Die Schüsse von Sarajevo

Das Attentat, das die „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ ausgelöst hat

Peter Mulacz

 

Als Endresultat der beiden „Balkankriege“ von 1912 und 1913 mussten die Grenzen auf dem Balkan neu gezeichnet werden. Insbesondere musste das Osmanische Reich große Gebiete an die Nachbarländer abtreten, während Serbien seine Ausdehnung um 80% vergrößern konnte, hochgerüstet und kriegserfahren hervorging und sich als Regionalmacht hat etablieren können. Das leistete dem serbischen Nationalismus in Bosnien, der seit langem in den diversen „Kulturvereinigungen“ gepflegt worden ist, noch weiteren Vorschub; die verschiedenen Geheimorganisationen - als wichtigste „Mlada Bosna“ (Junges Bosnien) und „Vereinigung oder Tod“, meist „Schwarze Hand“ genannt - hatten trotz unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung das gemeinsame Ziel, Bosnien und die Herzegowina von der habsburgischen Herrschaft zu befreien. Die Führung der „Schwarzen Hand“ lag bei Oberst Dragutin T. Dimitrijević, dem Chef des Geheimdienstes der Serbischen Armee, der bereits 1903 maßgeblich an der blutrünstigen Ermordung des damaligen serbischen Königs Aleksandar Obrenović und der Königin beteiligt gewesen war. Der serbische Extremismus baute in der nationalen Propaganda den Erzherzog-Thronfolger systematisch zum Feind der Serben auf und rief auch offen zu dessen Ermordung auf, während dieser in Wirklichkeit den Präventivkriegsplänen des Generalstabschefs G.d.I. Franz Conrad von Hötzendorf stets Absagen erteilt hatte („Conrads Idee ist ein Wahnsinn. Ein Krieg mit Russland ist unser Ende. Wenn wir gegen Serbien auftreten, so steht Russland hinter ihm und wir haben den Krieg mit Russland. Sollen sich der Kaiser von Österreich und der Zar gegenseitig vom Thron stoßen und der Revolution die Bahn freigeben?“) und in seinen Plänen für einen föderalistischen Umbau der Monarchie das südslawische Element zu stärken beabsichtigte. Somit erfolgte die Planung und Vorbereitung des Attentats auf das Thronfolgerpaar mit Unterstützung serbischer staatlicher Organe, d.h., der Armee bzw. des Geheimdienstes, und mit Wissen und Billigung der Regierung - und wohl auch mit Wissen des Königshauses. Die innenpolitische Situation in Serbien war ungewöhnlich. Es standen Neuwahlen ins Haus und der König war gerade (zeitweilig) zugunsten des Kronprinzen Aleksandar zurückgetreten. Nikola Pašić, Gründer der Radikalen Volkspartei und Ministerpräsident, politisch vom mächtigen Geheimdienstchef Dimitrijević abhängig, befand sich nun in einem Dilemma. Tut er nichts und gelingt das Attentat, ist Serbien auf der internationalen Bühne diskreditiert. Wird ruchbar, dass er davon wusste, wird er als Mitwisser zur Verantwortung gezogen. Andererseits, wenn das Attentat aufgrund seiner Warnung an Österreich misslingt, so ist er zumindest politisch ein toter Mann. So beauftragt er den serbischen Gesandten in Wien, mit ein paar Andeutungen vorstellig zu werden, die sich je nach Ausgang der Sache so oder so auslegen ließen. Außerdem lässt er die Grenze sperren, aber zum Zeitpunkt dieser Alibiaktion befinden sich die Waffen längst in Bosnien.

Der Beitrag schildert die folgenschweren Ereignisse bis zum Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 auf das Thronfolgerpaar Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg anlässlich ihres Besuches in Sarajevo.

Die Schüsse aus der Pistole des Gavrilo Princip waren gleichsam die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs, welcher drei legitimierte Kaiserreiche zum Einsturz brachte: die Österreichisch-ungarische Monarchie, das Zarenreich und das Osmanische Reich; es waren die Schüsse, die den „Dreißigjährigen Krieg des Zwanzigsten Jahrhunderts“ (1914-1945) auslösten.