtunen als Ethnie größer waren als alle anderen Ethnien zusammen genommen. Diese Zeiten dürften längst vorbei sein. Auf lediglich 42% der Gesamtbevölkerung werden die Paschtunen im Afghanistan Karsais heute geschätzt, was ein Grund dafür sein mag, dass der Präsident eine oft geforderte Volkszählung beharrlich hinauszögert. Eine Friedenslösung mit den Taliban allein ist nunmehr unrealistisch.

Obwohl die Taliban im Kräftegleichgewicht Afghanistans relativ gesehen schwächer werden, ist deutlich, dass die USA im Moment nicht aus einer Position der Stärke mit diesen verhandeln können, sondern umgekehrt die Taliban neben den alten/neuen Kräften das Heft des Handelns immer stärker in die Hand bekommen. Dass der US-Präsident vor diesem Hintergrund an der beabsichtigten Truppenreduzierung festhält, ist bemerkenswert. Es offenbart darüber hinaus einen tiefen Graben zwischen der strategischen Einschätzung seiner Administration und den führenden Offizieren, die an der COIN-Strategie unvermindert festhalten wollen. Diese inneren westlichen Konflikte gehen einher mit den zunehmenden Spannungen zwischen den USA und Pakistan, hierbei v.a. mit dem Militär und dem Geheimdienst ISI, die schon zu Sowjetzeiten die Mentoren des paschtunischen Widerstandes in Afghanistan waren.

 

Endspiel oder nur neue Phase?

Werden wir also gerade Zeugen eines Endspiels, das mit dem Abzug der ISAF 2014 endet, oder beginnt lediglich eine neue Phase des militärischen Engagements?

Beobachten lässt sich ein zunehmendes Auseinanderfallen zwischen der neuen US-Strategie (Truppenabzug und Fokussierung auf Tötungsaktionen gegen die Insurgenten) im Gegensatz zur gültigen NATO-Strategie, die an COIN als umfassendem zivil-militärischen Ansatz mit seinen kosten-, material- und truppenintensiven Leitlinien festhält. Dieser Widerspruch wird zunehmen.26) COIN kann aber nur aufrechterhalten werden, wenn der größte Truppensteller weiterhin die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt. Dass die entstehenden Lücken durch den angekündigten Abzug der USA durch die Verbündeten ausgeglichen werden können, ist unrealistisch. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass schon jetzt ein Wettrennen zum Ausgang zu beobachten ist, nachdem Spanien, die Niederlande, Polen, Kanada und selbst Frankreich bereits zu Hause oder auf dem Weg dorthin sind und alle NATO-Truppensteller genau wie die USA Truppenreduzierungen angekündigt haben.

Insidern wird auffallen, dass sich nunmehr wohl Vizepräsident Joe Biden mit seiner ursprünglichen Ablehnung gegenüber dem COIN-Ansatz durchsetzt. Das kürzlich vom Pulitzerpreisträger Bob Woodward vorgelegte Buch „Obama’s Wars“27) zeigt eine in militärischen Fragen unsichere Administration, die seit dem Beginn ihrer Regierungszeit versucht hat, einen Ausweg zu finden aus der von den US-Militärs aufgezeigten Logik eines engagierten zivil-militärischen und langfristigen Engagements in Afghanistan.

Der Entscheidung des Präsidenten gingen monatelange Brainstorming- und Analysetreffen voraus. Während seine militärischen Berater mehr Truppen und Aufbauhilfe fordern, versucht Präsident Obama auch einen Abzug aus Afghanistan nach einem erfolgreichen Abschluss des US-Engagements dort einzuleiten. Die Bedingungen für Erfolg wurden allerdings nie zufriedenstellend definiert. Obama dürfte in diesen Tagen oft an das Bonmot des britischen Militärhistorikers und COIN-Theoretikers Liddell-Hart gedacht haben, nachdem „es nichts Schwierigeres gibt, als eine neue Idee in das militärische Denken hinein zu bekommen, außer, eine alte heraus“.

