DIE STRATEGISCHE ROLLE DER U-BOOTE - AUS US-AMERIKANISCHER SICHT


Mit dem Wiederaufleben des Wettbewerbs der Großmächte müssen die Seestreitkräfte klar artikulieren, was Seekriegsführung heute bedeutet. Die Art und Weise, wie die USA Marineoperationen entwickeln, durchführen und aufrechterhalten, wird die eigene Fähigkeit bestimmen, die Meere zu kontrollieren oder Feinden die Wege zu versperren, um ihre Macht zu projizieren. Gleichzeitig müssen die US-Streitkräfte in der Lage sein, die globalen Seekommunikationslinien in Krisenzeiten zu sichern. 

Die Planung von künftigen möglichen Kampfeinsätzen auf Hoher See gegen nahezu gleichwertige Gegner muss nicht nur die Einheiten der US-Navy, sondern auch die des US-Marine Corps einbeziehen. Der ehemalige Kommandant des US-Marine Corps, General Robert Neller, betonte 2019: „Ich denke, wir werden mehr U-Boote brauchen“ – in einem Kampf gegen einen gleichwertigen Gegner.

Der neue Kommandant des US-Marine Corps, General David H. Berger, geht noch einen Schritt weiter. Der Unterwasserkampf wird im Hohen Norden und im westlichen Pazifik so entscheidend sein, dass das Marine Corps ein Teil davon sein müsse, hält er fest. Die U-Boot-Abwehr bietet die Möglichkeit, die aktuellen und sich entwickelnden Organisationen und Fähigkeiten jeder militärischen Organisation auf einen Bereich zu konzentrieren, in dem der Verlust des nationalen Vorteils existenzielle Folgen haben könnte. Anstatt sich auf die Lehren aus den vergangenen zwei Jahrzehnten der Operationen im Zentralkommando zu verlassen, sollte Amerika zu einigen der Annahmen des Kalten Krieges zurückkehren und sich von dort aus weiterentwickeln, hält Berger fest.[1] Während des Kalten Krieges war Abschreckung keine „theoretische Aktivität“, sondern eine täglich ausgeführte Mission. Bevor die USA etwas Neues entwerfen, sollten die Seestreitkräfte die bedeutenden Arbeiten zur Großmachtkonkurrenz, die in den 1970er- und 1980er-Jahren geleistet wurden, Revue passieren lassen, von denen ein Großteil in der Maritimen Strategie der US-Navy von 1986 festgehalten worden war.

Um mit den Worten des Chefs der Marineoperationen des Kalten Krieges, Admiral James Watkins (1927-2012) zu sprechen, müssen die USA die Strategien ihrer Gegner durchkreuzen und ihnen den Luxus verwehren, die Art von Kriegsführung zu lancieren, die sie bevorzugen.  Wie sich wiederholt gezeigt hat, wird die chinesische Flotte jeden Tag schlagkräftiger werden. Das heißt, ihre zunehmenden Kapazitäten werden unweigerlich neue Schauplätze für den Wettbewerb jenseits des Süd- und Ostchinesischen Meeres schaffen – darunter auch Gebiete wie die Arktis.

Das US-Marine Corps sollte die Bemühungen der Zweiten und der Sechsten Flotte im Bereich der U-Boot-Bekämpfung unterstützen, um auch im Hohen Norden überlegen bleiben zu können. Es geht darum, dass sich das US-Marine Corps an den umfassenderen Bemühungen der US-Navy beteiligt, um eine tragfähige Strategie zur Wahrung der eigenen Vorherrschaft auch unter Wasser gegenüber einer immer stärker werdenden chinesischen Marine von morgen aufzubauen.

Die U-Boot-Einheiten sind jene besonders vorteilhaften Kräfte, die die US-Navy gegenüber ihren Konkurrenten genießen. Der Vorteil beruht auf einzigartigen Faktoren, die die amerikanischen Streitkräfte von anderen unterscheiden, die sie tödlich und furchteinflößend machen und an deren Erhalt die USA sorgfältig arbeiten müssen: Autarkie, eine Kultur der Selbsteinschätzung und Problemlösung, ein Kriegerethos und hervorragende Team-Arbeit.[2]

Ausgestattet mit einem geschickt konstruierten nuklearen Antrieb und einer unübertroffenen Kommandostruktur können U-Boote schnell in den Kampf eingreifen und dem Feind eine verheerende Niederlage zufügen. Der Reaktor ist die Grundlage für die Autarkie der amerikanischen U-Boote. Er ermöglicht es ihnen, schnell auf der ganzen Welt eingesetzt zu werden und mit minimaler Unterstützung fast unbegrenzt auf Station zu bleiben.

