Die Bestimmung der altösterreichischen Kalibermaße


Friedrich Wilhelm Schembor

 

Im vorliegenden Beitrag wird beschrieben, auf welche Art vor 200 Jahren die Kaliber von Gewehren und Kugeln bestimmt wurden. Jeder, der sich für alte Gewehre interessiert, kennt das Problem, dass das Kaliber, das als Innendurchmesser des Laufes von Feuerwaffen oder auch als Durchmesser von Geschoßen definiert wird, also ein Längenmaß sein sollte, in einem Gewichtsmaß angegeben wurde. Zur Beantwortung der Frage, was unter den Angaben für Kaliber früherer Zeiten in Pfund und Lot zu verstehen ist und wie diese Kaliber berechnet wurden, ist es notwendig, sich allgemein mit der Bestimmung der damals eingeführten Maß- und Gewichtssysteme zu befassen.[1])

Die Arbeiten zweier hervorragender Fachleute liefern die wichtigsten zeitgenössischen Quellen zur Lösung der aufgeworfenen Problematik. Von Hauptmann Georg von Vega (1754-1802), der als Professor der Mathematik tätig war und sich v.a. durch die Entwicklung der ersten Logarithmentafeln einen Namen machte, stammen die von 1782 bis 1788 in drei Bänden herausgegebenen „Vorlesungen über die Mathematik [...] zum Gebrauche des kaiserl. königl. Artilleriekorps“, während eine Handschrift des Feuerwerkers v. Gurtner mit dem Titel „Vorlesung der Artillerieschulen Anno 1792“,[2]) die sich im so genannten Alten Artilleriearchiv erhalten hat, vermuten lässt, dass sie eine Vorlesung des Direktors der k. k. Gewehr-Kommission Feldmarschallleutnant Leopold Freiherr von Unterberger (1734-1818) zur Grundlage hat. Die Titelseite trägt den wahrscheinlich später angebrachten Vermerk „Nach der verbesserten Art“, um die Arbeit von anderen mit dem Vermerk „Nach der alten Art“ zu unterscheiden.

 

Alte Maßeinheiten

In der betrachteten Zeit verwendete man nebeneinander eine Unzahl verschiedener Maßeinheiten. Jeder Staat, jedes Land, jeder Fürst, jeder Graf, jeder Machthaber eines noch so kleinen Stückchens Land hatte eigene Maßeinheiten. Diese trugen in den verschiedenen Territorien durchaus gleiche Namen, hatten jedoch von Land zu Land unterschiedliche Größen.

Wenn man eine Reise tat, musste man sich also nicht nur mit den verschiedensten Währungen herumschlagen, sondern auch hinsichtlich der vielen verschiedenen Maßeinheiten kundig machen. So gibt etwa Adolf Schmidl (1802-1863) in seinem bekannten „Reisehandwerk durch das Erzherzogthum Oesterreich mit Salzburg, Obersteyermark und Tirol“ aus dem Jahr 1834 in einer Tabelle nicht weniger als 40 deutsche Territorien und Städte an, die alle die Längeneinheit mit Fuß oder Schuh bezeichneten, ihr jedoch jeweils eine andere Größe zuordneten!

Abhilfe schaffte die Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems, das in Frankreich bereits seit 1799 galt, in den anderen Ländern aber sehr viel später in Kraft trat. So wurde das metrische System in Österreich mit Gesetz vom 23. Juli 1871 fakultativ erst am 1. Jänner 1873 und obligatorisch am 1. Jänner 1876 eingeführt. Im Deutschen Kaiserreich galt das metrische System per Gesetz vom 17. August 1868 ab 1. Jänner 1872.[3])

 

Alte Längenmaße

In Österreich war das Klafter als Längenmaß eingeführt. Das Klafter bestand aus 6 Fuß (Schuh), die wiederum in Zoll, Linien, Punkte und Quinten unterteilt wurden:

Joseph Liesganig (1719-1799), Theologe und Astronom, war maßgeblich an der Landesvermessung beteiligt und leitete die Gradmessung im Wiener Meridian. Er hatte das Verhältnis des Wiener Klafters zur Pariser Toise mit

 

 

festgestellt, indem er auf einer 1760 aus Paris zum Zweck der Gradmessung in Österreich erhaltenen Toise die nach dem unter Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) durch Patent vom 14. Juli 1756 festgesetzten Klafter auftrug.[4]) Diese Angaben übernahm auch Vega in seine „Vorlesungen über die Mathematik“. Nachdem laut Vega außerdem

 

 

zu setzen waren, galt für das Wiener Maß:

Die als Abkürzung für die Längenmaße verwendeten römischen Zahlzeichen wurden hochgestellt, werden aber in der vorliegenden Arbeit der besseren Lesbarkeit wegen nicht hochgestellt.

Weiters setzte Vega

 

 

sodass

 

 

galt.

Im Jahr 1802 verglich Vega die Wiener Maße mit den aus Paris erhaltenen Mustern („Etalons“) des metrischen Maß- und Gewichtssystems und fand die Liesganig’schen Verhältnisse bestätigt.[5])

Die alleinige Kenntnis des in Wien eingeführten Maßsystems reichte nicht aus, „da es sich nicht selten zuträgt, dass die Artillerie sowohl zu Friedens- als Kriegszeiten auch in solchen Ländern, wo keines von den bemeldten Maßen üblich ist, teils mancherlei Untersuchungen vorzunehmen, teils von den dasigen bürgerlichen Handwerksleuten etwas neu verfertigen zu lassen oder Reparationen anzustellen, teils auch überhaupt andere Erfordernisse anzuschaffen bemüßigt ist“.

In der „Vorlesung der Artillerieschulen“ wurden folgende Verhältniszahlen angegeben:

 

 

Demnach waren z.B. 4 Pariser Zoll (4 II) oder 6.912 Pariser Quint (6.912 V) gleich 7.103 Wiener Quint oder 4 II 1 III 3 IV 11 V Wiener Maß. Andererseits waren 4 Wiener Zoll (4 II) oder 6.912 Wiener Quint (6.912 V) gleich 6.726 Pariser Quint oder 3 II 10 III 8 IV 6 V Pariser Maß.