Nach ungezählten Treffen mit seinen wichtigsten Beratern wird ein enttäuschter US-Präsident von seinem Stellvertreter Biden auf die einfache Tatsache aufmerksam gemacht, dass ein demokratischer US-Präsident schlicht das machen müsse, was das Militär ihm vorschlägt. Dies gilt umso mehr, wenn er selbst um eine Entscheidungsvorlage gebeten habe, die er nun mangels eigener Alternativen nicht ablehnen könne. Obama stimmt der Truppenerhöhung auf 100.000 Kräfte zu, gibt dem Rat seiner Generale nach, aber versucht doch gleichzeitig mit der Ankündigung des Abzugsdatums deutlich zu markieren, dass die USA nach seiner Meinung nicht für immer und eigentlich auch nicht länger als bis 2014 bleiben sollen. In sicherheitspolitischen Kreisen sofort als Kardinalfehler gebrandmarkt, ist seitdem das ursprünglich von Präsident Karsai ins Gespräch gebrachte Datum zum Menetekel der ISAF-Kampagne geworden. Den militärischen Feinden dürfte der Präsident damit sicherlich einen Gefallen getan haben, da diese im Gegensatz zu den Kämpfern des Westens zwar keine Uhren, dafür aber genügend Zeit besitzen.

Im Moment verabschiedet sich ISAF leise von der COIN-Strategie und ersetzt diese durch die von Vizepräsident Biden seit 2009 favorisierte Counter-Terrorist-Strategie. Counter-Terrorist ist eigentlich COIN vergleichbar, nur ohne zivil-militärische Komponente und damit weniger kräfte- und kostenintensiv. Tatsächlich werden die Tötungsaktionen unter Präsident Obama im Vergleich zu seinem Vorgänger massiv und auch auf pakistanisches Staatsgebiet ausgeweitet. Doch auch dadurch konnte das Momentum für eine überlegene Verhandlungsposition mit den Taliban nicht hergestellt werden.

In diesem Umfeld musste die in Sicherheitskreisen mit Entsetzen aufgenommene Ankündigung des US-Verteidigungsministers Leon E. Panetta vom 1. Februar 2012 wie eine Bombe einschlagen, „that American forces would step back from a combat role there as early as mid-2013, more than a year before all American troops are scheduled to come home“.28)

Trotz Einschränkung durch den Zusatz: „Even as the Pentagon pulls back in Afghanistan, it will remain combat-ready“, sorgte diese in NATO-Kreisen nicht abgestimmte Verlautbarung für ein umgehendes und ungewöhnlich deutliches Dementi des NATO-Generalsekretärs: „They also reaffirmed the shared goal for Afghan security forces to have full responsibility for security across the country by the end of 2014, as agreed by NATO Heads of State in Lisbon in 2010. That goal stands, for every single one of us, the NATO Secretary General, Anders Fogh Rasmussen stressed.“ 29)

Damit wird den Kennern der internationalen Sicherheitsarchitektur erneut vor Augen geführt, wie schwankend die Regierung Obama in diesen Fragen agiert. Obwohl Obama für sich in Anspruch nimmt, mit seiner massiven Truppenaufstockung das strategielose militärische Desaster seines Vorgängers im Amt durch eine Strategie überhaupt erst überwunden zu haben, kann schon heute festgestellt werden, quasi im Vorgriff auf 2014, dass weder ohne (Bush-Rumsfeld-Verantwortung) noch mit COIN-Strategie eine substanzielle Besserung der Lage erreicht werden konnte.