Auf See werden U-Boot-Kommandanten routinemäßig mit großen operativen, technischen und personellen Problemen konfrontiert. Sie entscheiden über Vorgehensweisen und führen ihre Pläne aus, ohne ihre Befehlsketten zu konsultieren. Manchmal werden sie sogar erst Wochen später informiert. Sie sind darauf trainiert, unabhängig zu operieren, um zu wissen, dass sie bei Bedarf immer um Hilfe bitten können, damit die Absichten des Kommandanten auch in schwierigen Situationen ausgeführt werden. Während die meisten Schiffe und Flugzeuge durch moderne Kommunikations- und Kommandostrukturen ständig miteinander verbunden sind, müssen U-Boote oft tagelang oder wochenlang ohne Kommunikation mit einem übergeordneten Hauptquartier auskommen.

Die Erhaltung des Kampfvorsprungs der U-Boot-Kräfte ist oberstes Ziel. Die ständige Verbesserung dieses Vorsprungs stellt sicher, dass die Befehlshaber der Streitkräfte in jedem Einsatzgebiet U-Boot-Ressourcen optimal anwenden und ihre Kampfkraft verbessern können.

Die Gegner der USA werden versuchen, der US-Flotte bei größeren Kampfeinsätzen den maritimen Zugang zu verwehren. Die primäre Aufgabe der U-Boot-Flotte wird es sein, ihre Tarnung und Autarkie zu nutzen, um in diese Gebiete einzudringen, Chaos anzurichten und den Weg für den Rest der US-Navy und der gemeinsamen Streitmacht zu ebnen, damit diese mit Zuversicht manövrieren und kämpfen können. Jeden Tag müssen die USA daran arbeiten, ihren Vorsprung zu erhalten und auszubauen, damit sich die Nation auf den Vorteil der Marine im Unterwasserbereich verlassen kann, heißt es.

Die USA müssen heute bei der Integration der Fähigkeiten ihrer Unterseekräfte in eine maritime Koalition weiterhin dauerhafte Beziehungen zu Verbündeten und Partnern wahren, die es der Koalition ermöglichen, gemeinsam abzuschrecken, zu verteidigen, zu kämpfen und zu gewinnen. Dies kann durch koalitionäre Manöver und Übungen, Hafenbesuche und Einsätze erreicht werden, die Taktiken verfeinern, so dass alle Koalitionsmitglieder gemeinsam stärker werden.

„Heute wie im Zweiten Weltkrieg wird die U-Boot-Truppe als erste in den Kampf ziehen“.[3]

Ihre Fähigkeit zu siegen hängt davon ab, wie gut die USA die unterseeische Dominanz über die Taktik und die Ausbildung sowie das Engagement ihrer Matrosen aufrechterhalten.


Fallbeispiel: Sowjetische „Operation Atrina“ – Lehren für die Zukunft

1987 erreichten sowjetische U-Boote der Victor-III-Klasse Berichten zufolge unentdeckt die Ostküste der USA. Im Jahr 2019 könnte Moskau versucht haben, diesen vermeintlichen Erfolg in der „Operation Grom“ zu wiederholen.

Eine Reihe von russischen Nachrichtenartikeln hatten von der „Operation Grom“ Ende 2019 berichtet, wobei eine Reihe von U-Boot-Operationen im Herbst 2019 in Anlehnung an die 1987 durchgeführte „Operation Atrina“ in Verbindung gebracht wurde, bei der fünf nuklear angetriebene Angriffs-U-Boote vor der Ostküste der USA von März bis Mai 1987 operiert hatten. Die US-Navy gab am 7. April 1987 eine Erklärung heraus, in der es hieß, dass die sowjetischen U-Boote in der Nähe der Bermuda-Inseln gesichtet worden waren. Als Reporter den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan während einer Pressekonferenz im Pentagon fragten, ob er über die sowjetischen U-Boot-Aktivitäten besorgt sei, scherzte er: „Sie fragen einen Zivilisten? Ich bin immer besorgt über sie.“

Drei Jahrzehnte später sind die Ziele der „Operation Atrina“ immer noch nicht ganz geklärt. Nichtsdestotrotz hat die Operation so etwas wie einen mythologischen Status als sagenumwobener Höhepunkt der sowjetischen Marine erlangt und ist relevant für Russlands gegenwärtige U-Boot-Operationen.