Wenn der Wiener Schuh 100.000 Teile hatte, so hatte

- der Pariser Schuh 102.764 Teile,

- der Augsburger Schuh 93.699 Teile,

- der Bayerische Schuh 70.364 Teile,

- der Berliner Schuh 97.982 Teile,

- der Nürnberger Stadtfuß 96.127 Teile,

- der Nürnberger Artilleriefuß 92.650 Teile und

- der Rheinländer Schuh 99.288 Teile.

Der Nürnberger Schuh bestand aus 12 Zoll, ein Zoll aus 10 Linien, eine Linie aus 10 Punkten und ein Punkt aus 10 Quinten. Der französische Schuh wurde wie der Wiener Schuh unterteilt.

In der Artillerie bediente man sich neben dem Schuh auch der Elle.

Eine Wiener Elle entsprach 29 II 6 III 11 IV 6 V = 51.114 V Wiener Schuh.

8.010 Sechzehntel der Wiener Elle waren gleich:

- 10.530 Sechzehntel der Prager Elle,

- 8.544 Sechzehntel der Nürnberger Elle,

- 5.162 Sechzehntel der Französischen Elle,

- 8.900 Sechzehntel der Brüsseler Elle,

- 6.675 Sechzehntel der Londoner Elle,

- 20.826 Sechzehntel der Florenzer Elle,

- 9.078 Sechzehntel der großen Mailänder Elle,

- 11.437 Sechzehntel der kleinen Mailänder Elle.

In der „Vorlesung der Artillerieschulen“ § 7 hieß es: „Der Nürnberger Schuh wird bloß zur Proportionierung des Geschützes und der eisernen Munition gebraucht, weil er bei der gleichförmigen Einrichtung des Geschützes im ganzen Römischen Reich zum Grund gelegt wurde und nach ihm die Durchmesser aller Kugeln, Granaten und Bomben überhaupt bestimmt worden sind. Des Französischen oder Pariser bedient man sich bei der Fortifikation [und beim in der Artillerie vorkommenden Erdbau]. Sonst kann alles nach dem Wiener Schuh erzeugt werden, indem man pflegt alle Kaliberstäbe als von Eisen, Stein, Blei und die hieraus zu bestimmende Proportionierung des Geschützes, Lafettierung, Raketenstöcke usw. aus dem Nürnberger in das Wiener Maß zu verwandeln.“

Für große Entfernungen bediente man sich der Schritte, wobei 5 „mäßige Mannsschritte“ 2 französischen Klaftern oder 12 Pariser Schuh entsprachen. Für die Artillerie war die Genauigkeit in Linien ausreichend.[6])

Zu Beginn der allgemeinen Triangulierung der österreichischen Monarchie fand man es erforderlich, einen genaueren Prototyp des gesetzlichen Wiener Klafters herzustellen. Zu diesem Zweck verfertigte der Mechaniker Johann Friedrich Voigtländer (1779-1859) einen Komparator, auf dem am 23. Dezember 1813 bei einer Raumtemperatur von 13 Grad Reaumur die Länge des gesetzlichen Wiener Klafters und der Pariser Toise aufgetragen wurden. Als Grundmaß diente der 1760 der Wiener Sternwarte übersandte eiserne Stab mit der französischen Toise. Der Apparat wurde mit Dekret der niederösterreichischen Landesregierung vom 20. April 1816 als Normalmaß des Wiener Klafters zum amtlichen Gebrauch erklärt. Simon von Stampfer (1792-1864), Professor für praktische Geometrie am polytechnischen Institut, der auch an den Längengradmessungen teilgenommen hatte, schrieb, dass damit „mit Leichtigkeit“ eine Genauigkeit von 0,001 Linie (das sind 0,0022 Millimeter) und „bei möglichster Sorgfalt“ sogar eine Genauigkeit von 0,0002 Linien (das sind 0,00044 Millimeter!) erreicht werden konnte. Die Temperatur von 13 Grad Reaumur entsprach übrigens der Temperatur, die vorhanden war, als das Meter, das der zehnmillionste Teil des Erdquadranten sein sollte, durch trigonometrische Messung eines Meridianbogens von etwas weniger als 10 Grad bei Dünkirchen ermittelt wurde. Darnach wurde 1 Meter mit 443,296 Linien der bei der Bestimmung verwendeten eisernen Toise als gesetzliches Längenmaß in Frankreich eingeführt.[7])

In der Praxis waren allerdings die von Stampfer angegebenen Genauigkeiten nicht zu erreichen. Oberfeuerwerksmeister Major Joseph Raab vertrat daher am 26. Februar 1816 gegenüber dem k. k. Artillerie-Oberzeugamt die Meinung, dass es wünschenswert wäre, bei Erzeugung von Kugellehren und dergleichen „die so äußerst sublimen Abmessungen in Quinten“ wegzulassen, da die Professionisten mit ihrem gewöhnlichen Handwerkszeug solche Gegenstände unmöglich richtig erzeugen könnten und dadurch nur willkürliche Abweichungen entstünden. Man sollte Angaben von Abmessungen in ihrer Genauigkeit auf Punkte beschränken und bei Berechnungen, die mehr als 6 Quinten ergaben, die Punktezahl um 1 erhöhen.[8])

Trotzdem war es sinnvoll und sogar notwendig, die Maße mit einer mathematischen, nach dem damaligen Stand der Technik nicht messbaren und produzierbaren Genauigkeit anzugeben, weil es sonst bei Vervielfachungen zu allzu großen Diskrepanzen gekommen wäre. Hätte man etwa eine Länge von 3.200 Fuß (ca. 1 Kilometer) unter Zugrundelegung der Umrechnung von 1 Fuß = 316 Millimeter statt 1 Fuß = 316,081 Millimeter berechnet, hätte man eine um einen Viertel Meter kürzere Strecke erhalten.