Immerhin muss man anerkennen, dass Obama einem sicherheitspolitischen Problem gegenübersteht, das mit Great Game geradezu euphemistisch umschrieben ist. Die Anzeichen mehren sich, dass es in der Neuauflage des Great Game weniger um ein Spiel als um das Schicksal des Westens als Ganzes geht. Hier dürfte nicht nur die Zukunft der NATO, sondern auch die Zukunft der USA als führende Großmacht entschieden werden. Dies vor dem Hintergrund, dass der US-Präsident wie alle heutigen politischen Führer des Westens über keine eigene militärische Expertise verfügt. Der letzte politische Führer des Westens mit militärischer Erfahrung war der französische Staatspräsident Jacques Chirac, der als Offizier am Algerienkrieg teilgenommen hat. Erneut gehen die Wetten, dass Afghanistan zum Katalysator einer neuen Weltordnung werden könnte.

 

Wie weiter?

Man möchte mit Winston Churchill ausrufen: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

Doch wie könnte diese aussehen? Schon heute ist absehbar, dass es keinen Königsweg am Hindukusch gibt. Vielmehr wird Afghanistan zu einem Symptom für die Folgen militärischen Handelns in einer globalen Welt. Wer als Weltmacht handelt, wird mit diesen Konsequenzen leben müssen.

Wollen die USA Weltmacht bleiben, müssen sie auch militärisch in Afghanistan und Zentralasien präsent bleiben. Ziehen sie ab, ist das der Beginn eines Rückzugs, der als Niedergang bewertet werden wird. Dass es aber so weit kommt, kann bezweifelt werden. Denn die globale Vormacht der USA gehört auch in der jetzigen Administration zum unveräußerlichen Kern der US-Außenpolitik, legt man die erst kürzlich von US-Außenministerin Clinton vorgenommene Neubewertung der Außenpolitik zugrunde.30) Überschrieben mit „Amerikas Pazifisches Jahrhundert“, sollte man sich vom Untertitel „Die Zukunft wird nicht in Afghanistan entschieden, sondern in Südostasien“ nicht täuschen lassen. Denn das Credo dieser Positionsbestimmung für die kommenden Jahrzehnte ist das klare Bekenntnis zum globalen Führungsanspruch der USA: „Wir sind bereit zu führen. Und es sollte keinen Zweifel geben, dass wir unsere Führungsmacht in der Welt des 21. Jahrhunderts so erhalten, wie wir es schon im vergangenen Jahrhundert getan haben.“ 31)

Um diesem Anspruch gerecht zu bleiben, werden die USA auch nach 2014 nicht komplett aus Afghanistan und Zentralasien abziehen können. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie ihre Truppen auf mindestens drei Gebiete konzentrieren und solche Einheiten dort stationieren, die in der Lage sind, Aufständische zu eliminieren und einen minimalen Schutz in ausgewählten zivilen Zentren zu gewährleisten. Alles deutet darauf hin, dass dies Shindand im Westen, nahe der iranischen Grenze, Mazar-i-Sharif im Norden und Bagram im Osten, nördlich von Kabul, sein werden. Ist es Zufall, dass sich diese Stützpunkte mit ausgebauten Großflugplätzen - die auch zum Be- und Entladen der größten Militärmaschinen C5 Galaxy, Boeing-747-Frachter sowie Antonow-124 geeignet sind - alle in Grenznähe um das Paschtunengebiet herum befinden?

Militärexperten und Befürworter der Counter-Terrorist-Strategie gehen davon aus, dass zur Erfüllung dieses Auftrages Kräfte in der Größe von drei Brigaden ausreichen. Trotz dieser Reduzierung um rund 80.000 Soldaten könnten die USA die militärische Initiative dauerhaft behalten, die Kosten deutlich reduzieren, die Logistik entscheidend erleichtern, den Krieg stärker aus dem öffentlichen Bewusstsein nehmen und dennoch die US-Interessen schützen. Denn natürlich ging und geht es in Afghanistan nicht nur um die Niederhaltung der Taliban und die Ausschaltung Bin Ladens oder Al Qaidas. Vielmehr sind Afghanistan und die Stützpunkte in Zentralasien ein idealer unsinkbarer Flugzeugträger, um den strategischen Interessen der USA Geltung zu verschaffen. Und nicht zu vergessen ist die Grenznähe zum Iran, die eine ideale Ausgangsposition im Fall militärischer Notwendigkeiten darstellt. Immer stärker gewinnt man bei der Analyse der jüngsten US-Diskussion den Eindruck, dass darüber Konsens in den sicherheitspolitischen Kreisen besteht. Ob auch der US-Präsident davon überzeugt ist, erscheint fast zweitrangig, zumindest widerspricht es fundamental seinen ursprünglichen Absichten nach der Regierungsübernahme. Allein eine Frage scheint in der US-Debatte noch unbeantwortet, nämlich die, ob eine reduzierte militärische Präsenz der USA auch künftig die notwendige nachrichtendienstliche Durchdringung im Einsatzland sicherstellen kann. Man wird es wohl bald wissen.