Am 29. Oktober 2019 berichtete das norwegische Fernsehen, dass Russland Waffentests und Übungen im Rahmen der „Operation Grom“ als Tarnung nutzen würde, um die Reaktion der NATO zu testen. Unter Berufung auf den norwegischen Geheimdienst gab das norwegische TV bekannt, Moskau wolle zeigen, dass es wieder die US-Ostküste bedrohen und weit in den Atlantik vordringen könne. Die Norweger erklärten, dass zwei tieftauchende atomgetriebene Jagd-U-Boote der Sierra-Klasse mit Titanrumpf in der Norwegischen See im Einsatz waren – zusätzlich zu Russlands modernstem, atomar getriebenen und mit Marschflugkörpern ausgestatteten Mehrzweck-U-Boot der Yasen-Klasse, die „Sewerodwinsk“.[4]

Die US-Navy stellte dabei sogleich die Parallelen zum Kalten Krieg her. Das neue Russland hat seit Jahren beträchtliche Ressourcen in den Aufbau und die Reform seiner unterseeischen Domäne gesteckt. Es ist eine asymmetrische Art und Weise der militärischen Herausforderung des Westens und der NATO.[5]

Allerdings haben Operationen wie „Atrina“ unbeabsichtigte Folgen. Die US-Navy nutzte in den 1980er-Jahren die verstärkten sowjetischen Aktivitäten, um ihre Fähigkeiten zur U-Boot-Abwehr zu stärken. Sie finanzierte eine neue Generation nuklear angetriebener Angriffs-U-Boote (der „Seawolf“- und „Virginia“-Klasse) und U-Boot-Abwehr-Flugzeuge (P-3C und schließlich die P-8 Poseidon). Solch aggressivere Aktionen Russlands würden jedenfalls auch heute für Moskau kontraproduktiv sein, da damit die Entwicklung neuer Gegenmaßnahmen durch die USA eingeleitet würden. Die US-Streitkräfte würden vor diesem Hintergrund geradezu ermutigt, näher an der russischen Küste zu operieren, um der US-Navy ein verbessertes U-Boot-Abwehr-Training zu bieten.


Die COLUMBIA-Klasse ist eine neue Reihe von nukleargetriebenen Raketen-U-Booten der US-Navy. Sie soll als Träger der Interkontinentalrakete Trident II D5 schrittweise die OHIO-Klasse ab 2030 ersetzen.


Die nuklear getriebenen Plattformen der VIRGINIA-Klasse sind die wohl fähigsten Angriffs-U-Boote (SSNs) der Welt und werden dank eines evolutionären Ansatzes bei der Beschaffung, Konstruktion und beim Bau immer schlagkräftiger, während sie gleichzeitig günstiger zu beschaffen sind. Die SSNs sind Mehrzweck-U-Boote, die sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten eingesetzt werden können – einschließlich verdeckter Nachrichtengewinnung, Überwachung und Aufklärung (ISR), verdeckter Verlegung und Bergung von Spezialkräften, verdeckter Angriffe auf Landziele, verdeckter offensiver und defensiver Minenoperationen, Anti-U-Boot-Kriegsführung (ASW) und Anti-Überwasser-Kriegsführung (ASuW).