Der Physiker und Mathematiker Andreas Freiherr von Baumgartner (1793-1865) gab in seiner 1824 erschienenen „Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande“ folgende Umrechnungen[9]) an:

 

 

Stampfer beschäftigte sich anlässlich der Bestimmung der physikalischen Werte von Wasser im Jahr 1830 mit der genauen Bestimmung der damals üblichen Längenmaße und kam 1839 in einem Aufsatz „Ueber das Verhältnis der Wiener Klafter zum Meter“ abermals darauf zurück. Ein neuerlicher Vergleich des Wiener Klafters mit dem Meter, der auf Bitte der österreichischen Regierung im Jahr 1830 in Paris durchgeführt worden war, hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Stampfer erörterte im oben angeführten Aufsatz ausführlich das Problem und kam nach vielen Vergleichen zur Feststellung, dass der richtige Wert 0,0517 Millimeter größer als der von Vega angegebene war, sodass

 

 

entsprach.[10])

Diesen Wert übernahm der Chemiker und Mineraloge Anton Schrötter, Ritter von Kristelli (1802-1875) unter ausdrücklichem Verweis auf obige Arbeit von Stampfer in seinen ersten Band der „Chemie nach ihrem gegenwärtigen Zustande“, der 1847 erschien. Er fügte die folgenden Umrechnungen hinzu:[11])

 

 

In den 1870er-Jahren wurde auch in Österreich das metrische Maß- und Gewichtssystem eingeführt. Im bereits erwähnten „Gesetz vom 23. Juli 1871, womit eine neue Maß- und Gewichtsordnung festgestellt wird“, erfolgten in Artikel IV folgende Gleichsetzungen:

 

 

In Artikel II hieß es dazu: „Als Urmaß gilt derjenige Glasstab, welcher sich im Besitze der k. k. Regierung befindet, und in der Achse seiner sphärischen Enden gemessen, bei der Temperatur des schmelzenden Eises gleich 999,99764 Millimeter des in dem französischen Staatsarchive zu Paris deponirten Meter prototype befunden worden ist.“ [12]) Es ergaben sich damit für das bisherige Wiener Maß folgende Umrechnungen:

 

 

 

Alte Gewichtsmaße

Wie bei den Längenmaßen gab es auch bei den Gewichtsmaßen eine Unzahl verschiedener Einheiten, die zwar oft die gleichen Namen trugen, jedoch durchaus unterschiedliche Werte repräsentierten.

In Österreich war als Gewichtsmaß das Wiener Pfund eingeführt, das es mit unterschiedlichem Gewicht als so genanntes Handelsgewicht und als Apothekerpfund gab. In der vorliegenden Arbeit wird das Wiener Pfund ohne weiteren Hinweis immer als Handelsgewicht betrachtet. Es galt

In Preußen teilte man 1 Pfund in 2 Mark, 1 Mark in 16 Lot, 1 Lot in 4 Quentchen und 1 Quentchen in 4,5 Grän, in Frankreich und den italienischen Ländern teilte man 1 Pfund in 12 Unzen, 1 Unze in 2 Lot, 1 Lot aber in ebenso viele Teile wie in Österreich.[13])

Vega wies in seinen „Vorlesungen über die Mathematik“ darauf hin, dass das Gewicht bei der Artillerie noch immer nach dem früher üblichen Nürnberger Gewicht angegeben wurde, das sich zum Wiener Gewicht beinahe wie 5:6 verhielt.[14])

In der „Vorlesung der Artillerieschulen“ hieß es dazu: „Die Schwere eines Körpers wird in der Artillerie nur nach dem Wiener und Nürnberger Gewicht bestimmt. Das Nürnberger gebraucht man eigentlich gar nicht, sondern aus den § 7 gegebenen Ursachen werden die von Eisen und Blei gegossenen Kugeln nach ihrer Schwere benennet, welche nach diesem Gewicht bestimmt worden. Die Granaten und Bomben werden zwar auch aus Eisen gegossen, sie erhalten aber ihre Benennung nicht nach ihrer eigentlichen, sondern nach der Schwere einer gleich großen Kugel von Stein, welche ebenfalls nach dem Nürnberger Gewicht gewogen worden und nach deren Durchmesser sie proportioniert sind, sonst aber wird alles nach dem Wiener Gewicht abgewogen.“ [15]) und weiter:[16])

„Wird ein Wiener Pfund in 11.672 gleiche Teile gedacht, so hat

- das Pariser Handelsgewicht 10.202,

- das Bayerische 11.671,

- das Berliner 9.748,

- das Nürnberger 10.610.“

Demnach entsprachen 12 Pariser Pfund nach dem Nürnberger Maß 11 Pfund 17 Lot.[17])

Baumgartner gab 1824 folgende Verhältniszahlen an:

 

 

sodass 1 Nürnberger Pfund = 0,9103 Wiener Pfund galt.

Vega hatte jedoch, wie Stampfer schrieb, das obige auch von Baumgartner übernommene Verhältnis des französischen Gewichtes in Gramm zum Wiener Gewicht in Pfund nicht durch unmittelbaren Vergleich erhalten, sondern ein Amsterdamer Gewicht mit dem Wiener Gewicht verglichen und dann auf das französische Gewicht umgerechnet.

Schrötter setzte unter Verweis auf Stampfer

- 1 Wiener Pfund = 560,016 Gramm.

Stampfer selbst hatte dort den aus mehreren Versuchen errechneten Mittelwert mit

- 1 Wiener Pfund = 560,0164 Gramm

- 1 Kilogramm = 1,785662 Wiener Pfund

angegeben.

Im Gesetz vom 23. Juli 1871, mit dem in Österreich auch das metrische Gewichtssystem eingeführt wurde, erfolgten in Artikel IV folgende Gleichsetzungen:[18])

 

 

 

Kaliber der Kugeln und Gewehre

Wie schon gesagt, wurde der Durchmesser einer Kugel als Kaliber bezeichnet. Um nachzuvollziehen, wie das Kaliber der Gewehrkugeln berechnet wurde, muss man neben den Längen- und Gewichtsmaßen das spezifische Gewicht der damals zur Erzeugung der Gewehrkugeln verwendeten Materialien kennen.