Niemand glaubt, dass die dauerhafte Anwesenheit der USA die Verhandlungsbereitschaft der Taliban vergrößert. Das Gegenteil ist der Fall. Schließlich haben die Taliban den Beginn von Verhandlungen bisher immer an den Abzug der „Kreuzritter“ geknüpft. Dies könnte den USA umgekehrt gelegen kommen, weil diese Weigerung dauerhaft den Vorwand für das Engagement der USA liefert, um ein Minimum an Stabilität und Sicherheit in Afghanistan neben den drei schon erläuterten strategischen Hauptzielen zu erreichen. Dies wird in einem kürzlich vom langjährigen Kommandeur der ISAF-Truppen und jetzigen Chef des Geheimdienstes CIA gemachten Statement mit ungewöhnlicher Offenheit bestätigt: „Ich glaube nicht“, so US-General David Petraeus, „dass man diesen Krieg (in Afghanistan) gewinnen kann. Ich glaube, wir kämpfen immer weiter. Es ist eigentlich ein bisschen wie im Irak Ja, es gab enorme Fortschritte im Irak. Aber es gibt nach wie vor furchtbare Anschläge im Irak, und man muss wachsam sein. Man muss am Ball bleiben. Dies ist die Art des Kampfs, den wir für den Rest unseres Lebens erleben werden und wohl auch noch unsere Kinder.“ 32)

Und auch der bisherige Hauptförderer der Versöhnungsgespräche mit den Taliban, Präsident Karsai, rückt nach der Ermordung seines Vorgängers im Amt, Ex-Präsident Burhanuddin Rabbani, von Gesprächen ab, wenn er fragt, mit wem man jetzt noch verhandeln wolle. Gleichzeitig eröffnet Karsai mit seinem zweiten Besuch in Indien - innerhalb von nur sieben Monaten erneut am 4. und 5. Oktober 2011 - eine neue Partie auf dem eurasischen Schachbrett. Eine Annäherung zwischen Afghanistan und Indien zulasten Pakistans würde ein ganz neues Kapitel im Great Game-Handbuch aufschlagen.

 

Der Blick in die Glaskugel

„Prognosen sind immer schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ (Anonym)

1. Szenario:

Obwohl der Westen immer wieder Sicherheit, Schulen, Straßen und Strom verspricht, nimmt das Vertrauen in die Koalitionstruppen und die afghanische Zentralregierung weiter ab. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die Taliban wachsender Unterstützung. Mit ihrer Losung von Islam und Frieden erreichen sie immer weitere Teile der Bevölkerung. Und das vor dem Hintergrund ihrer noch nicht vergessenen Gräuelherrschaft, die gerade einmal zehn Jahre zurückliegt. Die Etablierung eines politischen Systems außerhalb der eingespielten Stammes- und ethnischen Strukturen bleibt in den Anfängen stecken. Die Drogenökonomie besteht als wichtigste Säule der wirtschaftlichen Entwicklung fort, und während die USA und ihre Verbündeten kämpfen, machen die Chinesen gute Geschäfte und beuten die afghanischen Rohstoffe aus. Der pakistanische Geheimdienst, aber auch zunehmend saudi-arabische und iranische Kräfte versuchen Teile der Insurgenten für ihre Interessen zu beeinflussen. Sei es, um die Paschtunen westlich und östlich der Durand-Linie als strategische Reserve oder als fünfte Kolonne im Kampf gegen die „Ungläubigen“ und den „großen Satan“ zu instrumentalisieren, oder um Stellvertreterkriege zu führen. Die Reduzierung der COIN-Strategie auf das „capture and kill“ fordert zunehmend zivile Opfer und entfernt die Koalitionstruppen auch deswegen immer weiter von ihrer selbst zugeschriebenen Rolle als Befreier, Unterstützer und Aufbauhelfer. Dem politischen Druck der kriegsmüden westlichen Gesellschaften können die Regierungen nicht standhalten. Die westlichen Truppen ziehen 2014 ab. Afghanistan versinkt in einem dauerhaften militärischen, humanitären, politischen und wirtschaftlichen Chaos.

