Jörg-Dietrich Nackmayr

 

In der Literatur taucht erneut der eigentlich alte Begriff Great Game auf, um den Ereignissen im „tiefen Süden Zentralasiens“ ein Gesicht zu geben. Stand das Great Game vor 100 Jahren für das russisch- britische Ringen um Vorherrschaft in Zentralasien beim Kampf um Indien, wird damit heute eine ungleich komplexere Wirklichkeit auf einen Nenner gebracht. Mittlerweile ist eine eigene Debatte um die Frage entbrannt, ob der Begriff Great Game die Auseinandersetzungen und Konflikte am Hindukusch im 21. Jahrhundert angemessen beschreibt oder nicht. Gleichwohl darf daran erinnert werden, dass mit China und Indien die bevölkerungsreichsten, aus ihrem politisch-ökonomischen Winterschlaf erwachten Länder der Erde, im geographischen Umfeld Zentralasiens liegen. Mit den zentralasiatischen Nachbarn Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan im Norden, sowie Pakistan im Süden und Osten, sowie dem Iran im Westen sind weitere Schwergewichte in den internationalen Beziehungen wie die Blüten eines Blatts um Afghanistan herum gruppiert. Dazu kommen die mit je eigenen Kräften und Interessen präsenten Mächte USA und Russland, die diesen Raum als Einflusssphäre betrachten. Die europäischen Länder sind ebenfalls präsent, treten im Moment aber eher wie Objekte und nicht wie Subjekte eigener strategischer Überlegungen auf. Dies geht einher mit einer wirtschaftlichen Dynamik in dieser Region, die nicht allein wegen der Rohstoffvorkommen ein Faktor im 21. Jahrhundert ist. Altes Staatswissen, herausragende kulturelle Tiefe sowie unternehmerische und wissenschaftliche Höchstleistungen bilden ein solides Fundament. Dazu kommt die strategisch bedeutende Lage als Transitraum für den Ost-West und Nord-Süd Austausch von Rohstoffen und Gütern auf dem eurasischen Kontinent. Schon spricht die Literatur immer häufiger vom asiatischen Jahrhundert. Asien kehrt im Weltmaßstab in jenen Rang zurück, den es von der Antike bis zur Renaissance global schon einmal innehatte. Dabei spielt Afghanistan aufgrund seiner Lage eine „zentrale“ Rolle. Afghanistan, so sieht es heute aus, könnte auch im 21. Jahrhundert seinem Ruf als „Friedhof der Großmächte“ gerecht werden. Die USA haben bisher vieles probiert und sind doch ihren Zielen nie gerecht geworden. Vielleicht ist das auch gar nicht das Ziel. Vielleicht geht es v.a. darum, dort präsent zu sein und zu bleiben. Welche Mächte fallen werden und welche bleiben, welche Bündnisse entstehen oder auch vergehen, kann man heute noch nicht ausmachen. Überraschungen eingeschlossen. Gleichwohl wird der Erkenntnisgewinn durch die im Jahr 2014 vorliegenden Fakten dabei helfen, Konzepte realistischer internationaler Beziehungen, allen voran jene Thesen zum Great Game, einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Ziehen die USA aus Afghanistan ab und hinterlassen wie im Irak ein Vakuum, hat das nicht nur Auswirkungen auf das System internationaler Beziehungen, sondern auch auf die Theoriebildung und Denkschulen. Das tatsächliche Verhalten der USA gegenüber Afghanistan wird so zum Lackmustest für die Qualität geopolitischer Theorien insgesamt und für das Sein der USA als Weltmacht.