Vega, der als Professor der Mathematik bei Artillerieeinheiten seine 1782-1788 herausgegebenen „Vorlesungen über die Mathematik“ ganz auf den Gebrauch beim k. k. Artilleriekorps ausgerichtet und sie diesem auch gewidmet hatte, liefert die entsprechenden Daten zur Berechnung der in der k. k. Artillerie eingeführten Kugeln, Bomben und Granaten. Da er bestrebt war, seine Leser mit dem Gebrauch der von ihm entwickelten Logarithmentafeln vertraut zu machen, gab er manche Werte nur in Form von Logarithmen an, die hier in ihre tatsächlichen Werte umgewandelt wurden.

Vega gab für die Durchmesser folgende Werte an:

 

 

Er wies jedoch darauf hin, dass bei der k. k. Artillerie früher der Nürnberger Fuß eingeführt war und damit die Durchmesser als

 

 

festgesetzt waren, wobei zu beachten war, dass sich auch die Gewichte der angeführten Durchmesser auf Nürnberger Pfund bezogen.

Demnach war der Durchmesser für eine

- 1-lötige bleierne Kugel = 0,520 Wiener Zoll = 0,561 Nürnberger Zoll = 13,70 Millimeter.

Das Gewicht der „zugerichteten“ Granaten und Bomben war nach dem Wiener Gewicht beinahe doppelt so groß wie es die Benennung vermuten ließ. Eine 10-pfündige Bombe oder Haubitzgranate wog beinahe 20 Wiener Pfund und eine 100-pfündige Bombe beinahe 200 Wiener Pfund. Die Benennung als 10- oder 100-pfündig usw. war von einer bestimmten Gattung der steinernen Kugeln beibehalten worden. Für das Wiener Gewicht galt, dass ein Wiener Kubikschuh Regenwasser 56,5 Pfund wog.[19])

Nach der „Vorlesung der Artillerieschulen“ galt:[20])

- War eine Kugel von Eisen 7.168 Pfund schwer,

- so war eine gleich große Kugel von Stein 2.041 Pfund schwer,

- so war eine gleich große Kugel von Blei 10.791 Pfund schwer,

- so war eine gleich große Kugel von Pulver 815 Pfund schwer.

Der Durchmesser einer Kugel von 1 Pfund Blei betrug 1 II 7 III 9 IV 6 V oder 2.850 Quinten.[21])

Zur spezifischen Schwere einiger in der Artillerie öfters vorkommenden Körper wurde angegeben:[22])

Ein Kubikschuh nach dem Wiener Maß

 

 

Grundlage zur Bestimmung des Kalibers von Gewehrkugeln war der genau bekannte Durchmesser einer 1-pfündigen Kugel, d.h. einer Kugel mit einem Gewicht von einem Pfund. Da sich die Gewichte zweier Kugeln wie die dritten Potenzen ihrer Durchmesser verhalten, kann man das Kaliber größerer oder kleinerer Kugeln leicht berechnen, wenn man die Maße einer solchen Kugel kennt. In der „Vorlesung der Artillerieschulen“[23]) wurden folgende Werte genannt:

oder

oder

oder

Zum Verständnis der obigen Angaben sei nochmals darauf hingewiesen, dass der Wiener Schuh aus 12 Zoll, ein Zoll aus 12 Linien, eine Linie aus 12 Punkten und ein Punkt aus 12 Quinten bestand, während der Nürnberger Schuh aus 12 Zoll, ein Zoll aus 10 Linien, eine Linie aus 10 Punkten und ein Punkt aus 10 Quinten bestand.

Es seien hier die damaligen Kalibermaße für eiserne und bleierne Kugeln nach der „Vorlesung der Artillerieschulen“[24]) wiedergegeben:

Die Berechnung des Kalibers sei hier am Beispiel des Kalibers einer 5/8-lötigen Bleikugel gezeigt. Als Grundlage dient das Kaliber einer 1-pfündigen Kugel Nürnberger Gewichts aus Blei, das 1 II 7 III 9 IV 6 V oder 2.850 V Wiener Maßes betrug. Man berechnet die dritte Potenz von 2.850 und dividiert den erhaltenen Betrag durch 32, weil 1 Pfund = 32 Lot sind, um die dritte Potenz für eine 1-lötige Kugel zu erhalten. Multipliziert man den erhaltenen Betrag mit 5/8, so erhält man die dritte Potenz für eine 5/8-lötige Kugel. Die Kubikwurzel daraus ergibt 768 V = 5 III 4 IV oder 11,71 mm. Eine 5/8-lötige Bleikugel Nürnberger Gewichts hatte also einen Durchmesser oder ein Kaliber von 11,71 mm. Hätte man dagegen eine 5/8-lötige Bleikugel Wiener Gewichts berechnet, wäre man auf einen Durchmesser oder ein Kaliber von 12,16 mm gekommen.

Man erhält, für Nürnberger Gewicht berechnet, für eine

In der „Vorlesung der Artillerieschulen“[25]) werden für die Gewehre folgende Bohrungen nach Wiener Maß angegeben:

Unterberger beschrieb in seinem Buch 1807 die Verwendung der 1½-lötigen Infanterie- und Kavallerie-Feuergewehre und der kurzen Kavallerie-Stutzen, die mit 5/4-lötigen gepflasterten Kugeln geschossen wurden, sowie die 1½-lötigen Kavallerie-Karabiner und Kavallerie-Pistolen sowie 1-lötigen gezogenen Kugelstutzen und doppelte Scharfschützen-Stutzen (mit zwei Läufen). Er wies darauf hin, dass die Kugel die Benennung des Kalibers bestimme und es daher falsch sei, die Infanterie- und Kavallerie-Feuergewehre neuer Art als 5/4-lötig zu bezeichnen, weil ihre Mündung etwas kleiner sei als bei den früheren 1½-lötigen. Man könne mit ihnen weiterhin 1½-lötige Kugeln verschießen, sodass diese Gewehre als 1½-lötig zu bezeichnen seien.[26])