2. Szenario:

Die Truppenreduzierung und die Einnahme von drei strategisch wichtigen Positionen im Osten, Norden und Westen auch über 2014 hinaus reduzieren einerseits die Angriffsfläche der Koalitionstruppen, erhalten aber andererseits noch genügend Möglichkeiten für machtvolles militärisches Eingreifen aufrecht, um eine Rückkehr von Terrororganisationen nach Afghanistan und die Proliferation von Kernwaffen zu verhindern sowie die Atommächte Indien und Pakistan von einem Kräftemessen abzuhalten. Die Truppenreduzierung und die sinkenden Kosten führen zu einem allmählichen Verschwinden des Krieges aus dem Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit. Die Taliban errichten nach und nach ihre Form der Herrschaft in den Paschtunengebieten. Die Drogenökonomie bleibt ein zentrales Problem und führt in weiterer Konsequenz dazu, dass sich die zentralasiatischen Nachbarländer und Russland immer enger mit den USA im Antidrogenkampf zusammenschließen. Dies gilt auch für die latente Gefahr durch islamistische Terrorgruppen oder Netzwerke, die eine anhaltende Dauergefährdung des „weichen Unterleibs“ der russischen Einflusszone darstellen. Versuche, die Paschtunen in Afghanistan und die pakistanischen Sicherheitskreise zur Anerkennung der Durand-Linie zu bewegen, bleiben erfolglos. Der pakistanische Geheimdienst ISI behält seinen Einfluss auf die Entwicklungen im Paschtunengebiet östlich und westlich der Durand-Linie. Um die Versorgung ihrer Truppen sicherzustellen, bauen die USA ihre Zusammenarbeit mit Zentralasien und Russland weiter aus. Transitrouten über deren Staatsgebiete sind die Rückversicherung zur Aufrechterhaltung der Versorgung des eigenen Kontingents für den Fall, dass zunehmende Spannungen mit Pakistan den Transport über die Südroute dauerhaft unterbinden. Diese strategische Dimension erklärt die seit 2011 aktivierten diplomatischen Aktivitäten der USA in Zentralasien bis hin zur Reise der US-Außenministerin Clinton nach Usbekistan. Nutznießer dieser Politik sind die autoritären Regime Zentralasiens, da ihre Herrschaftsform vom Westen in dieser Konstellation gegenseitiger Hilfestellung nicht infrage gestellt werden wird. Während die USA kämpfen, gehen die chinesischen Geschäfte zunehmend besser. Am Horizont zeichnet sich eine neue Interessenkoalition ab, in der die USA mit Russland33) und den zentralasiatischen Republiken sowie unter Berücksichtigung indischer Interessen einer immer engeren und auch immer offeneren Zusammenarbeit zwischen Pakistan und China gegenüberstehen.