In einem Bericht des Congressional Research Service (CRS) vom 23. Februar 2021 heißt es: „Mit dem Wechsel in den letzten Jahren von der Ära nach dem Kalten Krieg zu einer Situation des erneuten Wettbewerbs der Großmächte ist ASW gegen russische und chinesische U-Boote wieder zu einer prominenteren Mission für SSNs der US-Navy geworden.“ Die Fähigkeit zur Machtprojektion der SSNs bleibt jedoch entscheidend für Amerikas maritime Strategie. Im Strategiedokument „Advantage at Sea“ vom Dezember 2020 heißt es: „In den am meisten umkämpften Gebieten werden wir gegnerische Streitkräfte vernichten, indem wir die Macht von Angriffs-U-Booten, Flugzeugen der fünften Generation, Expeditionsstreitkräften der Marine, von unbemannten Fahrzeugen und maritimen Angriffen projizieren. Unsere Langstreckensysteme und Hyperschallwaffen werden globale Angriffsmöglichkeiten gegen Ziele an Land bieten.“ Eine Möglichkeit, die Letalität zu messen, besteht in der Berechnung der Machtprojektion und der Schlagkraft auf der Grundlage der Anzahl der pro Schiff mitgeführten Marschflugkörper. Die aktuellen und geplanten Ausmusterungen von Schiffen reduzieren jedoch die Anzahl der Marschflugkörper, die zum maritimen Einsatz kommen können.

Eine Möglichkeit, mehr Marschflugkörper zu befördern, besteht darin, die VIRGINIA-Klasse zu modifizieren – eine Fallstudie für den Einbau erhöhter Letalität bei gleichzeitiger Senkung der Lebenszykluskosten nachfolgender Rümpfe. Die U-Boote der VIRGINIA-Klasse können in Blöcke eingeteilt werden, wobei jeder Block eine deutliche Verbesserung gegenüber den vorherigen darstellt.[6]

In einer Aussage vor dem US-Kongress im März 2020 sagte der Chief of Naval Operations, Admiral Mike Gilday, dass die Fähigkeiten, die in den U-Booten der VIRGINIA-Klasse Block IV und V stecken, bemerkenswert sind. „Es ist ein bedeutender Sprung nach vorne für die Vereinigten Staaten. Deshalb ist es unsere Absicht, diese Technologie weiter voranzutreiben und sie zu verbessern“, betonte er.

Mit Hilfe dieser umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen sollen künftige Gegner der USA letztlich wie die untergegangene Sowjetunion ebenfalls in einen technologischen Rüstungswettlauf gezogen werden, den sie am Ende nicht gewinnen können, meinen hohe US-Militärs.[7]


Abgeschlossen: Anfang November 2021


Anmerkungen:

[1] David Berger, „MARINES WILL HELP FIGHT SUBMARINES“. In: Naval Institute Proceedings 11/2020, S. 18-23.

[2] Daryl Caudle, „SUSTAINING THE SUBMARINE FORCE’S COMPETITIVE EDGE“. In: Naval Institute Proceedings 10/2020, S. 20-25.

[3] Blake Converse, „FIRST TO THE FIGHT“. In: Naval Institute Proceedings 10/2020, S. 26-30.

[4] Siehe dazu etwa: Norman Polmar, „TO UNDERSTAND RUSSIAN SUBMARINES, THINK OUTSIDE THE BOX“. In: Naval Institute Proceedings 10/2019, S. 22-24.

[5] Richard A. Moss, „RUSSIA BASKS IN COLD WAR GLORY“. In: Naval Institute Proceedings 10/2020, S. 38-43.

[6] Vgl.: Edward Lundquist, „METHODICALLY MAKING VIRGINIA-CLASS BOATS MORE CAPABLE“. In: Military Technology 2/2021, S. 52-54.

[7] Siehe dazu etwa: Ezio Bonsignore, „A NEW TRIAD (AND MORE) FOR WASHINGTON - US New-Generation Nuclear Programmes“. In: Military Technologie – MT 7-8/2020, S. 6-11.

Weiterführende LINKS:

Naval History and Heritage Command

Who Has More Submarines: U.S. or China? | Navy Submarines

Submarines :: Submarine Warfare :: USNA

Operation “Atrina”: 5 Soviet submarines scared the US

The Russians Have Spent 40 Years Preparing For Undersea Slaughter—The U.S. Navy Built A Submarine To Stop It

Why Russia's Victor III Nuclear Submarines Were So Good

At the cutting edge of the underwater confrontation. Cold War Submarine

Key Features of Russia’s Grom 2019 Nuclear Exercise

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Key Features of Russia’s Grom 2019 Nuclear Exercise

The Grom-2019 Exercise Illuminated the Risks of Nuclear Renaissance in Russian Strategic Culture

The US Navy returns to an increasingly militarized Arctic

Full article: Russian nuclear forces, 2020