Im Jahr 1816 waren 1-lötige Artillerie-, Mineur- und Sappeur-Feuergewehre, 5/4-lötige mit Drall gezogene Jäger- und Husaren-Stutzen, 5/4-lötige alte Grenzinfanterie-Feuergewehre und 6/4-lötige Infanterie- und Kavallerie-Feuergewehre neuer Art nach der Bestimmung von 1808 eingeführt. Die 6/4-lötigen Infanterie-Feuergewehre alter Art waren bereits 1800 abgeschafft worden.[27])

Der k. k. Artillerie-Oberst und Ober-Direktor der k. k. Feuergewehr-Fabrik in Wien Natalis Cavaliere de Beroaldo Bianchini (1769-1854) gibt in seiner 1829 in Wien erschienenen „Abhandlung über die Feuer- und Seitengewehre“ in einer „Tabelle über die dermahl bestehenden Ladungen der bey der österreichischen Armee gebräuchlichen Feuergewehre“ folgende Wiener Maße an:

Dass bei den Jägerstutzen die Bleikugel sogar einen etwas größeren Durchmesser als die Bohrung hatte, erklärt sich damit, dass es, wie Beroaldo Bianchini schrieb, „des genauen und sichern Schusses wegen“ zwischen beiden keine Toleranz gab. Auch Schönebeck verwendet in seiner 1844 erschienenen „Kurzgefaßten Beschreibung der Waffen“ dieselben Zahlenwerte, beim Durchmesser der Bleikugeln für den Jäger- und Kavalleriestutzen jedoch ein um ein Drittel Punkt, also 0,061 Millimeter, geringeres Maß. Bei den Stutzen presse sich beim Laden die gepflasterte Kugel in die Züge und hebe dadurch den Spielraum auf. Beim Jägerstutzen dürfe die 1-lötige Bleikugel, auf die Mündung gelegt, nicht hineinfallen. Die 5/4-lötige Kugel der Kavalleriestutzen schließlich habe einen sehr kleinen Spielraum, um sich der Patronen bedienen zu können.[28])

Im Allgemeinen war jedoch die Bohrung des Laufes um 1/9 größer als der Durchmesser (das Kaliber) der Bleikugel. Es galt: „Von den in Europa gegenwärtig bestehenden Feuergewehren ist der Caliber allgemein auf 7/5 Loth angenommen; die englischen jedoch ausgenommen, welche 7/4 Loth schießen. Der Durchmesser der Kugel bey unseren Gewehren beträgt eigentlich 7 Linien 3 Puncte und jener der Bohrung 8 Linien bis 8 Linien 2 Puncte. In Oesterreich pflegt man den 7/5-löthigen Lauf 5/4-löthig zu nennen; dieß ist aber unrichtig, weil die Kugel 1,391 Loth oder um 9/1000 weniger als 7/5 Loth wiegt.“ [29]) Der Durchmesser der Bleikugel von 7 III 3 IV betrug im metrischen Maßsystem 15,91 Millimeter.

Da man mit den Kaliberbezeichnungen der Gewehre und der Munition Schwierigkeiten hatte, wurde 1834 von Seite des General-Artillerie-Direktors angeordnet, dass die Feststellung, für 5/4-lötige Gewehre werde 1½-lötige Munition verwendet, wie auch im Artillerie-Unterricht die Benennung 1½-lötig überhaupt, zu unterlassen und die Mannschaft zu belehren sei, dass von den für Infanterie-Gewehren bestimmten Kugeln 23 Stück auf 1 Pfund gehen und dieselben Kugeln aus Karabinern und Pistolen geschossen würden.[30]) Man hatte nämlich bis etwa 1798 mit 21 Kugeln auf 1 Wiener Pfund, d.h. 32 Lot, gerechnet und danach mit 23 Kugeln.[31]) Bei den Jägerstutzen gingen 32 und bei den Kavalleriestutzen 26 Kugeln auf ein Pfund.[32])

 

Dichte und spezifisches Gewicht

Vega schrieb im 1788 erschienenen dritten Band seiner „Vorlesungen über die Mathematik“: „Die Dichtigkeit oder das eigenthümliche Gewicht des Bleyes ist 11,310 mal größer als die Dichtigkeit oder das eigenthümliche Gewicht des Regenwassers.“ Nach der „Vorlesung der Artillerieschulen“ wog ein Wiener Kubikfuß deutsches Blei 85.452 Quinteln (also 667 Pfund 19 Lot) Wiener Maß. Da ein Wiener Kubikfuß gleich 0,03158894 Kubikmeter und ein Wiener Pfund gleich 0,560016 Kilogramm gesetzt wurde, ergab sich für das gegossene Blei eine Dichte von 11,835 Gramm/Kubikzentimeter. Baumgartner gab dagegen in seinem oben erwähnten Werk das Gewicht eines Kubikfußes Blei mit 638 Pfund an, sodass das spezifische Gewicht 11,311 betrug.[33]) Dieser Wert war mit dem von Vega angegebenen praktisch identisch. Nach Stephan von Keeß (1774-1840) lag das spezifische Gewicht des damals verwendeten Bleis zwischen 11,352 und 11,445.[34])

Die Dichte wird heute als die Masse eines Körpers (eines Stoffes) bezogen auf das Volumen und das spezifische Gewicht (die Wichte) als die Gewichtskraft eines Körpers (eines Stoffes) bezogen auf das Volumen definiert. Die Dichte von Blei bei 20 Grad Celsius wird mit 11,336 bis 11,342 Gramm/Kubikzentimeter angegeben.

Ein Bericht aus dem Jahr 1826 zeigt, wie das spezifische Gewicht von Blei damals festgestellt wurde. Man hatte mehrere Versuche vorgenommen und, um einen möglichst guten Vergleich durchführen zu können, versucht, „Blei von gleicher Güte und gleicher Temperatur, mit einem Worte von ganz gleicher Beschaffenheit“ zu erhalten. Zu diesem Zweck ließ man aus einem Ofen zu ein und derselben Zeit 3 Zentner der 6/4-lötigen Bleikugeln alter Art und 2 Zentner der 6/4-lötigen Bleikugeln neuer Art gießen.