3. Szenario:

Der Erfolg der Taliban bei der Rückeroberung der westlichen Paschtunengebiete führt zu einer pan-paschtunischen Bewegung, die die Paschtunengebiete auch östlich der Durand-Linie „befreien“ und ihren Einfluss auch auf Belutschistan ausdehnen will.34) Damit gerät der pakistanische Staat selbst unter jenen terroristischen Druck, den er bisher erfolgreich gegen Afghanistan und alle, die dieses Kunstland regieren wollten, ausgeübt hatte. Die Errichtung Paschtunistans von der iranischen Grenze im Westen bis zum Arabischen Meer im Süden würde im Osten bis vor die Tore Islamabads reichen. Diese Entwicklung würde den chinesischen Zugang zu den pakistanischen Häfen am Golf von Oman erneut bedrohen. Sie markierte das Ende Pakistans und könnte einen militärischen Konflikt ganz anderer Dimension entfachen. Hierbei stehen der Verbleib und die Kontrolle der pakistanischen Atomwaffen im Mittelpunkt. Dieses Szenario vor Augen erkennt der pakistanische Staat, dass er selbst am meisten ein begründetes Interesse an Stabilität in Afghanistan hat.

Von Winston Churchill ist das scharfzüngige Zitat überliefert, „dass man sich auf die USA immer verlassen könne, leider erst nachdem sie jeden möglichen Fehler ausprobiert hätten“. Afghanistan, so sieht es heute aus, könnte auch im 21. Jahrhundert seinem Ruf als „Friedhof der Großmächte“ gerecht werden. Die USA haben bisher vieles probiert und sind doch ihren Zielen nie gerecht geworden. Vielleicht ist das auch gar nicht das Ziel. Vielleicht geht es v.a. darum, dort präsent zu sein und zu bleiben. Welche Mächte fallen werden und welche bleiben, welche Bündnisse entstehen oder auch vergehen, kann man heute noch nicht ausmachen; Überraschungen eingeschlossen. Gleichwohl wird der Erkenntnisgewinn durch die im Jahr 2014 vorliegenden Fakten dabei helfen, Konzepte realistischer internationaler Beziehungen, allen voran jene Thesen zum Great Game, einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Ziehen die USA aus Afghanistan ab und hinterlassen wie im Irak ein Vakuum, hat das nicht nur Auswirkungen auf das System internationaler Beziehungen, sondern auch auf die Theoriebildung und Denkschulen. Das tatsächliche Verhalten der USA gegenüber Afghanistan wird so zum Lackmustest für die Qualität geopolitischer Theorien insgesamt und für das Sein der USA als Weltmacht.

 

Epilog

Wer diesen Artikel liest, sollte nicht den Fehler machen, dem Autor USA-Feindlichkeit zu unterstellen. Die USA handeln als Weltmacht. Wollen sie dies bleiben, müssen sie die Lehren geopolitischer Zusammenhänge beachten. Der Westen als Ganzes und seine Führungsmacht USA sind eine Wertegemeinschaft, die hohe Ideale vertritt, gleichwohl wissend, dass diese nie in Gänze erreicht werden können. Aber nirgends gibt es mehr Freiheit, Wohlstand, Demokratie und Achtung der Menschenrechte als in den in der NATO zusammengeschlossenen Demokratien. Diese Dimension des Afghanistankrieges verdiente eine ganz eigene Würdigung. Auch deshalb, weil bei einem Scheitern des Westens in Afghanistan zuerst jene einen hohen Preis bezahlen müssten, die an uns geglaubt haben. Allen voran die Mädchen und Frauen, die vielen Helfer, die als Dolmetscher, Lehrer, Händler, Fahrer, Köche usw. für eine bessere Zukunft in ihrem Land gearbeitet haben. Deshalb widme ich diesen Artikel all jenen, die nach dem „Warum sind wir dort?“ fragen, den Entwicklungs- und Aufbauhelfern, den Politikern und Diplomaten und ganz besonders unseren Soldaten im Einsatz.

 


ANMERKUNGEN:

1) Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln, Perspektiven einer neuen Geopolitik; Berlin (Klaus Wagenbach Verlag); 1990; S.19.

