Gustav Gressel

 

Die Proliferation von Raketen größerer Reichweite, meist in Verbindung mit militärischen Atomprogrammen, ist ein kennzeichnendes Moment der Militärstruktur des frühen 21. Jahrhunderts, insbesondere des Mittleren Ostens. Auch instabile (latent) revisionistische Staaten wie Saudi-Arabien, Nordkorea, der Iran und Pakistan verfügen heute über Raketen mit einer Reichweite von über 2.000 km. Die letzten drei Staaten verfügen auch über eingeschränkte Produktionskapazitäten: Raketen mit flüssigem Treibstoff (R-17/SCUD, R-18/Nodong/Shahab-3/Gauri, inklusive Derivate wie Gadr) stammen aus russischer Hand, Tanks, Gefechtskopf und Struktur werden lokal gefertigt, Triebwerke und Steuerung über den nordkoreanischen Zwischenhändler importiert, Raketen mit festem Treibstoff (Sajil, Shaheen 1 und 2) stammen aus China, werden in inoffizieller Lizenzfertigung hergestellt, wobei einige kritische Elemente (Lenksystem) noch aus China bezogen werden. Der Westen wiederum suchte von Anbeginn an, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten: durch Stärkung der Rüstungskontrolle, durch Sanktionierung der aufrüstenden Regionalmächte wie auch durch die Anwendung direkter militärischer Gewalt (Irakkrieg 1990/91 und 2003). - Die Resultate dieser Bemühungen sind wenig zufrieden stellend. Es finden sich die Spuren exportierter Raketen und Raketenkomponenten in der dritten Welt wieder, Sanktionen gegen Nordkorea und den Iran blieben Zahnlos und die Anwendung direkter militärischer Zwangsgewalt war mit hohen Folgekosten verbunden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass man sich heute in den Hauptstätten der westlichen Führungsnationen in erster Linie Gedanken um die Anschaffung strategischer Defensivwaffen - sprich - Raketenabwehrsysteme macht. Dieser Abschnitt soll sich weniger mit den technischen Details, vielmehr aber mit den Einsatzmöglichkeiten der Abwehrsysteme und den dahinter liegenden strategischen Absichten befassen. Im Bereich der Defensiv- wie der Offensivwaffen gibt es Systeme beschränkter Abschreckung, und diese haben nicht unerhebliche Konsequenzen für die strategische Planung der jeweiligen Gegenseite. Auch beschränkte Abwehrkapazitäten können einen nuklearen Offensivplan zunichte machen, wenn der Gegner sich nicht sicher sein kann, vitale Erstschlagziele mit Sicherheit auszuschalten. Selbiges gilt für die politische Symbolwirkung, die einem Raketenstaat entgegengesetzt werden kann. Diese Möglichkeit schlägt sich freilich wiederum in politischen Einfluss nieder und eröffnet der Diplomatie weitere Optionen. Hauptziel der USA dürfte sein, durch die Möglichkeit der Raketenabwehr einer weiteren Proliferation von Atomwaffen im Mittleren Osten zu begegnen. Saudi-Arabien, Ägypten oder die Türkei sollen nicht selbst zur Bombe greifen, um dem Iran die Stirn bieten zu können. Vielmehr soll der amerikanische Schutzschirm verbessert und attraktiver gestaltet werden, womit auch der amerikanische Einfluss gewahrt bleiben sollte. Im Falle einer Reichweitensteigerung mittelöstlicher Raketen (auch durch Import!) könnten sich die USA auch durch eine dritte Basis an der Ostküste schützen. Dass Europa in den strategischen Kalkulationen Washingtons keine Rolle mehr spielt, wurde durch die Aufgabe der Raketenabwehrpläne für Europa bestätigt. (Dabei werden die Systeme zwar in Europa stationiert, können dort aber kaum vernünftig eingesetzt werden.) Einzig Frankreich scheint die Lage erfasst zu haben und sucht durch eigene Anstrengungen gegenzusteuern.