Von der ersteren Gattung, den „altartigen“ Kugeln, die einen festgesetzten Durchmesser von 7 III 5 IV haben sollten, wurden 50 Stück mit der Schublehre kalibriert und ihr Durchmesser im Durchschnitt mit 7 III 5¾ IV festgestellt. Sie wogen zusammen 2 Pfund 12 Lot, so dass das Gewicht einer einzelnen Kugel vor dem Pressen 1,52 Lot oder 365 Gran betrug. Diese 50 Kugeln wurden durch einen in dieser Manipulation erfahrenen Oberbüchsenmachermeister gepresst, was einen Zeitaufwand von 5 Minuten benötigte. Dann wurden die erhaltenen Bleischeiben in der Schneidmaschine während eines Zeitraumes von 4 Minuten abgeschnitten. Die 50 gepressten und abgeschnittenen Kugeln wogen 2 Pfund 7 1/16 Lot. Das Gewicht einer gepressten Kugel, deren Durchmesser 7 III 3½ IV betrug, kann also mit 1,42 Lot oder 341 Gran angenommen werden.

Die spezifische Schwere (Dichte) des Bleies der gepressten und der gegossenen Kugeln war unterschiedlich. Hatte man aus dem Durchmesser und dem Gewicht einer genau abgewogenen Kugel ein Gewicht für die gepresste Kugel von 1,408 Lot oder 338 Gran berechnet, so ergab sich doch, wie oben gezeigt, das durchschnittliche Gewicht mit 341 Gran, also um 3 Gran mehr. Dieses etwas größere Gewicht schrieb man „der Ausfüllung des leeren Raumes, welcher bei jeder gegossenen Kugel in ihrer vertikalen Durchschnittsfläche, bei der gepressten aber als vollständig ausgefüllt vorgefunden wird“, zu.

Bei der letzteren Gattung, den 50 Stück 6/4-lötigen Bleikugeln neuer Art, die für die damaligen Infanterie- und Kavallerie-Gewehre (die neuartigen so genannten 5/4-lötigen Gewehre) in Gebrauch waren, zeigte sich, dass sie nur 2 Pfund 4 14/16 Lot wogen, somit eine gegossene Kugel nur 1,3775 Lot oder 330,6 Gran und damit ca. 10 Gran weniger wog als eine gepresste Kugel, bei welcher der Durchmesser nur um ½ Punkt größer als bei der gegossenen war. Ihr festgesetzter Durchmesser betrug 7 III 3 IV.

Schließlich bestimmte man die „spezifische Schwere“ des Bleies der bloß gegossenen Kugeln und der gepressten Kugeln mittels der hydrostatischen Wage und fand, dass sie bei den gegossenen Kugeln 11,28, bei den gepressten Kugeln aber 11,36 betrug. Damit sah man den Beweis erbracht, dass sich das Blei durch das Pressen, weil es in äußerst kurzer Zeit geschah, nicht erhitzen und auch während des Pressens in den Gesenken nicht ausdehnen konnte und daher eine etwas größere Dichtigkeit erhielt.[35])

 

Herstellung der Bleikugeln

Zur Herstellung der Bleikugeln benötigte man Holz und Kohle zum Schmelzen des Bleies, Unschlitt zum Schmieren der Model, Brett- und Lattennägel sowie Binderreifen zum Zunageln und Bereifen, ferner Kolophonium zur Reduktion der Bleiasche und Ölfarbe zum Beschreiben der Kästen zum Aufbewahren der Kugeln.

Beim reinen Villacher Blei ergab sich ein „Feuerabgang“ von ungefähr 1½% und eine Bleiasche von beinahe 2%, beim Annaberger oder einem anderen unreinen Blei ein „Feuerabgang“ von 2% und eine Bleiasche von 2½%.

Um das geschmolzene Blei nicht auskühlen zu lassen und weil die Arbeit beschwerlich war, wurde die Mannschaft halbtägig abgelöst. 30 Arbeiter gossen pro Tag 20 bis 24 Zentner Bleikugeln. Von diesen 30 Mann wurden ein Mann zum Feuermachen und zur Unterhaltung desselben, je drei bis vier Mann zum Gießen, zum Auf- und Zuschlagen der Model und zum Zulangen und Abkühlen der Model, sechs bis acht Mann zum Abzwicken der Gusszapfen, vier zum Kalibrieren, zwei zum Rollen, zwei zum Abwiegen und einer zum Beschreiben der Bleikästen verwendet.[36])

Das so genannte Villacher Blei war die „beste und reinste Gattung von Blei“. In der Gegend von Bleiberg wurden von vierhundert Gewerken jährlich 36.000 Zentner abgebaut. Die dazu gehörige Faktorei bestand in Villach.[37])

Zum Gießen von Bleikugeln benötigte man

Aus einem Zentner erhielt man[38])

 

 

 

Visitierung der Bleikugeln

Die aus der Produktion kommenden Bleikugeln wurden auf ihre tatsächliche Verwendbarkeit hin überprüft. Dazu bedurfte es genormter Model oder Lehren. Außerdem fertigte man, um das Kaliber von Kugeln zu prüfen, so genannte Kaliberstäbe aus Holz, Elfenbein, Messing oder Papier an. Auf ihnen war eine Anzahl von Kalibern einer bestimmten Gattung Kugeln von verschiedenem Gewicht aufgetragen.

In den Jahren 1816/17 stellte man mit den verschiedenen in der Oberfeuerwerksmeisterei vorhandenen Modeln umfangreiche Versuche an und ermittelte daraus brauchbare „regulierte“ Durchmesser für die Kugeln, Schrote, Granaten und Bomben, für die Bohrungen der Gewehre und Stutzen sowie für die Durchmesser der dazugehörigen Messinstrumente, also der in der k. k. Artillerie eingeführten Lehr- und Visitierkölbel[39]) sowie Kugel- und Patronenlehren. Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse, wobei die Lehrkölbel dem Durchmesser der dazu gehörigen Lehren gleich gesetzt wurden, weil ihr Unterschied zu klein war, um ihn mit dem zum Messen dieser Durchmesser eingeführten Instrument, der Kaliberprüfungs-Schublehre, feststellen zu können.[40])

Die verwendeten Bleikugellehren hatten folgende Abmessungen:[41])

Übernahme der Gewehre

Das Verfahren bei der Übernahme der Gewehre, wie es im Jahre 1789 üblich war, soll an Hand des Verfahrens bei der Übernahme der einfachen Jägerstutzen gezeigt werden:

„Das Beschießen der Rohrenläufe geschieht wie bei allen Gewehrgattungen mit doppelter Pulverladung, welche bei einem einfachen Jägerstutzen 2 Quintel Scheibenpulver beträgt, worauf ein Pfropf, dann eine 1-lötige Bleikugel und auf diese wieder ein Pfropf gegeben und mit dem Ladstock alles gut angesetzt wird.