2) Vgl. die von der Friedrich Ebert-Stiftung unter Schirmherrschaft der deutschen Botschaften durchgeführten Afghanistan-Konferenzen am 27. Mai 2011 in Almaty/Kasachstan und 29. September 2011 in Duschanbe/Tadschikistan, die die Motivlagen der Anrainer sehr deutlich aufgezeigt haben.

3) Vgl. die Studie von Kathleen A. Collins & William C. Wohlforth: Defying „Great Game“ Expectations. In: Strategic Asia 2003-2004. http://library.northsouth.edu/Upload/Fragility%20and%20Crisis.pdf; Sören Scholvin: Ein neues Great Game um Zentralasien? In: Eurasisches Magazin, 1.3.2009, oder August Pradetto: Zentralasien und die Weltmächte, oder: Great Game Boys auf Reisen, Frankfurt a.M, 2012.

4) Vgl. Jörg-Dietrich Nackmayr: Das Great Game im 21. Jahrhundert. Vom Ringen um Vorherrschaft in Zentralasien, ÖMZ 3/2011, S.282-293.

5) Peter Hopkirk: The Great Game. Struggle for Empire in Central Asia, Kodansha International, 1994, S.518ff.

7) Henry Kissinger: Die Vernunft der Nationen; Über das Wesen der Außenpolitik; Berlin (Siedler Verlag);1996; S.904.

8) Vgl. Behrooz Abdolvand: Die geoökonomischen Interessen der USA und deren Auswirkung auf die Neuverteilung der kaspischen Energieressourcen, Promotion an der Freien Universität Berlin, Fachbereich Politik- u. Sozialwissenschaft, Otto-Suhr Institut für Politische Wissenschaft, 15.2.2005, S.193ff.

9) „Im Kampf um die Vormacht in Europa winkte der traditionelle Balkan als geopolitische Beute. Geopolitisch interessant ist auch der eurasische Balkan, den die künftigen Transportwege, die zwischen den reichsten und produktivsten westlichen und östlichen Randzonen Eurasiens bessere Verbindungen herstellen sollen, durchziehen werden. Außerdem kommt ihm sicherheitspolitische Bedeutung zu, weil mindestens drei seiner unmittelbaren und mächtigsten Nachbarn von alters her Absichten darauf hegen und auch China ein immer größeres politisches Interesse an der Region zu erkennen gibt. Viel wichtiger aber ist der eurasische Balkan, weil er sich zu einem ökonomischen Filetstück entwickeln könnte, konzentrieren sich in dieser Region doch ungeheuere Erdgas- und Erdölvorkommen, von wichtigen Mineralien einschließlich Gold ganz zu schweigen“. Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht; Belz Quadriga Verlag, 1997; S.182.

10) Ahmed Naderi: Schiitische Staatsräson und die Rolle des Irans als Regionalmacht, in Eurasisches Magazin, 2.2.2012.

11) Zu Deutschlands erstem Einsatz in Afghanistan siehe u.a. das Buch von Botschafter Hans-Ulrich Seidt, Berlin, Kabul, Moskau. Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik, Universitas München, 2002.

12) Vgl. Wulf Lapins: Das deutsche Engagement in Afghanistan: Entwicklungshilfe, Sicherheits- und Stabilitätsaufbau - Kriegseinsatz, Friedrich Ebert-Stiftung, Bischkek 2010, S.31-35 und Ein Kriegsende in Afghanistan ist nicht in Sicht, Friedrich Ebert-Stiftung, Materialien zur internationalen Konferenz, 27. Mai 2011, Almaty, S.34-50.

13) Vgl. Ein deutscher Krieg, Der Spiegel, 36/2011, S.75ff.

16) Und noch etwas ist interessant: Bis heute hat die auf einer Pressekonferenz durch den damaligen sozialdemokratischen Verteidigungsminister am 5.12.2002 gemachte plakative und in ihren tieferen Dimensionen noch weitgehend unreflektierte Begründung des deutschen Afghanistan-Engagements bisher nicht zu einer von vielen Beteiligten als überfällig empfundenen Generaldebatte über die zeitgemäße Rolle der Streitkräfte im Inneren und Äußeren geführt.

