Friedrich Wilhelm Schembor

 

Im vorliegenden Beitrag wird beschrieben, auf welche Art vor 200 Jahren die Kaliber von Gewehren und Kugeln bestimmt wurden. Jeder, der sich für alte Gewehre interessiert, kennt das Problem, dass das Kaliber, das als der Innendurchmesser des Laufes von Feuerwaffen oder auch als Durchmesser von Geschoßen definiert wird, also ein Längenmaß sein sollte, in einem Gewichtsmaß angegeben wurde. Zur Beantwortung der Frage, was unter den Angaben für Kaliber früherer Zeiten in Pfund und Lot zu verstehen ist und wie diese Kaliber berechnet wurden, ist es notwendig, sich allgemein mit der Bestimmung der damals eingeführten Maß- und Gewichtssysteme zu befassen. In der betrachteten Zeit verwendete man nebeneinander eine Unzahl verschiedener Maßeinheiten. Jeder Staat, jedes Land, jeder Fürst, jeder Graf, jeder Machthaber eines noch so kleinen Stückchens Land hatte eigene Maßeinheiten. Diese Maßeinheiten trugen in den verschiedenen Territorien durchaus gleiche Namen, hatten jedoch von Land zu Land unterschiedliche Größen. Wenn man eine Reise tat, musste man sich also nicht nur mit den verschiedensten Währungen herumschlagen, sondern auch hinsichtlich der vielen verschiedenen Maßeinheiten kundig machen. Abhilfe schaffte die Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems, das in Frankreich bereits seit 1799 galt, in den anderen Ländern aber sehr viel später in Kraft trat. So wurde das metrische System in Österreich mit Gesetz vom 23. Juli 1871 fakultativ erst am 1. Jänner 1873 und obligatorisch am 1. Jänner 1876 eingeführt. In Österreich war das Klafter als Längenmaß eingeführt. Das Klafter bestand aus 6 Fuß (Schuh), die wiederum in Zoll, Linien, Punkte und Quinten unterteilt wurden. Dementsprechend wurden die Kaliber von Gewehren und Kugeln bestimmt. Grundlage zur Bestimmung des Kalibers etwa von Gewehrkugeln war der genau bekannte Durchmesser einer 1-pfündigen Kugel, d.h. einer Kugel mit einem Gewicht von einem Pfund. In den Jahren 1816/17 stellte man mit den verschiedenen in der Oberfeuerwerksmeisterei vorhandenen Modeln umfangreiche Versuche an und ermittelte daraus brauchbare „regulierte“ Durchmesser für die Kugeln, Schrote, Granaten und Bomben, für die Bohrungen der Gewehre und Stutzen sowie für die Durchmesser der dazugehörigen Messinstrumente, also der in der k. k. Artillerie eingeführten Lehr- und Visitierkölbel sowie Kugel- und Patronenlehren. Durch Darstellung und Diskussion einiger bisher nicht beachteter Originalquellen konnte gezeigt werden, auf welche Art und Weise diese wichtigen Kenndaten vor 200 Jahren ermittelt wurden.