Werden neue Stutzen eingeliefert, so wird vor allem untersucht, ob das Kaliber richtig ist, ob die Läufe ihre gehörige Länge haben, ob sie innen ohne Gruben und vollständig rein ausgezogen sind und ob bei den Stutzen nicht gleich beim ersten Anblick solche Gebrechen ersichtlich werden, die ihn verworfen oder zur Abänderung zurückgeben machen. Ist nichts von solchen sichtbaren Gebrechen wahrzunehmen, so wird an der Mündung des Laufes die Schärfe ein wenig abgenommen, damit die Kugelpflaster durch dieselbe beim Laden der verpflasterten Kugeln nicht zerschnitten werden und sodann wird zum Einschießen geschritten.

Hierzu werden Scheiben von 4 Schuh Breite und ebensolcher Höhe verfertigt, weiß angestrichen, in der Mitte mit einem schwarzen Kreis von 9 Zoll im Durchmesser bezeichnet und sodann an einer eingegrabenen Säule so befestigt, dass sie ungefähr 2 Schuh von der Erde aufwärts erhoben steht.

Der erste Standpunkt wird in einer Entfernung von 150 Schritten eingenommen und von dort mit Auflegung des Stutzens auf einen langen Haken oder sonstigen Gegenstand auf die Scheibe geschossen; Patronen werden zu einfachen Stutzen keine genommen, sondern bloßes Pulver und Kugeln.

Die Ladung besteht aus 1 Quintel Scheibenpulver, wovon auch das Nötige auf die Pfanne gegeben werden muss.

Von diesem Pulver wird mittelst des ein Quintel fassenden Zimentels erst die Aufloderung auf die Pfanne, sodann der Überrest durch ein kleines Trichterl in den Lauf und oben auf dasselbe die verpflasterte Kugel gegeben und diese mit dem Ladstock so lange heruntergetrieben, bis sie völlig aufsitzt.

Auf die erwähnten 150 Schritte wird hinten durch den Einschnitt des Stöckels, dann vorn über die Fliege unten an den schwarzen Kreis gezielt und geschossen.

Verwirft der Stutzen die Kugel, so wird mit dem Hin- und Hertreiben der Fliege und des Stöckels auf die nämliche Art abgeholfen wie es bei dem Verfahren mit dem Kavalleriestutzen ist gesagt worden. Wird dadurch die Absicht nicht erreicht, so wird der Lauf untersucht, ob er gebogen, ungleich weit ausgezogen oder die obere Fläche, worauf die Fliege und Stöckel stehen, schief abgeschliffen ist.

Diese Gebrechen müssen sonach durch die abliefernden Büchsenmacher behoben und abermals einzuschießen angefangen werden. Ist die Absicht durch diese Verbesserung noch nicht erreicht worden und durch weitere nicht zu erreichen tunlich, so wird der Stutzen nicht angenommen.

Zu Wien werden die einfachen Jägerstutzen gemeiniglich nur auf 150 Schritte eingeschossen, geht man aber auf eine Entfernung von 200 Schritte, so wird das Plattl hinten aufgesetzt und über dasselbe gerichtet, oder das Plattl liegen gelassen und, anstatt es neu aufzustellen, die Fliege vorne tiefer genommen.

Findet man beim Einschießen, dass die Kugeln nicht verworfen werden oder ist dem anfänglichen Verwerfen derselben abgeholfen worden, so werden sodann die Stutzen zerlegt, gereinigt und Obacht gegeben, ob dem Muster alles vollständig gleich, ob die gehörige Härtung der Teile, die derselben unterliegen, gegeben worden, ob die Schwanzschraube ihre gehörige Länge, ein gutes Gewinde habe, ob der Lauf nicht im Gewinde offen und das Gewinde selbst gut eingeschnitten ist. Findet sich irgendwo ein Gebrechen, so muss es der abliefernde Büchsenmacher beheben und die Stutzen durchaus auch in Ansehung des Schaftes rein bearbeitet und vollständig brauchbar herstellen.“ [42])

 

Zusammenfassung

Abschließend seien die Gewehr- und Kugelkaliber der wichtigsten zwischen 1780 und 1840 in der österreichischen Armee gebräuchlichen Feuerwaffen zusammengefasst:[43])

a) In der „Vorlesung der Artillerieschulen“ aus dem Jahr 1792 werden folgende Maße angegeben:

b) Die Maße für die außer dem Infanteriegewehr M 1784 später erzeugten Feuerwaffen werden in den Quellen wie folgt angegeben:

Durch Darstellung und Diskussion einiger bisher nicht beachteter Originalquellen konnte gezeigt werden, auf welche Art und Weise diese wichtigen Kenndaten vor 200 Jahren ermittelt wurden.

 


ANMERKUNGEN:

[1]) Für wertvolle Hinweise möchte ich mich bei Herrn Amtsdirektor Heinz Placz (Österreichisches Staatsarchiv) sowie bei Herrn Herbert Wagisreither herzlich bedanken.

[2]) Im Original „Vorleßung Der Artillerie Schullen“.

[3]) Eduard Bratassevic: „Unser neues Maß und Gewicht im bürgerlichen und häuslichen Leben. Eine vollständig nur aus amtlichen Quellen geschöpfte Darstellung“, 6 Hefte, Wien-Pest 1872, I. Heft, S.56f.

[4]) S[imon von] Stampfer: „Ueber das Verhältniß der Wiener Klafter zum Meter“ in: [Hg.] Johann Joseph Prechtl, Jahrbücher des kaiserlichen königlichen polytechnischen Institutes in Wien, 20. Bd., Wien 1839, S.146.