17) Vgl. Jahresbericht des Wehrbeauftragten 2010, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/044/1704400.pdf.

18) Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 17/4402, 13.1.2011, S.6.

19) Beyond Afghanistan. A Regional Security Strategy for South and Central Asia, Center for new American Security, June 2011; Congressional Testimony, The Way Ahead in Afghanistan, Center for New American Security, July 27, 2011.

20) Learning to Eat Soup with a knife. Counterinsurgency Lessons from Malaya and Vietnam. Chicago: University of Chicago Press, 2005.

21) Hamza Ameer: Taliban eat into Afghanistan’s core, Asia Times, Feb 4, 2012.

22) Vgl. M.K. Bhadrakumar: There’s more to peace than Taliban, Asia Times, Jan 12, 2012, und WELT ONLINE, Diese drei mächtigen Afghanen wollen Karsai stürzen, 12. Januar 2012.

23) So sollen iranische Elitetruppen (Quds Brigaden) 2001 an der Seite der US-geführten Interventionsstreitmacht und der Nordallianz gegen die Taliban gekämpft haben. Vgl. http://www.usatoday.com/news/world/2005-06-09-iran-taliban_x.htm.

25) Vgl. Jörg-Dietrich Nackmayr: Das Great Game im 21. Jahrhundert, ÖMZ 3/2011, S.285f.

26) John Nagl, Richard Weitz: Counterinsurgency and the Future of NATO, The Chicago Council on Global Affairs, Transatlantic Paper Series no. 1, October 2010.

27) Bob Woodward: Obama’s Wars, The inside story, Simon & Schuster, UK, 2010.

31) Ebenda.

32) Spiegelonline, Geopolitik nach 9/11. Die Lüge vom humanitären Krieg, 7. September 2011.

33) Vgl. Jordis von Lohausen: Mut zur Macht. Denken in Kontinenten, Vowinkel, 1981: Die geopolitischen Analysen des Soldaten und Diplomaten von Lohausen erscheinen heute nach Jahrzehnten des Vergessens in neuem Licht. U.a.: „Das Zusammengehen von Russen und Amerikanern gegen die jeweils stärksten Mächte in Europa und Ostasien entspricht der Logik aller strategischen, d.h. destruktiven Bündnisse. Freund ist hier nie der Nachbar, sondern immer der Nachbar des Nachbarn.“ S.106f.

34) Neueste Forderungen des umtriebigen US-Kongressabgeordneten Dana Rohrabacher lassen aufhorchen. Seine Forderung zur Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts Belutschistans öffnet auf jeden Fall eine neue Seite im Great Game. „Washington, Feb 17 - Today, Rep. Dana Rohrabacher (R-CA) introduced a House Concurrent Resolution that the Baluchi nation has a historic right to self-determination. Baluchistan is currently divided between Pakistan, Iran, and Afghanistan with no sovereign rights of its own. In Pakistan especially, the Baluchi people are subjected to violence and extrajudicial killing. The bill states that the Baluchi people have the right to self-determination and to their own sovereign country; and they should be afforded the opportunity to choose their own status.“

„The Baluchi, like other nations of people, have an innate right to self-determination,“ says Rohrabacher. „The political and ethnic discrimination they suffer is tragic and made more so because America is financing and selling arms to their oppressors in Islamabad.“

Historically Baluchistan was an independently governed entity known as the Baluch Khanate of Kalat which came to an end after invasions from both British and Persian armies. An attempt to regain independence in 1947 was crushed by an invasion by Pakistan. Today the Baluchistan province of Pakistan is rich in natural resources but has been subjugated and exploited by Punjabi and Pashtun elites in Islamabad, leaving Baluchistan the country’s poorest province.

Reps. Louie Gohmert (R-TX) and Steve King (R-IA) have also signed on as original co-sponsors of the bill.

Rep. Rohrabacher is Chairman of the House Foreign Affairs Subcommittee on Oversight and Investigations.