Klaus-Jürgen Bremm

 

Die doppelte Niederlage von 1870/71 und ihre politischen Folgen waren für die bisherige Großmacht Frankreich ein herber Schock, von dem es sich zwar materiell recht schnell erholte, nie aber in moralischer Hinsicht. Es gab vielfältige Ursachen für das beispiellose militärische Desaster der „Grand Nation“, in dem nicht nur die Armee des Kaiserreiches fast vollständig unterging, sondern schließlich auch ein großer Teil der neu formierten republikanischen Streitkräfte. Oft unfertig mussten die Korps der kaiserlichen Armee im August 1870 in die Grenzschlachten ziehen, während noch Tausende von Reservisten auf den Bahnhöfen im Hinterland auf ihren Weitertransport warteten. Mehr noch als die maßlose Selbstüberschätzung der politischen und militärischen Führung Frankreichs, die zu gravierenden organisatorischen Mängeln beim Aufmarsch führten, hatte sich schon bei den ersten Operationen die erdrückende numerische Überlegenheit des preußisch-deutschen Wehrpflichtheeres gegenüber der französischen Berufsarmee als entscheidender Nachteil erwiesen.

Die Eisenbahnen waren mit Beginn des I. Weltkrieges 1914 durch umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen bis an ihre Belastungsgrenze beansprucht, da sich große Teile der Bevölkerung im Norden des Landes dem Rückzug der Armee anschlossen. Nach den ersten, noch geregelt ablaufenden Evakuierungstransporten begann sich seit dem 22. August rasch eine panikartige Stimmung in der Bevölkerung auszubreiten. Ohne amtliche Autorisierung besetzten Flüchtlinge aus den von den Deutschen bedrohten Regionen leer zurückfahrende Proviantzüge und scheuten sich auch nicht, Züge, die Verwundete zurückbrachten, zu besteigen. Gegen Ende August umlagerten rund 100.000 Zivilpersonen den Bahnhof von Laon und hofften verzweifelt auf eine Transportgelegenheit in Richtung Süden. Innerhalb von zehn Tagen strömten fast 1,5 Mio. Menschen aus den nördlichen und östlichen Regionen des Landes mit den Eisenbahnen in die Hauptstadt, von wo aus sie jedoch angesichts der drohenden Belagerung schleunigst weiter in den Süden gebracht werden mussten. Dass es angesichts dieser erschwerenden Umstände trotzdem gelang, den linken französischen Flügel mit Hilfe von insgesamt 533 Truppenzügen rechtzeitig zu verstärken, kann vielleicht als das echte Marnewunder bezeichnet werden. Bis zum 10. September, dem Tag nach dem deutschen Rückzug, war es dem französischen Oberkommando gelungen, mit Hilfe der Eisenbahnen insgesamt 20 Infanterie- und 3 Kavalleriedivisionen, immerhin ein Viertel der gesamten Armee, vom rechten auf den linken Heeresflügel zu verschieben.

Zusammen mit den jetzt aus dem übrigen Land eintreffenden Formationen und dem wieder aufgefüllten britischen Expeditionskorps verfügten die Alliierten auf ihrem linken Flügel plötzlich über 41 Divisionen, gegenüber nur 24,5 auf deutscher Seite. Der vorläufige Abbruch des deutschen Vormarsches auf dem rechten Flügel schien somit unvermeidlich. Frankreich blieb im I. Weltkrieg eine militärische Katastrophe wie 1870 erspart, wozu die Eisenbahnen einen erheblichen Teil beigetragen hatten. Doch das durch lange Jahre hindurch angestrebte Ziel, dem Land eine erneute feindliche Besetzung zu ersparen, war auch mit ihrer Hilfe nicht erreicht worden. Auch ein teilweise hervorragendes Eisenbahnnetz war kein Ersatz für richtige strategische Entschlüsse.