[5]) Ebd. S.146f.; S[imon von] Stampfer: „Versuche zur Bestimmung des absoluten Gewichtes des Wassers, der Temperatur seiner größten Dichtigkeit und der Ausdehnung desselben“ in: [Hg.] Johann Joseph Prechtl, Jahrbücher des kaiserlichen königlichen polytechnischen Institutes in Wien, 16. Bd., Wien 1830,  S.57f.

[6]) Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Altes Artilleriearchiv – Akten (kurz: ÖStA, KA, AAA), XIX a 9, Vorlesung der Artillerieschulen (nach der verbesserten Art) Anno 1792, § 2, 4, 5, 7-9 u. 13.

[7]) Stampfer, 20. Bd., S.147-149.

[8]) ÖStA. KA, AAA, IX d 2, Tafeln über genaue Abmessungen der Kugeln, Bomben, Granaten, Gewehr- und Geschützbohrungen, 1816. Schreiben an k. k. Artillerie-Oberzeugamt, Wien, 26.2.1816.

[9]) Andreas [Freiherr von] Baumgartner: „Die Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht auf mathematische Begründung“, 3 Teile, Wien 1824, I. Teil, S.253-256.

[10]) Stampfer, 20. Bd., S.275.

[11]) Anton Schrötter [Ritter von Kristelli]: „Die Chemie nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit besonderer Berücksichtigung ihres technischen und analytischen Theiles“, 2 Bde., Wien 1847-1849, 1. Bd., S.194-200.

[12]) Bratassevic, I. Heft, S.57, 61-64.

[13]) Schrötter, 1. Bd., S.194-200.

[14]) Georg von Vega: „Vorlesungen über die Mathematik [...] zum Gebrauche des kaiserl. königl. Artilleriekorps“, 3 Bde., Wien 1782-1788, 2. Bd., S.166f.

[15]) Vorlesung der Artillerieschulen § 16.

[16]) Ebd., § 18.

[17]) Ebd., § 19.

[18]) Baumgartner, Naturlehre, 1. Tl., S.253-256; Stampfer, 16. Bd., S.63; Schrötter, 1. Bd., S.194-200; Bratassevic, I. Heft, S.64.

[19]) Vega, 2. Bd., S.166f.

[20]) Vorlesung der Artillerieschulen § 27.

[21]) Ebd., § 29.

[22]) Ebd., § 31.

[23]) Ebd., § 22.

[24]) Ebd., § 29.

[25]) Ebd., § 78-80.

[26]) Freiherr [Leopold] von Unterberger: „Wesentliche Kenntnisse der Infanterie- und Cavallerie-Feuergewehre zum Gebrauch der Officiere der k. k. Oestreichischen Armee“, Wien 1807, S.25f., 32, 36, 38, 46, 48.

[27]) ÖStA, KA, AAA, IX d 3, Tabellen über die 1816 regulierten Durchmesser von Kugeln, Patronen, Gewehr- und Geschützbohrungen, Granaten und Bomben nach dem 12-teiligen Wiener Zoll, 1821. Tabella I, enthält die Abmessungen der im Jahre 1816 regulierten Durchmesser.

[28]) Natalis Cavaliere de Beroaldo Bianchini: „Abhandlungen über die Feuer- und Seitengewehre, worin die Erzeugung, der Zweck und der Gebrauch aller einzelnen Bestandtheile, dann aller Gattungen kleiner und Jagdgewehre […] auseinander gesetzt ist“, 3 Bde., Wien 1829, 1. Bd., S.125; H. Schönebeck: „Kurzgefaßte Beschreibung der Waffen in der k. k. österreichischen Armee mit Berücksichtigung der letzten Veränderungen“, Graz 1844, S.26-31.

[29]) Beroaldo Bianchini, 2. Bd., S.105, 155.

[30]) ÖStA, KA, AAA, XVI d 9, Änderung der Bezeichnung der Kleingewehr-Munition, k. k. Artillerie-Hauptzeugamt, Wien, 3.9.1834.

[31]) Anton Dolleczek: „Monographie der k. u. k. österr.-ung. blanken und Handfeuer-Waffen“, Wien 1896, Reprint Graz 1970, S.79, 80, 116.

[32]) Schönebeck, S.12.

[33]) Ebd., S.297.

[34]) Stephan Edler von Keeß: Darstellung des Fabriks- und Gewerbswesens im österreichischen Kaiserstaate. Vorzüglich in technischer Beziehung. 2 Tle. (3 Bde.), Wien 1820-1823, I. Tl., S.596f.

[35]) ÖStA, KA, AAA, VIII c 7, Blochmann, Kugelpressmaschine (Erzeugung von Bleikugeln), 1815. Bericht an Artillerie-Hauptzeugamt, Wien, 18.10.1826.

[36]) Ebd., XVI a 17, Auszug aus dem Laboratorium Mayers, 1815. Tafel II, XX, 1815.

[37]) Keeß, 1. Tl., S.596f.

[38]) ÖStA, KA, AAA, XVI a 17, Tafel XX, 1815.

[39]) Kölbel = Kolben.

[40]) ÖStA, KA, AAA, IX d 3, Tab. I, 10.1.1821.

[41]) Ebd., XVI a 17, Abmessungen der Blei-Kugellehren.

[42]) Ebd., IX d 1, Verfahren bei Übernahme der Gewehre, 1789. Verfahren bei der Übernahme der einfachen Jäger-Stutzen, Wien, 28.6.1789.

[43]) Erich Gabriel: „Von der Luntenmuskete zum Sturmgewehr, Katalog zur Sonderschau der Entwicklung der Hand- und Faustfeuerwaffen im österreichischen Heer“, [Hg.] Heeresgeschichtliches Museum - Militärwissenschaftliches Institut, Wien, 1967, S.35f.; Erich Gabriel: „Die Hand- und Faustfeuerwaffen der habsburgischen Heere“ (Schriften des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien - Militärwissenschaftliches Institut), Wien 1990, S.210-252; Dolleczek, S.123.